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Veröffentlicht am 14.02.2020

Umfassendes und zutiefst erschütterndes Zeugnis der dunkelsten Tage Dresdens

Die Nacht, als das Feuer kam
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„Dresden selbst ist so gastfreundlich und so schön so reich an Kultur und Musik und auch an faszinierenden Spaziergängen durch einladende Straßen, dass ich mir wünschte, wir könnten jetzt alle dort sein.“ ...

„Dresden selbst ist so gastfreundlich und so schön so reich an Kultur und Musik und auch an faszinierenden Spaziergängen durch einladende Straßen, dass ich mir wünschte, wir könnten jetzt alle dort sein.“

Auch wenn dieses Zitat nicht aus dem eigentlichen Text, sondern aus der Danksagung stammt, so finde ich sie hier erwähnenswert. Als Dresdnerin bin ich erfreut darüber, wie hoch meine Stadt geschätzt wird und wie sehr Besucher und Touristen sie bewundern. Denn dieses Buch verdeutlicht: dass Dresden so aussieht wie es aussieht, ist nicht selbstverständlich – es ist nichts weniger als ein Wunder.

Der renommierte britische Literaturkritiker und Autor historischer Sachbücher Sinclair McKay gibt mit diesem Sachbuch ein umfassendes und zutiefst erschütterndes Zeugnis der dunkelsten Tage Dresdens. Er beschreibt die politische, kulturelle und wirtschaftliche Situation der Stadt Anfang 1945 sehr detailliert, bevor er sich im Mittelteil des Buches den Geschehnissen des 13. bis 15. Februar 1945 zuwendet. Den Abschluss bildet ein Teil, der sich mit den Aufräumarbeiten und der weiteren Entwicklung der Stadt durch die DDR-Geschichte bis zum Wiederaufbau der Frauenkirche beschäftigt.

Zunächst mein kleiner Kritikpunkt: Die Beschreibung der historischen Situation vor der Bombardierung geriet für meine Begriffe etwas zu ausführlich und ausschweifend. Unzweifelhaft hat McKay ein immenses Wissen über diese Zeit angehäuft – aus meiner Sicht verdient aber nicht jedes Detail (z. B. aus anderen bombardierten Städten) eine Erwähnung in diesem Buch über Dresden. Positiv aufgefallen ist mir aber, dass McKay auch die Perspektiven der Angreifer einbezieht und ebenfalls mit Hilfe von Augenzeugenberichten die Situation der britischen und amerikanischen Streitkräfte zum Zeitpunkt des Angriffs darstellt.

Die Beschreibung der Bombennacht sowie der Folgetage ist jedoch ein Bericht, für den das Wort „Sachbuch“ viel zu wenig aussagekräftig ist. Ehrlich gesagt, mir fehlen die Worte, um das dort Geschriebene auch nur ansatzweise zusammenzufassen. McKay begleitet Zeitzeugen durch diese schrecklichen Tage, kommt immer wieder auf ihre Erlebnisse zurück – von bekannten Namen wie Victor Klemperer bis zu unbekannten Bürgern, die dem Bombardement als Kinder oder Jugendliche ausgesetzt waren. Diese Originalberichte machen das Buch so eindringlich und erschütternd, dass man nach dem Lesen in-nerlich nicht mehr zur Ruhe kommt.

Bei mir kam noch dazu, dass ich das Buch rund um den 13.02.2020 las, als der 75. Jahrestag der Bombardierung an-stand. Die mediale Aufmerksamkeit war groß und in der Stadt waren aufwändige Gedenkfeiern geplant. Der Moment, als ich am Abend des 13. Februar um 21.45 Uhr am Küchenfenster saß, in den von Straßenlampen rötlich erhellten Nachthimmel über dem Stadtzentrum blickte und alle Kirchenglocken der Stadt läuten hörte, die an den Fliegeralarm vor genau 75 Jahren erinnerten – das war bewegend und dieses Bild werde ich wohl noch lange in mir tragen.

Nach der Bombardierung lag Dresden in Schutt und Asche. Ich kann nicht sagen, wie stolz ich darauf bin, dass die Stadt mittlerweile – abgesehen von zu DDR-Zeiten gebauten Wohnblock-Siedlungen, wo ehemals Villen standen – wieder in ihrer alten Pracht erstrahlt. Und das ist auch eine Kernaussage des Buches: man hat Dresden alles genommen. Aber es ist wie Phönix aus der Asche wieder auferstanden.

Dieses Buch hilft, die Geschichte der Stadt und seiner Bewohner zu verstehen und verdeutlicht vielleicht auch, weshalb Dresden in Diskussionen um das politische Spektrum immer noch besonders reizbar und sensibel ist. Ein Muss für alle, die sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen möchten.

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Veröffentlicht am 09.02.2020

Eine ungewöhnliche Frau und viel lebendig erzählte Geschichte

Die Ärztin - Eine unerhörte Frau
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1908 in Berlin. Amelie von Liebwitz wurde dazu erzogen, sich etwas zuzutrauen. Ihre Eltern, ein Hausarzt und eine Hebamme, haben sie schon zu Kinderzeiten dazu ermuntert ihren Träumen zu folgen und taten ...

1908 in Berlin. Amelie von Liebwitz wurde dazu erzogen, sich etwas zuzutrauen. Ihre Eltern, ein Hausarzt und eine Hebamme, haben sie schon zu Kinderzeiten dazu ermuntert ihren Träumen zu folgen und taten ihre kindlichen Aussagen, dass sie eines Tages Ärztin werden würde wie ihr Vater, nicht als Hirngespinste ab. Sie billigen ihre Entscheidung, sich an der Universität für das Medizinstudium einzuschreiben – im ersten Jahrgang, in dem Frauen für das Studium zugelassen sind.

Doch Amelie und ihrer Freundin Felicitas weht ein starker Wind entgegen. Die Professoren stehen den „Weibern“ größ-tenteils genauso feindselig gegenüber wie männlichen Kommilitonen. Gängige Meinung unter den Herren ist, dass Frauen aufgrund ihrer „physischen und psychischen Unterlegenheit“ dem Arztberuf nicht gewachsen sind. Nur sehr wenige Männer stehen auf der Seite von Amelie und Felicitas, und so haben sie es unheimlich schwer und müssen sich jeden Tag aufs Neue beweisen bzw. in jeder Prüfung besser sein als die Männer, um sie zu bestehen. Die jungen Frauen werden beim Studium richtiggehend drangsaliert. Doch Amelie und ihre Freundin lassen sich nicht abschrecken. Sie kämpfen und sind damit Pionierinnen ihrer Zeit.

Das Buch zeichnet den Lebensweg von Amelie nach – haupt-sächlich die Zeit ihres Studiums und ihrer Zeit als Assistenzärztin bis zur Facharztprüfung. Es gibt jedoch auch Passagen in einer Art Rahmenhandlung, in denen die ältere Amelie im Jahr 1950 Szenen ihres Lebens Revue passieren lässt. In diesen Passagen erfährt man auch ansatzweise etwas über ihr Leben zwischen 1914 und 1950, was mich spekulieren lässt, dass hier noch Folgebände in Arbeit sind, die ihre späteren Jahre thematisieren.

Ich war von der Geschichte absolut fasziniert und fand es be-sonders spannend, dass sich die Autorin mit der sexuellen Ausrichtung von Amelie durchaus etwas traut. Eine solche Hauptfigur wäre zwar heutzutage sicherlich keine Erwähnung wert – aber so etwas in einem historischen Roman umzusetzen, ist nicht selbstverständlich.

Der Schreibstil von Sabine Fisch hat mich völlig in seinen Bann gezogen – umso frustrierter war ich deshalb, als mir ab und zu furchtbare konzeptionelle Patzer aufgefallen sind. Ich war drauf und dran, dafür einen Stern abzuziehen. Aber ich drücke sämtliche Augen zu und hoffe einfach mal, dass dies nur einem unglücklichen Lektorat geschuldet ist und beim nächsten Roman nicht mehr vorkommt.

Sehr oft gab es fast wortgleiche Wiederholungen zur Charakteristik einer Person o.ä. (als sei noch nicht klar, an welcher Stelle des Romans das später mal platziert wird). Oder es wurden Dinge, die bereits ausführlich thematisiert waren, plötzlich noch einmal zusammengefasst. So war z. B. Amelies Widersacher Alexander von Stein eine wichtige Nebenfigur, die sich durch die ganze Geschichte zog. Auf S. 335 (!) findet sich dann der Satz „Der große schlanke Korpsstudent (…) war einer der erbittertsten Gegner Amelies und ihrer Ausbildung zur Chirurgin.“ Also wirklich! Wer das bis dahin noch nicht gemerkt hat, der hat das Buch nicht gelesen! Mir kam es so vor, als sei der Roman in kleinen Häppchen geplant gewesen, der immer wieder (für Neueinsteiger) zusammenfassende Sätze fordert. Und dann wurde das Konzept geändert, ein richtiger Roman draus gemacht – aber nicht entsprechend überarbeitet. Ärgerlich, wenn einem das nicht nur einmal, sondern häufig während des Lesens auffällt.

Aber wie gesagt – ich hoffe sehr, dass das beim nächsten Buch abgestellt wird und dann nur noch der wunderbar mitreißende Schreibstil übrig bleibt von einer Autorin, die sehr lebendig und bewegend erzählen kann!

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Veröffentlicht am 29.01.2020

Krimi und Zeitzeugnis meisterhaft vereint

Juni 53. Ein Fall für Max Heller
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Ich muss gestehen, dass ich diese Reihe immer weniger wegen der Kriminalfälle, sondern vielmehr wegen der authentischen Beschreibung des zeitgeschichtlichen Hintergrunds lese. Was das angeht, kenne ich ...

Ich muss gestehen, dass ich diese Reihe immer weniger wegen der Kriminalfälle, sondern vielmehr wegen der authentischen Beschreibung des zeitgeschichtlichen Hintergrunds lese. Was das angeht, kenne ich keine andere Buchreihe, die beides so gut vereint. Dazu kommt, dass es für mich als Dresdnerin immer wieder Neues über die Geschichte meiner Heimatstadt zu entdecken gibt.

Diesmal habe ich mich für die Hörfassung des Romans ent-schieden und bin Max Heller lauschend durch die Wirren des Arbeiteraufstands im Juni 1953 gefolgt. Ich weiß nicht, ob es mir nur beim Hören so ging oder ob es beim Lesen ähnlich wäre – ich musste mich schon ganz schön konzentrieren, um den Faden zu behalten und alle Charaktere zuordnen zu können. Es gibt eine Vielzahl an (zunächst) möglichen Verdächtigen, die für den Mord an dem Betriebsleiter einer Rohrisolationsfirma in Frage kommen. Hellers Aufgabe ist es nun, Licht ins Dunkel zu bringen – doch das ist gar nicht einfach, denn persönliche und politische Motive scheinen sich mitunter zu verbinden. Auch Heller persönlich hat es in diesem Band nicht leicht. Da er noch immer nicht in die Partei eingetreten ist, wappnet er sich gegen Anfeindungen und Druck „von oben“. Besonders ärgerlich ist es, dass ihm ein Mitarbeiter der Staatssicherheit vor die Nase gesetzt wird, der ihm sehr deutlich zu verstehen gibt, dass er am längeren Hebel sitzt.

Die Zustände werden also persönlich für ihn immer schwieri-ger, zumal seine Frau drängt, über eine Ausreise in den Westen nachzudenken. Da Sohn Erwin bereits im Westen lebt und der zweite Sohn Klaus mit seiner MfS-Ideologie immer mehr zum Konfliktherd für den Vater wird, sieht Heller kaum noch eine andere Möglichkeit, als sein geliebtes Dresden zu verlassen. Seine innere Zerrissenheit zieht sich durch den gesamten Roman, ebenso wie die fortschreitende Demenz von Hellers Hauswirtin Frau Marquardt. Besonders Hellers Frau Karin leidet unter der zunehmenden Verwirrtheit der alten Frau. Beide jedoch wissen, dass sie ihr so viel zu verdanken haben. Dass Frau Marquardt ihnen ein Heim gegeben hat, als sie ausgebombt waren. Die Dankbarkeit sitzt so tief, dass sie sich unheimlich schwer tun, Frau Marquardt in professionelle Hände zu geben.

Frank Goldammer entwirft hier ein Lebensbild, das es tatsächlich so gegeben haben könnte – vielleicht vielfach so gegeben hat. Menschen, die sich zerrissen fühlen, vielleicht auch überrumpelt von dem Sozialismus, der ihnen übergestülpt wird. Menschen, die bereits eine extreme Ideologie erlebt haben – und fürchten, dass auch ein gegenteiliges Extrem möglich wäre. Menschen, die ihre Wurzeln verloren haben und für eine Existenz kämpfen müssen, obwohl der Krieg schon jahrelang vorbei ist. Menschen wie meine eigenen Großeltern…

Mich berühren die Bücher von Frank Goldammer nie nur auf der „kriminalistischen Ebene“, sondern vor allem auf der persönlichen. Die Schicksale werden authentisch, aber niemals überfrachtet dargestellt. Es mag hunderte Hellers gegeben haben damals, vielleicht tausende. Und man steht als Leser/Hörer direkt neben ihm und erlebt eine Zeit, in die man zum Glück selbst nicht hineingeboren wurde. Wie immer kann ich nur meinen Hut ziehen vor der detaillierten Recherchearbeit und der Kunst, den Charakteren ein Leben einzuhauchen, das man ihnen von der ersten bis zur letzten Seite abnimmt. Meisterhaft!

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Veröffentlicht am 28.01.2020

Eine schrecklich nette Familie

Der Sunday Lunch Club
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Man sagt ja, es gebe in jeder Familie ein schwarzes Schaf und es gebe auch in jeder Familie Geheimnisse, die unter der Oberfläche verborgen bleiben. Das mag stimmen und das ist auch der Ansatz dieses Familienromans, ...

Man sagt ja, es gebe in jeder Familie ein schwarzes Schaf und es gebe auch in jeder Familie Geheimnisse, die unter der Oberfläche verborgen bleiben. Das mag stimmen und das ist auch der Ansatz dieses Familienromans, bei dem Juliet Ashton sämtliche nur denkbaren Spannungsfelder einbezieht – und den Roman meiner Ansicht nach damit ein wenig überfrachtet.

Erzählt wird der Roman aus der Sicht von Anna. Anna, die drei Geschwister hat (davon zwei deutlich jünger), die mit 40 schwanger ist von einem 21-jährigen One-Night-Stand und die mit der neuen Freundin ihres Ex-Mannes hadert, während der scheinbar immer noch zur Familie gehört und – zu allem Überfluss – auch ihr Businesspartner ist. Und Anna hat ein Geheimnis, von dem nicht einmal ihre Geschwister wissen.

Ihre Geschwister…. Da ist zuerst Neil. Er hat mit seinem Mann Santiago, einem Spanier, gerade ein Baby adoptiert und verstrickt sich in der plötzlichen Vaterrolle, während er mit seinem Mann Kämpfe darum ausficht, welche „Rolle“ jedem der beiden Männer in Erziehungsfragen zukommt.

Maeve, Annas jüngere Schwester, hat bereits einen pubertie-renden Sohn (Storm). Wobei… mitunter fragt man sich, wer von den beiden mit dem Kopf in den Wolken herumläuft. Die Tatsache, dass Vegetarierin Maeve bisher eher kurze und heftige Beziehungen hatte, an deren Ende sie regelmäßig als Häufchen Elend zurückblieb, lässt einige Schlüsse zu.

Und schließlich ist da noch das „Nesthäkchen“ Josh, der sehr introvertiert, aber aufmerksam seinen Geschwistern gegen-über ist und plötzlich seinen Bekannten Luca, einen italienischstämmigen Psychotherapeuten, mit zu den Familientreffen bringt. Luca bringt Anna komplett durcheinander – aber die ganze Familie fragt sich, woher Josh und Luca sich eigentlich kennen…? Und warum bringt Josh Luca mit, obwohl er doch eine neue Freundin namens Thea hat?

Ab und zu ist auch Dinkie bei den Familientreffen dabei, die Großmutter der vier Geschwister. Sie hat kürzlich ihr Haus verkauft, um vernünftigerweise ihren Lebensabend in einer Seniorenresidenz zu verbringen. Doch alle Geschwister haben den Eindruck, dass sie sich dort absolut nicht wohlfühlt. Doch wer von ihnen hätte Platz und Zeit, um Dinkie bei sich aufzunehmen und sich um die alte Dame zu kümmern? Da werden die Verantwortungen wie Platzsets über den Esstisch geschoben…

Man sieht also schon – es sind verwirrend viele Themen, die in diesem Roman aufgegriffen werden und ich kann hier noch nicht mal über alle schreiben, da das zuviel über die Entwicklung der Geschichte verraten würde. Mit diesem Roman ist es für mich tatsächlich so wie mit einer „schrecklich netten Familie“ – man kann herzlich über sie lachen, ist aber heilfroh, diese Probleme und diesen ständigen Trubel nicht im eigenen Haus zu haben.

Wer turbulente Familienkomödien mit Augenzwinkern mag, der ist hier genau richtig (und tatsächlich könnte ich mir dieses Buch sehr gut als Film vorstellen). Mir persönlich war es jedoch ein wenig zu trubelig und hektisch, ich bin der Meinung, es wäre auch eine schöne Geschichte gewesen, wenn man nicht versucht hätte, jede nur mögliche Lebenssituation darin einzufangen. Für mich also etwas zuviel des Guten – vielleicht aber für viele Leser genau richtig.

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Veröffentlicht am 22.01.2020

Ein Buch mit eigenwilligem Charme

Das Knistern der Sterne
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„Wenn man es genau betrachtete, hatte sie ja gar kein Leben mehr und auch keinen einzigen Freund. Nur Trümmer und zwei Koffer und jede Menge Meer um sich herum.“ (S. 201)

Stella Milewski befindet sich ...

„Wenn man es genau betrachtete, hatte sie ja gar kein Leben mehr und auch keinen einzigen Freund. Nur Trümmer und zwei Koffer und jede Menge Meer um sich herum.“ (S. 201)

Stella Milewski befindet sich in einer handfesten Lebenskrise. Sie hat ihren Job verloren, ihre Ehe ist in die Brüche gegangen und – was sie am traurigsten macht – sie hat ihre „Gabe“ verloren. Stella ist Masseurin und vermochte es, jedem ihrer Patienten mit den Händen Gutes zu tun. Sie hat die „Problemzonen“ sicher gespürt und konnte immer helfen – dieses Gespür ist plötzlich verschwunden und Stella fühlt sich ungemein hilflos und unsicher.

Auf einer Parkbank begegnet sie dem knapp 80jährigen Balthasar, der sie kurzentschlossen auf eine Kreuzfahrt einlädt. Er ist jedoch ein wenig wunderlich und seine Bedingung ist: während er auf der Kabine bleibt, soll sie sich einen schönen Urlaub machen und ihm jeden Abend beim Essen ausführlich von ihrem Tag berichten.

Stella braucht dringend eine Auszeit und so sagt sie zu, ob-wohl ihr die Sache recht merkwürdig vorkommt.

Merkwürdig ist allerdings nicht nur Balthasar. Im Laufe der Reise stellt sich heraus, dass beide – auch Stella – Geheimnisse voreinander haben. Dass sie sich zwar eigentlich öffnen wollen und sich gegenseitig versuchen dazu zu bewegen – es ihnen aber kaum gelingt. Das Buch zeigt, wie schwer es ist, einem Menschen Vertrauen zu schenken – und vor allem, sich vorher selbst zu vertrauen, um dann wiederum anderen vertrauen zu können.

Stella lernt auf der Reise einige Menschen kennen, die sie nachhaltig beeinflussen. Die engste Verbindung knüpft sie zu dem 12jährigen Luis, der als halb-blinder Passagier reist und sämtliche Verstecke auf dem Ozeanriesen kennt. Luis hat viele Allergien und nur auf dem Meer geht es ihm so gut, dass er halbwegs problemlos leben kann. Seine Mutter arbeitet auf dem Schiff und er… wird eben geduldet. Die Szenen mit Luis und Stella waren Highlights für mich, da sie sehr warmherzig davon erzählen, wie zwei ganz unterschiedliche Menschen (sowohl im Wesen als auch vom Alter her) zueinander finden.

Ich gebe zu, die Geschichte ist kein typischer „Wohlfühlroman“. Dazu haben die Charaktere zu viele Ecken und Kanten, die Sprache ist dafür nicht „glatt“ genug, die Unterhaltungen der Protagonisten zu philosophisch. Man muss sich einlassen auf dieses Buch, um es genießen zu können, denn es hat einen eigenwilligen Charme. Mitunter mutet es ein wenig märchenhaft an (z. B. diese Sache mit der „Gabe“). Deshalb ist es mir am Anfang auch recht schwer gefallen hineinzukommen in die Geschichte. Bis etwa zur Hälfte des Buches hätte ich sicher nur drei Sterne vergeben.

Wer aber bis zum Finale durchhält, wird belohnt. Denn ich fand die letzten 100 Seiten sehr gelungen und spannend – dann hatte ich mich richtig festgelesen in dem Roman. Für das Ende würde ich daher fünf Sterne vergeben. Alles in allem also: gute 4 Sterne für diesen außergewöhnlichen Roman, der sich in keine Schublade stecken lässt.

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