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Veröffentlicht am 20.11.2020

Eine Krankenschwester und zwei Männer

Mr. Crane
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»Mr. Crane« von Andreas Kollender mag vom Titel her wie eine Biografie klingen, aber das ist dieses Buch mitnichten. Es ist ein Roman um den Schriftsteller Stephen Crane, der seine Tuberkulose im Schwarzwald ...

»Mr. Crane« von Andreas Kollender mag vom Titel her wie eine Biografie klingen, aber das ist dieses Buch mitnichten. Es ist ein Roman um den Schriftsteller Stephen Crane, der seine Tuberkulose im Schwarzwald zu bekämpfen versuchte.

Der Roman erzählt die Geschichte von Elisabeth, ihre Liebe bzw. Verbundenheit zu zwei Männern. Den einen lernt sie 1900 und den anderen 1914 kennen. Während sie 1914 bereits Oberschwester ist, liegt der Kriegsverletzte Bernhard Fischer in demselben Zimmer und demselben Bett, in welchem 14 Jahre zuvor der amerikanische Schriftsteller Stephen Crane gelegen hat. Damals war Elisabeth noch keine Oberschwester. Fischer spricht nicht, dafür zeichnet und malt er. Aber er kennt die Werke von Crane. Wegen dieser Seelenverwandtschaft erzählt Elisabeth ihm von ihrer Zeit, es sind nur wenige Tage, die sie m Mr. Crane verbracht hat. Doch bei Crane ging es über die Seelenverwandtschaft hinaus. Und Elisabeth vergleicht Fischer mit Stephen Crane.

Die Haupthandlung aber sind die acht Tage im Jahr 1900, in dem Crane seine Tuberkulose im Schwarzwald zu heilen versucht. Es ist eine Liebesgeschichte. Elisabeth fühlt sich sehr stark zu dem Amerikaner hingezogen. Schließlich hat er doch ein Roman über sie geschrieben. So scheint es ihr. Im übertragenen Sinn, denn der Roman „The Monster“ handelt von einem Menschen, dessen Gesicht zerstört wurde als er Menschen rettete. Auch Elisabeth hat eine zerstörte Gesichtshälfte infolge eines Brandes.

Während Elisabeth zunächst nur fasziniert von Stephen Crane ist, beginnt sie bald ihn zu lieben.

Kollender schreibt einfühlsam über die Beziehungen der Figuren untereinander. Langsam baut sich das Geflecht auf und schnell kommt man zu dem, wissen zu wollen, wie es bei Elisabeth in beiden Beziehungen weitergeht, sowohl in 1900, als auch in 1914.

Die Kapitel der beiden Handlungsstränge sind zwar klar getrennt, doch anfangs verwirren sie wegen der ähnlichen Themen und der ähnlichen Begebenheiten. Liegt in beiden Strängen ein schwerkranker Mann im Bett und wird von Elisabeth gepflegt. Doch nach wenigen Kapiteln ist man dann im Rhythmus.

Kollender erzählt die Geschichte in einer poesievollen, wunderschönen Sprache. Die Reflexionen von Elisabeth auf das Leben und ihre Umwelt regen zum Nachdenken an und lassen mich diesen Roman empfehlen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 03.11.2020

Dunkle Geheimnisse in der Vergangenheit

Das letzte Licht des Tages
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Verortet ist diese große Familiengeschichte in der Champagne zwischen Weinbauern und Champagnerherstellern. »Das letzte Licht des Tages« von Kristin Harmel ist ein Familiendrama in Frankreich zur Zeit ...

Verortet ist diese große Familiengeschichte in der Champagne zwischen Weinbauern und Champagnerherstellern. »Das letzte Licht des Tages« von Kristin Harmel ist ein Familiendrama in Frankreich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Der Einstieg in die Handlung erfolgt im Jahre 2019 in New York. Liv ist gerade geschieden und weiß mit sich und dem Leben nichts anzufangen. Da braust ihre Großmutter Grandma Edith bei ihr herein und entführt sie nach Frankreich. Von Paris aus fährt Grandma mit ihr in die Champagne, weil sie dort noch Vieles zu erledigen hat. Schließlich ist Grandma 99 Jahre alt, noch rüstig und Champagner trinkend, ein wahres Energiebündel im Gegensatz zur gerade geschiedenen Liv.

In einem großen Familienroman geht es immer Geheimnisse und nicht ausgesprochene Tatsachen in der Vergangenheit der Familie. So ist es auch hier. Insgesamt werden die Schicksale von drei Frauen geschildert. Liv ist eine davon, deren strank in der Gegenwart spielt. Die anderen beiden Protagonistinnen sind Inés und Céline. Ihre beiden Geschichten liegen in der Vergangenheit und beginnen etwa im Jahre 1940. Inés fühlt sich grundsätzlich falsch verstanden von ihrem Mann, dem Besitzer des Champagnerhauses Chauveau. Die Beziehung zu seiner Ehefrau wird mit der Besetzung durch die deutschen Nazis immer kälter und spröder. Céline ist die Frau des Kellermeister. Sie ist Jüdin, aber immerhin in Frankreich geboren, eigentlich ist sie Halbjüdin, was für die Nazis aber kaum eine Rolle spielte. Auch sie fühlt sich von ihrem Ehemann, dem Freund und Angestellten des Inhabers nicht geliebt.
Das letzte Licht des TagesDas letzte Licht des Tages

Es sind also drei Protagonistinnen, drei separate Geschichten und Lebensläufe, die letztendlich doch alle zusammenführen. Montiert hat Kristin Harmel dies ganz strikt in solch einer Einteilung. Es gibt reihum immer ein Kapitel Liv, ein Kapitel Inés und ein Kapitel Céline. Da die Geschichten von Inés und Céline zur selben Zeit spielen, erlebt man beim Lesen stets eine andere Perspektive des Geschehens. Es ist spannend und bezaubernd, wie sich die Kapitel Seite für Seite zu einem großen Ganzen zusammenfügen und am Ende ein stimmiges Bild ergeben, was man vorher so erwartet hatte.

Neben dem Drama der Familien gibt es viele historische Informationen zur Besatzung durch die Deutschen, zum Widerstandskampf und zur Herstellung von Champagner. Das sind Informationen, die ich bei historischen Romanen so liebe. Zwar zählt dieser Roman wegen seines Handlungsstrangs in der Gegenwart nicht zu den reinrassigen historischen Romanen, aber ich würde ihn dennoch dort einordnen.

Ein verbindendes Element zwischen dem Geschehen aller Geschichten ist Grandma Edith. Sie hat ein sehr hohes Alter und war 1940 die beste Freundin von Inés. Und sie zeigt ihrer Enkelin Liv die Orte der Vergangenheit. Während sie dies tut, entwickelt sich die wohl romantischste Liebesgeschichte überhaupt. Denn es wird höchste Zeit, das Liv endlich ihren schrecklichen Ex-Mann vergisst.

Neben all der vielen kleinen und großen Geschichten schaffen es die Autorin (und ihre Übersetzerin) so viele kluge Sätze einzustreuen, dass man sich am liebsten alle als Zitate heraus notieren möchte (mit Quellenangabe versteht sich).

Ein wundervoller Roman, den man langsam auf sich einwirken lassen, den man nicht überstürzt lesen sollte. So, wie man französische Weine genießt, sollte man auch den Roman »Das letzte Licht des Tages« von Kristin Harmel genießen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 03.11.2020

vom TSV Metzkausen zum FC Liverpool

Hope Street
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Gespannt nahm ich dieses Buch »Hope Street« von Campino in die Hand. Zwar ist Fußball ist nicht so mein Ding, dafür aber umso mehr die Toten Hosen.

Das Buch ist natürlich autobiographisch. Es ist eine, ...

Gespannt nahm ich dieses Buch »Hope Street« von Campino in die Hand. Zwar ist Fußball ist nicht so mein Ding, dafür aber umso mehr die Toten Hosen.

Das Buch ist natürlich autobiographisch. Es ist eine, wie ich finde, gelungene Mischung aus der Leidenschaft zum FC Liverpool und der Familiengeschichte von Campino. Bildreich beschreibt er die Spiele seiner Mannschaft. Der Leser spürt die Atmosphäre im Stadion und hört die Rufe der Fans.

Zahlreiche Anekdoten erzählen in »Hope Street« auf amüsante Weise von dem Geschehen im Leben des Frontmanns der Toten Hosen. Besonders amüsant sind die Lausbubengeschichten aus seiner Kindheit in Mettmann, wie beispielsweise die Fußballspiele beim TSV Metzkausen und die beginnende Begeisterung zum FCL. Man spürt die totale Begeisterung zum Liverpooler Verein. Zu fast jedem Spiel ist Campino im Stadion dank Jahreskarte, wenn nicht gerade ein Konzert ist. Aber auch dort ist er per Skype oder anderen Kanälen bei seinem Verein.

Später dann mussten die Pläne der Band um die Spiele vom FC Liverpool herum abgestimmt werden, damit Campino überall das Geschehen verfolgen kann.

Warm und herzlich sind die Kapitel über seine Eltern und das Kennenlernen der Nachkriegszeit. Seine Mutter kam aus England und sein Vater war Student in Göttingen. Auch hat mich der Briefwechsel zwischen seinem Vater und Großvater während des Krieges sehr berührt.

Das Buch unterhaltsam und amüsant. Ich kann es empfehlen. Das Hörbuch davon hat Campino übrigens selbst eingelesen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 28.10.2020

Ins vorweihnachtliche Montmartre von Paris

Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
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Wer in das Paris, möglicherweise sogar Montmartre, wenige Tage vor Weihnachten reisen möchte, der sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen. Wie bei Kommissar Maigret geht es beschaulich zu, gemütlich ...

Wer in das Paris, möglicherweise sogar Montmartre, wenige Tage vor Weihnachten reisen möchte, der sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen. Wie bei Kommissar Maigret geht es beschaulich zu, gemütlich beinahe.

Kommissar Lacroix sitzt in seiner Stammkneipe und fristet ein armseliges Leben. In den letzten Tagen hat es keine berauschenden Kriminalfälle in seinem Revier gegeben. Er weiß mit der Zeit nichts anzufangen und blättert deshalb durch die Zeitungen. Ganz Paris spricht von dem Schnee, der in den nächsten Tagen fallen soll. Doch stets den Gesprächen über den Schnee zu lauschen, ist nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung.

Da entdeckt er in einem Artikel einen Fall aus dem 18. Arrondissement, aus Montmartre. Die Lichterketten in den Bäumen wurden gestohlen. Die zuständige Kommissarin ist Rose Violet, eine liebe Kollegin und Freundin von ihm. Am Telefon überredet er sie, ihn zum Schauplatz des Diebstahls zu führen.

Der Bestsellerautor Alexander Oetker, der die Lacroix-Romane unter einem französischen Pseudonym veröffentlicht, hat einerseits hervorragend den Stil der Simenon-Romane um Kommissar Maigret aufgegriffen und andererseits das besondere Pariser Flair, welches einen beschleicht, wenn man über die Straßen von Paris spaziert. Paris ist eine Stadt, die einen Besucher dazu bringt, tief ein und auszuatmen und dabei ein paar Sorgen von sich abfallen zu lassen. Warum dies bei Paris der Fall ist, welches doch aufgrund des dichten Verkehrs von Abgasen stinkt, ist mir unerklärlich. Der Autor schafft es jedenfalls, dass man in seinen Romanen nicht an Abgase denkt, dass man sich einfach fallen lassen kann beim Lesen des Buches und in die vorweihnachtliche Zeit und den Lichterglanz von Paris versetzt wird.

Natürlich bleibt der Roman immer noch ein Kriminalroman, bei dem ist nicht an Spannung fehlen darf. Was den Kriminalfall angeht, so wartet er mit einigen Überraschungen auf. Erste Spekulationen müssen gegebenenfalls über den Haufen geworfen werden.

Besonders schön finde ich den Abschluss des Romans, in welchem schon zum dritten Mal Kommissar Lacroix mit seiner Gattin zu Abends speist und ihr alle Zusammenhänge in dem Fall erzählt. Dies ist noch mal eine Zusammenfassung des Romans und bildet, ohne redundant zu wirken, einen krönenden Abschluss.

Ich mag Commissaire Lacroix genauso wie Paris und die Stimmung, die von Paris ausgeht. Deshalb von mir eine klare Empfehlung für diesen Kriminalroman.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 25.10.2020

eine markante Zeit

Die Feuerbraut
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Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges. Irmela muss mit ihrem Vater und weiteren Verwandten vor den heranrückenden Schweden fliehen.

Auf dieser Flucht geraten sie in die Hände von marodierenden ...

Deutschland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges. Irmela muss mit ihrem Vater und weiteren Verwandten vor den heranrückenden Schweden fliehen.

Auf dieser Flucht geraten sie in die Hände von marodierenden Soldaten. Es gibt viele Tote und die Frauen werden geschändet. Nur wenigen von ihnen gelingt die Flucht, weil Irmela sie gewarnt hatte. Irmela hat ein selten gutes Gehör und bereits frühzeitig den Ansturm der Wegelagerer erkannt. Doch es gibt Frauen, die Irmela gerne als Hexe bezichtigen und nicht daran glauben, dass sie Recht hatte. Diese Frauen haben leider das Nachsehen. Nach der schweren und leidvollen Flucht kommen einige der geflüchteten in Waldbergen unter. Waldbergen ist im Besitz derer zu Hochberg, der Familie der Irmelas. In diesen Kriegswirren gesellen sich bald Irmelas Stiefgroßmutter Helene zu der Gesellschaft und gibt deutlich zu erkennen, dass sie das Sagen hat. Eigentlich hatte Helene einmal als Hure gearbeitet. Durch eine fadenscheinige Hochzeit mit ihrem Irmelas Großvater ist sie zum Adelstitel gelangt. Ihr Streben war und ist ausschließlich dem guten Geld und dem Leben gewidmet. Obwohl Irmela die rechtmäßige Erbin des Besitzes ist, versucht Helene mit allen Mitteln, ihr den Besitz streitig zu machen.

Dem Autorenpaar Iny Lorentz ist es auch in diesem Roman hervorragend gelungen, eine abenteuerliche Liebesgeschichte zwischen die historischen Ereignisse des dreißigjährigen Krieges zu platzieren. Geschickt werden Lücken ausgenutzt, die in den historischen Archiven nicht mit Fakten belegt werden können. In diese Lücken hinein platzieren Iny Lorentz ihre fiktive Abenteuergeschichte. Die Figuren sind so angelegt, dass man sie mögen oder auch nicht mögen muss.

Jedoch wird es auch hier im Laufe der Handlung Überraschungen geben. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt die historische Figur des Feldherrn Wallensteins, des Herrschers von Böhmen, der zweimal als oberster Feldherr für den deutschen Kaiser tätig war. Detailreiche Beschreibungen sowohl der Handlung als auch von Landschaften und Umgebungen machen diesen Roman lesenswert. Nicht nur die Hauptfiguren erobern das Herz der Leser, sondern auch den Nebenfiguren werden viele kleine Schauplätze eingeräumt. Während der dunkelhäutige Diener Abdur gerne von der Magd Fanny als Tölpel bezeichnet wird, bleibt dem Leser nicht verborgen, dass Fanny ihn deshalb so bezeichnet, weil sie der Regel: "Was sich liebt, das neckt sich" entsprechen möchte. Die Ränkespiele der aufstrebenden Verwandten Irmelas, die auf den Besitz derer zu Hochberg abzielen, führen immer wieder zu der Verleumdung, dass Irmela eine Hexe sei. Dieses kann in einem historischen Abenteuerroman nicht ohne Folgen bleiben.

Da der dreißigjährige Krieg eine markante Zeit für die Hexenverbrennungen in Deutschland war, ist dies eines der zentralen Themen des Romans. Spannende Abenteuer und spannende Liebesgeschichten erwarten den Leser in diesem Roman, für den es von mir volle Punktzahl gibt.