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Veröffentlicht am 17.02.2025

Zähe Zuckerbäckerei

Lindt & Sprüngli (Lindt & Sprüngli Saga 1)
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Hingerissen von der Dallmayr-Trilogie hatte ich mir von "Lindt und Sprüngli" nicht gerade wenig erhofft. Zumal ich gar keine Kaffeetrinkerin, sondern glühende Schokoliebhaberin bin. Da war für mich klar, ...

Hingerissen von der Dallmayr-Trilogie hatte ich mir von "Lindt und Sprüngli" nicht gerade wenig erhofft. Zumal ich gar keine Kaffeetrinkerin, sondern glühende Schokoliebhaberin bin. Da war für mich klar, dass die Dallmayr-Bücher von Lisa Grafs neuer "Genusslektüre" sogar noch getoppt werden müssten.

Leider ist es mir damit ganz anders ergangen. Nicht dass es an Grafs Schreibstil läge, an dessen schönem Fluss ich nicht das Geringste auszusetzen habe. Nein, es ist der Plot, die Story selbst, es sind die Figuren, und es ist das Versprechen von großer Schokoladenleidenschaft, das die Covergestaltung samt Klappentexten und Werbung verströmt - und das für mich vom Buch höchstens ansatzweise eingelöst wird.

Dass es dem jungen Rudolf Sprüngli um seine Schokolade geht, scheint zwar immer mal wieder durch im Buch, aber zur Schokoladenmacherei kommt es so richtig erst gegen Ende, nach vielen ausführlichen Beschreibungen des täglichen Lebens, wie es im frühen bis mittleren 19. Jahrhundert in Zürich stattfand. Es ist, als hätte Rudolfs bis zur Trägheit traditionsverhafteter Vater sich geradezu in die Kapillargefäße des Romans hineinverewigt, so zäh geht die Handlung um die Anfänge von Sprüngli und Sohn voran. Detailreich wird aus sich ständig weiter vermehrenden Perspektiven von den kleinen und größeren Sorgen der Haupt- und zunehmend auch der Nebenfiguren berichtet, von ihren Liebesleiden, von nach Jahren endlich stattfindenden Hochzeiten, von kranken Eltern und von Schwangerschaften, von ihrem (weitgehend schokofreien) Alltag eben.

Ja, es wird so einiges erzählt auf diesen rund 470 Seiten, aber die herrliche Schokoladensehnsucht Rudolfs verläuft sich einfach zwischen den mir fern bleibenden Nöten und Freuden von Annarösli, Roli und Vreni - und das finde ich wirklich kontraproduktiv. Kontraproduktiv zumindest zu den hochgepushten Erwartungen in Sachen Schokolade rund um dieses Buch.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Leserinnen, denen es gelingt, vor dieser einem buchstäblich ins Gesicht springenden PR die Augen zu verschließen, den Roman als ruhig erzähltes Zeitgemälde wertzuschätzen. Bei mir war nach der Hälfte leider Schluss. Den Rest musste ich querlesen, mit ungeduldig wippendem Fuß.

Und das tut mir, trotz meines etwas entnervten Tons, ganz ernstlich leid. Zum einen hätte ich nur zu gerne hier das Dallmayr-Vergnügen fortgesetzt, zum anderen der erfahrenen Autorin die nächste Eloge geschrieben. Kann ich nun aber nicht. Sicher werden auch die Schokobücher ihre Leserinnen finden; zu meinem Bedauern bin ich jedoch nicht dabei.

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Veröffentlicht am 17.02.2025

Fiebertraum in Sleepy Hollow

Kummersee
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Für seinen ersten Roman hat Iver Niklas Schwarz gleich mal ganz tief in die Spannungsthemen-Kiste gegriffen: die Suche nach einem Platz für ein Atommüll-Endlager, Umweltaktivismus, etwas DDR-Grenz-Geschichte, ...

Für seinen ersten Roman hat Iver Niklas Schwarz gleich mal ganz tief in die Spannungsthemen-Kiste gegriffen: die Suche nach einem Platz für ein Atommüll-Endlager, Umweltaktivismus, etwas DDR-Grenz-Geschichte, Rückkehr der Hauptfigur Lena in ihr enges Dorf, ein schweres Trauma aus Lenas früher Jugend ... Das ist Stoff genug, um sogar zwei Bücher zu füllen, zumal der Klappentext obendrein "das Böse" und damit die düstere Vorahnung von etwas Unheimlichem jenseits von Wissenschaft und Vernunft heraufbeschwört.

So folgen wir schon einigermaßen angegruselt der inzwischen 42-jährigen Lena, die als Teil des polizeilichen Schutzteams für die Landvermesser zum ersten Mal nach Jahren wieder ihr altes Heimatdorf betritt und dort fast ausschließlich auf feindlich gesinnte Menschen trifft. Denn die Dorfbewohner stehen dem Vermessungsprojekt für ein mögliches Endlager denkbar ablehnend gegenüber. Lenas Mutter macht da keine Ausnahme, und ihre Ablehnung ist noch viel persönlicher: "Du bringst den Tod", schleudert sie ihrer Tochter entgegen; das ist grausam und empört.

Denn Lena will doch nichts als endlich aufklären, warum ihr Bruder damals im Kummersee starb. Dementsprechend ignoriert sie jeden Widerstand - ebenso wie die Warnungen der unmittelbaren Nachbarin Tante Marlies vor dem Bösen, das unterm Kummersee schlummert - und macht weiter. Nicht einmal neue Todesfälle können sie aufhalten; und obwohl sie sich die Nägel blutig beißt im Versuch, ihrer Panik nicht zu erliegen, geht sie den Weg bis zum bitteren Ende.

Geschickt aufgebaut, hat mich der Roman von vorn bis hinten in seinen Bann gezogen. Über gut 500 Seiten fragt man sich, welches unerhörte Geheimnis sich verbirgt und welcher Natur dieses Geheimnis wohl ist, eher mysterymäßig oder eher realistisch ... Eines steht auf jeden Fall fest: Man wird nicht enttäuscht. Ein bisschen zu sehr hochgeschäumt sind die Wogen im Verlauf des Showdowns zwar für mein Gefühl, aber insgesamt gelingt es dem Autor prima, die innere Logik und Plausibilität seines Kummersee-Universums zu halten. Das Gleiche gilt für die Psychologie seiner Figuren, die bis in die Nebenrollen lebendig und glaubhaft ausgebildet sind; und gerade am Schluss gibt es da noch die eine oder andere Überraschung.

Auch die Sprache hat mir gefallen - obwohl ich von manchen hart an der Grenze operierenden Inquit-Formeln nicht so begeistert war, beweist der Autor auch auf dieser Ebene, wie gut er Dinge beobachten oder sie sich wahlweise vorstellen kann.

Alles in allem ein toll gelungenes Debüt, dem hoffentlich noch viele weitere Highlights aus der Tastatur des Autors folgen werden.
Wer gerne auf dem Grat zwischen Psychothrill und Mystery wandelt und vor heiklen Themen nicht Reißaus nimmt, dem und der empfiehlt die Buchprüferin: lesen!

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Veröffentlicht am 17.02.2025

Undurchsichtig

Der Seher
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Eigentlich steigt man bei einer Serie ja nicht mittendrin ein, aber mir ist es jetzt doch passiert, mit dem neuen Band von Elias Hallers Reihe um den auf Kryptologie spezialisierten Kriminaloberkommissar ...

Eigentlich steigt man bei einer Serie ja nicht mittendrin ein, aber mir ist es jetzt doch passiert, mit dem neuen Band von Elias Hallers Reihe um den auf Kryptologie spezialisierten Kriminaloberkommissar Arne Stiller. "Der Seher" bietet durchgängig gute Spannung, löst allerdings die eine oder andere Zusage nicht ganz ein.

Anlässlich der Pensionierung seiner alten Kollegin Inge bekommt Arne Stiller gerade die Praktikantin Sandy zur Seite gestellt, als sich ein neuer Fall (oder ein alter: ein Colde Case) auftut. Bauarbeiter sind auf eine Zeitkapsel gestoßen, die zum allgemeinen Schrecken zarte Babyknochen enthält. Wie der Autor diesen Schrecken bei den altgedienten Beamten in Szene setzt, ist berührend und fügt auch der etwas schrägen Figur von Stiller einnehmende Facetten hinzu.
Wesentlich schräger ist natürlich noch der titelgebende Hellseher Moritz Schrader, den wir über einen True-Crime-Podcast kennenlernen und der fest davon überzeugt ist, zu diesem Fall Wesentliches beitragen zu können. Als weitere Leichen gefunden werden, spitzt sich die Lage zu, und man umklammert das Buch fester, während man sich durch die Figuren rätselt: Wer von denen ist verdächtig genug, um der Perspektive jener (genau so genannten) "Person" zu entsprechen, die hinter den Morden steckt? Auch andere Passagen geben Rätsel auf, die in der Vergangenheit zu spielen scheinen und allmählich klar machen, dass es sich bei bei der hier berichtenden Figur um einen traumatisierten Menschen handelt.

Spannungsgeladene Aspekte gibt es also genügend, denn neben dem Reigen aus immer neuen Verdächtigen sind da natürlich auch noch geheimnisvolle Codes, um die sich Stiller kümmern muss, und die Angst vor einem neuen Mord steht ständig im Raum.

Dennoch: Besagte Codes spielen wie der Seher leider eher eine Nebenrolle; gewisse Handlungsfäden oder Aspekte aus Stillers Leben werden nicht befriedigend zu Ende gebracht bzw. laufen allzu unscheinbar am äußersten Spielfeldrand mit; und etliches wirkte auf mich etwas zu hölzern oder auch konstruiert, wie etwas die Abschnitte rund um die "Person" oder die Herleitung der Auflösung.

Wen dergleichen nicht stört und wer Spaß hat an solider Krimispannung mit Blick in unheimliche Abgründe hat, betrachtet aus Sicht einer durchaus interessanten Hauptfigur, dem kann die Buchprüferin empfehlen: Lesen!

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Veröffentlicht am 28.12.2024

Spannung mit Stolpersteinen

One Perfect Couple
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Mal im Ernst: Wieso macht man das überhaupt? Wieso lässt man sich freiwillig von einer nicht ganz durchschaubaren Produktionsfirma auf eine völlig abgelegene Insel schippern, um dort mit ein paar anderen ...

Mal im Ernst: Wieso macht man das überhaupt? Wieso lässt man sich freiwillig von einer nicht ganz durchschaubaren Produktionsfirma auf eine völlig abgelegene Insel schippern, um dort mit ein paar anderen Leuten Pärchen-Hickhack vor laufender Kamera zu betreiben? Diese Frage hat mich bei diesem Buch durch viele Seiten begleitet und mich zigmal rätselnd den Kopf schütteln lassen.

Natürlich haben alle zehn Kandidatinnen und Kandidaten so ihre Gründe dafür, auch Lyla, durch deren (Ich-)Perspektive wir den Segeltörn zur Insel, die Ankunft und das anschließende Desaster miterleben, als ein Sturm nicht nur heftige Schäden auf der Insel anrichtet, sondern auch die Jacht verschwinden lässt und etliche Menschen das Leben kostet. Spoiler, der eigentlich keiner ist: Die vom Sturm werden nicht die letzten Toten bleiben.

Denn irgendwas stimmt nicht mit dem Häuflein gestrandeter und anfangs noch so auf Hochglanz polierter Preisjäger, neben Hunger und Durst macht sich irgendetwas Übles unter ihnen breit. Und als alles immer schlimmer wird, setzt sich unter den immer weniger werdenden Dschungelcamperinnen ein grässlicher Verdacht fest ...

Ruth Ware habe ich 2024 fast schon inflationär verschlungen, ob als Hörbuch oder mit eigenen Augen - und kreuz und quer in der Reihenfolge. Stets fand ich ihre Settings unglaublich spannend, und der packende Stil, der auch in der Übersetzung absolut nicht verliert, hat mich geradezu durch die Seiten getrieben.

Bei "One Perfect Couple" war das genauso. Das Kammerspielszenario, das die Autorin grundsätzlich bevorzugt, verfehlt auch hier seine Wirkung nicht. Und dennoch habe ich diesen Roman als anders empfunden. Während ich ihre Bücher sonst mit angenehmem Spannungskitzel las, war hier von angenehm nichts zu merken. Aus irgendeinem Grund haben mich hier ziemlich unbehagliche Gefühle beschlichen. Lag das an dem speziellen Einsame-Insel-Setting, gewissen Figuren, bestimmten extremen Handlungen? (Dass ich mich am Kammerspiel per se abgesehen habe, schließe ich aus, da ich andere gleich gelagerte Thriller weiter mit Vergnügen verschlinge.)

Auch kam es mir vor, als könnte ich zu viel vorausahnen - oder als wären weniger überraschende Wendungen eingebaut. Selbst der finale Twist ist eher sanfter Natur und ließ mich nicht mit einem "Wow!" das Buch zuklappen, wie es mir sonst bei der Autorin passiert.

So rutschte ich nach der Lektüre - trotz spannender Figuren und ihrer gut gezeigten Entwicklung, trotz gut gelungener Schilderung der Überlebenssituation - nicht wirklich zufrieden zurück in die Realität.

Werde ich es später wieder mit Ruth Ware probieren? Aber klar. Neues Thema, neues Glück. Ich warte gespannt.

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