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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.11.2025

Seltsam gewollte Konstruktion

Der lange Schatten
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Liest man auch die Seiten des Buches aufmerksam, die eigentlich nicht zum Roman gehören, dann wird man mit einer Warnung konfrontiert. Es handelt sich um eine Neuauflage dieses 1975 erstmals erschienen ...

Liest man auch die Seiten des Buches aufmerksam, die eigentlich nicht zum Roman gehören, dann wird man mit einer Warnung konfrontiert. Es handelt sich um eine Neuauflage dieses 1975 erstmals erschienen Buches, die „diskriminierende Sprache“ enthält, heißt es dort. Das bedeutet lediglich die Wohltat, dass dieser Text nicht gegendert wurde. Nur ein paar Menschen werden sich dadurch diskriminiert fühlen, der Rest atmet eher auf.

Was sich wie ein Thriller ankündigt, ist im Nachhinein betrachtet weder spannend noch wirklich schlüssig. Gut, Thriller sind das selten. Imogen hat gerade ihren Mann bei einem Autounfall verloren. Der berühmte Professor kam bei schlechtem Wetter auf die Gegenfahrbahn und stieß dort mit einem anderen Fahrzeug zusammen. Während Imogen versucht, sich mit ihrer Rolle als Witwe zurechtzufinden und eigentlich ihre neue Freiheit in ihrem großen Haus genießen möchte, kommt ihr Stiefsohn plötzlich daher und will dort einziehen. Auch andere Mitglieder der Sippe haben dieselbe Idee.

Damit wird man als Leser mit einer seltsam wirkenden und ziemlich abwegigen Konstruktion konfrontiert. Obendrein führt der Stiefsohn auch noch ein merkwürdiges Mädchen in diese Situation ein, das auch Platz im Haus begehrt, aber in keinem erkennbaren Zusammenhang zu irgendwem steht. Damit ist die Glaubwürdigkeit der Handlung mehr als fraglich. Man hätte sich eine andere Konstellation gewünscht, die weniger komisch aussieht und stimmiger ist.

Zu allem Überfluss bekommt Imogen auch noch einen Anruf, bei dem ein Unbekannter sie beschuldigt ihren Gatten ins Jenseits befördert zu haben. Das Ganze erreicht damit die Stufe des Grotesken, die danach auch nicht mehr verlassen wird. Geschulte Leser erkennen schnell, wer hier Geist spielt und auf welchen Schluss alles hinauslaufen wird. Schließlich ist die Zahl der Verdächtigen klein. Eine Figur passt einfach nicht in dieses Drama und muss deshalb eine Rolle spielen, über die der Leser bis zuletzt im Dunklen gelassen wird.

Kurz gesagt: Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich überzeugend. Man merkt dem Buch (unabhängig von der Sprache) sein Alter an. Irgendwie altbacken.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Verdammt schwach

Verdammt wütend
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Fast wäre ich auf das seitenlange Lamento der Heldin dieses seltsamen Buches hereingefallen. Man ist es ja schon gewöhnt, dass manche Frauen darüber klagen, wie viele Bedingungen sie erfüllen müssen, bevor ...

Fast wäre ich auf das seitenlange Lamento der Heldin dieses seltsamen Buches hereingefallen. Man ist es ja schon gewöhnt, dass manche Frauen darüber klagen, wie viele Bedingungen sie erfüllen müssen, bevor sie überhaupt akzeptiert werden. Dass sie nur leiden müssen und die Welt so schrecklich ungerecht ist. Und dass an allem der völlig unbedarfte, dämliche Mann schuld ist. Es mag sein, dass so manches davon durchaus seine Berechtigung besitzt. Aber liegen die Dinge wirklich so einfach wie man es sich mit solchen Schuldzuweisungen macht?

Wenn man sich bereits nach einigen Seiten auf die Seite von Britt, der Heldin dieses Beziehungsdramas, geschlagen hat, weil man von der Autorin geschickt manipuliert wird, kommt völlig unerwartet plötzlich ein stilbrechendes Kapitel, in dem die Sicht ihres Partners Espen dargestellt wird. Und danach ist man wie vor den Kopf geschlagen, denn auf einmal sieht alles dann doch etwas anders aus.

Diese schockierende kalte intellektuelle Dusche hat mir am ganzen Buch am besten gefallen. Da ist von zahleichen psychischen Problemen Britts die Rede. Natürlich ändert das nichts am egozentrischen Verhalten ihres Partners. Aber Britt hat ihn damit aus eigener Schwäche immer wieder durchkommen lassen.

Vielleicht benachteiligt die Natur die Frauen auf eine subtile Weise. Frauen wollen oft gefallen, es allen recht machen. Sie verstehen nicht, dass ein solches Verhalten nicht belohnt, sondern nur ausgenutzt wird. Im Grunde geht es in diesem Roman um ein Entfliehen aus dieser Falle. Dazu stellt die Autorin ihrer Heldin die Figur von Nico entgegen, eine unabhängige, selbstbewusste Frau, also genau das Gegenteil von Britt.

Als Britt schließlich an ihrem Beziehungsunglück zusammenbricht und beschließt, dass es so nicht mehr weitergehen kann, ist Nico da und hilft. Spätestens ab dieser Stelle entscheidet sich die Geschichte ins Gewöhnliche abzugleiten. Das war sie eigentlich von Anfang an, nur vermochte es die Autorin sie so geschickt zu erzählen, dass man meint, ein besonderes Buch zu lesen. Doch das täuscht ein wenig.

Der große Knall bleibt aus, und die Geschichte strebt in ganz gewöhnliche Bahnen. So verständlich Britts Wut auch auf den ersten Blick sein mag, ganz unschuldig ist sie an ihrer Lage nicht. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Und die Dinge ändern sich nun mal nicht, indem man sie hinnimmt und nur über sie lamentiert.

Aus meiner Sicht kann dieser Roman mit dem Erstling der Autorin nicht ganz mithalten.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Rache oder Vergebung?

Honey
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Aus gutem Grund lese ich Klappentexte und andere manipulative Werbung für Bücher erst, wenn ich die Lektüre hinter mir habe. Dass es hier um Rache oder Vergebung geht, wurde mir nicht gleich klar. Vielmehr ...

Aus gutem Grund lese ich Klappentexte und andere manipulative Werbung für Bücher erst, wenn ich die Lektüre hinter mir habe. Dass es hier um Rache oder Vergebung geht, wurde mir nicht gleich klar. Vielmehr habe ich ziemlich lange gerätselt, was das eigentlich für eine eigentümliche, aber gleichwohl geradezu hervorragend geschriebene Geschichte ist. Zwar habe ich beim Lesen weder geweint, noch gelacht und schon gar nicht geschrien, wie manch einer das von sich behauptet, aber dieser Roman hat etwas Besonderes.

Es ist Honey Fasinga mit ihrer Lebenshaltung, die diese Faszination ausmacht. Dass man mit 82 noch lustvoll sein und dabei die ganze Bandbreite ausnutzen kann, erschließt sich vielleicht Menschen aus der jüngeren Generation nicht. Aber auch sie werden einmal alt sein. Und hoffen, dass sie einen Partner wie Honey haben.

Es kann in diesem Zusammenhang nicht ausbleiben, dass sich auch dieser Autor dem Zeitgeist beugt. Denn dass man angeblich im falschen Körper geboren wird, scheint offenbar auch an italo-amerikanischen Mafia-Familien nicht vorbeizugehen. Wenn es sich dabei allerdings um einen Sohn des Bosses handelt, droht der Weltuntergang. Honey steckt mitten in diesem Drama, das sie anfangs ebenso wenig versteht wie der Leser. Der Autor baut das mit großer Geschicklichkeit in seine Geschichte ein, wobei man sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren kann, dass es eigentlich genau darum ging.

Was bei mir von diesem Roman aber vermutlich hängen bleiben wird, ist nicht dieser Teil der Geschichte, sondern Honey selbst, denn sie wird mit einer Eindringlichkeit geschildert, dass man glaubt sie schon lange zu kennen. Wirklich faszinierende Menschen sind sehr selten. Honey ist eine solche Figur. Man würde sie aber nicht so in Erinnerung behalten, wäre nicht das Resultat eines unglaublichen erzählerischen Vermögens des Autors.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Schwache Dramaturgie und viel Sendungsbewusstsein

Das Geflecht
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Bei diesem Krimi kann man schon nach zwei Seiten erahnen, dass sein Spannungsbogen sehr flach werden wird. Man wird nämlich anfangs erst einmal belehrt. Die Abteilung "Betreutes Denken" gibt bekannt, dass ...

Bei diesem Krimi kann man schon nach zwei Seiten erahnen, dass sein Spannungsbogen sehr flach werden wird. Man wird nämlich anfangs erst einmal belehrt. Die Abteilung "Betreutes Denken" gibt bekannt, dass nicht jeder Pastor homosexuell sein muss und nicht jeder Homosexuelle ein Kinderschänder. Wieso glaubt der Autor eigentlich, dass man darauf nicht von selbst kommen kann?



Immerhin weiß man bereits, dass in diesem Buch ein homosexueller Pastor erscheinen wird, der auch noch ein Kinderschänder ist, ohne dass man auch nur eine Seite der Handlung gelesen hat. Der Klappentext offenbart dann auch noch eine übel aussehende Wasserleiche, die ein gerade aus dem Rheinland nach Bremerhaven versetzter Hauptkommissar am ersten Arbeitstag an der Wesermündung vorgesetzt bekommt. Damit sind fast alle Höhepunkte dieses Krimis aufgezählt, denn ein Spannungsbogen entwickelt sich nicht. Schnell wird dem Leser auch vermittelt, wer der Mörder ist. Irgendwie scheint der Autor den Grundkurs in Dramaturgie verpasst zu haben.



Einzig die Art und Weise, wie man den Bösewicht mit knallharter Polizeiarbeit enttarnt, bleibt noch zu klären. Doch wozu braucht man dann diesen Pastor? Den braucht man gar nicht, denn dieser Mensch erfüllt einen ganz anderen Zweck. Ihn benutzt der Autor lediglich zu einer fundamentalen Kirchenkritik, die er massiv in seinen "Kriminalroman" eingebaut hat, obwohl sie mit der eigentlichen Handlung nur beiläufig zu tun hat. Vieles an diesem Buch wirkt gekünstelt, amateurhaft und vordergründig.



Tatsächlich geht es nur um die korrupten Machenschaften eines Zöllners und um dessen Geldwäsche-Aktionen, die der Autor dem bildungshungrigen Leser mit einfachen Worten erläutert.



Die massive Kirchenkritik des Autors, die er am fehlenden Aufklärungswillen in Missbrauchsfällen festmacht, ist sicher völlig berechtigt. Es fällt halt nur auf, dass sie gar nicht zur eigentlichen Handlung gehört, dafür aber viel zu ausführlich ist und auch noch bis zum Kölner Kardinal Woelki reicht. Mit einem gut komponierten Kriminalroman hat das nichts mehr zu tun. Fehlende Spannung durch politisches Sendungsbewusstsein zu ersetzen, bleibt eine in diesem Genre ziemlich absurde Methode, selbst wenn die Botschaft berechtigt ist.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Ein Buch, das man sich sparen kann

Das Igel-Tagebuch
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Ein Igel hatte sich in einem Netz verfangen, das bei der gedankenlosen Autorin noch im Garten lag, weil es vorher den Teich schützen sollte. Es gehört im Herbst weggeräumt, damit eben genau so etwas nicht ...

Ein Igel hatte sich in einem Netz verfangen, das bei der gedankenlosen Autorin noch im Garten lag, weil es vorher den Teich schützen sollte. Es gehört im Herbst weggeräumt, damit eben genau so etwas nicht passiert.

Nicht nur damit dokumentiert die Autorin ihren gelegentlich fehlenden Sachverstand. Der Igel landete schließlich im "Igelkrankenhaus" und wurde dort wieder fit gemacht. Nebenbei liegt noch der Vater der Autorin im Sterben, und es ist Corona-Zeit. Keine gute Mischung. Aber muss man daraus nun ein "Igeltagebuch" machen? Vermutlich nur, wenn man sich entweder ablenken oder unbedingt ein Buch schreiben muss.

Wenn man an der kulturhistorischen Rolle und Bedeutung des Igels teilhaben möchte, dann sollte man es vielleicht lesen. Ansonsten leidet der Text an der Vermenschlichung dieses Tieres. Es hat halt ein niedliches Gesicht und deshalb scheinen manche Zeitgenossen den ganzen Quatsch zu glauben, den Intellektuelle über den Igel verbreiten. Ich kenne diese Tiere sehr gut, weil sie meinen Garten oft besuchen und ich schon manchmal nach dem verfrühten Erwachen aus dem Winterschlaf wieder warm eingepackt in die Natur entlassen habe.

Igel sind stinkende kleine stachlige Schweine und obendrein ziemlich dämlich. Sie laufen beispielsweise immer wieder täglich in die gleiche Marderfalle, während der Marder sich vermutlich köstlich amüsiert. Für die Autorin sind Igel dagegen etwas ganz Besonderes. Dachse hingegen nicht. Im Gegenteil: Weil sie Igel knacken und fressen können, stehen sie auf ihrer Schurkenliste ganz weit oben. Wer so denkt, offenbart nur sein naives Gemüt. Alles gehört zur Natur, nicht nur ausgewählte vermenschlichte Wesen.

Kurz gesagt: Das Buch ist weder interessant, noch lehrreich. Vielmehr offenbart es eine schräge Sichtweise auf die Natur, die allerdings nicht selten zu sein scheint.

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