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Veröffentlicht am 17.02.2023

Die Welt am Abgrund

Am seidenen Faden
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Mit „Mit dem Wasser kommt der Tod“, dem ersten Band um die Hydroingenieurin Dr. Cora Remy, die mit Vorliebe in der ganzen Welt herumreist und dabei die haarsträubendsten Abenteuer erlebt, hat Manuel Vermeer ...

Mit „Mit dem Wasser kommt der Tod“, dem ersten Band um die Hydroingenieurin Dr. Cora Remy, die mit Vorliebe in der ganzen Welt herumreist und dabei die haarsträubendsten Abenteuer erlebt, hat Manuel Vermeer den ersten Tibetthriller überhaupt geschrieben. Der Autor kennt, wie er in einem seiner zahlreichen Interviews sagt, die Schauplätze in Asien in ihrer überwiegenden Mehrheit alle persönlich, schließlich bereist er seit mehr als vierzig Jahren China und andere asiatische Länder. Zudem ist er, Sohn eines deutschen Vaters und einer indischen Mutter, nicht nur als Sinologe Dozent am Ostasieninstitut in Ludwigshafen, sondern berät darüber hinaus mit seiner eigenen Firma europäische Unternehmen, die Geschäfte mit Indien und China machen, Länder, über die er in seiner offensichtlich spannenden Karriere auch einige Sachbücher verfasst hat. So ist er, dank seiner umfangreichen Kenntnisse Asiens, geradezu prädestiniert dafür, seine Krimis, oder Thriller, in eben diesem Teil der Welt anzusiedeln.
Im hier zu besprechenden vierten Band der Cora Remy-Reihe vermittelt er, wie Dr. Peter Roell ihm bescheinigt, nicht nur Spannung, sondern gleichzeitig „viel Wissen über die politischen Machtspiele, die gegensätzlichen Sichtweisen und die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Asien und dem Westen“. Obschon er dies in auch für Laien auf diesem komplizierten Gebiet sehr verständlicher Sprache tut, muss man schon sehr genau lesen, konzentriert bei der Sache sein, um nicht den Faden zu verlieren, zumal es recht viele verschiedene Erzählstränge gibt, die zwar miteinander verflochten sind, aber eben auf verschlungene Art und Weise, erst einmal, bis zum Ende hin, nicht wirklich durchschaubar. Es ist dies kein Roman, den man in Etappen und über einen längeren Zeitraum lesen sollte, vielmehr ist es angeraten, sich die Zeit zu nehmen, ihn zügig, doch so fokussiert wie möglich durchzulesen.
Spannend ist der Thriller, dabei erschreckend, gerade weil er realistisch ist, einen Blick gewährt hinter die Kulissen, und weil er dabei die vielen Krisenherde sichtbar macht, die, gemeinsam mit dem äußerst gespannten Verhältnis zwischen den Atommächten China, Indien und Pakistan untereinander und zu den Vereinigten Staaten, in denen sich eine Anti-Chinastimmung immer mehr verfestigt, dafür sorgen, dass der so zerbrechliche Friede, der in Wirklichkeit keiner ist, sondern eher eine angespannte Lauerstellung, buchstäblich am seidenen Faden hängt. Es reicht ein Funke, um Krisenherde in Brand zu setzen – eine mehr als beängstigende Vorstellung! Wenn ein Eskalieren – in Taiwan zum Beispiel oder an der Grenze zwischen China und Indien im Himalaya, in Kashmir und an weiteren Orten im Indischen Ozean – überhaupt verhindert werden kann, und dies wird am Ende des Thrillers sehr klar, nur, indem man aufeinander zugeht, mit kleinen, besonnenen Schritten, indem man versucht, die Positionen und Intentionen des jeweils anderen zu verstehen und immer wieder aufs Neue in Dialog tritt. Einen atomaren Erstschlag – und davor waren in dieser Geschichte die Großmächte nur Millimeter entfernt – kann niemand der beteiligten Parteien wollen, denn, nehmen wir einmal an, dass dies auch den schärfsten Falken klar ist, das wäre der Anfang vom Ende der menschlichen Zivilisation, so wie wir sie kennen!
Dennoch, und nun komme ich kurz auf den Inhalt des Thrillers zu sprechen, gibt es gewisse – mächtige! - Gruppierungen, die genau dies im Sinn haben: die ohnehin verfeindeten Mächte gegeneinander aufzubringen und damit einen Krieg zu provozieren. Ganz bewusst! Völlig irrational und unverständlich! Was, so fragt man sich bis zum Schluss, verspricht sich eine solche Gruppe davon, wenn Atombomben die Erde in Schutt und Asche gelegt haben? Man kommt zu dem Schluss, dass die Drahtzieher der Attentate, die da in rascher Abfolge in Beijing im Reich der Mitte, in Leh in Indien, in Tibet, in Beirut und Bougainville im Pazifik verübt werden, sich der Konsequenzen ihres Handels nicht bewusst sind oder dass der Hass, der sie zu solchen Aktionen veranlasst, stärker ist als der Verstand. Was für ein überheblicher Trugschluss zu glauben, dass man sich selbst, dank seines vielen Geldes retten könnte, während der weniger privilegierte Rest der Bevölkerung zugrunde geht! Wäre da nicht Cora Remy, die anscheinend immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, oder auch von einer brisanten Situation in die nächste gerät, bei einem der teuflischen Anschläge, für die sich die Großmächte inzwischen entweder gegenseitig beschuldigen oder meinen, in der Al-Quaida den Sündenbock gefunden zu haben, nicht zufällig zugegen gewesen, nachdem sie mit ihrem indischen Freund Ganesh in Myanmar und Tibet Urlaub gemacht hatte, und hätte sie nicht in der Folge die richtigen Schlüsse gezogen, dann wäre der geplante Anschlag auf eine internationale Konferenz hochrangiger Politiker in Indien mit Gewissheit gelungen und eine Eskalation hätte nicht verhindert werden können! Und hätte, so kann man mit den Hypothesen fortfahren, die gut vernetzte Cora nicht genau die richtigen Leute gekannt, die ihrerseits ebenso hochkarätige Verbindungen hatten, dann hätten ihre Beobachtungen niemals Gehör gefunden...
Aber nun, es ging, mit den unvermeidlichen Kollateralschäden freilich, in allerletzter Sekunde noch einmal gut aus! Welch ein Glück also, dass es die nimmermüde Cora gibt, die da durch die Welt saust, in wirklich atemberaubendem Tempo, um sie zu retten! Und genau sie ist es, mit der ich mich – es ist meine erste Begegnung mit ihr – so gar nicht anfreunden konnte. Sie hat mich, wann immer sie auftauchte, geradezu überrannt. Ihre unerschöpfliche Energie war mir unheimlich. Und da waren für meinen Geschmack auch zu viele unwahrscheinliche Zufälle mit im Spiel, die der Roman nicht einmal gebraucht hätte, um spannend, überzeugend und in vielerlei Beziehung informativ und lehrreich zu sein. Neben dieser Haupthandlung gibt es, wie schon zu Anfang erwähnt, so viele Nebenschauplätze, so viele interessante Szenen, die einen sprechenden Einblick vor allem in die chinesische Denkweise geben und die eine oder andere vorgefasste Meinung revidieren lassen, die aber auch erschreckend sind, wenn man zum Beispiel über die komplette Rücksichtslosigkeit liest, mit der unser Planet ausgebeutet, riesige Ökosysteme ohne nachzudenken zerstört, Millionen von Menschen ihr Lebensraum genommen wird, nur um die Wirtschaft voranzutreiben. Immer höher, immer weiter, immer mehr, immer reicher! Das verhängnisvolle Credo nicht erst des 21. Jahrhunderts, das allerdings nicht mehr leise und etwas verschämt, sofern man solche Gefühlsregungen überhaupt noch kennt, sondern längst lautstark jedem verkündet wird, für den Fall, dass er es noch nicht gemerkt hat. Mich schaudert! So gesehen, ist der gute Ausgang eigentlich so gut gar nicht, denn es geht ja weiter mit der Zerstörung unseres geschundenen Planeten. Niemand gebietet dem Einhalt. Nicht im Roman, nicht in der Wirklichkeit. Cora Remy jedoch springt schon ins nächste Flugzeug! Sie will ja schließlich so exzessiv wie möglich leben. Und Fliegen gehört da natürlich unbedingt dazu. Um, das muss betont werden und rechtfertigt einfach alles, die Welt zu retten, nicht wahr?

Veröffentlicht am 16.02.2023

Bezaubernd phantasievolles Märchen

Tom Tolliver und die Zauberkrautinsel
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Starke Nerven brauchen die jungen Leser für diese Geschichte, so warnt der Autor bereits, bevor es so richtig los geht mit dem in der Tat spannenden und durchaus auch erschreckenden und gruseligen, aber ...

Starke Nerven brauchen die jungen Leser für diese Geschichte, so warnt der Autor bereits, bevor es so richtig los geht mit dem in der Tat spannenden und durchaus auch erschreckenden und gruseligen, aber in jeder Beziehung wunderbaren Fantasyabenteuer. Und auch zwischendurch hält er immer wieder inne, kündigt an, dass uns etwas besonders Furchterregendes bevorsteht und man besser nicht weiterliest, sofern man es sich gerade im Bett, mit der Taschenlampe unter der Decke, womöglich noch mit den Eltern außer Haus, gemütlich gemacht hat, und zu warten, bis es heller Tag ist. Besorgt ist er um seine Leser, stets darauf bedacht, sie nicht unvorbereitet in einen Abgrund des Bösen stürzen zu lassen, das in seinem Roman die Herrschaft über das Gute, das Licht zu erringen versucht.
Die Leser während einer Romanhandlung direkt anzusprechen, informierend, Fragen stellend, zum Nachdenken, zum Innehalten bringend, oder, wie hier, sie vorwarnend, kannte ich bisher nur von Erich Kästner, der in all seinen Kinderbüchern mit den Lesenden in einen Dialog trat; es war sozusagen ein Markenzeichen des großen Kinderfreundes und Moralisten. Dieses sehr ansprechende Stilmittel nun auch hier wiederzufinden, so viele Jahre nach der Erstveröffentlichung der Kästnerschen Kinderromane, hat mich außerordentlich gefreut und mich sofort für Toni M. Jacobys phantasievolles Märchen eingenommen! Und obschon 'Tom Tolliver und die Zauberkrautinsel' ein gänzlich anderes Genre bedient als Kästners Jugendbücher, so gibt es doch noch eine weitere, unübersehbare Parallele: die Botschaften ähneln sich, überschneiden sich. Hier wie dort geht es um Tapferkeit, um Freundschaft und Aufrichtigkeit. Hier wie dort auch schreibt jemand, der sich mühelos in Kinderseelen hineinversetzen kann, dem seine jugendlichen Leser am Herzen liegen, der sie und ihre Träume, wie auch Ängste ernst nimmt, der auf Augenhöhe zu ihnen spricht – und dies durchaus mit einem Augenzwinkern, gerade dann, wenn es so richtig ernst und erschröcklich zur Sache geht.
Und das genau ist der Fall in Toni M. Jacobys Roman; ganz anders ernst freilich geht es zu als bei Herrn Kästner, den ich nunmehr verlasse, um mich ganz der Besprechung des ersten Bandes um Tom Tolliver zu widmen. Nicht explizit erfährt man vor Beginn der Lektüre, dass es eine oder mehrere Fortsetzungen geben wird, wobei gegen Ende klar wird, dass es schon eine Zeit und einige haarsträubende Abenteuer mehr dauern wird, bevor – und davon dürfen die jungen und auch die nicht mehr ganz so jungen Leser ausgehen – die Hüter des Lichts, die Luxa, über die furchterregenden dunklen Mächte, verkörpert durch einen Urahnen unseres Titelhelden, siegen werden.
Sympathischerweise – und so entwaffnend aufrichtig habe ich das auch noch nicht in einem Nachwort gelesen – verrät uns der Autor, dass er selbst noch nicht weiß, wohin die Reise geht, dass er auf Inspirationen wartet, die ihm von überallher zufliegen können. Und, so verspricht er, sobald sich etwas tut, wird er das für seine Leser niederschreiben. Und darauf freue ich mich jetzt schon, denn die Vorfreude … - nunja, den Rest der tröstlichen Weisheit kennt man schließlich aus eigener Erfahrung!
Bei der Unzahl der Fantasy-Romane, die sich auf dem Büchermarkt tummeln und von denen die meisten, man verzeihe mir diese Einschätzung, sich ständig wiederholende Massenware sind, ist es gewiss nicht einfach, sich etwas Pfiffiges, ganz Neues einfallen zu lassen. Aber genau das ist Tom Tollivers geistigem Vater gelungen! Nicht nur seine sympathisch-empathische Schreibweise nimmt auf Anhieb für sich ein, sondern ebenso die Geschichte selbst mit seinen nicht alltäglichen Charakteren, die entweder abgrundtief böse oder bezaubernd und warmherzig und ganz und gar liebenswert sind. Dass ein Junge, kaum hat er die magische Altersgrenze 10 überschritten, entdeckt, dass er keineswegs so ist, wie die Kinder seines Alters, ist natürlich nicht neu. Harry Potter war da richtungsweisend! In der Regel aber sind die zauberisch-zauberhaften Eigenschaften, die da plötzlich zu Tage kommen, etwas Positives, was bei dem Jungen Tom, der ohne Mutter und mit einem selten anwesenden, weil als Kapitän die Weltmeere befahrenden, Vater in einem Fischerdorf bei Freunden der Familie aufgewachsen ist, gar nicht klar ist, ganz im Gegenteil! Zunächst!
Nachdem er den Vater allein durch seine Gedanken teleportiert hat, ist letzterem klar, dass nun Handlungsbedarf besteht und der Junge, dem nun Gefahr droht, so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden muss. Nicht wenig verwundert ist man dann, wenn man erlebt, wie Tom in ein Fischerboot gesetzt wird mit der Anweisung, den See zu überfahren, um zu seinem ihm bis dato unbekannten Großvater auf der Zauberkrautinsel zu gelangen. Alleine! Ein elfjähriger Junge? Nun, um es positiv auszudrücken, wie gut, dass man dem Knaben so viel Eigenständigkeit zutraut, zumal er nicht gerade mit Zuwendung verwöhnt worden ist in seinem bisherigen Leben, wie man mutmaßen darf... Wie dem auch immer sei, Tom erreicht mit viel Mühe und der unschätzbaren Hilfe des munter plappernden Bibers Fex die Insel – und kommt von da an aus dem Staunen nicht mehr heraus! Da begegnet ihm nicht nur ein nicht alltäglicher Großvater, sondern gar sprechende Tiere, die sich verwandeln können – in wieder andere Tiere oder in Menschen -, ein geheimnisvoller Frauen-Orden, eben jene Luxa, die Hüterinnen des Lichts, und ein schon vor über dreihundert Jahren verstorbener Superbösewicht, der bereits erwähnte Urahne Toms, der wieder aufzuerstehen droht aus seinem doch nicht so hermetisch versiegelten Grab auf der kleinen Nachbarinsel, und der nicht nur nach Toms Leben trachtet, sondern auch danach, das Böse über die Welt kommen zu lassen, was um jeden Preis verhindert werden muss!
Und dann ist da noch, beinahe das Wichtigste, auf jeden Fall aber das Rätselhafteste, Toms verschwundene Mutter, eine einst überaus begabte und mächtige Luxa, die sich aber, um ihren Sohn zu schützen, selbst mit einem Fluch belegt hat und zur dunklen Magika geworden ist. - Wie genau sich das verhält, soll hier selbstverständlich nicht verraten werden! - Und, wie weiland Harry Potter, ist auch Tom Tolliver derjenige, der die Welt retten muss, der Auserwählte, wenn man so möchte. Aber da hören die Ähnlichkeiten mit dem Jungen mit der gezackten Narbe auf der Stirn auch schon auf, wie man alsbald sehen wird!
Ein Feuerwerk an originellen, auch wenn es ernst und düster wird, humorigen Ideen entzündet sich über den Lesern, reißt sie mit in einen Strudel von Schlag auf Schlag aufeinanderfolgenden Abenteuern, eines gefährlicher, spannender, erstaunlicher als das vorherige. An Aufhören ist wirklich nicht mehr zu denken, hat man denn die Warnungen des Autors gleich zu Beginn in den Wind geschlagen! Dann nimmt man auch das wohlig-gruselige Gefühl, nachts, allein, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, gerne in Kauf....

Veröffentlicht am 13.02.2023

Eine wahrhaft unvergessliche Lesenacht

Valerie - Retterin der Bücher
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Bücherwurm Valerie, weder mit besonderem Selbstvertrauen noch gar mit Schlagfertigkeit ausgestattet, hatte sich seit Wochen auf die Lesenacht in der Schule gefreut! Bücher sind ihr Leben, mal abgesehen ...

Bücherwurm Valerie, weder mit besonderem Selbstvertrauen noch gar mit Schlagfertigkeit ausgestattet, hatte sich seit Wochen auf die Lesenacht in der Schule gefreut! Bücher sind ihr Leben, mal abgesehen von ihrem Zottelhund Sonntag, den sie in Anlehnung an Robinsons Freitag, zwar nicht nach dem Tag benannt hat, an dem er bei ihr einzog, aber doch nach ihrem Lieblingstag. Ausnahmsweise durfte auch ihr treuer Begleiter in dieser besonderen Nacht, in der jedes Kind aus seinem Lieblingsbuch vorlesen durfte, mit ihr zusammen das Schulgebäude betreten.
Da das Lesen aber heutzutage, sicherlich nicht nur bei Valeries Mitschülern, als recht exotische Beschäftigung betrachtet zu werden scheint, ist das phantasiebegabte, nicht mit dem Strom schwimmende Mädchen eine Außenseiterin und wird besonders von der hochnäsigen Aurelia und deren Freundinnen Annabell und Agathe bei jeder sich bietenden Gelegenheit gehänselt und fast schon gemobbt. Folgerichtig sind es genau diese drei, die Valerie die Freude an der Lesenacht, für die sie hoffte, endlich einmal ein wenig zu glänzen, denn in Punkto Büchern macht ihr so schnell keiner etwas vor, und von ihren Klassenkameraden beachtet zu werden, gründlich verderben! Da hat sich die arrogante Aurelia doch tatsächlich erdreistet, sich ausgerechnet Valeries Lieblingsbuchs zu bemächtigen, um daraus vorzulesen! Valerie bleibt die Spucke weg – und wie es nun einmal so ist im Leben, glaubt die Lehrerin mit dem eigenartigen Namen Zitterich die unverfrorenen Lügen Aurelias und schickt die zu Recht empörte Valerie, rechtmäßige Eigentümerin des Piratinnenbuchs, vor die Tür. Jaja, Frechheit siegt! Fast immer. Zunächst wenigstens...
Aber mindestens genauso oft erwächst aus dem vermeintlichen oder tatsächlichen Unglück dann doch etwas Gutes – und für Valerie beginnt sogar das Abenteuer ihres Lebens, nachdem sie voller Traurigkeit und Enttäuschung mit Sonntag durch die dunklen Schulkorridore stapft und – ausgerechnet oder schicksalshaft, was hier wohl eher zutrifft, in der Schulbibliothek landet. Die dunkel und schweigend schläft? Weit gefehlt! Es geht munter zu an dem Ort der Stille, denn da tummelt sich lautstark ein Sammelsurium an eigenartigen Gestalten: Ritter, Mumien, Prinzen und Prinzessinnen, Hexen, Zauberer, Piraten – kurz all das, was es zwar in Büchern, aber doch nicht in der Wirklichkeit gibt, oder etwa doch? Valerie jedenfalls traut ihren Augen kaum, die Oma hat wohl doch Recht, wenn sie behauptet, dass ihre Enkelin zu viel Phantasie hat....
Doch nein, sie träumt wirklich nicht, denn wie sie bald von einem kleinen grünen, sehr verpeilt wirkenden Wuschel namens Zwirp erfährt, dürfen etwa alle 29 Tage, immer bei Neumond, Gestalten aus Geschichten ihre Heimat zwischen den Buchdeckeln verlassen und in der Menschenwelt eine Nacht lang Spaß haben. Er, Zwirp, achtet darauf, dass alles gesittet zugeht und dass Ritter, Piraten und Co. rechtzeitig wieder in ihren Büchern verschwinden. Allerdings scheint unser Zwirp mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert zu sein, was diesem, genauso wenig selbstbewusst wie Valerie, durchaus klar ist und ihn schier zur Verzweiflung bringt. Als plötzlich Schritte auf dem Gang zu vernehmen sind und alle sich außerhalb ihrer jeweiligen Geschichte verlustierenden Wesen so schnell es geht in ihre Bücher zurückhuschen, geschieht auch prompt ein Missgeschick: die sich geräuschvoll streitenden Katzen, ihres Zeichens der Gestiefelte Kater und der Bremer Stadtmusikant, stürzen sich im Eifer des Gefechts ins falsche Buch! Eine sich anbahnende Katastrophe, die nur dann verhindert werden kann, wenn man die beiden Kontrahenten noch vor Ende der Neumondnacht findet und wieder in ihre ureigenen Geschichten zurückschickt....
Und wer ist dazu wohl besser geeignet als die Bücherfreundin Valerie? Kurzentschlossen und bevor die herannahende Lehrerin Zitterich etwas merkt, taucht sie mit Sonntag und dem Bücherzwirp ab ins 'Buch der Drachenreiter', um die beiden Verirrten aufzustöbern. Ja, und nun beginnt eine schöne, so phantastische wie phantasievolle Geschichte, die so recht dazu geeignet ist, junge – genauso übrigens wie nicht mehr ganz so junge – Leser alles um sich herum vergessen zu lassen und, wie Valerie, einzutauchen in eine wundersame Welt, in der die Tiere reden können, zu Valeries seligem Entzücken auch ihr bester Freund Sonntag, dessen geistreiche und pfiffige Kommentare der ohnehin schon reizenden Geschichte das Sahnehäubchen aufsetzen. Auch Mut ist gefragt in dieser Bücherwelt, die auf keinen Fall durch die Interventionen Valeries und des Zwirps verändert werden darf, Mut und Klugheit, um die Herausforderungen zu bestehen, vor denen das in der realen Welt so schüchterne Mädchen ein ums andere Mal steht, und um es darüberhinaus mit den gar nicht so bösen Drachen aufzunehmen, die die Autorin so liebevoll und mit Freude am Fabulieren in Szene setzt und damit die Sichtweise auf die gefürchteten Fabelwesen umdreht.
Begeistern können auch die in grau-schwarz-grün und gelegentlich etwas braun gehaltenen Zeichnungen von Katja Jäger, die die Erzählung ganz wunderbar ergänzen und auf deren Einzelheiten man unbedingt achten sollte. In der Tat habe ich selten in einem Buch dieser Art eine solche Einheit und Harmonie zwischen Text und Illustration gefunden – eine echte Symbiose, fürwahr! - Und was Valerie angeht und nicht zuletzt den ihr im Verhalten so ähnlichen Zwirp, der sehr bald zu einem guten Freund wird, so können die jungen Leser davon ausgehen, dass beide an ihren Aufgaben wachsen werden – doch wie das geschieht ist zu aufregend, zu spannend, um es an dieser Stelle zu verraten! Das müssen die hoffentlich zahlreichen jungen, älteren und vielleicht schon alten Leser, wobei mir die Großeltern vor Augen stehen, dieser be- und verzaubernden Geschichte natürlich selber herausfinden....

Veröffentlicht am 12.02.2023

Sophie entdeckt ihre ganz besondere Gabe

Das Geheimnis der Flüstermagie (Band 1) – Der Zauberwald erwacht
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Obwohl sich Fantasy-Romane oft einer besonders schönen Umschlagsgestaltung erfreuen, haben Edel Kids Books mit dem Cover und dem Vorsatzblatt von Marliese Arnolds Roman 'Das Geheimnis der Flüstermagie ...

Obwohl sich Fantasy-Romane oft einer besonders schönen Umschlagsgestaltung erfreuen, haben Edel Kids Books mit dem Cover und dem Vorsatzblatt von Marliese Arnolds Roman 'Das Geheimnis der Flüstermagie – Der Zauberwald erwacht' einen echten Volltreffer gelandet! Man kann sich gar nicht sattsehen an den dunkelbunt schillernden Farben, die, ganz zu Recht, auf ein außergewöhnliches Fantasy-Abenteuer zwischen den Buchdeckeln hinweisen. Denn obwohl der Markt seit einigen Jahren regelrecht überflutet wird mit Fantasy-Geschichten, von denen ich die wenigsten, die ich kenne, als herausragend bezeichnen würde, treffe ich gelegentlich doch auf eine, die sich abhebt von dem großen Rest, die be- und verzaubert, die man am liebsten nicht mehr aus der Hand legen möchte, die einen mitnimmt in magische Welten, in denen man den Wunsch verspürt, sich häuslich einzurichten.
Marliese Arolds erster Band der auf mehrere, mindestens aber zwei Bände angelegten Reihe, 'Flüstermagie', dem ich im folgenden einige Gedanken widmen möchte, gehört zu diesen rühmlichen Ausnahmen! Nicht nur kann die erfahrene Autorin tatsächlich schreiben (was heutzutage alles andere als selbstverständlich ist) – und dies richtig gut und grammatikalisch wie orthographisch einwandfrei -, sondern sie beherrscht darüberhinaus auch die Kunst, eine schlüssige, logische, folgerichtige Geschichte zu erzählen mit nachvollziehbaren, sorgfältig ausgearbeiteten Charakteren, die man mühelos visualisieren kann. Kurz und gut – ihre Romane erfüllen formal wie inhaltlich alle Kriterien, die eine gute, eine sehr gute Geschichte ausmachen. Und was desweiteren für die Qualität ihrer Bücher spricht, ist die Tatsache, dass sie nicht nur von der Zielgruppe, den Kindern und Jugendlichen also, sondern mit genauso viel Freude auch von Erwachsenen gelesen werden können, mögen sie denn gut geschriebene und ersonnene Fantasy.
Aber kommen wir nun zu der Geschichte selbst, die zur Untergruppe der Urban Fantasy gezählt werden kann, denn parallel zur Welt, wie wir sie kennen, wie sie für unsere Sinne wahrnehmbar ist, gibt es hier eine zweite, eine magische Welt, die nur den Eingeweihten, denen deren Wahrnehmung über die Grenzen des Sichtbaren hinausgeht, zugänglich ist. Dass Sophie, Protagonistin und Ich-Erzählerin in einem, ein völlig normaler Teenager mit den typischen Eigenschaften, Verhaltensweisen, Wünschen und Träumen eines solchen, mit besonderen Fähigkeiten oder, wenn man so möchte, ungewöhnlich feinen Antennen ausgestattet ist, hätte sie womöglich niemals erfahren, wäre sie denn in dem eher gehobenen Umfeld geblieben, in dem sie aufgewachsen ist, mit sehr spießigen, ganz auf Äußerlichkeiten bedachten Eltern übrigens, die wenig sympathisch beschrieben sind und bei denen es durchaus verwundert, dass sie eine so patente, richtig nette Tochter mit dem Herzen auf dem rechten Fleck hervorgebracht haben, die in Denken und Handeln so viel konsequenter, so viel bewusster ist, als die auf eine lange Kreuzfahrt ganz versessenen Eltern. Sophies Argumente, damit der Umweltzerstörung und der daraus resultierenden Klimaveränderung Vorschub zu leisten, wischen sie einfach beiseite. Sie arbeiten schwer – als besserwisserischer Oberlehrer er und als gestylte Kosmetikstudioinhaberin sie! - und haben sich das 'verdient'. Derartige Totschlagsargumente hört man ja sehr oft und man muss schon den Mut haben sich äußerst unbeliebt zu machen, wenn man dagegenhält – oder eben eine reflektierende Tochter sein wie Sophie.
Diese umweltschädliche Kreuzfahrt auf den größten Verschmutzern der Weltmeere ist dann auch indirekt der Grund, warum Sophie mit einer Welt konfrontiert wird, die sie nur staunen lässt und die ihr Leben nachhaltig verändern wird. Denn hätten die Eltern nicht auf der langen Reise bestanden, hätten sie für Sophie nicht eine so langfristige Unterkunft suchen müssen. Und wäre die geplante Ferienfreizeit mit ihrer besten Freundin Paula nicht ins Wasser gefallen, dann hätte Mutters ungeliebte, weil aus der Art geschlagene Schwester mit ihrer unkonventionellen, ein wenig chaotischen Lebensweise und dem komplett fehlenden Interesse an Äußerlichkeiten nicht einspringen müssen! Nur widerwillig lassen die Eltern Sophie also bei der Tante zurück, sie könnte ja die ganze sorgfältige Erziehung der Tochter zunichte machen! Ohne Worte....
Aber nun, Sophie gefällt Tante Kathi – so eine wie sie kann man sich wirklich nur wünschen! -, auf deren langsam zerfallendem Hof mitten auf dem tiefsten Land sich allerlei Tiere tummeln, die hier, wie es heißt, ihr Gnadenbrot bekommen. Ja, das stimmt schon, ist aber nicht die ganze Wahrheit, wie Sophie recht schnell herausfindet, denn vom Tag ihrer Ankunft an spürt sie, dass eine geheimnisvolle, nicht fassbare Aura über dem Hof der Tante schwebt und dass nicht alles so 'normal' ist, wie es scheint. So weicht Sophies anfängliche Begeisterung einem beklemmenden Gefühl und dem sie belastenden Eindruck, eigentlich gar nicht willkommen zu sein, wozu noch das ihr unverständliche feindselige Verhalten der drei Mädchen, mehr oder minder in ihrem Alter, beiträgt, die sich auf dem Hof Tante Kathis ihr Taschengeld verdienen und sich gar wie die Eigentümerinnen persönlich aufspielen. Alle Annäherungsversuche von Seiten der versöhnlichen Sophie, der es immer leichtgefallen ist Freunde zu finden und die alles andere als eine Zicke ist, scheitern zunächst. Doch geschehen sehr bald Dinge, die ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung lenken und die sie an ihrem Verstand zweifeln lassen: sie hat unerklärliche Träume, in denen sie einen leibhaftigen, schwerkranken Drachen heilt, kann plötzlich mit den Tieren des Hofes sprechen, allen voran mit dem Noriker Hjalmar, einem riesigen Pferd, in das sie sich auf Anhieb verguckt hat – was sie wahrscheinlich schon längst herausgefunden hätte, hätte der Vater sich nicht hinter einer angeblichen Tierhaarallergie verschanzt, um Sophie nicht das sehnlichst gewünschte Haustier gestatten zu müssen. Sie versucht ihre Fähigkeiten zu verbergen, doch der aufmerksamen und feinfühligen Tante Kathi entgeht das nicht und sie beschließt, ein großes, ein besonderes Geheimnis mit Sophie zu teilen, nachdem sie begriffen hat, dass die außergewöhnliche Gabe, die sie selbst besitzt, auch in ihrer Nichte nicht nur schlummert sondern soeben erwacht ist.
Und von nun an wird es wirklich märchenhaft – und mein Erzählfluss muss an dieser Stelle stoppen! Sophie, soviel darf aber gesagt werden, erlebt den schönsten Sommer ihres Lebens, der für sie gleichzeitig der Beginn von etwas ganz Neuem ist, der ihr die Wege aufzeigt, die ihr bestimmt sind, wenn sie denn Mut und Verantwortungsgefühl genug hat, sie zu gehen. Und, das Beste von allem vielleicht, jedenfalls aber das, was sie weder gewünscht noch erwartet hätte, ist die Begegnung mit Silvio, einem rätselhaften, unergründlichen Jungen mit der gleichen Gabe wie die ihre, in den sie sich Hals über Kopf verliebt und mit dem sie, das suggeriert das Ende des ersten Bandes der 'Flüstermagie', erst am Anfang einer so wundervollen wie gefährlichen Reise steht.... Freuen wir uns also auf den Folgeband!

Veröffentlicht am 02.02.2023

Prinzessin oder Prinzesserich?

Rusalko
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Ein 'alter Märchenstoff in neuem Gewand'? So liest man es in dem Covertext, aber so recht möchte es mir nicht gelingen, Parallelen zu ziehen zu den ursprünglichen Märchen beziehungsweise Mythologien. Da ...

Ein 'alter Märchenstoff in neuem Gewand'? So liest man es in dem Covertext, aber so recht möchte es mir nicht gelingen, Parallelen zu ziehen zu den ursprünglichen Märchen beziehungsweise Mythologien. Da ist zum einen das Märchen 'Die kleine Meerjungfrau' von Hans Christian Andersen, zum anderen die Volkssaga 'Rusalka' aus dem slawischen Sprachraum. Rusalken sind Wasser-, Wald- oder Feldgeister, mal schöne junge Mädchen, mal hässliche alte Frauen, je nach Region. Die Heldin in Kerstin Hensels Unterwassermärchen Rusalko, hat lediglich den Namen gemein mit besagten Sagengestalten, in abgewandelter Form jedoch – aus gutem Grund, wie man sehen wird. Und Andersens 'Kleine Meerjungfrau'? Nun, ihr nachempfunden ist in gewisser Weise Rusalkos treulose Mutter Unda (der lateinische Name von 'Undine', einem Wassergeist, also einer Nixe), die nach der Geburt des Kindleins, das sie mit dem königlichen Nix Rochus von Rochenburg hatte, in eine Sinnkrise geriet und sich selbst und ihre Gestalt – 'obenrum Mensch und untenrum Fisch' – in Frage stellte. Ihr ganzes Leben lang mit einem Fischschwanz und nach Hering stinkend verbringen, nicht wissen, wer sie war? Nein, weibliche Attribute wie hübsche Füße und feines Schuhwerk, dazu noch jemanden, der sie glücklich machte, genau das wollte Unda – und sofort fühlt man sich an Andersens so bezauberndes wie tragisches Märchen erinnert. Denn auch Unda bekam schließlich, was sie nicht wollte und was bei dem dänischen Schriftsteller unumkehrbar war!
Was aber brachte die schöne Unda, heißgeliebt von Nix Rochus, dazu, nach einem anderen Leben zu verlangen? Denn eigentlich ist die Geburt eines Kindes ja wohl ein freudiges Ereignis, nicht wahr? Gibt es Wochenbettdepressionen etwa auch bei den Unterwasserwesen? Kann gut sein, obschon es das Kind selbst war, das Unda aus allen Wassern stürzen ließ! Rusalka, denn diesen wohlklingenden Namen gab man dem Töchterchen ursprünglich, war zwar hübsch anzuschauen, aber war sie denn wirklich ein Mädchen, zart und fein mit lieblicher Stimme, wie es sich nun einmal gehört für ein solches? Kurz und gut, Rusalka schaute spitzbübisch in die Wasserwelt hinaus, sang mit tiefer Stimme und war von kräftiger Gestalt. Alles Attribute, die sich für einen Nix geziemen, nicht aber für eine Nixe!
Nachdem Unda die Unterwasserwelt unklugerweise mit dem Leben an der Seite eines versoffenen Fischers getauscht hatte, war es Rochus überlassen, mit dem fröhlichen 'Tomboy' Rusalka und den Vorurteilen (man sieht, dass sich Menschen- und Nixenwelt nicht wirklich unterscheiden), die seiner geliebten Tochter allenthalben entgegenschlugen, fertigzuwerden. Erstaunlich tolerant suchte er eine Lösung und meinte dann befriedigt, sie auch gefunden zu haben: seine Rusalka sollte von nun an den Namen Meerjungsfrau Prinzesserich Rusalko von Rochenburg tragen, was Rusalka mit Begeisterung erfüllte, klang der neue Name doch sowohl mädchen- als auch jungenhaft! Aber ob eine bloße Namensänderung die Meeresvölker zu einem Umdenken, zu mehr Toleranz und Akzeptanz denjenigen gegenüber, die anders waren, die aus dem Raster des 'Normalen' herausfielen, bewegen konnte, mag man zu Recht stark anzweifeln! Die Empörung allüberall waberte – und wuchs ins Unermessliche, als sich dann auch noch der garstige Wellengott, oberster Herrscher der nassen Gefilde, der bezeichnenderweise nur aus zwei Elementen – Wasser und Wut nämlich – bestand, einmischte, denn er duldete nichts, was anders war. Alles hatte so zu bleiben, wie es schon immer war. Man sieht, langsam fühlt man sich als Leser richtig heimisch da unten bei den Wasserwüterichen...
Zum Glück war der neuernannte Prinzesserich, den sein Vater so gut es ging von dem Zorn des Volkes fernzuhalten versuchte, kein Angsthase und stattdessen mit jeder Menge Courage ausgestattet. Wenn schon die zu ihrem Schutze abgestellten Wächter sich vor Angst zitternd verkrochen und sogar ihr Vater nicht zu gebrauchen war, um dem Wellengott-Choleriker, der inzwischen munter seinem Zorn freien Lauf ließ und Tsunamis und andere Katastrophen über die Ozeane schickte, Paroli zu bieten, musste Nix-Nixe Rusalko persönlich tätig werden. Und da das Glück bekanntlich mit den Tapferen ist, oder 'Fortes fortuna adiuvat', wie es der Lateiner sagt, findet sie in der mächtigen uralten Meeresschildkröte Margot, der man allenthalben mit großem Respekt begegnet, eine Verbündete – denn ohne solche geht es nun mal nicht, weder in der Luft, auf der Erde noch im Wasser! Und dann geht es so richtig zur Sache! Aber wie das im Einzelnen aussieht muss man schon selber herausfinden, doch soviel darf gesagt werden: es wird spannend und dabei außerordentlich amüsant. Und wenn gar am Ende das eigentlich Unumkehrbare nun doch noch umkehrbar ist, kann man sich noch ein zweites Happy End ausmalen....
Summa summarum: Obgleich ich 'Rusalko' keineswegs als Adaption der beiden zu Anfang erwähnten Märchen respektive Sagen betrachte, wie dies irreführenderweise suggeriert wird, sondern als etwas ganz und gar Eigenständiges, finden wir in dem wirklich schön bebilderten Buch natürlich sehr bekannte Elemente. Allerdings gepaart mit einer Thematik, die immer wieder aufs Neue zu heftigen Debatten führt, was im hier zu besprechenden Märchen, so wie ich es gelesen habe, ad absurdum geführt wird. Also weg mit allem Überkommenen, Tradierten? Keineswegs! Was zählt ist offen zu bleiben, tolerant, vermeintlich oder tatsächlich Andersartiges zulassen, als womöglich sogar bereicherndes, auf jeden Fall aber den Alltag farbiger und fröhlicher machendes Element. Wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen! Kerstin Hensel jedenfalls hat ihr Möglichstes getan mit ihren reizenden Charakteren und nicht zuletzt mit ihrer phantasievollen Erzählsprache, den zahllosen Wortschöpfungen, auch wenn ich manche davon als übertrieben und überzogen ansehe, diese ihre Botschaft in die Hirne der Kleinen (ganz wichtig!) und der Großen (noch wichtiger!) zu hämmern. Ein Bilderbuch, das gewiss seinen Platz in einer sorgfältig zusammengestellten Bilderbuchsammlung bekommen und behalten wird!