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Veröffentlicht am 21.08.2023

Kunstexperte schlägt eine vergessene Akte auf

Die Akte Madrid
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Der erste Teil um den Kunstexperten Dr. Lennard Lomberg hatte mir gut gefallen und ich war gespannt auf seinen neuen Fall, auf die nächste Jagd nach einem verlorenen Gemälde.

Lomberg erhält den Auftrag, ...

Der erste Teil um den Kunstexperten Dr. Lennard Lomberg hatte mir gut gefallen und ich war gespannt auf seinen neuen Fall, auf die nächste Jagd nach einem verlorenen Gemälde.

Lomberg erhält den Auftrag, ein Bild aus dem Jahr 1928 aufzuspüren, das bisher als vermisst galt, nun aber durch einen Diebstahl wieder ans Tageslicht tritt. Kein geringerer als der deutsche Verteidigungsminister ist am Wiederauffinden des surrealistischen Werkes interessiert. Wie gewohnt recherchiert Lomberg akkurat und deckt Verwicklungen mit der Franco-Diktatur in Spanien und Nazi- und Nachkriegsdeutschland auf. Will der Verteidigungsminister diese Akte wirklich aufschlagen?

Andreas Storm hat aus der Kombination von Krimi, historischen Fakten und Kunstgeschichte einen spannenden und interessanten Roman gemacht. Wie schon im ersten Teil spielt die Handlung auf mehreren Zeitebenen und langsam erschließen sich im Verlauf die Zusammenhänge. Man kann das Buch nicht einfach so runterlesen, dafür sind die Fäden um zu viele Ecken geführt. Es erfordert schon ein bisschen Konzentration und Aufmerksamkeit, um der Handlung zu folgen. Dafür wird man aber mit einer bewegten und lebendigen Geschichtslektion belohnt. Dr. Lennard Lomberg ist ein sympathischer Charakter, der von zahlreichen anderen regen Figuren umgeben ist. Viele sind schon im ersten Teil in Erscheinung getreten und es ist schön, sie alle wiederzutreffen. Die Handlung endet mit dem Hinweis auf einen neuen Auftrag in London - und das klingt mehr als aufregend.

Am Ende des Romans gibt es übrigens eine umfangreiche Namensliste, Erläuterungen zu den historischen Personen und Anmerkungen des Autors.

Insgesamt hat mich der Roman gut unterhalten und mir hat auch der Schreibstil gefallen, der allerdings nicht jedermanns Sache ist. Storm schreibt ein bisschen - wie soll ich sagen - verschachtelte und besonders häufig bedient er sich einer ganz besonderen Satzkonstruktion, in der das Modalverb "sollen" im Präteritum Indikativ die Zukunft in der Vergangenheit bezeichnet. Das klingt manchmal etwas versnobt, passt für mich aber zu Lomberg und der Kunstszene. Es lohnt sich, die Akte Madrid aufzuschlagen.

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Veröffentlicht am 29.06.2023

Sommerferien in der Weimarer Republik

Schloß Gripsholm / Rheinsberg
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Das passt ja wunderbar zum Beginn der großen Ferien: In den beiden Erzählungen von Kurt Tucholsky macht sich jeweils ein (unverheiratetes!) Paar auf den Weg in die Sommerfrische. Rheinsberg (1921) erscheint ...

Das passt ja wunderbar zum Beginn der großen Ferien: In den beiden Erzählungen von Kurt Tucholsky macht sich jeweils ein (unverheiratetes!) Paar auf den Weg in die Sommerfrische. Rheinsberg (1921) erscheint mir dabei wie ein "Versuch", wesentlich kürzer und nicht so ausgereift wie "Schloß Gripsholm" (1931). Auch der Aufenthalt der Liebenden weitet sich aus, in Rheinsberg ist es nur ein Wochenende, in Gripsholm mehrere Wochen.

Kurt/Peter/Daddy und die um einiges jüngere Sekretärin Lydia/die Prinzessin finden nach einigem hin und her im schwedischen Schoß Gripsholm eine Unterkunft. In die Idylle aus Sonne, Trägheit und verbalem Geplänkel bricht zunächst Karl, ein alter Freund von Kurt/Peter/Daddy, ein und nach dessen Abreise die liebreizende Billie, eine Freundin von Lydia. Dann gilt es noch ein kleines Mädchen aus den Klauen einer wirklich bösen Kinderheimleiterin zu befreien.

"Gripsholm" beginnt sehr charmant, mit einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen Tucholsky und dem Verleger Ernst Rowohlt, der sich von dem Autor eine leichte, ein wenig frivole Sommererzählung wünscht. Lydia schnackt bevorzugt platt, was einerseits recht humorig ist, sie aber andererseits manchmal auch etwas "schlicht" dastehen läßt. Auch wenn es im Roman heißt, dass es "kein bäurisches Platt" sei (S. 15). Dass Kurt/Peter/Daddy die Prinzessin oft mit "Alte" anredet, klingt natürlich heute etwas despektierlich. Sei's drum. Es gibt mehr oder weniger versteckte Andeutungen zum politischen Zeitgeschehen und sicherlich auch einige Anspielungen, die ohne vertieftes Hintergrundwissen an mir vorbeigerauscht sind. In Rheinsberg wird die Protagonistin Claire ebenfalls mit einer sprachlichen Auffälligkeit ausgestattet, was der Erzähler mit einem kindlichen Idiom gleichsetzt, obwohl Claire offenbar Medizinerin ist.

Beide Texte lesen sich sehr leicht, witzig, sprachlich intelligent und man meint selbst auf einer sommerlichen Wiese zu sitzen oder eine Bootsfahrt zu unternehmen. Die Wirkung, die die Erzählungen damals hatten, lässt sich auf die heutigen Leser*innen nicht mehr so gut übertragen. Allein, dass die Paare unverheiratet verreist sind, war ja ein Skandal und dazu wird auch recht unverblümt angedeutet, was ausser Bootsfahrten noch so passiert. Das treibt heute niemandem mehr die Röte ins Gesicht. Als literarisches Kontrastprogramm zum tristen und für viele entbehrungsreichen Alltag in der Weimarer Republik waren die Texte sicherlich sehr willkommen.

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Veröffentlicht am 28.06.2023

Disneyland Venedig

Falsche Freunde
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In diesem dritten Teil der Reihe ist Commissario Morello immer noch eher widerwillig in Venedig. Er wartet nur darauf, zurück nach Sizilien gehen zu können, obwohl dort nach wie vor die Mafia auf ihn lauert. ...

In diesem dritten Teil der Reihe ist Commissario Morello immer noch eher widerwillig in Venedig. Er wartet nur darauf, zurück nach Sizilien gehen zu können, obwohl dort nach wie vor die Mafia auf ihn lauert. Derweil vertreibt er sich die Wartezeit mit einer Mordaufklärung. Ein Mann wurde erschlagen und die Untersuchung führt Morello in vornehme Kreise ein. Die Nachfahren der ehemaligen Dogenfamilien halten sich immer noch für die Staatsoberhäupter. Zahlreiche von ihnen sind verarmt und mussten ihre prächtigen Palazzi vermieten oder gar verkaufen. Es gibt aber noch genug, die mit ihrem Geld (oder dem von anderen) die Lagunenstadt nach ihren Vorstellungen "renovieren" möchten.

Ehrlich gesagt habe ich schon wieder vergessen, wer den Buchhalter Salini eigentlich ermordet hat. Der Kriminalfall an sich ist wieder eher eine gemächliche Angelegenheit. Die Dialoge sind mir weiterhin zu hölzern. Der "Tiefpunkt" ist für mich das Gespräch zwischen Morello und Gerhard (S. 211 bis S. 219). Das finde ich wirklich einfach nervig.

Als Leserin erfährt man wieder einiges über Venedig und seine Geschichte, das ist interessant. Erneut hat sich das Autorenduo ein gesellschaftliches/wirtschaftliches Problem vorgenommen und mit dem Finger darauf gezeigt. (Kaum zu glauben, dass es tatsächlich solche Bestrebungen wie im Buch dargestellt gibt.) Morello ist mir als Figur nicht ans Herz gewachsen, das Gewese um seine Coppola ist unerquicklich. Außerdem beginnt er plötzlich mitten im Roman mit sich selbst zu reden und sich immer mit Antonio anzusprechen. Das hat er zuvor nicht gemacht und ich empfand diese unvermittelte Veränderung seines Verhaltens merkwürdig. Als überflüssig habe ich empfunden, dass gefühlt auf jeder Seite "Aperol Spritz" getrunken wird. Mal ist es ja ganz nett, aber so gehäuft wirkt es irgendwie plump. Mecker mecker.

Gut gefallen hat mir die Entwicklung der Sekretärin Viola, die Morello mal ordentlich die Meinung gegeigt hat. Außerdem gibt es tatsächlich eine Figur, die langsam aber sicher neugierig macht: Morellos Stellvertreterin Anna. Diese hat offenbar eine interessantere Vergangenheit als bisher angenommen. Die Karte mit Legende auf dem Vorsatz hilft bei der Orientierung in der Stadt. Für Venedig- und Cosy-Crime-Fans sicherlich wieder ein gelungener Krimi.

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Veröffentlicht am 28.06.2023

Das Leben ist ein Roman

Eine Geschichte, die uns verbindet
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New York: Die walisische Romanautorin Flora Conway spielt mit ihrer kleinen Tochter Carrie in der zweihundert Quadratmeter großen Wohnung Verstecken. Als Flora alle Möglichkeiten abgesucht hat, bleibt ...

New York: Die walisische Romanautorin Flora Conway spielt mit ihrer kleinen Tochter Carrie in der zweihundert Quadratmeter großen Wohnung Verstecken. Als Flora alle Möglichkeiten abgesucht hat, bleibt Carrie dennoch verschwunden. Einzig einer ihrer rosa Hausschuhe liegt im Flur. Das Loft im Lancaster Building ist verschlossen, die Fenster lassen sich nicht öffnen und die Videoüberwachung zeigt, dass niemand die Wohnung nach Flora und Carrie betreten oder verlassen hat, bis die Polizei kommt.

Paris: Der Schriftsteller Romain Ozorski fürchtet, seinen geliebten Sohn Théo zu verlieren. Seine Exfrau will sich in den USA einer Kommune anschließen und den Jungen mitnehmen.

Der Roman beginnt wahnsinnig spannend und man fliegt nur so über die Seiten. Die Spannung verliert sich aber dann, weil sich die Geschichte völlig anders entwickelt, als zunächst gedacht. Sie wird leider schwächer. Dennoch erzeugt sie einen Sog, weil die Handlung - typisch Musso - sehr verwirrend und überraschend ist. Der Autor spielt mit dem Genre Roman und dem Dasein als Autor*in. Er springt zwischen den Personen, Handlungen und Zeiten hin und her und verblüfft mit irritierenden Begegnungen.

Das alles liest sich sehr flott und insgesamt ist der Aufbau (Wiederholungen, verschiedene Schrifttypen) gut durchdacht. Es taucht sogar eine fiktive Autorenfigur auf, die ich bereits aus einem anderen Musso-Roman kenne. Allerdings reicht das alles für mich nicht für ein Highlight. Es las sich ganz nett, aber ehrlicherweise habe ich (zwei Bücher weiter) auch schon wieder viel vergessen. Wer eine ungewöhnliche, leichte Geschichte, mit einem super Einstieg sucht, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 20.06.2023

Morellos zweiter Fall

Der Tintenfischer
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Auch der zweite Fall von Commissario Morello konnte mich nicht für diese Reihe begeistern. Während ich für die Dengler-Bücher, die ich bisher gelesen habe, sehr schwärme.

Der Sizilianer Morello sitzt ...

Auch der zweite Fall von Commissario Morello konnte mich nicht für diese Reihe begeistern. Während ich für die Dengler-Bücher, die ich bisher gelesen habe, sehr schwärme.

Der Sizilianer Morello sitzt immer noch in Venedig fest, zu seiner eigenen Sicherheit, wird er doch auf seiner Heimatinsel von der Mafia gejagt. Die Stadt ist wegen der Ausgangssperre wie ausgestorben; nur ein junger Nigerianer ist mit festem Ziel unterwegs: Er will sich von einer Brücke in den Canale Grande stürzen. Zufällig können Morello und seine Kollegin Anne den Selbstmord des Flüchtlings verhindern. Dies setzt eine Kettenreaktion in Gang, in deren Folge sich der Commissario mit der Flüchtlingsproblematik, Corona, Corona-Betrügern, Korruption, der Mafia und Mädchenhandel auseinandersetzen muss. Zur Krönung des Falles muss er dazu ausgerechnet nach Sizilien.

Der Krimi ist selbstverständlich voller Lokalkolorit, italienischer Speisen und Espresso. Schorlau/Caiolo nehmen sich wieder eines gesellschaftlichen Problems an und man erfährt durchaus interessante Details. Allerdings war es mir einfach ein bisschen viel von allem. Vielleicht hätte ich den Roman auch zeitnaher lesen sollen, denn von Corona will ich eigentlich nichts mehr hören. Ich kann mich auch mit den Dialogen nicht so anfreunden. Für mich klingen die in großen Teilen sehr gestelzt. Ich weiß nicht, ob man sich in Italien so unterhält. Ich bin jedenfalls oft hängengeblieben und habe mich gewundert. Die Story ist mäßig spannend, man kann sie aber so weglesen. Am Ende gibt es wieder einige Rezepte zum Nachkochen.

Wer Venedig kennt, wird sicherlich an dem Roman seine Freude haben und Morello gerne auf seiner Mafiajagd und in die Cafés der Lagunenstadt begleiten.

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