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Veröffentlicht am 04.01.2023

Die tote Frau im norwegischen Eistal

Das letzte Bild
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Das erste Mal habe ich von der Isdal-Frau im podcast @zeitverbrechen gehört, dabei wurde sie bereits 1970 in Norwegen getötet. Ein Kriminalfall, der nicht nur die Norweger bewegt, sondern weit über Skandinavien ...

Das erste Mal habe ich von der Isdal-Frau im podcast @zeitverbrechen gehört, dabei wurde sie bereits 1970 in Norwegen getötet. Ein Kriminalfall, der nicht nur die Norweger bewegt, sondern weit über Skandinavien hinaus für Aufsehen sorgt. Bis heute weiß man nicht, wer die Frau war, die quer durch Norwegen gereist ist und verschiedene Identitäten benutzt hat. Der Fall strotzt nur so vor Merkwürdigkeiten.

Anja Jonuleit hat daraus einen Roman gemacht. Sie gibt der Isdal-Frau eine Identität, eine Familie und eine Vergangenheit. Dabei berücksichtigt sie fast alle bisher bekannten Ermittlungsergebnisse und erschafft eine fiktive Person: Marguerite.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. In der Gegenwart begibt sich die Journalistin Eva auf die Spurensuche nach der Geschichte der Isdal-Frau, deren Phantombild eine extreme Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Ingrid aufweist. Diese will von der Angelegenheit zunächst jedoch nichts wissen. Auffällig brüsk wehrt sie Evas Fragen ab. In der Vergangenheit macht sich Marguerite daran, nach ihrer Familie zu suchen. Als Kind war sie in den Wirren des zweiten Weltkriegs verlorengegangen. So näheren sich die beiden Handlungsstränge an, bis Marguerite im Isdal stirbt und Eva meint, hinter ihr Geheimnis gekommen zu sein.

Der Roman ist flott und ansprechend geschrieben, er läßt sich gut lesen. Allerdings wirkt die Geschichte auf mich dann doch an einigen Stellen konstruiert. Die vielen Reisen der Isdal-Frau irgendwie logisch in einen Plot einzubauen ist schwierig. Die Autorin hat dafür und für viele andere Fakten eine gute Lösung gefunden. Für mich als Leserin war es aber irgendwann ermüdend, Marguerite und in der Gegenwart auch Eva auf den Trips durch die Städte und die Hotels zu folgen. Den Reiz des Buches macht die Tatsache aus, das hier auf der Grundlage realer Geschehnisse, die man sich so sicherlich nicht ausgedacht hätte, eine Geschichte entstanden ist. Daher ist besonders auch der Anhang des Romans interessant, der alle Fakten, Fake News und Unstimmigkeiten ausführlich auflistet. Die Autorin hat hier sehr umfangreiche und bewundernswerte Recherchearbeit betrieben.

Insgesamt ein Roman, der trotz meiner Kritik gute Unterhaltung bietet und einen Kriminalfall aufgreift, der an Ungereimtheiten seinesgleichen sucht.

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Veröffentlicht am 04.01.2023

Ist mein Sohn ein Mörder?

Wo der Wolf lauert
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Hat mein Sohn Adam einen Mensch getötet? Diese Frage stellt sich Lilach Schuster, die mit ihrem Mann aus Israel in die USA eingewandert ist. In die scheinbare Idylle der wohlhabenden Familie in Silicon ...

Hat mein Sohn Adam einen Mensch getötet? Diese Frage stellt sich Lilach Schuster, die mit ihrem Mann aus Israel in die USA eingewandert ist. In die scheinbare Idylle der wohlhabenden Familie in Silicon Valley bricht dieser Todesfall ein wie ein Tornado. Gerade erst war ein Anschlag in einer Synagoge in der Gemeinde verübt worden und einige der Jugendlichen haben daraufhin einen Krav-Maga-Kurs belegt. Dieser Selbstverteidigungskurs wird von Uri geleitet, einem charismatischen Mann, der die Jugendlichen - unter ihnen auch den eher lethargischen Adam - schnell auf Zack bringt. Hat das eine etwas mit dem anderen zu tun?

Die Handlung wird aus der Sicht der Mutter erzählt und genauso wie Lilach sind wir überzeugt, dass Adam auf keinen Fall seinen Mitschüler getötet haben kann und eine Seite später, dass Adam es doch gewesen sein könnte. Immer neue Details kommen ans Licht und Lilachs Wechselbad der Gefühle nimmt die Leser mit.

Ayelet Gundar-Goshen thematisiert in diesem Roman Herkunft und Heimat, Rassismus und Antisemitismus, verwoben in eine Familiengeschichte und einen spannenden Plot.

Der Roman hat mir gut gefallen. Was macht es mit einer israelischen Familie, wenn sie im sonnigen Kalifornien lebt, scheinbar weit weg vom Konflikt, der zuhause den Alltag bestimmt? Wie verändert sich das Verhältnis zu den Eltern und Verwandten in Israel, wenn man zwar reich geworden ist, aber dafür der Heimat den Rücken gekehrt hat? Wie weit darf man sich assimilieren? Die Autorin beleuchtet diese vielen Konflikte durch Lilachs Augen, die geglaubt hat, alles richtig zu machen - für ihren Sohn.

Das Buch ist kein Krimi, allerdings mögen einigen wiederum die Krimielemente zu zahlreich sein. Für mich ist es die Geschichte einer israelisch-amerikanischen Familie, die in ihren Grundfesten erschüttert wird, wobei das Fundament bereits vorher auf wackeligem Boden stand. Dennoch spannend erzählt und mit einem gehörigen Twist, der den Roman zum Ende hin in eine ganz neue Richtung lenkt.

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Veröffentlicht am 22.12.2022

Das Glück zerrinnt zwischen den Fingern

Über Carl reden wir morgen
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Anton und Rosa Brugger sind Geschwister und leben in einem eher abgelegenen Tal in Österreich in der Hofmühle. Während Anton in der Mühle bleibt, geht Rosa nach Wien und lernt ein ganz anderes Leben kennen. ...

Anton und Rosa Brugger sind Geschwister und leben in einem eher abgelegenen Tal in Österreich in der Hofmühle. Während Anton in der Mühle bleibt, geht Rosa nach Wien und lernt ein ganz anderes Leben kennen. Jahre später geht Antons Sohn Albert zur Kriegsmarine und bleibt insgesamt 12 Jahre fort. In der Mühle, die das Zentrum der Handlung ist, treffen er und seine Tante wieder aufeinander. Über mehrere Jahrzehnte und Generationen spannt sich der Bogen dieser Familiengeschichte. Immer wieder brechen Familienmitglieder aus dem engen Leben in der Mühle aus, das zieht sich durch den gesamten Roman. Neben den dörflichen Tragödien spielt vor allem der 1. Weltkrieg eine wichtige Rolle innerhalb der Familie Brugger.

Es stehen immer zwei Personen im Mittelpunkt der verschiedenen Abschnitte. Hatte man die zwei liebgewonnen, ging es schon in der nächsten Generation weiter. Einige wichtige Erklärungen werden erst nach und nach eingeflochten, so entsteht ein dichtes Handlungs- und Personengewebe.

Trotz der vielen Schicksalsschläge, die die Familie zu überstehenden hat, habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es ist spannend, dramatisch, traurig und tragisch, denn von vielen Protagonisten muss man sich innerhalb der Handlung verabschieden. Es tat schon weh zu lesen, wie das Glück den Figuren immer wieder durch die Finger rinnt. Die Charaktere haben mir in ihrer Vielfalt sehr gut gefallen, einzig Eugen war in meinen Augen als Getriebener etwas überzeichnet. Die Handlung nach Ende des Krieges hatte zudem leichte Züge eines Boulevardstückes.

Die Autorin kann sehr gut erzählen, da wird ein riesiges Panorama an Personen und Geschehnissen aufgebaut, das die Jahrzehnte der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn widerspiegelt. Ein Familienroman, der mich sehr gefesselt hat. Gut, dass ich den Klappentext nicht gelesen hatte, er verrät wieder einmal (völlig unnötig) viel zu viel.


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Veröffentlicht am 01.12.2022

Was ist Heimat?

Jahre mit Martha
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Eine Anziehung, die keiner richtig erklären kann: Martha Gruber, 40 Jahre und Professorin - Željko alias Jimmy, 15 Jahre, dessen Familie aus der Herzegowina stammt und dessen Mutter bei Frau Gruber putzt. ...

Eine Anziehung, die keiner richtig erklären kann: Martha Gruber, 40 Jahre und Professorin - Željko alias Jimmy, 15 Jahre, dessen Familie aus der Herzegowina stammt und dessen Mutter bei Frau Gruber putzt. Jimmy erledigt während der Sommerferien einige Arbeiten in Haus und Garten. Bei Grubers gibt es eine riesige Hausbibliothek, Jimmys Familie besitzt nur zwei Bücher. Für den Jungen liegt hier der Unterschied zwischen seiner Familie und den Grubers, nicht in Haus, Pool und Auto. Der Zugang zu Bildung scheint ihm die universelle Lösung zu sein.

"Ganz gleich, wie viele Arbeitsstellen meine Eltern noch annehmen würden - hier sah ich alles, was ich von ihnen nie würde bekommen können. Hier in diesem Raum, das dachte ich damals, lag das verborgen, was die Voraussetzung dafür sein musste, ein kluger Mensch zu sein." (S. 52)

Als die Ferien vorbei sind, trennen sich die Wege der beiden. Jimmy beginnt nach dem Abitur ein Studium in München. Hier trifft er auf den umschwärmten Literaturprofessor Alex Donelli und wird durch einen Zufall sein Assistent. Er wird Martha wieder begegnen. Eine Reise in die Herzegowina und illegale Geschäfte stehen ihm bevor, ehe er endlich glücklich werden wird - anders als er es sich gedacht hatte.

Mir haben die ersten 110 Seiten wahnsinnig gut gefallen. Wie Jimmy über sein Leben reflektiert, die Zukunft, seine Familie, was es heißt "nicht deutsch" zu sein, das war in Verbindung mit der Sprache ganz großartig zu lesen. Der Roman ist in der Ich-Perspektive des Protagonisten im Rückblick verfasst, deswegen spricht und reflektiert der 15-Jährige wie ein Erwachsener. Als Martha erneut in "Jimmys" Leben tritt, hat sich der "Sound" der Geschichte irgendwie geändert und ich habe diese Passagen nicht mehr mit der gleichen Begeisterung gelesen. Die intime Beziehung der beiden empfand ich als - sagen wir mal - irritierend. Zum Ende hin hat es mir dann wieder besser gefallen, obwohl die Handlung nach dem ersten Drittel eher episodenhaft wurde und ich auch nicht mit allem etwas anfangen konnte. Was sollte z.B. die Szene im Heizungskeller? Die Stringenz ging für mich teilweise verloren und auch ein bisschen die Leichtigkeit.

Dennoch ist das Buch lesenswert. Es gibt so viele schlaue Sätze, die zum Nachdenken anregen. Über das Leben im Allgemeinen, über Glück und wie man sich fühlt, wenn man keine richtige Heimat mehr hat.

Und es gibt viele witzige Sätze in diesem Roman, der über weite Strecken sehr unterhaltsam ist und ich fand Jimmy und seine weitverzweigte Familie sehr sympathisch und ich habe mit ihnen mitgefühlt. Der Autor hat seine Figuren ganz liebevoll gestaltet und die Geschichte ist gespickt mit gut beobachteten Details. Die Lesewut, die nur durch die Altpapiercontainer gestillt werden kann, der Besuch beim BIZ, die Arbeit an der Uni und mit Donelli, die Begegnung mit der Reinigungsfrau bei CBM etc.

Jimmy versucht sein Glück (und seinen Weg heraus aus der Zwei-Zimmer-Wohnung seiner Familie) zu finden, aber er findet es nicht mit Martha und er findet es nicht mit Donelli. Dieses Beziehungsgeflecht, wer hier was von wem will und wer wen möglicherweise ausnutzt, fand ich sehr gelungen kreiert.

Ich möchte noch viel mehr schreiben, um die vielen Aspekte des Buches anzusprechen, das sollte aber bis hier her genügen, um neugierig zu machen, oder?


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Veröffentlicht am 01.12.2022

Poetische Reise ins winterliche Norwegen

Das Eis-Schloss
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Die Handlung ist in wenigen Sätzen zusammengefasst: Ein kleiner Ort in Norwegen. Das Mädchen Unn kommt als Waise zu ihrer Tante, hält sich von den anderen Kindern in der Schule aber scheu zurück. Eines ...

Die Handlung ist in wenigen Sätzen zusammengefasst: Ein kleiner Ort in Norwegen. Das Mädchen Unn kommt als Waise zu ihrer Tante, hält sich von den anderen Kindern in der Schule aber scheu zurück. Eines Tages gehen Blicke zwischen ihr und der elfjährigen Siss, der Anführerin, hin und her und schließlich verabreden sich die beiden Mädchen. Unmittelbar entsteht eine Verbundenheit, ein Verstehen, das für die Leser in seiner Tiefe nur zu erahnen ist. Diese eine freundschaftliche Begegnung reicht aus, um das Gefüge in der Klasse und dann auch im Dorf durcheinander zu wirbeln, denn am nächsten Tag verschwindet Unn. Ihre Abwesenheit reißt Siss in eine Trauer, die für die anderen unverständlich ist.

Tarjei Vesaas gilt als einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts und wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Das besondere an seinen Texte ist, dass er sie auf Nynorsk verfasste. Diese Sprache basiert auf westnorwegischen Dialekten. Inwieweit der spezielle Klang dieser Sprache in die Übersetzung einfließen konnte, vermag ich nicht zu sagen. Das Buch liest sich aber nicht wie ein klassischer Roman. Die Handlung ist recht übersichtlich, aber die Darstellung der Natur, vor allem des Eis-Schlosses, bei dem es sich um das kunst- und geheimnisvolle Gebilde rund um einen Wasserfall handelt, ist unglaublich poetisch beschrieben. Fast schon mystisch bewegen wir uns mit den Figuren durch den Wald, am Fluss entlang und bis zum Eis-Schloss. Es ist der zentrale Ort in dieser Geschichte, es ist Ziel, Unheil und Erlösung. Von Beginn an dröhnt immer wieder das Eis auf dem See und schafft eine bedrohliche Atmosphäre.

In kleinen Kapiteln, kurzen Sätzen und knappen Dialogen, die von der warmherzigen aber eher zurückhaltenden Dorfgemeinschaft zeugen, erschafft der Autor quasi ein literarisches Eis-Schloss, das alles in sich birgt, bis es der Frühling endlich wieder frei gibt.

Ich habe das Buch gerne gelesen, es passt hervorragend in diese Jahreszeit und regt zum Mit- und Nachdenken an.

Aus dem Norwegischen übersetzt von Heinrich Schmidt-Henkel.


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