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Veröffentlicht am 22.11.2021

Durch Zeiten und Geschichten

Wolkenkuckucksland
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Der neue Roman von Pulitzer-Preisträger Anthony Doerr ist eine Hommage an die Werke der Antike, an Bibliotheken und Bücher, die Natur, an unsere Welt - großartig!

1453 wird das christliche Konstantinopel ...

Der neue Roman von Pulitzer-Preisträger Anthony Doerr ist eine Hommage an die Werke der Antike, an Bibliotheken und Bücher, die Natur, an unsere Welt - großartig!

1453 wird das christliche Konstantinopel belagert und nach fast 1000 Jahren werden die starken Mauern erstmals fallen. Hinter diesen Mauern lebt die kleine Waise Anna, die als Stickerin arbeitet. Draußen vor der Mauer muss Omier die Osmanen bei der Eroberung der Stadt unterstützen.

2020 kann Seymour die Zerstörung der Umwelt nicht mehr ertragen und will ein Bauunternehmen in Idaho schädigen, indem er in der benachbarten Bibliothek eine Bombe platziert.

In einer fernen Zukunft ist Konstance in einem Raumschiff unterwegs, um gemeinsam mit ihren Eltern und anderen Passagieren, einen neuen Planeten zu besiedeln.

Diese Schicksale sind durch einen antiken Roman verbunden, in welchem der (Anti-)Held auf der Suche nach der Stadt in den Wolken ist.

Wow, was für ein Buch. So viele Geschichten, so viele Charaktere und so eine unglaublich breit gefächerte Handlung.

Der Roman ist komplex angelegt, da nicht nur die drei Erzählstränge abwechselnd aufgegriffen werden, sondern diese auch noch durch Einschübe aus dem antiken Roman gegliedert werden. Zudem gibt es noch Zeitsprünge innerhalb der einzelnen Erzähltstränge, die Abschnitte werden nicht chronologisch erzählt.

Was zunächst etwas verwirrt, entfaltet bald eine unglaubliche Sogwirkung, denn Doerrs Charaktere sind so tief, besonders und glaubwürdig gezeichnet, dass man ihnen und ihren Geschichten einfach folgen muss. Wir können bis in das Innerste der Figuren schauen. Der dichte, atmosphärische Schreibstil und die Detailfreunde des Autors lassen das mittelalterliche Konstantinopel ebenso vor dem geistigen Auge lebendig werden, wie die Zustände im Raumschiff.

Die antike Mythologie, ihre Romane und Helden spielen als Unterbau eine wichtige Rolle im Roman. Es gibt viele Anspielungen, die das Lesevergnügen noch steigern. So heißt z.B. die künstliche Intelligenz im Raumschiff Sybil, nach der antiken Seherin/Prophetin Sibylle. Daneben werden Umweltzerstörung und globale Technologie thematisiert.

Im Mittelpunkt stehen aber die jungen Protagonisten in den verschiedenen Jahrhunderten, die alle an einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen.

Das Buch ist wahrlich umwerfend konstruiert und geschrieben, ein Leckerbissen für Literaturfans. Man sollte aber gerade zu Beginn nicht der Versucherung erliegen, immer nur kleine Häppchen zu lesen, da sich dies wegen der kurzen Kapitel anbietet. Lieber für den Einstieg etwas Zeit nehmen und sich mit allen Erzählsträngen vertraut machen, dann kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen.

Eine absolute Leseempfehlung und fünf Sterne für Wolkenkuckucksland in seinem wunderschönen Cover.

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Veröffentlicht am 04.11.2021

Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Wenn ich wiederkomme
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"Manchmal geht es nicht anders [...]." (S. 80)

Daniela hat ihre Familie in Rumänien heimlich verlassen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Mit dem Geld will sie ihren beiden Kindern, Angelica ...

"Manchmal geht es nicht anders [...]." (S. 80)

Daniela hat ihre Familie in Rumänien heimlich verlassen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Mit dem Geld will sie ihren beiden Kindern, Angelica und Manuel, eine gute Schulbildung ermöglichen. Zurück bleiben die Kinder in der Obhut des arbeitslosen Vaters und der Großeltern. Nur sporadisch kommt die Mutter wieder zurück, verpasst das Leben der Kinder, die sich im Stich gelassen fühlen. Nichts entwickelt sich so wie erhofft und Daniela sieht sich in einer Situation gefangen, der sie nicht entkommen kann. Erst als Manuel einen Unfall hat, läßt sie alles stehen und liegen und fährt zurück in ihr kleines Dorf. Aber wird sie bleiben?

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven geschildert. Manuel, Daniela und Angelica erzählen jeweils aus ihrer Sicht, was die Situation mit ihnen macht und wie sie versuchen, diese zu bewältigen. Die Stimmen der Kinder umklammern dabei die Erzählung der Mutter, die im mittleren Teil über ihre Zeit in Italien berichtet. Erst in diesem Teil wird klar, wie hart die Arbeit ist und was sie mit Daniela macht, wie sehr sie ihre Kinder vermisst und warum sie doch nicht nach Hause fährt.

Über allem schwebt eine Sprachlosigkeit, die durch Danielas Abreise ohne Abschied eingeleitet wird. Die fehlende Kommunikation sorgt dafür, dass letztlich keiner glücklich aus dieser Situation herausgeht.

Balzano hat einen angenehmen Schreibstil, den man gut lesen kann. Er gibt den drei Ich-Erzähler*innen jeweils eine eigene Stimme: Manuels Abschnitt liest sich wie ein Jugendroman. Seine Gefühle wie Unsicherheit, Angst, Liebe etc. werden glaubhaft durch die "Jugendsprache" transportiert. Daniela erzählt ruhiger, aber auch zerrissen und erschöpft. Angelicas Teil ist eher kühl und abgeklärt.

Marco Balzano hat für seinen Roman viel Recherchearbeit betrieben, die er in seinem Nachwort erläutert. Das Problem des Pflegenotstandes und der massenhaften Migration von Müttern aus Osteuropa als "billige" Arbeitskräfte im Pflegebereich wird am Einzelschicksal von Daniela herausgearbeitet. Erschreckenderweise gibt es für den Burnout, an dem ehemalige Pflegekräfte häufig erkranken, unter osteuropäischen Psychiatern bereits einen eigenen Begriff: Italienkrankheit. Es leiden jedoch nicht nur die Frauen an der immensen Belastung durch die Betreuungsarbeit, sondern auch die zurückbleibenden Familien, vor allem die Kinder durch die Abwesenheit der Mutter. Sie müssen ohne die engste Bezugsperson auskommen. Es gibt nur Opfer in dieser Konstellation.

Der Roman wirft viele Fragen auf und regt zum Nachdenken über die Situation dieser Familien und die hoch aktuelle Problematik an. Eine Lösung ist nicht absehbar, angesichts der voranschreitenden Überalterung der westlichen Gesellschaft und des sich ausweitenden Pflegenotstandes. Ein wichtiges Buch, das von mir vier Sterne erhält.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Elend in einem georgischen Internat

Das Birnenfeld
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Der Klappentext liest sich wie ein Jugendbuch, in dem junge Mädchen rebellieren und die Verhältnisse in einem Internat in Georgien zum Guten wandeln. Das habe ich aus dem Buch aber so nur in Teilen herausgelesen. ...

Der Klappentext liest sich wie ein Jugendbuch, in dem junge Mädchen rebellieren und die Verhältnisse in einem Internat in Georgien zum Guten wandeln. Das habe ich aus dem Buch aber so nur in Teilen herausgelesen. Was wesentlich vordergründiger ist, ist das dargestellte Elend, die Armut und die unzureichende Versorgung der Kinder.

Lela ist bereits 18 Jahre und nimmt in dem Internat, in dem sie aufwuchs, einen kleinen Job als Parkplatzbewacherin an. Daneben unterstützt sie die überforderten Lehrkräfte bei der Betreuung der Internatskinder. Offiziell ist das baufällige Gebäude ein Internat für geistig behinderte Kinder, doch tatsächlich ist es ein Sammelbecken für all die Kinder, die sonst keinen Platz finden. Teilweise von ihren Eltern verlassen, abgegeben und vergessen. Als sich ein amerikanisches Ehepaar ankündigt, könnte sich für ein Kind die Lage entschieden ändern.

Die Handlung wird aus der Sicht von Lela erzählt. Dabei hat man das Gefühl, dass man in ihrem Tagebuch liest, denn es handelt sich um viele Einzelszenen. Der Alltag im Internat wird durch diese Einblicke verdeutlicht und die sehr unterschiedlichen Kinder werden durch die geschilderten Einzelschicksale dargestellt. Dabei werden einige besonders außergewöhnliche Kinder sozusagen en bloc in einem Rückblick vorgestellt. Immer wieder wird Missbrauch thematisiert, dem die Internatskinder ausgesetzt sind, durch Lehrkräfte, andere Kinder oder Außenstehende aus der Siedlung. Das titelgebende Birnenfeld spielt in diesem Zusammenhang auch eine Rolle. Die "kleinen, krüppeligen" Birnbäume stehen zudem für die Kinder, die nicht aus dem Internat entkommen können und in dem schlammigen Boden des Birnenfeldes festgehalten werden. So sind auch die Früchte dieser Bäume ungenießbar: "Wenn sie taugen würden, wären sie längst weg!" (S.148)

Lela ist zwar ein patenter Hauptcharakter, aber man kommt ihr nicht wirklich nahe. Insgesamt tauchen sehr viele Personen in diesem Roman auf, die aufgrund der georgischen Namen durchweg (zumindest für mich) für Verwirrung sorgen. Es gibt viele interessante kleine Szenen, zum Beispiel das Telefonieren bei den Leuten im Wohnblock oder die Hochzeitsfeiern im Internat. Auch das Titelbild wird durch eine kleine Geschichte erläutert. Allerdings überwiegt der Eindruck von Szenen, die das Elend der Kinder darstellen, auch wenn Lela recht leidenschaftslos, ja nahezu nüchtern über diese Dinge berichtet.

Insgesamt konnte mich der Roman leider nicht überzeugen. Es fehlt für mich eine durchgängigere und tiefergehendere Handlung und ein emphatischerer Schreibstil, der dem Thema angemessener gewesen wäre. Auch bereitet der Klappentext nicht auf den Inhalt (Gewalt, Missbrauch etc.) vor. Daher vergebe ich dreieinhalb Sterne.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Mördersuche in Stockholm

Der Spiegelmann
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Zum mittlerweile achten Mal kämpft Kriminalkommissar Joona Linna in Stockholm gehen das Böse. In diesem Fall hat er es mit einem besonders perfiden Serientäter zu tun, der seine Opfer offenbar jahrelang ...

Zum mittlerweile achten Mal kämpft Kriminalkommissar Joona Linna in Stockholm gehen das Böse. In diesem Fall hat er es mit einem besonders perfiden Serientäter zu tun, der seine Opfer offenbar jahrelang gefangen hält. Als die Leiche der seit fünf Jahren vermissten Jenny gefunden wird, kommt der Fall ins Rollen. Es gibt sogar einen Augenzeugen, der sich jedoch an kaum etwas erinnern kann. Liegt hier die Lösung des Falls? Linna bittet seinen alten Bekannten Erik Bark um Hilfe, der mittels Hypnose die verschütteten Erinnerungen des Zeugen an die Oberfläche holen will.

Das Autorenehepaar Ahndoril alias Lars Kepler lässt auch in diesem Band der Serie Joona Linna von einer gefährlichen Situation in die nächste rennen. Er ist ständig unterwegs und ebenso atemlos verfolgen die Lesenden das Geschehen. Die kurzen Kapitel tragen ebenso zur Spannung bei, wie der Perspektivenwechsel zwischen Opfern und Suchenden. Joona kommt mir als Person aber etwas zu kurz. Sein Privatleben wird am Anfang und am Ende der Handlung eingeflochten, scheint aber entbehrlich. Er hat zwar mit einer neuen Vorgesetzten zu kämpfen und scharrt noch einige wenige Bekannte um sich, ist aber eigentlich Einzelkämpfer. Selbst das Wiederauftreten des Hypnotiseurs aus dem ersten Band versickert für mich ein bisschen. Linnas Tätersuche und der gleichzeitige Blick auf die Opfer stehen im Fokus.
Daher kann der 8. Band unabhängig gelesen werden. Vorwissen ist nicht erforderlich.

Insgesamt ein spannender Thriller, den ich schnell gelesen habe, der aber auch vorhersehbar war. Das Ende macht allerdings ziemlich neugierig auf das nächste Buch. Vier Sterne.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Eine Todesliste und eine verschwundene Polizistin

Die Früchte, die man erntet
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Im 7. Band der Serie um den Psychologen Sebastian Bergmann geht es um die Suche nach Serienmördern, einen davon kennen Fans der Serie bereits.

Als in einer Kleinstadt drei Menschen erschossen werden, ...

Im 7. Band der Serie um den Psychologen Sebastian Bergmann geht es um die Suche nach Serienmördern, einen davon kennen Fans der Serie bereits.

Als in einer Kleinstadt drei Menschen erschossen werden, steht Vanja als neue Leiterin der schwedischen Reichsmordkommission vor ihrem ersten großen Fall. Zunächst scheinen die Toten nichts mit einander zu tun zu haben, aber bald findet das Ermittlungsteam einen Zusammenhang. Zeitgleich bahnen sich innerhalb des aktuellen Teams und seiner früheren Mitglieder, Torkel und Sebastian, verhängnisvolle Entwicklungen an.

Schon recht früh weiß man, wer hinter den Morden steckt. Diese Konstellation finde ich in Thrillern nicht so spannend, wie die Variante, dass man als Leser*in gemeinsam mit der Polizei zunächst mehrere Richtungen verfolgt und Verdächtige ausschließen muss. Etwa ab der Hälfte ist diese Handlung auch nahezu abgeschlossen und die Entwicklungen innerhalb des Teams rücken mehr in den Vordergrund. Hier geht es um Billy, den langjährigen Mitarbeiter und IT-Fachmann, der im Dienst bereits zwei Menschen erschießen musste. Er hat seine Neigung lange unter Verschluss gehalten, aber dann bietet sich ihm eine Gelegenheit, die besser nicht sein könnte.

Im Heckenschützenfall hat es mir ein bisschen an Spannung gefehlt, die stellt sich dann aber ein, als es im zweiten Teil hauptsächlich um das Team geht. Auch ist es Schade, dass Sebastian Bergmann nicht mehr Mitglied der Reichsmordkommission ist, seine Figur kommt mir hier fast zu kurz, obwohl er wichtiger Teil der Handlung ist. Vieles, was die Serien ausgemacht hat, hängt mit seiner Figur zusammen. Ich hoffe hier auf den nächsten Teil.

Die Kapitel sind wieder recht kurz und treiben die Handlung voran und im Verlauf auch die Spannung. Zum Ende hin wird es wirklich aufregend und nach dem Showdown kommt erst der richtige Hammer und jetzt heißt es wieder warten, warten, warten bis der nächste Band erscheint.

Man kann den 7. Teil unabhängig lesen, würde sich aber um viele Aha-Momente und spannende Entwicklungen in den vorherigen Büchern bringen, wenn man dieses Buch als erstes lesen würde. Es reicht hier nur für wohlwollende viereinhalb Sterne. Insgesamt ist es aber eine meiner Lieblingsreihen. Wer sie noch nicht kennt, unbedingt lesen!

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