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Veröffentlicht am 07.09.2025

Der stille Raum

Todesrauschen
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Mit "Todesrauschen" legt Vincent Kliesch den dritten Teil der Auris-Reihe vor.

Mich haben vor allem die interessanten Charaktere dazu gebracht, mit der Buchserie zu beginnen. Da ist zum einen Professor ...

Mit "Todesrauschen" legt Vincent Kliesch den dritten Teil der Auris-Reihe vor.

Mich haben vor allem die interessanten Charaktere dazu gebracht, mit der Buchserie zu beginnen. Da ist zum einen Professor Matthias Hegel, ein akustischer Profiler, und zum anderen die True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge. Was ein forensischer Phonetiker alles hören kann, ist schon sehr beeindruckend, das waren mitunter die spannendsten Elemente der Serie.

Die Bände bauen aufeinander auf, daher wäre es von Vorteil, mit "Auris" zu beginnen, dort lernen sich die beiden Protagonisten kennen: Hegel hat einen Mord gestanden und sitzt in Haft. Der umtriebigen Jula kommen Zweifel an seinem Geständnis und sie versucht ihn mit allen Mitteln frei zu bekommen. Dazu kommen noch Julas Trauma um den toten Bruder Moritz und allerlei putzige Nebenfiguren, so ihr kleiner Halbbruder Elyas.

Dieser dritte Teil ist in meinen Augen auch der schwächste. Er bringt die Handlung zwar zu einem Abschluss und klärt offene Fragen, dreht sich aber irgendwie im Kreis. Letztlich geht es "nur" um die Entführung von Hegel und Jula, um an eine Information zu kommen und dabei spielt das titelgebende Todesrauschen eine Rolle. Hegels Fähigkeiten sind zwar erneut gefragt, werden jedoch nicht so spannend eingesetzt wie in den beiden anderen Teilen.

Die gewohnt kurzen Kapitel, die oft mit einem Cliffhanger enden, lesen sich total rasch. Ironische Selbstgespräche und -reflektionen lockern die Handlung wieder auf. Elyas bringt mit seiner "Jugendsprache" Pfiff in das Buch, ist aber gelegentlich auch etwas drüber.

Um die Reihe zu einem vorläufigen Ende zu bringen (es gibt natürlich die Aussicht auf weitere Bände) hätte ich mir etwas mehr Hegel-Einsatz und mehr Handlung gewünscht. Dennoch ein unterhaltsamer Thriller mit überraschenden Wendungen, Ironie und Witz und dazu flott geschrieben

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Eine Stadt sucht einen Mörder

Die Könige von Babelsberg
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Elisabeth, die Frau des Regisseurs Fritz Lang, liegt erschossen auf dem Ehebett. Kommissar Walter Beneken ermittelt und stößt auf Ungereimtheiten. Warum liegt ein Pantoffel im Ascheimer? Warum wurde der ...

Elisabeth, die Frau des Regisseurs Fritz Lang, liegt erschossen auf dem Ehebett. Kommissar Walter Beneken ermittelt und stößt auf Ungereimtheiten. Warum liegt ein Pantoffel im Ascheimer? Warum wurde der angebliche Selbstmord erst Stunden später gemeldet? Fritz Lang und die Drehbuchautorin Thea von Harbou zeigen sich offen als Paar, das auch in absehbarer Zeit heiraten möchte, während Beneken immer weiter in das Filmuniversum gezogen wird.

Ralf Günther hat einen historischen Kriminalfall aus dem Jahr 1920 ins Zentrum seines Buches gestellt. Der bereits bekannte, durch spätere Klassiker wie "Metropolis" (1927) und "M - eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) zu großem Ruhm gekommene Lang, steckt nun selbst mitten in einem Drama. Wunderbar wird die Welt des Stummfilms und des Filmkonzerns UFA in Berlin gezeigt. Eine wirklich faszinierende Thematik, die sehr gut recherchiert wurde. Das wilde Nachtleben Berlins darf in keinem Buch, das in dieser Epoche angesiedelt ist, fehlten. Es spielt im Leben des Kriminalkommissars eine maßgebliche Rolle, die ich aber nicht recht glaubwürdig fand. Insgesamt hatte ich mir von dem Buch - aufgrund des spannenden und interessanten realen Hintergrundes - ein bisschen mehr versprochen. Mit 250 Seiten (und viel freiem Platz) liest es sich sehr schnell.

Optisch sehr schön umgesetzt ist das Filmthema durch die Kapitel- und Zwischenüberschriften, die wie Zwischentitel (einmontierte Texttafeln) im Stummfilm gestaltet sind. Ein informatives Nachwort rundet den Roman ab.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Am Rand der Welt

Klara vergessen
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Murmansk liegt auf der russischen Halbinsel Kola und ist 360 km vom Nordkap entfernt und 1.350 km von Moskau, aber der Arm der Regierung reicht bis in die letzten Winkel des Landes.

Hier ist Juri 1971 ...

Murmansk liegt auf der russischen Halbinsel Kola und ist 360 km vom Nordkap entfernt und 1.350 km von Moskau, aber der Arm der Regierung reicht bis in die letzten Winkel des Landes.

Hier ist Juri 1971 geboren und kommt nun 2017 erstmals nach 23 Jahren in Amerika zurück in seine alte Heimat. Alle Verbindungen hatte er gekappt, aber dem Wunsch des ungeliebten Vaters Rubin, ihn noch einmal zu sehen, bevor er stirbt, kann Juri sich doch nicht entziehen. Rubin erzählt auf dem Sterbebett erstmals von seiner Mutter Klara, die er bereits mit fünf Jahren verloren hat und deren Verschwinden bis heute nachwirkt: Zu Beginn hatte Rubin seinen Vater Anton noch nach Klara gefragt, erhielt aber keine Antwort. "'Hast Du mich verstanden? Ich will keine Fragen mehr hören. Sei fleißig in der Schule und ein gute Kommunist, wenn du eine Zukunft haben willst. Vergiss deine Mutter!' [...] Er schwor sich noch einmal, nie wieder Angst zu haben. Aber Klara vergessen! Das war völlig unmöglich." (S. 188)

Wie wirkt sich das Verschwinden einer geliebten Person auf die Kernfamilie und die Enkelgeneration aus? Autissier geht dieser Frage nach und schickt uns gemeinsam mit Juri auf die Suche nach Klaras Schicksal, das während der stalinistischen Ära einen ungeplanten Verlauf nahm. In einem zumindest teilweise ganz anderen Setting als in ihrem Debüt "Herz auf Eis" werden von Autissier erneut menschliches Verhalten, Moral und Naturbeschreibung zu einer spannenden Geschichte verwoben. Sprachlich hält uns die Autorin durch einen eher dokumentarischen Schreibstil auf Abstand, dennoch fiebert man mit und fragt sich, was noch alles ans Licht kommen wird.

Den 350-Seiten-Roman hatte ich in zwei Tagen durchgelesen. Man muss noch lange über die Geschichte nachdenken, kann vieles verstehen, aber nicht alles verzeihen. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 22.08.2025

Überspitzt und entlarvend

Nach Mitternacht
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Irmgard Keun schieb einen großen Teil des Romans vor ihrem Exil 1936. Sie ist daher ganz nah dran am alltäglichen Leben in Deutschland, das durch die NS-Diktatur vergiftet wird. Ihre Ich-Erzählerin, die ...

Irmgard Keun schieb einen großen Teil des Romans vor ihrem Exil 1936. Sie ist daher ganz nah dran am alltäglichen Leben in Deutschland, das durch die NS-Diktatur vergiftet wird. Ihre Ich-Erzählerin, die 19-jährige Sanne, stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Durch ihre Augen und Ohren sehen und hören wir, wie das Regime in den Alltag hineinwirkt. Ein besonderes Augenmerk richtet sie auf die Sprache, den Gespräche werden viele geführt in diesem Roman, in den Kneipen, auf der Straße, bei Festen und Aufmärschen. Einerseits entlarvt die überspitzte Darstellung und die scheinbare Naivität der Protagonistin die Diktatur und ihre Machthaber und macht sie lächerlich, andererseits wird deutlich, wie sich der willkürliche Terror ausgebreitet hat. Das Denunziantentum spielt dann auch eine wichtige Rolle im Leben von Sanne und ihrem Freund Franz und zwingt die beiden zu einer Entscheidung nach Mitternacht.

Trotz der Kürze des Textes (173 Seiten) entfaltet Keun ein Panorama der Zeit. Das Nachwort von Heinrich Detering trägt sehr zum Verständnis des Textes bei, vor allem was den Ursprung der "verklausulierten" Sprache betrifft. Ein wichtiger Klassiker, den ich gerne gelesen habe.

Ich habe mir viele Textstellen markiert, hier nur zwei Beispiele, wie Keun mit der besonderen Sprache dieses Romans den Alltag schildert:

"Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand." (S. 31)

"Und immer mehr Menschen strömen herbei, das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtsstätte. Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern, alles wird zu Protokoll genommen, alle Anzeigenden werden gut und freundlich behandelt." (S. 80)

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Erinnern im Exil

Sunset
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Lion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ...

Lion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ein Telegramm, das ihm den Tod des Freundes mitteilt. Allein in seinem Haus in Pacific Palisades erinnert er sich an Begegnungen mit Brecht und läßt diese Revue passieren, nicht ohne auch über das eigene Leben zu sinnieren.

In wunderbarer Sprache belebt Modick die Freundschaft zwischen den beiden Autoren, die so unterschiedlich waren. Brecht, das große aber mittelloseTalent, entpuppt sich stellenweise als Schnorrer erster Klasse. Feuchtwanger - immer großzügig - sieht souverän darüber hinweg. Großartig auch die Schilderungen des künstlerischen (Exil-)Kreises, der sich in Kalifornien gebildet hat - Hollywood ist nicht weit. Dort trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Die Beziehung zu den Manns ist dagegen nur an der Oberfläche höflich korrekt: Erika ("spitzzüngige Giftspritze", S. 55) und Thomas bekommen ihr Fett weg und Klaus wird eher bedauert, als der "unglücklichste aller Söhne" (S. 69). Über diesen Rückblenden schwebt immer die Angst vor den McCarthy-Ausschüssen und der sich hinziehende Prozeß der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft.

Mir hat dieser kleine - teilweise fiktive - Einblick in die Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger sehr gefallen. Die Zusammentreffen der beiden sind lebendig, farbig, sprachlich kunstvoll und auch witzig geschildert.

Zwei Jahre nach Brecht stirbt Feuchtwanger an Magenkrebs, den Modick zu Beginn des Romans bei Feuchtwangers Morgengymnastik bereits "zwickend" in Erscheinung treten läßt.

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