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Veröffentlicht am 03.12.2023

Vom Leben und Verlust

Die Schuhe meines Vaters
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Andreas Schäfer schreibt über seinen Vater, über ihre letzte Begegnung, dessen Leben und den Verlust, den er nach seinem Tod empfindet.
Der autobiografische Text ist in drei Teile eingeteilt. Zu Beginn ...

Andreas Schäfer schreibt über seinen Vater, über ihre letzte Begegnung, dessen Leben und den Verlust, den er nach seinem Tod empfindet.
Der autobiografische Text ist in drei Teile eingeteilt. Zu Beginn erleben wir die beiden gemeinsam, wie sie Rituale abspulen und über die bereits prekäre gesundheitliche Situation fast kein Wort verlieren. Schließlich landet der Vater im Krankenhaus, und der Sohn muss die schwere Entscheidung treffen, ob die Maschinen abgestellt werden sollen. Nach dem Tod setzt er sich mit dem Leben des Vaters auseinander, analytisch die Stationen abgehend, die ihn ausgemacht haben. Und schließlich begibt sich der Sohn selbst auf eine Reise, um auf den Spuren des Vaters zu wandeln.
„Kein Sohn will die Achtung vor dem eigenen Vater verlieren, und natürlich ist mit diesem Buch auch die sprachmagische Hoffnung verbunden, mithilfe neutraler Sätze die (falls noch vorhandenen) letzten Spuren der frühen Verächtlichkeit ihm gegenüber zu tilgen und ins rechte Sohnes-Verhältnis zurückzufinden.“ Im Vergleich mit anderen vergleichbaren Werken habe ich Schäfers Art eher als kühle, distanzierte Berichterstattung empfunden, die weniger seine Gefühle offenbart. Seine Sprache und Einteilung habe ich als ansprechend empfunden.

Veröffentlicht am 26.11.2023

Aus eigenem Antrieb

Ehrgeiz
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In der Reihe „übermorgen“ veröffentlicht der Kremayr & Scheriau Verlag Essays unter jeweils einem plakativen Oberbegriff, in diesem Fall „Ehrgeiz“. Es handelt sich also weder um einen Ratgeber zur Selbsthilfe ...

In der Reihe „übermorgen“ veröffentlicht der Kremayr & Scheriau Verlag Essays unter jeweils einem plakativen Oberbegriff, in diesem Fall „Ehrgeiz“. Es handelt sich also weder um einen Ratgeber zur Selbsthilfe noch um ein psychologisches Sachbuch, sondern um die freie Auseinandersetzung mit dem Thema.
Andrea Stift-Laube geht es aus ihrer Sicht als Schriftstellerin an, zeigt beispielsweise, wie die Herangehensweise an ein neues Buchprojekt ist. Ihre persönliche Darstellung wirkt authentisch und selbstreflektiert. An einer Stelle gibt sie sogar „offen zu, dass das unwissenschaftliche Polemik ist. Aber das hier ist ein Essay, der darf auch ein wenig polemisch sein.“
Darüber hinaus finden sich zahlreiche allgemeingültige Aufhänger, wie Selbstoptimierung oder Leistungsdruck, die dazu einladen, die Gedanken schweifen zu lassen. Mir gefiel es sehr gut, wie die Autorin ernste Beobachtungen auf eine locker-leichte Art vermittelt.

Veröffentlicht am 22.11.2023

Ein Lied von Hygge

Lieder aller Lebenslagen
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„Meine Nerven verkraften es nicht, wenn Zwangshygge und Konkurrenzkampf miteinander kollidieren.“ In der als Genossenschaft organisierten Wohneinheit soll alles harmonisch geregelt werden, doch manchmal ...

„Meine Nerven verkraften es nicht, wenn Zwangshygge und Konkurrenzkampf miteinander kollidieren.“ In der als Genossenschaft organisierten Wohneinheit soll alles harmonisch geregelt werden, doch manchmal brodelt es eben unter der Oberfläche.
„Lieder aller Lebenslagen“ ist nichtsdestotrotz ein hyggeliges Buch, so wie es das Zusammenleben der Bewohner schildert, die vielleicht mal sticheln, aber niemals wirklich bösartig agieren. Auch wenn ihnen der Zusammenhalt von ihrer „Anführerin“ vorgelebt wird, ergibt sich Gemeinschaft schließlich irgendwie von selbst.
Die Besonderheit ist, typisch für die Autorin, dass in den Handlungsfluss andere Texte eingebaut werden, in diesem Fall Horoskope und Lieder. Diese bilden eine schöne Abwechslung und spiegeln doch die Grundstimmung des Romans wider. Auch wenn die episodenhafte Beleuchtung der Figuren mich eher von oben auf das Geschehen blicken ließ, als mich mit ihnen mitzufiebern, habe ich mich doch gerne von der lyrischen Art der Darstellung verzaubern lassen.

Veröffentlicht am 19.11.2023

Düstere Zeiten

Als wir an Wunder glaubten
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In einem kleinen Ort in Norddeutschland herrscht in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg so etwas wie Aufbruchsstimmung, als die Maschinen kommen, die das Moor trockenlegen sollen. Und doch hängen die Anwohner ...

In einem kleinen Ort in Norddeutschland herrscht in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg so etwas wie Aufbruchsstimmung, als die Maschinen kommen, die das Moor trockenlegen sollen. Und doch hängen die Anwohner noch im Aberglauben alter Zeiten fest, wo es Moorgeister und Hexen gibt. „Schließlich war Krieg gewesen und die Sünden, die begangen worden waren, wogen so schwer, dass da nichts zu vergeben war. Der Teufel würde sie alle holen. Zwar sprach das keiner laut aus, aber viele dachten so.“
Im Laufe des Romans folgen wir unterschiedlichen Dorfbewohnern, wie dem Mädchen, das noch seinen Platz in der Welt sucht, oder der Frau, die als Hexe verschrien ist. Wir begegnen aber auch einem Mann, der aus dem Krieg zurückkehrt und aufgrund des Traumas sein Gedächtnis verloren hat. Die Zusammenführung dieser Handlungsstränge hat mir gut gefallen und einen Gänsehautmoment verschafft.
Die Sprecherin schafft es, den Situationen durch das Verstellen der Stimme oder die Aussprache des Plattdeutschen Authentizität zu verleihen. Auf Dauer war mir die Atmosphäre vielleicht etwas zu düster, doch fand ich es durchaus interessant, mittels Fiktion ein durchaus realistisches Phänomen der Zeit zu ergründen.

Veröffentlicht am 14.11.2023

Verkorkst

Im Prinzip ist alles okay
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Miryam hat in ihrem Leben schon viel durchgemacht. Doch auch als frischgebackene Mutter ist es schwer für sie, ihr Glück zu finden.
Im Roman werden, aus der Perspektive der Protagonistin, verschiedene ...

Miryam hat in ihrem Leben schon viel durchgemacht. Doch auch als frischgebackene Mutter ist es schwer für sie, ihr Glück zu finden.
Im Roman werden, aus der Perspektive der Protagonistin, verschiedene Momente ihres verkorksten Lebens aufgegriffen. Wir erfahren, wie sie von einem schwierigen Elternhaus in die nächste toxische Beziehung torkelt und schließlich bei dem Vater ihres Kindes landet. Wenn man den so reden hört, kann man auch hier nicht auf ein respekt- oder gar liebevolles Miteinander schließen: „Nur weil dein Vater scheiße war, nervst du jetzt alle. Geh mal lieber in die Wanne, Miryam, du musst mal deine Psychosen einweichen und uns hier in Ruhe frühstücken lassen.“
Ich habe mich von der anfänglichen Eloquenz der Ich-Erzählerin einwickeln lassen und war schnell von den niveaulosen Dialogen genervt. Sie wird beispielsweise als „Du Opfer“ angesprochen und lässt das ohne weitere Gedanken oder Reaktionen so stehen. Es wird klar, dass sie es im Leben schwerhatte, und ich verstehe, dass sie daran zu knabbern hat. Doch, wie dies vermittelt wird, ist übertrieben (alle Menschen sind fies zu ihr, sogar die Chefin, die gar nichts zur Sache tut) oder realitätsfern (selbst ein Psychologe verurteilt sie beim ersten Gespräch). „Im Prinzip ist alles okay“, aber ein Lesegenuss wollte sich bei mir nicht einstellen.