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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.10.2023

Das V-Wort

Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna
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Pompeji, kurz vor dem Vulkanausbruch. Für diesen gibt es Anzeichen, deren Spur Josse folgt. Er ist ein Mann ohne besondere Stellung, dem keine große Aufmerksamkeit geschenkt wird, und so nimmt das Schicksal ...

Pompeji, kurz vor dem Vulkanausbruch. Für diesen gibt es Anzeichen, deren Spur Josse folgt. Er ist ein Mann ohne besondere Stellung, dem keine große Aufmerksamkeit geschenkt wird, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
In 18 Schriftrollen wird die Geschichte der antiken Stadt erzählt mit all ihren illustren Bewohnern. Von den extremistischen Christen über Prostituierte bis hin zu Politikern - hier bekommt jedes Grüppchen sein Fett weg.
In erster Linie stehen (Aber-)Glaube und Wissenschaft einander gegenüber, denn während mancheiner aus der Art, wie die Hühner die Körner picken, seine Schlüsse zieht, gibt es durchaus Naturbeobachtungen, die als Warnung interpretiert werden könnten. Doch „Niemand spricht es aus, das Wort, das doch eben noch in aller Munde war: das V-Wort.“
Der Roman haucht dem Alltag Leben ein, schildert in mitunter skurrilen Szenen, worüber wir nicht in Geschichtsbüchern lesen können, beispielsweise, wie sich ein Immobilienhai zu bereichern versucht. Und er tut es mit Humor, indem er sich auf zukünftige Generationen bezieht, die etwas niemals für möglich halten würden, oder durch den Einsatz eines Lippenlesers, der an einer wichtigen Stelle etwas ganz Unmögliches interpretiert. „Pompeji“ entfesselt Freude an der Geschichte der Antike und an der Sprache, die dabei eingesetzt wird. Dies als Hörbuch zu erleben, war ein besonderer Genuss.

Veröffentlicht am 30.09.2023

Frauen-Verbindung

Warum wir noch hier sind
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Die Erzählerin beschäftigt sich mit dem Tod, einerseits gemeinsam mit ihrer Großmutter, andererseits mit ihrer Freundin. Mit Ersterer besucht sie den Großvater auf dem Friedhof, Letzterer steht sie dabei ...

Die Erzählerin beschäftigt sich mit dem Tod, einerseits gemeinsam mit ihrer Großmutter, andererseits mit ihrer Freundin. Mit Ersterer besucht sie den Großvater auf dem Friedhof, Letzterer steht sie dabei bei, den Verlust ihrer Tochter zu verarbeiten.
Die Leiden des Alters könnte man vielleicht noch belächeln, beim Mord an einem Kind, wird das schon schwieriger. Die Autorin schafft es ganz wunderbar, Leichtigkeit und Schwermut miteinander zu kombinieren.
Sie verwendet eine fantasievolle Sprache, und ich möchte überall Zettelchen kleben, um mich all der schönen Worte zu erinnern. „Stattdessen stecke ich meine Gedanken in eine imaginäre Tüte mit so einem Zip-Verschluss. Ich atme aus, nehme die Tüte in die eine Hand und Großmutters Hand in die andere.“
Das Buch sprüht vor Energie durch den Zusammenhalt seiner Figuren und deren charmante Dialoge. Es hat mich inhaltlich berührt und sprachlich verzückt, so dass ich es unbedingt weiterempfehle.

Veröffentlicht am 27.09.2023

Nah und fern

Die Wahrheiten meiner Mutter
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Johanna hat vor dreißig Jahren ihre Familie verlassen und seitdem nicht mit ihrer Mutter gesprochen. Nun kehrt sie zurück und sucht über Erinnerungen und Kontakt eine Annäherung.
Die Ich-Erzählerin ist ...

Johanna hat vor dreißig Jahren ihre Familie verlassen und seitdem nicht mit ihrer Mutter gesprochen. Nun kehrt sie zurück und sucht über Erinnerungen und Kontakt eine Annäherung.
Die Ich-Erzählerin ist in diesem Roman die Ausgegrenzte, obwohl aus ihren Gedanken kein Indiz hervorgeht, das ein derart drastisches Vorgehen von Seiten der Mutter und der Schwester gerechtfertigt hätte. „Sie sind beide so weit weg, dass ich sie nicht sehen kann, ich setze zwei Gespenster an die Stelle, von der ich mir einbilde, dass sie sich dort befinden, das ist unheimlich.“
Es geht um Schuldzuweisungen und Bitterkeit, die sich über die Jahre verhärtet hat. Also seziert die Protagonistin die Vergangenheit, um herauszufinden, an welchen Stellen etwas schiefgelaufen ist. Das passiert in ganzen Episoden oder auch nur einzelnen Sätzen, die alleine auf einer Seite stehen.
Herausgekommen ist eine intensive Auseinandersetzung mit einer speziellen Mutter-Tochter-Beziehung. Die eindringliche Darstellung und klaren Worte haben mich berührt und mitgerissen.

Veröffentlicht am 24.09.2023

Lebensrückblick

Die Details
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Eine Frau mit Fieber lässt ihr Leben Revue passieren. Sie schildert Erlebnisse mit wichtigen Personen, wie der Freundin, dem Liebhaber, der Mutter. „Wenn ich Fieber habe oder verliebt bin, erscheint mir ...

Eine Frau mit Fieber lässt ihr Leben Revue passieren. Sie schildert Erlebnisse mit wichtigen Personen, wie der Freundin, dem Liebhaber, der Mutter. „Wenn ich Fieber habe oder verliebt bin, erscheint mir alles so klar, mein »Ich« weicht einem namenlosen Glück, einer Ganzheit, die Details sind unversehrt, miteinander verbunden und dennoch einzeln erkennbar.“
Trotz ihres Zustands (wir hören von den verschiedenen Empfindungen bei erhöhter Temperatur) findet die Ich-Erzählerin klare Worte, mit denen sie detailliert ihre Vergangenheit aufarbeitet. Die gewählten Wegbegleiter waren für sie prägend und stehen in der Geschichte im Mittelpunkt. Und doch stellt sie sich zurecht die Frage: „Wer wird eigentlich porträtiert?“ Denn natürlich lernen wir durch ihre Bewertung von bestimmten Handlungen viel über die Protagonistin selbst. Ihre Art zeigt sich in zarten Nuancen, von denen ich mir noch mehr gewünscht hätte.
„Die Details“ ist ein leiser Roman, der ohne große Effekte auskommt. Die Art der Figurenzeichnung über Erinnerungen und feine Beobachtungen ihrer Mitmenschen gefiel mir gut. Das besondere Detail war für mich die Auseinandersetzung mit Büchern und Schriftstellern.

Veröffentlicht am 22.09.2023

Das erwachsene Kind

Ent-Eltert euch!
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Der Ratgeber „Ent-Eltert euch!“ will Erwachsenen dabei helfen, ungesundes Verhalten zu reflektieren und so die Beziehung zu den Eltern oder innerhalb der Familie für sich angenehmer zu gestalten. „Entelterung ...

Der Ratgeber „Ent-Eltert euch!“ will Erwachsenen dabei helfen, ungesundes Verhalten zu reflektieren und so die Beziehung zu den Eltern oder innerhalb der Familie für sich angenehmer zu gestalten. „Entelterung bedeutet, die eigenen Eltern (oder primären Bezugspersonen) aus der Elternrolle zu entlassen und dich selbst aus der Kinderrolle.“
Das Buch ist verständlich geschrieben und nutzt die persönlich wirkende Du-Ansprache. In fünf Kapiteln werden die Dynamiken innerhalb von Familien aufgedeckt, beispielsweise wer welche Rolle einnimmt oder wodurch jemand getriggert wird.
Schwierig fand ich es, den Beispielen zu folgen, weil einzelne Figuren über das Buch verteilt immer wieder auftauchten („Wir treffen Ivana wieder auf Seite 209.“) und dann vorausgesetzt wurde, dass ich mich (im Beispiel 121 Seiten später) an deren Fall erinnern würde.
Als Methode zur eigentlichen Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation dient der Mentalog. Das bedeutet, dass realistische Dialoge mit den Eltern aufgeschrieben und Reaktionen vorweggenommen werden, um deutlich zu machen, wie man selbst aus dem Teufelskreis von Anschuldigungen entkommen kann. Es werden über das Buch hinweg immer wieder Reflexionsansätze vorgeschlagen, was mir gut gefallen hat. Es stellt eine Bereicherung bezüglich der Interaktion in der Familie dar.