Profilbild von Estrelas

Estrelas

Lesejury Star
offline

Estrelas ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Estrelas über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.03.2025

Der Fluss des Lebens

Flusslinien
0

Dieser sogenannte „Generationenroman“ kommt eigentlich mit nur zweien aus, während die dazwischen kaum eine Rolle spielt. Unsere Protagonistinnen sind Großmutter und Enkeltochter füreinander.
Erstere, ...

Dieser sogenannte „Generationenroman“ kommt eigentlich mit nur zweien aus, während die dazwischen kaum eine Rolle spielt. Unsere Protagonistinnen sind Großmutter und Enkeltochter füreinander.
Erstere, Margrit, lebt in einem Altersheim und ist mit 102 Jahren trotz ihres hohen Alters immer noch eine aufmerksame Beobachterin und Gesprächspartnerin. Gut für Luzie, die ein Trauma überwinden und wieder neues Vertrauen ins Leben fassen muss.
Es gibt noch weitere liebenswürdige Charaktere, wie Artur, den Fahrer der Heimbewohner und jene selbst, die bald auch in Kontakt mit der jungen Tätowiererin kommen. „Die Haut wird verletzt, und verheilend schließt sie die Tinte unter sich ein.“
Als würden die klugen Dialoge zwischen den Figuren noch nicht reichen, um in diesem Roman zu versinken, lässt er uns auch noch sprachliche und philosophische Gedankenspiele miterleben.
„Flusslinien“ begeistert mich mit dem Hamburger Elbstrand als Handlungsort und der Verarbeitung der großen Themen des Lebens auf eine sehr charmante Art.

Veröffentlicht am 08.03.2025

Mütter und Töchter

Portrait meiner Mutter mit Geistern
0

Eine Familiengeschichte über ein Jahrhundert und fünf Generationen mit dem Fokus auf die Ahnenlinie der Frauen. Im Mittelpunkt stehen Martha und ihre Tochter Raisa, über deren Zusammenleben etwas Düsteres ...

Eine Familiengeschichte über ein Jahrhundert und fünf Generationen mit dem Fokus auf die Ahnenlinie der Frauen. Im Mittelpunkt stehen Martha und ihre Tochter Raisa, über deren Zusammenleben etwas Düsteres schwebt, was selbst für die Tochter schwer zu greifen ist. „Kannst du bitte normal mit mir reden, so wie andere Mütter auch?“
Eigentlich reizen mich in Romanen die Verstrickungen zwischen den Figuren, und derer gibt es einige. So erfahren wir in Zeitsprüngen von einer schwierigen Vergangenheit, können Verhalten in der jüngsten Zeitebene anders interpretieren.
Mein Problem mit diesem Roman liegt aber genau in diesem Interpretieren. Wir werden mit vielen Andeutungen konfrontiert, durch die dramatische Ereignisse blass bleiben und eine Distanz zu den Figuren entsteht. Ich hätte mir gewünscht, mich in ihre Probleme einfühlen zu können; das ist mir nur selten gelungen.
Gut gefallen hat mir die Darstellung einer kindlichen Freundschaft, die durch Phantasie und Offenheit geprägt ist. Auch sprachlich habe ich das Buch als sehr ansprechend empfunden.

Veröffentlicht am 16.02.2025

Meer oder nicht Meer

Meeresleuchten
0

Was macht den hohen Norden aus? „Meeresleuchten“ nimmt uns mit nach Schleswig-Holstein und gleichzeitig auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Region und seiner Bewohner.
Die Verfasser der Gedichte ...

Was macht den hohen Norden aus? „Meeresleuchten“ nimmt uns mit nach Schleswig-Holstein und gleichzeitig auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Region und seiner Bewohner.
Die Verfasser der Gedichte dieser Anthologie sind dort geboren oder haben dort gelebt, auch einige Dänen, wie Hans Christian Andersen, finden sich in der illustren Runde wieder. Doch begegnet sein können sie sich nicht allesamt, denn die Ältesten unter ihnen sind im 17. Jahrhundert gestorben, während andere heute noch am Leben sind.
Die sachdienlichen Hinweise des Herausgebers bieten eine hilfreiche Einordnung, denn manches Gedicht gibt seine geographische Einordnung nicht direkt zu erkennen. Geht es um Liebe oder Glaube, hätte dies im Prinzip überall so stattfinden können.
Und dann gibt es eben die typischen Texte, die auf die Landschaft anspielen („O, so grüß‘ mir meinen fernen Kühlen Meeresstrand!“, Theodor Storm: In die Heimat) oder gar in Plattdeutsch verfasst wurden („Aanten int Water, Wat værn Gesnater!“, Klaus Groth: Aanten int Wader) und somit für mich den besonderen Reiz dieser Sammlung ausmachen.
Schön ist es auch, hier bekannte Werke wiederzufinden, die bisher ganz ohne örtliche Verknüpfung auf mich gewirkt hatten (Matthias Claudius: Abendlied oder Christian Adolf Overbeck: An den Mai).
„Meeresleuchten“ wartet mit einer überraschenden Vielfalt von Poesie auf, die mal mehr, mal weniger ihren Ursprungsort offenbart. Das mit Leinen und Folie gestaltete Büchlein ist auch äußerlich eine Bereicherung für das Lyrikregal.

Veröffentlicht am 26.01.2025

Der Escher-Effekt

Wackelkontakt
0

Franz Escher liest in einem Buch, während er auf den Elektriker wartet. Darin geht es um Elio Russo, der gegen die Mafia ausgesagt hat. Während der auf seine Entlassung wartet, liest er in einem Buch über ...

Franz Escher liest in einem Buch, während er auf den Elektriker wartet. Darin geht es um Elio Russo, der gegen die Mafia ausgesagt hat. Während der auf seine Entlassung wartet, liest er in einem Buch über Franz Escher, der auf den Elektriker wartet.
Formal wechseln sich die Handlungsstränge immer wieder ab, wenn die jeweils andere Figur weiterliest. Und diese beiden unterschiedlichen Typen - Escher ist Trauerredner und Puzzlefan, Russo lebt zurückgezogen als Bastler - lesen nun also aufeinander zu.
Die Handlung ist originell und witzig; jede verrückte Situation ließ mich noch mehr mit den Protagonisten mitfiebern, die als sehr nahbar dargestellt werden. Die kunstvoll eingesetzte Sprache tat ihr Übriges, um mich dem Roman verfallen zu lassen. So beginnt beispielsweise ein Satz, wird durch direkte Rede unterbrochen, und im Anschluss fortgeführt.
Und dann entdecke ich quasi mich selbst im Buch wieder, „und sie las schneller, achtete aber darauf, dass ihr kein Wort entging“, denn ich kämpfte einen inneren Kampf in Bezug auf mein Lesetempo, das ich gleichzeitig mäßigen wollte, um noch länger dieses Werk genießen zu können, und beschleunigen, um zu erfahren, wie diese skurrile Geschichte wohl ausgeht. Die unkonventionelle Art machte „Wackelkontakt“ zu einem absoluten Lesehighlight für mich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.01.2025

Thüringische Politik

Deutschland der Extreme
0

„Doch warum Thüringen? Was ist besonders an dem Land, in dem viele Menschen vor allem Fichtenwälder und Bratwurst-Grillstätten vermuten? Die Antwort: sehr viel.“
Der Journalist Martin Debes, der selbst ...

„Doch warum Thüringen? Was ist besonders an dem Land, in dem viele Menschen vor allem Fichtenwälder und Bratwurst-Grillstätten vermuten? Die Antwort: sehr viel.“
Der Journalist Martin Debes, der selbst aus Thüringen stammt, macht am Anfang seines Buches direkt klar, dass bei einer Auseinandersetzung mit der politischen Situation nicht alle ostdeutschen Bundesländer über einen Kamm geschoren werden können.
Stattdessen spinnt er einen roten Faden durch die Historie Thüringens von seiner Entstehung über die Weimarer Republik und die DDR-Zeit bis ins Jahr 2024 (vor der Landtagswahl). Die Besonderheit des Freistaates liegt schließlich in dem Schwanken zwischen links und rechts.
Die Gegenspieler Bodo Ramelow und Björn Höcke werden mit ihrem jeweiligen Werdegang porträtiert und in den Kontext der Position der Parteien gebracht. Zahlreiche Zitate und Quellenangaben belegen eine fundierte Recherche.
Ein Wermutstropfen war in meinen Augen, dass eine persönliche Wertung, zum Beispiel über persönliche Eigenschaften der Politiker, einfloss, die schwer nachprüfbar ist und als polemisch aufgefasst werden könnte.
Ich halte dieses Buch nichtsdestotrotz für gut geeignet, um einen Überblick über die Stellung Thüringens in Deutschland zu erlangen und empfehle es allen politisch Interessierten und den Thüringern sowieso.