Unterdrückung der Frauen im Iran
Badjens. RomanDas kurze Büchlein "Badjens" von Delphine Minoui ist schnell gelesen, doch wirkt mit seiner Wucht tief nach. Die Autorin hat selbst eine französische Mutter und einen iranischen Vater. Dieser Roman ist ...
Das kurze Büchlein "Badjens" von Delphine Minoui ist schnell gelesen, doch wirkt mit seiner Wucht tief nach. Die Autorin hat selbst eine französische Mutter und einen iranischen Vater. Dieser Roman ist den Heldinnen der "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung gewidmet, die nach dem gewaltsamen Tod von Mahsa Amini im Iran für mehr Freiheit und Frauenrechte demonstrierten.
Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Zahra, von ihrer Mutter "Badjens" genannt (das steht dafür, aufmüpfig und frech zu sein) in der Öffentlichkeit auf eine Mülltonne klettert, sich das Kopftuch herunterreißt und dieses mit einem Feuerzeug anzündet. Wir sind mitten in den Protesten nach der Ermordung Mahsa Aminis. Danach erzählt Zahra in der Ich-Perspektive aus ihrem Leben. Hineingeboren wird sie in eine Familie, die väterlicherseits streng konformistisch und erzkonservativ ist.
Der Großvater väterlicherseits möchte am liebsten, dass das Kind abgetrieben wird, sobald der Ultraschall zeigt, dass es ein Mädchen ist. Es wird nur davon abgesehen, weil das der Familie doch zu teuer ist, doch das Mädchen wächst als "Fehler" auf, wird vom Vater ignoriert und kritisiert, bekommt von ihm niemals irgendein Zeichen liebevoller Zuwendung, während der drei Jahre jüngere Brüder aufs Äußerste verwöhnt wird, nur weil er der ersehnte Junge ist.
Die Mutter liebt ihre Tochter zwar, ist aber selbst sehr unterdrückt und spricht nur, wenn der Vater nicht anwesend ist. So wächst Zahra in einem Land auf, in dem Frauen nicht sehr geschätzt werden und "nicht einmal die Hälfte zählen", muss als älteres Mädchen dann ebenfalls ihre Körperformen verbergen und ein Kopftuch tragen, wird von der Sittenpolizei gemaßregelt und von ihrem Cousin sexuell missbraucht. Viele trostlose Szenen sind es, die sich da zeigen, und doch wächst Zahra zu einer unerschrockenen Widerstandskämpferin heran, die selbst an einen Gott, der Frauen unterdrückt, nicht glauben kann und will und sich zunehmend mehr gegen das Regime auflehnt.
Der Roman ist also ein eindrückliches Portrait einer tapferen jungen Frau. Er liest sich leicht und schnell, ist in einer poetischen Sprache geschrieben und ist in seiner Botschaft sehr berührend. Ich habe mich beim Lesen sehr verbunden mit Zahra gefühlt und mit ihr und ihren Mitkämpferinnen gehofft, dass es bald zu einem Regimewechsel im Iran und zu mehr Freiheit für die jungen Menschen dort kommen würde.
Insgesamt bin ich mir aber trotzdem nicht sicher, wie authentisch die geschilderte Familie und Frauenfigur ist. In so gut wie allen auf echten Tatsachen beruhenden Memoirs und Sachbüchern aus dem Iran wurden die vorkommenden Familien wesentlich differenzierter geschildert als in diesem Buch: zwar gibt es dort sicherlich viel an Unterdrückung und Frauenverachtung, aber dass mit dem ignoranten Vater, dem verwöhnten Bruder, dem die Abtreibung fordernden Großvater und dem missbrauchenden Cousin sämtliche männlichen Familienmitglieder ausschließlich bösartig sind, kommt mir in Summe doch etwas undifferenziert und unwahrscheinlich vor. Hier hätte ich mir insbesondere in einem fiktiven Roman wie diesem eine etwas differenziertere Betrachtungsweise und Charakterentwicklung gewünscht.