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Veröffentlicht am 05.04.2026

Wenn einer Frau der Zufall den Weg aus der Gefahrenzone zeigt

Grüne Welle
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Die Frau war mit der Freundin im Kino. Einmal im Monat macht sie das. Es scheint ihr einziger dauerhafter Sozialkontakt zu sein, neben ihrem Mann, mit dem sie seit über zehn Jahren verheiratet ist. Doch ...

Die Frau war mit der Freundin im Kino. Einmal im Monat macht sie das. Es scheint ihr einziger dauerhafter Sozialkontakt zu sein, neben ihrem Mann, mit dem sie seit über zehn Jahren verheiratet ist. Doch diesmal ist etwas anders als sonst. Sie fährt nicht auf direktem Weg nach Hause, sondern lässt sich von den grünen Ampeln treiben, immer weiter weg. Es ist keine wirklich bewusste Entscheidung, sie lässt sich einfach treiben und denkt ab und zu darüber nach, dass sie umkehren werde, sobald mal eine Ampel rot sein werde... doch es ist grüne Welle. Sie fährt auf die Autobahn auf und noch weiter weg. Sie lässt sich treiben, so ist sie es gewohnt. Entschlossen eigene Entscheidungen zu treffen, war vielleicht noch nie ihre Sache, vielleicht war sie schon immer der intuitive Typ, vielleicht hat sie in den letzten Jahren ihren Glauben an ihre Selbstwirksamkeit verloren...

Währenddessen wird der Mann zu Hause unruhig, schließlich ist er gewohnt, dass die Frau nach dem Kinobesuch mit der Freundin einmal im Monat direkt zu ihm nach Hause fährt. Er kontaktiert die Freundin der Frau, diese weiß auch nicht mehr. Die beiden reden darüber, ob etwas getan werden solle. Die Polizei solle nicht gerufen werden, wünscht der Mann. Und so schreitet die Nacht voran und dann bricht ein neuer Tag an und die Frau ist immer noch in ihrem Auto unterwegs.

Ich habe mich bemüht, diese kurze Zusammenfassung in einem ähnlichen Stil zu schreiben, in dem das Buch verfasst ist. Denn dieses besondere Buch lebt stark von der Art, wie es geschrieben ist. Es sind nicht Menschen mit konkreten Namen, mit denen wir zu tun haben, es sind "die Frau", "der Mann", "die Freundin der Frau" und später zwei Mädchen, die sie trifft: "die Große" und "die Kleine". Das macht schon deutlich, worum es in diesem Buch geht: nicht um konkrete Personen und Einzelschicksale, sondern um Muster und destruktive Beziehungsdynamiken von Gewalt in der Beziehung und damit einhergehender Isolation von anderen Menschen und Entfremdung von der Welt.

Auf ihrem Roadtrip lernen wir die Frau besser kennen und erfahren nach und nach mehr über sie. Früher war sie eine lebensfrohe junge Frau, sie hat auf der Kunsthochschule studiert und ist Künstlerin, doch dann hat sie den Mann kennen gelernt und in der Beziehung mit ihm ist ihre Welt immer kleiner und enger geworden. Auch körperliche Verletzungen sind an ihrem Körper zu entdecken. Und sie ist sehr ängstlich, fürchtet ständig, bei einem Stopp könne jemand die Autotüren aufreißen, weil die Verriegelung des alten Autos nicht mehr funktioniert. Dabei gibt es auf den ersten Anblick in der Umgebung, die sie durchfährt, kaum offensichtliche Gefahren... abgesehen von Wild, das plötzlich auf die Straße rennen könnte.

Wenn man näher hinschaut, ist dieses Buch voll von interessanter Symbolik, die sich an vielen Stellen zeigt und wiederholt. Dadurch wirkt das Buch insbesondere emotional sehr stark nach, was ich auch beim Verfassen dieser Rezension, mehr als eine Woche nach Beendigung der Lektüre, noch deutlich in mir spüre. Sobald ich wieder an dieses Buch denke, habe ich das Gefühl, wieder mit der Frau auf ihrem Roadtrip zu sein, ihre Beklemmung zu spüren, aber auch gemeinsam mit ihr auf ihre Befreiung aus ihrem unglücklichen Leben und der Gewaltbeziehung zu hoffen.

Nachdenklich macht das Buch auch über die destruktive Dynamik von Gewaltbeziehungen und darüber, wie schwer es ist, aus diesen auszubrechen - auch deshalb, weil die Täter ihre Opfer sozial isolieren und deren Selbstwert systematisch zerstören. Ob der Frau das am Ende gelingen wird, beantwortet dieses Buch nicht abschließend, das muss es auch nicht. Der größte Wert des Buches liegt darin, auf eindringliche Weise gerade durch die allgemein gehaltenen Charaktere und die eingebundene Symbolik für das Thema häuslicher Gewalt zu sensibilisieren. Es ist ein rundum gelungenes Werk, das ich allen, die tiefgründige Bücher mögen, in denen es einiges an zu entschlüsselnden Metaphern gibt, sehr empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Eine scheinbar kleine Entscheidung und ihre Folgen

Die Namen
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Cora ist gerade zum zweiten Mal Mutter geworden. Sie hat schon eine neunjährige Tochter, Maia, doch diesmal ist es ein Junge, der ersehnte Stammhalter für ihren Mann Gordon. Dieser ist ein erfolgreicher, ...

Cora ist gerade zum zweiten Mal Mutter geworden. Sie hat schon eine neunjährige Tochter, Maia, doch diesmal ist es ein Junge, der ersehnte Stammhalter für ihren Mann Gordon. Dieser ist ein erfolgreicher, charismatischer Hausarzt aus alter, stolzer Ärztefamilie, in der es selbstverständlich ist, dass an den ersten Sohn immer der Name "Gordon" weitergegeben werden muss. Nun steht Cora kurz vor der Entscheidung, zum Standesamt zu gehen und den Namen des Säuglings eintragen zu lassen. Doch sie zögert... denn nicht nur würde sie dem Baby gerne einen eigenen Namen mitgeben, verbindet sie außerdem mittlerweile viel Ungutes mit dem Namen "Gordon", denn ihr nach außen so liebevoll wirkender Mann ist ein geschickter Manipulator und brutaler Schläger, der sie von allen anderen Menschen in ihrem Leben isoliert, ihr immer mehr Freiheiten nimmt, sie beschimpft, demütigt und brutal misshandelt. Diesen Namen soll ihr Sohn nicht tragen, doch wird sie es schaffen, sich anders zu entscheiden, und was wird daraus resultieren?

Das Buch besteht aus drei alternativen Handlungssträngen: in einem davon wagt es Cora nicht, gegen den Willen ihres Mannes zu handeln, und der Junge wird Gordon heißen. In einem weiteren nennt sie auf Anregung der großen Schwester des Babys den Jungen "Bear" und hofft, dass er damit verbunden stark, aber auch kuschelig, herzlich und liebevoll werden würde. Im dritten Szenario schließlich bekommt er den Namen "Julian", was für Himmelsvater steht, und Cora versucht, ihrem Mann das als Würdigung seiner Position als Vater zu verkaufen.

In der Klappenbeschreibung ist angekündigt, dass es in dem Buch darum gehe, wie ein Name einen Menschen prägt, doch es geht um so viel mehr als das. Nicht nur die Namen unterscheiden sich, auch die Lebenswege der Kinder werden drastisch verschieden sein, denn der Vater Gordon reagiert jeweils unterschiedlich auf die Namensgebung und das hat Konsequenzen für das weitere Leben. Es werden jeweils wechselnde Episoden aus dem Leben der Familie in verschiedenen, voranschreitenden Zeitepochen beschrieben, im Abstand von ungefähr sieben Jahren, von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart.

Ich habe dieses Buch geliebt und in kürzester Zeit verschlungen! Es ist äußerst spannend geschrieben und man will unbedingt wissen, wie es mit der Familie weitergeht, bangt und zittert mit den Kindern und deren Mutter und ist neugierig auf ihre weitere Entwicklung. Die Charaktere sind detailliert und authentisch ausgearbeitet und die Gewaltdynamik in der Beziehung ist anschaulich beschrieben - auf eine durchaus drastische Art und Weise, auf die man beim Lesen vorbereitet sein sollte. Das Buch ist also nichts für Menschen, die Beschreibungen schlimmer Gewalt nicht gut aushalten können.

Dennoch ist zum Glück die Handlung nicht nur davon getragen, sondern es gibt auch viele schöne Begegnungen zwischen Menschen und es ist generell sehr interessant, die Figuren in den verschiedenen Szenarien über diese Zeit zu verfolgen. Dabei schafft das Buch eine gute Balance zwischen Tiefgründigkeit und Spannung. Insgesamt ist es ein sehr starkes Debüt einer begabten Autorin, von der ich sehr gerne noch weitere Bücher lesen würde!

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Veröffentlicht am 02.04.2026

Über das Innenleben einer Frau angesichts vieler offen bleibender Fragen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, aus wie wenig tatsächlichem Material aus der eigenen Familiengeschichte sich dennoch ein komplettes Buch ...

"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, aus wie wenig tatsächlichem Material aus der eigenen Familiengeschichte sich dennoch ein komplettes Buch machen lässt. Wenn man die Beschreibung auf der Rückseite des Buchumschlages liest, könnte man den Eindruck gewinnen, es würde in dem Buch hauptsächlich um die Aufarbeitung der Geschichte des Großvaters gehen. Wer sich hier spannende neue Erkenntnisse erwartet, dem sei schon an dieser Stelle gesagt, dass das Buch diese nicht liefern kann.

Das Buch ist in drei Teile geteilt, von denen der erste der längste und der dritte der kürzeste ist. Auf den ersten 70 Seiten des insgesamt nicht einmal 160 Seiten umfassenden Büchleins folgen wir der Autorin nach Radom, wo ihr Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist und den sie deshalb nie persönlich kennen lernte konnte, als Mitglied der Waffen-SS stationiert war. Es kann vermutet werden, dass er in dieser Funktion in die Gräuel und Menschenrechtsverletzungen, die dort zur Zeit des Dritten Reiches verübt haben, aktiv involviert war. Genaueres darüber weiß die Autorin aber nicht, wissen wir als Leserinnen und Leser somit auch nicht und werden auch werden sie noch infolgedessen wir durch ihren Aufenthalt dort erfahren. Im Wesentlichen besteht dieser Teil des Buches aus einer durchaus atmosphärischen Beschreibung des Alleinseins der Autorin in Radom, während sie darauf hofft, dass sich allein durch ihre Präsenz in dieser polnischen Stadt ihr ein Weg zu Erkenntnissen über die Taten des Großvaters zeigt, was aber nicht wirklich geschieht: "... ich hatte angenommen, dass die Stadt auf mich gewartet hatte und mir eine Reihe notwendiger Schritte nun irgendwie diktieren, vorgeben würde, das tat sie aber nicht, also ging ich raus und machte mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war." (S. 19)

Sie sucht also nach irgendetwas und findet nicht wirklich. Meint, auch nach Jahrzehnten die beklemmende Atmosphäre der Stadt, in der einst so vielen Juden lebten und es nach deren Vertreibung und Ermordung in der NS-Zeit bis heute kaum mehr welche dort gibt, zu spüren. Sie beschäftigt sich mit sich selbst, liest Gedichte, spaziert herum, betrachtet das Foto des Großvaters, denkt über ihre Familie nach und über das, was in Radom passiert ist. Telefoniert mit der Mutter und fragt sie nach Erinnerungen an den Großvater, diese weicht aus und meint, sich nicht an viel erinnern zu können, sie hatte auch nicht viel gemeinsame Zeit mit ihm verbracht und war noch recht jung, als er starb. In der allerletzten Woche ihres Aufenthaltes tragen doch noch Bemühungen der Autorin Früchte und sie darf ein Museum besuchen, Fragen stellen, erhält eine Stadtführung eines Historikers und eine Einladung zu einem Sabbatessen. Leider erwähnt sie all dies nur in ähnlich kurzer Form, wie ich es hier schreibe und lässt uns Lesende nicht an diesen Erfahrungen und etwaigen Erkenntnissen daraus teilhaben.

Danach folgt ein geringfügig kürzerer Teil, wieder knapp 70 Seiten, bei dem die Autorin, weil es ihr so einfällt, von Krakau aus weiter Richtung Süden zu fahren, nach Napoli fährt, um die dort lebende Schwester zu besuchen. Auch hier geht es weiter viel um das Innenleben der Autorin und um deren Alltagsbeobachtungen. Wenn sich Substanzielles in diesem Teil verbergen sollte, dann in symbolischer Form, etwa in Vergleichen zur Arbeit der Schwester als Archäologin und zum ausgelöschten Pompeji oder zu einer Wohnung einer Verstorbenen, in der sich die Familie trifft. Mit viel Bemühung und eigener Interpretationsleistung kann man hier sicher einige interessante Vergleiche ziehen und diskussionswürdige Punkte finden. Über die Familiengeschichte der Autorin und insbesondere des Großvaters erfährt man in diesem Teil aber auch nichts Neues.

Am Ende gibt es dann noch ein sehr kurzes Kapitel mit einer Erzählung, die scheinbar in keinem näheren Zusammenhang zum Rest des Buches steht, bei der sich bei näherer Betrachtung aber ebenfalls Parallelen zu den anderen beiden Erzählsträngen finden lassen.

Wer etwas über Geschichte und tatsächliche Vergangenheitsaufarbeitung erfahren möchte, dem kann ich dieses Buch nicht empfehlen. Dafür gibt es inhaltlich viel zu wenig her. Auch ist es von der psychologischen Komponente her meiner Beurteilung nach wenig verallgemeinerbar für das Empfinden der Nachkommen dritter Generation aus möglichen Täterfamilien, dazu empfinde ich die Autorin und Ich-Erzählerin als deutlich zu speziell. Wer sich aber für die innere psychische Verfassung einer Frau interessiert und viele subtile, symbolische Bezüge mag, wird mit diesem Buch möglicherweise seine Freude haben.

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Veröffentlicht am 29.03.2026

Es braucht ein "Dorf" für einen jungen Mann

Pina fällt aus
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Wer ein Kind bekommt, hört oft von dem afrikanischen Sprichwort: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen". So ein Dorf hat Pina erst einmal nicht. Seit 20 Jahren kümmert sie sich völlig alleine ...

Wer ein Kind bekommt, hört oft von dem afrikanischen Sprichwort: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen". So ein Dorf hat Pina erst einmal nicht. Seit 20 Jahren kümmert sie sich völlig alleine um Leo. Leo, der schon immer anders war. Der nicht zu dem Zeitpunkt sprechen lernte, als andere Kinder es taten. Der nicht ins Regelschulsystem passte. Der in seiner eigenen Welt lebt, die kaum jemand versteht. In diese Welt passt Leo nicht rein und seine einzige Stütze ist Pina. Aufopferungsvoll kümmert sie sich um ihn, hat ihr eigenes Leben hintan gestellt. Jeden Morgen stellt sie Leo seine Frosties mit Milch hin - die einzige Sorte, die er mag - mit dem Löffel in genau dem richtigen Winkel und darin aufgelösten Vitamintabletten zur Ergänzung seiner einseitigen Ernährung. Sie sorgt dafür, dass er den Bus erwischt, um in die Tageswerkstätte zu kommen. Sie versteht sein Denken und seine Routinen. Dabei ignoriert sie die immer schlimmer werdenden Magenschmerzen, die sie plagen. Schluckt eine Schmerztablette nach der anderen, denn für einen Krankenhausaufenthalt oder gar die empfohlene Kur für pflegende Mütter sieht sie keine Möglichkeit: wer würde sich dann denn um Leo kümmern?

So kommt es, wie es fast schon kommen muss: Pina bricht nach einem Einkauf der Straße zusammen. Diagnose Magendurchbruch. Sie überlebt nur knapp und landet auf der Intensivstation, ist erst einmal tagelang kaum bei Bewusstsein. Niemand kommt sie dort besuchen, die Pflegekräfte wundern sich, ob diese Frau überhaupt keine Angehörigen habe? Zurück daheim bleibt ein hilfloser Leo, dessen Welt, Routinen und Bedürfnisse nun keiner mehr versteht. Was wird nun mit ihm passieren?

In diesem berührenden Buch gibt es noch so etwas wie eine heile Welt: Nachbarn, die davor zwar wenig miteinander zu tun hatten, aber nun, als sie die Not erkennen, einspringen, eine Gemeinschaft bilden und sich um Leo kümmern. Da ist die 86-jährige Inge, die schon 10 Jahre lang ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat, meint, keine Stiegen mehr steigen zu können und nun von der Rentenkasse aufgefordert wird, einen Nachweis zu bringen, dass sie noch lebe. Dann gibt es Alina, die sich nun Zola nennt, 16 Jahre alt, Schulabbrecherin und in den eigenen Augen absolute Versagerin, die von ihrem wohlhabenden Vater nach wiederholten Ladendiebstählen in einer Wohnung im Haus einquartiert wurde. Außerdem der alleinstehende Sonderling Wojtek, der sich übers Internet in eine Russin verliebt hat, von der er kleine Kristalltierchen zu überhöhten Preisen kauft. Diese drei Außenseiter, die es auch nicht leicht im Leben haben, haben alle insgesamt das Herz am richtigen Fleck und springen ein, kümmern sich um Leo, lassen sich auf seine Welt ein und sich von seiner kindlich-naiven Hoffnung tief berühren.

Zutiefst berührend ist auch die Leseerfahrung dabei. Es sind eigenartige und doch absolut liebenswerte Gestalten, die man hier kennen lernt und bald ins Herz schließt. Dabei ist die Geschichte keineswegs seicht, sondern zeigt immer wieder, dass die Autorin - die selbst ein "besonderes" Kind hat, das sie pflegt - sich viele Gedanken über die Möglichkeiten und Grenzen von Inklusion gemacht hat, die in das Buch miteingebaut sind. Zurück bleibt nach dem Lesen nicht nur ein warmes, hoffnungsvolles Gefühl, sondern ganz besonders ein verstärktes Bewusstsein dafür, was für einen Unterschied es für eine lebenswerte Gemeinschaft und ein gutes Leben für alle machen könnte, wenn die meisten Menschen ihre Umgebung achtsam wahrnehmen und sich zu Hilfe und Unterstützung bereit erklären würden. Um wie viel es das eigene Leben und das anderer bereichern kann, sich füreinander einzusetzen und sich gegenseitig zu unterstützen. Damit ist es auch ein Buch mit einer wichtigen Botschaft, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche - für eine nachhaltige Veränderung in unserer Gesellschaft, die oft bei ganz kleinen Schritten beginnt.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Neuorientierung einer Frau nach ihrem sanften Fall

Hellere Tage
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Der neue Roman "Hellere Tage" von Ulrich Woelk schließt thematisch an seinen Vorgängerroman "Mittsommertage" an. Letzteren habe ich allerdings nicht gelesen, ich beurteile also das neue Buch unabhängig ...

Der neue Roman "Hellere Tage" von Ulrich Woelk schließt thematisch an seinen Vorgängerroman "Mittsommertage" an. Letzteren habe ich allerdings nicht gelesen, ich beurteile also das neue Buch unabhängig davon.

Im Zentrum der Handlung steht Ruth, eine etablierte Universitätsprofessorin für Philosophie, die in der letzten Zeit einige Rückschläge einstecken musste: nachdem öffentlich wurde, dass sie als verblendete, radikale junge Frau gemeinsam mit anderen einen Strommast gesprengt hatte, ist ihr Karrierefortschritt ins Stocken geraten, auch wenn sie immer noch über eine sehr gute, etablierte Position verfügt und auch finanziell gut abgesichert und sozial eingebettet und vernetzt ist. Die Ehe mit ihrem Mann Ben ist zu Ende, er ist nun mit einer viel jüngeren Frau zusammen, möchte aber am liebsten immer noch in der ehemals gemeinsamen Wohnung bleiben, auch wenn er sich nicht wirklich leisten kann, Ruth auszuzahlen.

Bens Tochter und Ruths Ziehtochter Jenny, eine junge Frau im frühen Erwachsenenalter, irrt orientierungslos durch das Leben und durch wechselnde Beziehungen, wohnt mit anderen in einem besetzten Haus und ist sich nicht ganz sicher, was es für ihre Beziehung zur Ziehmutter bedeutet, dass diese nun nicht mehr mit dem Vater zusammen ist. Dazu gibt es noch einen sehr alten und dann sterbenden Vater von Ruth, dessen Briefe an einen alten Freund sie liest und die für sie ebenfalls einiges in Frage stellen.

Es geht somit um eine Frau, die eigentlich ganz gut im Leben stand und immer noch vergleichsweise sanft fällt, aber doch in den mittleren Lebensjahren so einiges, was sie als Gewissheiten angesehen hatte, in Frage stellen und sich neu orientieren muss. Das Buch ist - mit ganz wenigen Ausnahmen, in denen zu Jennys Perspektive gewechselt wird - überwiegend aus der Sicht von Ruth geschrieben. Wir erleben die Enttäuschung der Universitätsprofessorin über den Verrat des Ehemannes und die berufliche Degradierung, und ihre zaghaften Versuche, durch sexuelle Abenteuer einen zweiten Frühling zu erleben, sowie ihr Bemühen um das Aufrechterhalten oder Wiederherstellen einer guten Beziehung zu Jenny.

Eingebettet in die Handlung sind viele Themen, die insbesondere in der linksliberalen Szene derzeit eine große Rolle spielen: von der Legitimität zivilen Ungehorsams oder aktiven Widerstands durch Sabotageakte über Fleisch essen oder nicht bis zu verschiedensten sexuellen Orientierungen. Damit reiht sich das Buch perfekt in den aktuellen Zeitgeist ein, stellt zugleich aber auch immer wieder die Frage, wie die porträtierten Personen - und damit in Identifikation mit diesen auch wir als Leserinnen und Leser - sich zu diesen Themen positionieren möchten und was diese Stellungnahme für unsere nahen Sozialbeziehungen bedeutet. Somit ist es sehr geeignet für ein Reflektieren der Zeit, in der wir leben, und der Haltung, die wir selbst zu aktuellen Themen einnehmen möchten.

Das Buch liest sich insgesamt unterhaltsam, leicht und durchaus interessant, auch wenn mir die meisten Charaktere und insbesondere Ruth emotional nicht sehr nahe gegangen sind. Inhaltlich habe ich die Vermutung, dass ich durchaus davon profitieren hätte können, das Vorgängerwerk davor gelesen zu haben, weil sich manches dann vielleicht noch anders eingeordnet hätte. Insgesamt ist das Buch aber natürlich auch als eigenständiger Band gut lesbar und verstehbar.

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