Mit ihrer Schwiegerfamilie fühlt Jessica sich so richtig wohl. Was für eine nette Familie das ist, was für ein freundlicher, unbeschwerter, regelmäßiger Umgang miteinander, nette Gespräche unter den Erwachsenen, ...
Mit ihrer Schwiegerfamilie fühlt Jessica sich so richtig wohl. Was für eine nette Familie das ist, was für ein freundlicher, unbeschwerter, regelmäßiger Umgang miteinander, nette Gespräche unter den Erwachsenen, fröhlich spielende Kinder drumherum, so eine Idylle! Wie schön, dass sie diese Schwiegerfamilie schon so lange in ihrem Leben hat, denn ihre eigene Herkunftsfamilie ist von Distanz, gegenseitigen Anschuldigungen, Entfremdungen und alten Traumata geprägt.
Vordergründig zelebriert Jessi auch mit ihrem Partner Ingwer die vielen schönen Jahre und glücklichen gemeinsamen Momente in ihrer Beziehung - tatsächlich hat sie aber, wie man schon früh erfährt, eine Affäre mit einem ihrer Schwager.
Nein, eine wirkliche Sympathieträgerin ist Jessi nicht, auch wenn man aufgrund ihrer schwierigen Herkunftsverhältnisse und dem frühen Tod ihrer Zwillingsschwester, der ihr Leben überschattet, durchaus mit ihr mitfühlen kann. In einem leichten, lockeren und schnell lesbaren Stil thematisiert das Buch, welche Schatten die Erfahrungen in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auf unsere Persönlichkeit und unsere Beziehungen werfen können, und wie manche Menschen damit umgehen.
Es ist eher ein unterhaltendes als ein literarisch tiefgründiges Werk und somit sind die Figuren zwar durchaus interessant, aber nicht sonderlich tiefgründig komplex gestaltet. Ein Buch, das man schnell gelesen hat und das doch auch ein bisschen zum Nachdenken anregt.
In den letzten Jahren sind angesichts diverser Jubiläen und aktueller politischer Entwicklungen viele Bücher und Artikel erschienen, die sich auf die eine oder andere Weise mit der ehemaligen DDR und den ...
In den letzten Jahren sind angesichts diverser Jubiläen und aktueller politischer Entwicklungen viele Bücher und Artikel erschienen, die sich auf die eine oder andere Weise mit der ehemaligen DDR und den dazugehörigen "neuen" deutschen Bundesländern sowie den dort lebenden Menschen befassen. Davon habe ich schon einige gelesen, manche zugänglicher, andere für Außenstehende schwieriger zu erschließen, manche aus einer Innensicht, andere mit einem Blick von außen.
Selten habe ich aber von einem Sachbuch so viel über die ehemalige DDR und die Zeit danach gelernt und vor allem durch die Lektüre so viel Empathie für die Herausforderungen und das Nicht-Gesehen-Werden der Menschen aus dieser Region entwickeln können, wie durch dieses Werk des in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Literaturwissenschaftlers und Hochschullehrers Carsten Gansel, der beide Teile des heutigen Deutschlands gut kennt und versteht.
Man könnte anhand des Titels meinen, es ginge in diesem Buch ausschließlich um die vergessene und zum Teil tatsächlich auf Mülldeponien achtlos oder sogar bewusst vernichtete in der DDR entstandene Literatur. Und ja, um diese geht es natürlich auch. Der Autor stellt uns unzählige interessante Werke aus dieser Zeit vor, beschreibt die Situation der Literaturschaffenden zwischen Anpassung, Beschreibung ihrer Lebenswelten und Kritik und sensibilisiert für die Vielfalt der in vier Jahrzehnten DDR entstandenen literarischen Werke, von denen viele einen näheren Blick wert sind, um Kunst, Kultur und Leben der Menschen in dieser Zeit und deren Auswirkungen bis heute besser zu verstehen.
Doch die Botschaft, die ich aus diesem Buch mitnehme, geht weit über die Beschreibung der Literatur heraus: es ist ein Entsetzen, das ich (als Österreicherin mit einem mitfühlenden Blick von außen) spüre, wenn ich davon erfahre, wie sehr die im ehemaligen Ostdeutschland aufgewachsenen und sozialisierten Menschen sowie ihre Kunst, Kultur und Lebenserfahrungen im Zuge der Wende und auch danach, immer wieder und bis heute, marginalisiert und entwertet werden, als gäbe es absolut nichts Wertvolles, das sie in dieser Zeit geleistet oder entwickelt hätten und als wäre es nur gut und richtig, wenn jegliche Kultur und Kunst aus der DDR-Zeit vergessen würde und komplett in der Kultur der ehemaligen BRD aufgehen würde. So wenig Interesse besteht und bestand oft von Seiten des ehemaligen "Westens" für reale Lebenserfahrungen der Menschen aus der ehemaligen DDR, aus denen doch ebenfalls Weisheit gewonnen werden kann!
Da verwundert es nicht, wenn manche von ihnen sich bis heute nicht zugehörig oder stark abgewertet fühlen, und, auch aufgrund eigener Erfahrungen, für undemokratische Entwicklungen, die es auch heute gibt, sensibilisiert sind.
Wie der Autor gegen Ende des Buches treffend schreibt und damit die besonderen Kompetenzen vieler dieser Menschen sieht und würdigt: "Eine Demokratie benötigt Kritiker, Nein-Sager, Aufstörer, die die als alternativlos gezeichneten Botschaften hinterfragen, ja in Frage stellen. Gefährdungen einer Demokratie vermögen daher besonders jene zu erkennen, die den schleichenden Prozess der "Zerwicklung" einer Gesellschaft am eigenen Leibe erlebt haben. Auf den Punkt gebracht: Man kann und sollte der beständigen Rede von den Ostdeutschen als defizitären Wesen endlich einmal eine andere Erzählung entgegenstellen - nämlich jene von den Ostdeutschen, die durch ihre Erfahrungen in der DDR und im Transformationsprozess gefeit sind gegen allzu übertriebene Versprechungen und Ideologien, die realistisch die Wirklichkeit beobachten und daher sensibel erkennen können, wann demokratische Rechte in Gefahr sind (...) Insofern vermögen die Ostdeutschen als Seismographen der Demokratie zu funktionieren. Man muss sich nur die Mühe machen, einen Blickwechsel vorzunehmen, und ihren Sichtweisen ernsthaft auf den Grund gehen." (S. 364)
Vielen Dank dem Autor für ein empathieförderndes, erhellendes, aufklärendes Werk und dem Reclam Verlag für die Bereitschaft und den Mut, es herauszubringen! Ich kann es einer breiten Leserschaft in ganz Deutschland sowie darüber hinaus Interessierten aus anderen Ländern aus ganzem Herzen empfehlen!
"Nicht" von Dror Mishani ist ein Büchlein von nicht einmal 200 Seiten, das sich schnell und leicht liest, und trotzdem oder gerade deshalb tief nachhallt und es so richtig in sich hat.
Worum geht es? ...
"Nicht" von Dror Mishani ist ein Büchlein von nicht einmal 200 Seiten, das sich schnell und leicht liest, und trotzdem oder gerade deshalb tief nachhallt und es so richtig in sich hat.
Worum geht es? Eli ist Anfang 50, verwitwet und mit erwachsenen Kindern, und kann sein Glück kaum fassen, als er die faszinierende Künstlerin Lia kennen lernt, sich in sie verliebt und eine Beziehung mit ihr beginnt. Wie schön, dass ihm noch einmal eine Chance auf so ein schönes Liebesglück gewährt wird!
Doch genau genommen ist es eine Dreierbeziehung, denn eine sehr große Liebe gibt es schon in Lias Leben: ihren langjährigen treuen Begleiter, den Kanaan-Hund Felix. Eli hatte bisher nicht viel mit Hunden zu tun und weiß nicht wirklich etwas über den Umgang mit ihnen, doch Lia zuliebe ist er bereit, den Hund auch in sein Leben zu lassen und sagt sogar zu, sich während eines mehrtägigen Auslandsaufenthaltes seiner neuen Partnerin um diesen zu kümmern. Ein eigenwilliger, kräftiger Hund und ein etwas zögerlicher Mann, der nichts von diesen Tieren versteht... kann das gut gehen? Tut es natürlich nicht, und so kommt es, wie es kommen muss: der Hund läuft davon, kommt zu Schaden und ist erst einmal weg, als Lia von ihrer Reise zurückkehrt.
Eli ist fest davon überzeugt, dass er nun sein neues Liebesglück mit Lia zerstören würde, wenn er ihr ehrlich gestehen würde, welchen Anteil er am Verschwinden des Hundes hatte und was wirklich geschehen ist. Und so erzählt er eine erste Lüge, die rasch weitere Lügen nach sich zieht, sodass er sich in ein ganzes Netz von Lügen verstrickt und immer weniger Möglichkeiten sieht, sich aus diesem zu befreien. Bis es zu einer unerwarteten Wendung kommt.
Das, und vieles mehr, ist die vordergründige Handlung des Buches.
Verfasst ist das Buch ungewöhnlicherweise in der Du-Form: "Du malst dir aus, wie du in vier Tagen zu einer Koryphäe für klassische Musik wirst, und wenn Lia aus Wien zurückkommt und dich fragt, was sollen wir heute Abend hören, sagst du: Das Streichquartett in g-Moll von Debussy würde zu unserer Stimmung passen, oder? Mittags läufst du durch ihr Viertel wie ein japanischer Tourist durch Venedig, suchst dir ein Café aus und bestellst einen Caprese-Salat und ein Glas Weißwein mitten am Tag. Du bist umgeben von Schränken, die du öffnen kannst und in denen sich Abschnitte ihres Lebens verstecken, von denen du nichts weißt - vielleicht sogar dunkle Kapitel oder gar Leichen - , aber du machst sie nicht auf, aus Respekt vor Lias Privatsphäre und für das Vertrauen, das sie dir schenkt." (S. 55/56)
Diese Erzählweise wirft interessante Fragen danach auf, wer hier eigentlich die Geschichte aus welcher Perspektive erzählt. Und immer wieder schimmern, so wie auch in der oben zitierten Textstelle, Hinweise auf die verborgene Tiefe der mehreren Jahrzehnte Erwachsenenlebens, die beide schon ohne einander verbracht und durchlebt haben, und die damit möglicherweise verbundenen Prägungen und Geheimnisse durch. Es ist eben nicht das gleiche wie im jungen Erwachsenenalter, wenn sich zwei Menschen im mittleren Lebensalter neu kennen lernen und verlieben, und beide tragen wohl ihr Päckchen mit sich herum.
Eli ist eben verwitwet, zu den Kindern hat er ein eher distanziertes Verhältnis und innerlich hat er in sich viele ungelöste Fragen, insbesondere in Bezug auf all das, was rund um den Tod seiner früheren Frau Oschra "nicht" passiert ist. Wenn man das Buch sorgfältig liest, findet man viele diesbezügliche Referenzen auf den Titel der deutschsprachigen Fassung des Buches, die zum Nachdenken anregen (man zähle z.B. in dieser Textstelle all die nicht/nichts/keine):
"Oschra ist gestorben, weil sie nicht mehr leben wollte", formst du Worte, von denen du einen Augenblick zuvor noch nicht gewusst hast, dass du sie sagen würdest. Nicht wegen der Krankheit, an der sie litt. Sie hat gesagt, sie habe keine Gründe weiterzuleben. Dass sie nicht mehr würde tanzen können und ihre große Karriere ohnehin verpasst hatte. Aber ich denke, es gab noch mehr Dinge, die sie beeinflusst haben und von denen ich nichts weiß, weil sie mir nichts darüber erzählt hat. Ich habe alles versucht, was ich konnte, um sie zu überreden, sich behandeln zu lassen, aber sie wollte davon nichts hören, und mein Sohn verzeiht mir das bis heute nicht. Ich weiß nicht, ob er denkt, sie wollte wegen mir nicht mehr leben oder dass ich beharrlicher hätte versuchen müssen, sie am Leben zu halten. Aber ich habe es versucht. Und nicht geschafft. Ich weiß nicht, was ihr passiert wäre, wäre sie mit jemand anderem verheiratet gewesen. Sie hat gesagt, das Leben habe ihr genügt. Dass sie nicht wieder gesund werden wolle. Das hat sie gesagt, gleich als wir von der Ärztin kamen, beim ersten Mal. Auf der Straße noch. Dass sie nicht mehr leben wolle. Und das war es." (S. 182)
Ich spüre beim Verfassen dieser Rezension, wie mich dieses Buch auch mehrere Wochen nach Beenden der Lektüre emotional tief berührt und mich zum Nachdenken auf verschiedenen Ebenen und über verschiedene Themen anregt. Da gibt es die vordergründige Handlung und die damit verbundenen Themen Vertrauen, Ehrlichkeit und Lüge in Beziehungen und die Frage, ob und unter welchen Bedingungen, vielleicht auch für welche Persönlichkeiten, sich auf einer kleinen Lüge, die weitere nach sich zieht, überhaupt eine tragfähige Beziehung aufbauen lassen kann.
Doch darunter liegen weitere Fragen wie die nach einem Neuanfang in der Mitte des Lebens, der eine Neudefinition der eigenen Persönlichkeit verlangt, aber gleichzeitig so viel biografisches Untergrundmaterial hat, auf dem diese zwangsläufig aufbauen muss. Damit ist es auch ein Buch, das die Frage nach dem stellt, was wir nicht nur tun, sondern auch unterlassen, nach unserer Verantwortung und Schuld im Leben, nach dem Bedauern danach, und was all diese Gefühle mit uns machen und wie diese schwere Last der Vergangenheit die Leichtigkeit einer neuen Verliebtheit mitbeeinflusst.
Es ist eine große Meisterschaft, in ein so kurzes und unterhaltsames Buch so viele tiefgründige existenzielle Lebensfragen einzubauen! Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen und kann es allen, die philosophische und zweideutige Bücher mögen, die auf clevere Weise zum Nachdenken anregen, sehr empfehlen.
Walburga, genannt "Wally", lebt zusammen mit ihrem Mann Matthias und der gemeinsamen 11-jährigen Tochter Valerie, "genannt Vallie", und hat ihr Leben fast so einigermaßen im Griff. Bis auf all das, was ...
Walburga, genannt "Wally", lebt zusammen mit ihrem Mann Matthias und der gemeinsamen 11-jährigen Tochter Valerie, "genannt Vallie", und hat ihr Leben fast so einigermaßen im Griff. Bis auf all das, was sie vergisst und verlegt und durcheinander bringt, den Staub auf den Regalen und all die Projekte, die sie in Angriff nimmt und dann wieder vergisst oder verliert, weil das nächste aufregende Thema ihren Verstand okkupiert: "Warum immer alles verschwinden musste! Gäbe es einen Weltrekord in Dinge am schnellsten unwiederbringlich verlieren innerhalb eines Radius von weniger als drei Metern, ich würde diese Tabelle für immer anführen." (S. 47)
Bis jetzt wusste Wally nur über sich, dass sie etwas chaotisch zu sein scheint und die Dinge nicht so leicht geregelt zu kriegen scheint wie manche andere, weshalb sie sich auch ein zweites Kind nicht zugetraut hat, auch wenn sie ihre Tochter sehr liebt. Doch die kleine Vallie scheint ihr in vielem zu ähneln und bei ihr wurde sowohl eine Hochbegabung als auch ADHS diagnostiziert, also eine Abweichung vom Durchschnitt in zwei Bereichen, "twice exceptional", wie das heute in der Fachliteratur genannt wird.
Dazu sagt die Psychiaterin in dem Buch zu Vallies Eltern: "Viele Eltern glauben, dass durch eine Hochbegabung ADHS quasi ausgeglichen wird - so ist es eben nicht. Oder eben nur beschränkt, zu einem gewissen Grad. Dazu kommt der Frust, den ein solcher Mensch spürt, wenn ihm bewusst ist: Ich hätte mehr Potenzial, aber kann es nicht umsetzen. Vielleicht können wir uns das so vorstellen: Wie ein starkes Auto, das nicht genug Grip hat, um diese Kraft auf die Straße zu bringen." (S. 87)
Funktioniert Wallys Gehirn auf eine ähnliche Weise wie das ihrer Tochter und es wurde nur damals nicht erkannt? Und was bedeutet das für sie, für ihr Leben und für die Mutter-Tochter-Beziehung?
In diesem sehr unterhaltsam geschriebenen, tiefgründig recherchierten und empathischen Buch befinden wir uns direkt in Wallys Kopf. Wir erleben aus der Innenperspektive ihre Bemühungen mit, eine gute Mutter, Partnerin, Freundin, Arbeitnehmerin usw. zu sein und können ihren sprunghaft-wechselnden Aufmerksamkeitsfokus, die schnell ansteigende und dann aber wieder ins Vergessen fallende Begeisterung für immer neue Themen, aber auch Selbstkritik und - verurteilungen live mitbekommen, genauso wie die große Liebe zu Partner und Tochter.
Es ist eine sehr sympathische Familie, die hier porträtiert wird und wie nebenbei unterhält man sich nicht nur gut, sondern lernt eine ganze Menge über Neurodivergenz, insbesondere über ADHS und Hochbegabung. Mir ist noch kein anderes Buch untergekommen, das ADHS so authentisch nachfühlbar macht wie dieses.
Ein bisschen schräg fand ich manche Entwicklungen gegen Ende des Buches, aber diese sind vermutlich Geschmackssache und dienen letztlich auch dazu, manche Herausforderungen, die mit einem Gehirn, das abweichend vom Durchschnitt funktioniert, einhergehen können, noch einmal deutlicher zu illustrieren.
Insgesamt jedenfalls 5 Sterne für ein sehr gelungenes Werk von einer Autorin, die Themen gleichzeitig unterhaltsam und tiefgründig vermitteln kann und von der ich jetzt auf jeden Fall noch mehr lesen möchte!
Daniela Dröscher ist für ihre Romane mit autobiografischem Bezug bekannt, so z.B. "Lügen über meine Mutter" oder "Junge Frau mit Katze". Nun ist mit diesem schmalen Bändchen ein Essay von ihr erschienen, ...
Daniela Dröscher ist für ihre Romane mit autobiografischem Bezug bekannt, so z.B. "Lügen über meine Mutter" oder "Junge Frau mit Katze". Nun ist mit diesem schmalen Bändchen ein Essay von ihr erschienen, der nicht für sich in Anspruch nimmt, ein Roman mit durchgängiger Handlung zu sein. Es sind einfach gesammelte Gedanken der Autorin zum Thema Sprache und Sprechen.
Es geht um Themen wie die Selbstverständlichkeit, mit der Kleinkind diverse Laute unterschiedlichster Sprache ausprobieren, und wie sie uns verloren geht. Um die individuellen Arten zu sprechen, die stark durch Herkunft, Klasse und Region geprägt sind. Um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit zwischen Hochsprache und Dialekt flexibel hin- und herzuwechseln und über die Zuschreibungen, die mit beidem verbunden sein können. Um Situationen der gefühlten Unzulänglichkeit und Nicht-Zugehörigkeit, die sprachlos machen können, etwa an der Hochschule, wenn man das dort verbreitete Vokabular noch nicht beherrscht und immer noch mit dem Habitus eines jungen Menschen mit einem Elternhaus aus einer nicht-akademischen Klasse auftritt. Und um vieles mehr.
"Meine Geschichte mit der gesprochenen Sprache ist eine Geschichte der Emanzipation", so schreibt die Autorin über ihren Weg zur Selbstermächtigung durch Sprache, bis hin dazu, den Mut zu finden, literarisch und autobiografisch zu publizieren.
Es sind viele kluge Gedanken, die für das Thema Sprechen und Sprache sensibilisieren. Und da es sich bei der Autorin um Daniela Dröscher handelt, dürfen auch ihre Lieblingsthemen, die sich durch jedes ihrer Werke ziehen, nicht fehlen: etwa die Mutter und deren Beschämung durch den Vater aufgrund ihres Gewichts. Hier ist das aber im Gegensatz zu manch anderen ihrer Bücher nur ein Thema von vielen und zieht sich nicht durch das ganze Buch (vielleicht für jene gut zu wissen, die das Thema in ihren bisherigen Werken schon umfassend genug behandelt finden).
Besonders gut gefallen und nachdenklich gemacht haben mich die Gedanken der Autorin zum Thema Verbindung schaffen durch Sprechen: "Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es beim Sprechen außerhalb des privaten Raums nicht darum geht, rhetorische Perfektion und intellektuelle Brillanz unter Beweis zu stellen. Es geht vielmehr um den aufrichtigen Versuch, eine wie auch immer geartete Verbindung herzustellen. Ein möglichst freies Sprechen zu beherzigen. Einen gemeinsamen Denkraum zu schaffen." (S. 17)
Mir hat diese essayartige Gedankensammlung gut gefallen und ich kann sie allen Fans von Daniela Dröscher sowie jenen, die sich die Verbindung zwischen Sprache, Sprechen und Klasse interessieren, jedenfalls empfehlen.