Grant, der Retter
How To End A Love StoryIch habe das Buch über eine Leserunde bekommen. Gereizt hat mich das knallpinke Cover und dass es ums Schreiben geht. Letztlich versucht die Autorin, viele Themen zubehandeln, schafft es aber nicht, sie ...
Ich habe das Buch über eine Leserunde bekommen. Gereizt hat mich das knallpinke Cover und dass es ums Schreiben geht. Letztlich versucht die Autorin, viele Themen zubehandeln, schafft es aber nicht, sie so zu verpacken, dass es emotional mitnimmt.
Rezi enthält Spoiler!
Worum geht es?
Helen ist Tochter zweier chinesischer Einwanderer:innen und hat als Teenager ihre Schwester durch Suzid verloren. Diese hat sich nachts vor das Auto von Grant gestürzt. 14 Jahre später ist Helen eine gefeierte Autorin, deren Buch verfilmt werden soll - mit Grant im Team der Drehbuch-Autoren. Neben ihren Gefühlen für den hübschen Kerl muss sich Helen auch mit der Trauer, ihrer sozialen Isolation und ihrer Wut auseinandersetzen. Grant wiederum hat eigene Probleme.
Wie hat mir das Buch gefallen?
Im ersten Viertel folgen wir Helen und Grant bis sie sich annähern, in der Mitte erleben wir die beiden auf Wolke sieben, bis es im letzten Viertel dramatischer wird und das Thema "Einwanderer-Eltern" stärker zum Tragen kommt.
Helen ist eine kühle Figur, die sich sozial abkapselt, weil sie den Anforderungen der Eltern gerecht werden will. Besonders, seit die rebellische Schwester weg ist. Helens Zweifel an ihrer Liebe treiben die Handlung an.
Grant dagegen ist anfangs mürrisch, später versucht er aber, die Beziehung zu kitten. Er ist der nette Typ, der eine Frau immer auf Händen tragen würde. Grants Makel sind die Panikattacken, die ihn seit dem Tod der Schwester quälen. Und im letzten Viertel die Frage, ob er immer Co-Autor bleibt oder ein eigenes Projekt machen will.
Das große Thema ist der Suizid. Hier geht das Buch den cleveren Weg, dass die Schwester fast unsichtbar bleibt - sie ist immer da, wir hören sie aber nie, es gibt auch keinen Abschiedsbrief. Das ist real, aber nicht förderlich für die Beziehung des Lesers zu Helen. Ohnehin hatte Helen als Erstgeborene, die sich alles erkämpfen musste, ein distanziertes Verhältnis zu ihrer Schwester. Im Buch lesen wir Helens Unverständnis über den Tod und das Verhalten der Schwester, die sich immer in den Mittelpunkt rücken musste - es geht also auch um eine Konkurrenz um die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern, die ihre Zuneigung wiederum nicht äußern können. Auch wenn es einige bewegende Momente gibt - ich hab's nicht gefühlt.
Daher kommt im letzten Viertel auch das Einwanderer-Thema stärker raus. Die Eltern fordern Leistung und soziale Angepasstheit, können Liebe aber nicht vermitteln. Das zu lesen, das war hart. Vor allem, weil sich das Verhalten der Eltern nur mäßig verbessert.
Im Buch gibt es außerdem zwei Panikattacken Grants, Autounfälle und Begegnungen mit Helen wirken als Trigger. Die Attacken sind ausführlich, aber nicht drastisch geschildert. Sie könnten aber Leser:innen triggern. Ab dem letzten Drittel tauchen sie nicht mehr auf. Sie sind verloren gegangen.
Das Kollektiv in der Schreibgruppe ist nett - ein Ehepaar, zwei Frauen, ein Spaßvogel usw. Das Kollektiv ist dazu da, um Helen auftauen zu lassen und Freunde finden lassen. Dass das nach einem Gummibärchen mit Zusatz geschieht, fand ich zweifelhaft und dass jemand ganz plötzlich Anschluss findet, ein bisschen ZU märchenhaft. Interessant wiederum war Leiterin Suraya, die als Ersatzmutter für Helen fungiert und die ihr später sagt, dass sie genau DAS nicht sein kann. Auch das fand ich real.
An Erotik wird nicht gesparrt, der Mann bereitet der Frau gern orale Freude, was nett war, aber nicht besonders. In der Mitte des Buches reden sich die beiden ein, ihre Beziehung hätte ein Verfallsdatum daher stecken sie häufig ineinander. Ich fand die Szenen oft unnötig, weil ich keinen Bezug zu Helen hatte und sie zur dramatischen Handlung nichts beigetragen haben. Vor allem die Szene kurz vor Schluss.
Dramaturgisch macht die Autorin handwerklich vieles richtig - Einführung beider Figuren, die Schreibgruppe als Spielplatz und um zu zeigen, dass Helen menschlich ist, ein paar schöne Szenen, dann Trennung, dramatischer Autounfall, Auseinandersetzung mit den Eltern, Happy End. Es gibt einige nette Szenen wie der Besuch der alten Schule, Gedanken Grants an seinen Exen usw. Gekonnt, aber nicht kreativ. Vielleicht, weil das Buch eigentlich auf einer Fanfic basiert?
Der Schreibstil hat vielen Leser:innen Probleme bereitet, denn er ist relativ trocken und personal. Anstatt ganz nah dabei zu sein, wie bei Ich-Erzähler:innen, haben wir hier Distanz. Auch, weil die Autorin vieles über Umgebungs- und Handlungsbeschreibungen ausdrückt, weniger über klare Gefühle oder Gespräche. Mich hat das nicht gestört, aber für manche war das ein wichtiger Punkt. Zu Helen als Figur passte es, aber der Stil selbst hat sein Potential nicht ausgeschöpft. Ich kann mir das besser in einem Roman über das Leben von Anfang-Zwanzigjährigen vorstellen. Dass die Perspektive zwischen Grant und Helen innerhalb eines Kapitels wechselt, ohne Kennzeichen, macht es nicht besser.
Über das Schreiben erfahren wir nicht viel, auch Humor ist kaum drin.
Fazit
"How to end a love story" hat viel versprochen, aber nur wenig gehalten. Für einen klassischen Liebesroman ist er zu schwer und nicht leicht genug, nicht spritzig genug. Für ein Buch über Suizid und mentale Probleme wiederum bleibt der Roman ein Stück oberflächlich. Wer sich mit Helen als introvertierte Person gut identifiziert, hat sicher Spaß am Buch. Für mich war es eine Coming-of-Age-Geschichte, die in einen Liebesroman gepresst wurde.