Wichtiges Thema, zu polemisch
Beklaute FrauenDieses Hörbuch hat mich einige Nerven gekostet - wegen des Erzählstils und des irreführenden Titels. Angefordert hatte ich es aufgrund des bunten Covers, das mich mit seinem leicht-abstrakten Stil entfernt ...
Dieses Hörbuch hat mich einige Nerven gekostet - wegen des Erzählstils und des irreführenden Titels. Angefordert hatte ich es aufgrund des bunten Covers, das mich mit seinem leicht-abstrakten Stil entfernt an Nofretete erinnerte.
Man sollte das Buch lesen, wenn man die Autorin mag und/oder ihre Art, Beispiele in einen historischen und gesellschaftlichen Kontext zu setzen. Und damit klarkommt, dass sie stellenweise sehr weit weg vom Thema kommt.
Rückblickend betrachtet würde ich eher das Buch lesen und parallel das Hörbuch hören.
Worum geht es?
Um Frauen. Frauen (und später BiPoCs und andere Gender und die queere Community), die ähnliche Dinge wie Männer gemacht haben, aber dafür nicht gewürdigt, sondern oft "bestraft" oder ignoriert wurden. Dazu gehören Initiatorinnen des Brotmarsches während der Französischen Revolution, Partinsaninen und Soldatinnen während der Kriege, aber auch Partnerinnen und Töchter von Künstlern sowie Wissenschaftlerinnen.
Weitere Themen sind u.a. Ehe, Algorithmen und Shitstorms, der Kunstmarkt, Preise für die Wissenschaft.
Über allem steht die Kritik an patriachalen Strukturen, die bis heute nachwirken.
Der Titel
"Beklaut" ist hier ein sehr weit gefasster Begriff. Denn die einzige Frau, die tatsächlich beklaut wurde, war Rosalind Franklin, die die Struktur der DNA entschlüsselte. Ihre Wissenschaftskollegen haben aus Neid Unterlagen abgeschrieben und einer hat das später sogar in seiner Autobiografie zugegeben. Ihre Geschichte wird im Buch sehr ausführlich erzählt.
"Beklaut" im entfernteren Sinne wurden u.a. auch die Geliebten Bertholt Brechts, allen voran Elisabeth Hauptmann, die erste Ehefrau Albert Einsteins Mileva Maric, die Geliebten Piccasos und Karl Marx' Tochter Jenny. Diese Frauen haben an den bedeutenden Arbeiten der Männer mitgearbeitet, mit ihnen diskutiert und/oder Texte redigiert oder dienten als Musen. Damit trugen sie wesentlich zum Ruhm dieser Persönlichkeiten bei. Als "Dank" wurden sie von ihnen kleingehalten, eigene Entscheidungen kritisiert. Einige Beispiele, die Schöler nennt, würde man heute wohl als Psychoterror einstufen. Brecht und Piccasso haben ihre Geliebten sogar gegeneinander ausgespielt, um von der Konkurrenz zu profitieren. Die Mitarbeit dieser Frauen ist überwiegend schlecht dokumentiert, weil nicht nachgewiesen werden kann, welche Gedanken von ihnen kamen. Sie wurden bei der Veröffentlichung der Texte und Werke selten genannt und damit ihres Ruhmes beraubt.
In welchem Sinne Frauen "beklaut" wurden, die in den Krieg zogen oder Protestmärsche anführten, ist mir nicht klar. Ich denke, dass es hier eher um Würdigung bzw. Anerkennung geht.
Kritik am Inhalt
Ich hatte erwartet, dass das Buch einzelnen Biografien auflistet und mich staunend zurücklässt. Das war es nicht. Mit manchen Persönlichkeiten setzt sich Schöler sehr ausführlich auseinander, andere wirken eher exemplarisch. Ihr Wunsch, dass der Leser die Hintergründe erfährt und die Ereignisse in einen gesellschaftlichen Kontext setzt, führt leider dazu, dass sie oft abschweift. Seitenweise erläutert, warum Wissenschaftspreise wichtig sind, warum die Ehe doof ist, welche Meinung sie zur Frauenquote hat und ob es sinnvoll ist, im Sport nach Männern und Frauen zu trennen. Später erklärt sie, wie Algorithmen den Nutzer tief in die eigene Blase ziehen und dass man sie nutzen sollte, um Gleichheit zu schaffen. Diese Erkenntnis fand ich toll und sie war ein Lichtblick.
Gefühlt 40 % des Buches bestehen aus diesen Fakten, die zwar interessant sind, aber mit "Frauen" wenig zu tun haben und öffentlich sehr oft diskutiert wurden. Ganz im Gegenteil: Oft vergisst man dadurch, um welche Person es gerade geht. Und gegen Ende des Buches versucht die Autorin People of Color einzubeziehen bzw. Frauen, die mehrfach diskriminiert sind. Für mich war damit das Chaos perfekt.
Deutlich macht das auch das Inhaltsverzeichnis - dort werden nur in Kapitel 4 die Namen der Frauen genannt, um die es geht. Das macht auch die Orientierung schwer. Die restlichen Titel sind knackig, aber nicht aussagekräftig. In vielen Büchern ist das normal, aber da es explizit um Frauen geht, sollte ich sie auch im Inhaltsverzeichnis leicht finden. Allerdings gibt es am Ende ein Personenverzeichnis.
Kritik am Erzähl-Stil
Letztlich stellt das Buch Frauen eher als "Opfer" ihrer Zeit und der Männer dar, wegen denen ihnen Anerkennung versagt blieb. Anstatt die Leistungen der Personen in den Vordergrund zu stellen, steht darüber immer, dass sie letztlich gescheitert sind. Ich fand das entmutigend. Auch wenn ich anerkenne, dass das für die Dramaturgie des Buches wichtig ist. Denn natürlich soll es wütend machen, aber ich hatte das Gefühl, dass wir eher "über" Frauen reden. Obwohl die Autorin genau das im Buch kritisiert.
Denn die Frauen selbst kommen selten zu Wort. Die Quellenlage ist hier dünn, denn nicht alle Quellen sind zugänglich, weil - auch das eine interessante Anmerkung im Buch - lange keiner nachgefragt hat. Diese Frauen waren spurenlos bzw. ihre Spuren wurden übersehen. Das Material ist nicht erschlossen. Trotzdem wäre es schön gewesen, wenn wir gelesen hätten, wie die Frauen ihre Diskriminierung wahrnehmen - oft war sie für sie so selbstverständlich, dass sie wenig Kritik daran übten oder sie herunterspielten. Das hätte dem Text eine zusätzliche Ebene gegeben. Ich hätte mich über mehr direkte Zitate gefreut. Manche Frauen haben ja Briefe usw. hinterlassen.
Was mich gestört hat ist, dass alles eingeordnet wurde. Der Text lässt die Geschichten nicht wirken, lässt den Leser nicht nachdenken oder regt ihn an, sich mit seinen Gefühlen über die Ungerechtigkeiten auseinander zu setzen.
Der Schreibstil
Auch das wird wiederum verstärkt durch den anklagenden, treibenden Tonfall, der im Hörbuch noch deutlicher wird. Teilweise driftet der Text sogar ins Polemische ab. "Sachlich" ist das Buch eher in den rein biografischen Teilen. Außerdem bemerkt die Autorin, dass manche Sätze zu komplex sind - und vereinfacht sie dann. Unnötige Schnörkel.
Im Buch wird mit Stern gegendert, im Hörbuch wird's aber kompliziert, wenn nicht mehr klar ist, ob es weibliche Personen geht oder um Personen aller Gender. Der Unterschied zwischen Glottis-Schlag und Nicht-Glottisschlag war kaum wahrnehmbar.
Etwas paradox war, dass im letzten Drittel zuerst von "Twitter" gesprochen wird, später von "X, ehemals Twitter" - hier wäre Einheitlichkeit schön gewesen.
Dennoch: Das Buch ist gut les- und hörbar, ich stolperte selten über komplizierte, akademisch anmutende Sätze. Auch die Fremdwörter waren verständlich.
Was mir gut gefallen hat
Ich fand die Auswahl der Personen sehr gut. Die Autorin legt den Schwerpunkt auf die Bereiche Kunst und Wissenschaft, und auch wenn ich mir mehr Beispiele gewünscht hätte, war das toll. Auch die Einbeziehung von Frauen im Krieg fand ich überraschend, aber sinnvoll. Auch wenn Krieg nicht schön ist, ist es interessant, dass Frauen nicht gleichberechtigt mitkämpfen durften, weil man sie in eine Schublade gesteckt hat. Außerdem konzentriert sich die Autorin tatsächlich auf die berufliche Leistung der Frauen, Kinder und Ehemänner kommen nur am Rande vor.
Der Rechercheaufwand ist riesig. 771 Fußnoten bzw. Literaturverweise gibt es im Text. Man merkt, dass die Autorin mit viel Leidenschaft an das Thema gegangen ist.
Die Sprecherin
Felicity Grist war ein Highlight. Ihre Rhythmik ist fordernd, die Aussprache akzentuiert, ohne künstlich zu sein. Ihre Art, das R zu rollen, besonders "Mileva Maric" sorgt für Freude und Gänsehaut. Ihr "Frauen", mit einer extra hellen Betonung der ersten Silbe, gruselte mich, weil es so deutlich war. Sie verschmolz so sehr mit dem Text, dass ich oft vergaß, dass sie nicht die Autorin ist. Schölers Stimme ist eher unauffällig, daher war es eine sehr gute Entscheidung, auf diese Sprecherin zurückzugreifen.
Felicity Grist unterstützt den anklagenden Tonfall brilliant, was dem Text sehr gut tut.
Fazit
"Beklaute Frauen" beglückte mich mit einigen Erkenntnissen, war mir aber oft zu polemisch und zu sehr am Thema vorbei. Die Autorin hat viel recherchiert und sich wirklich bemüht, Probleme in der Gesellschaft aufzuzeigen. Dabei schreibt sie aber selten Neues. Thema top, Umsetzung leider Flop.