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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.07.2018

Schöner Roman

Ein Start ins Leben
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In der Mitte ihres Lebens angekommen, sinniert Dr. Ruth Weiss über ihr bisheriges Leben nach. Einen Großteil dessen hat sie der Literatur gewidmet, schon als Kind die Nase ständig in ein Buch gesteckt. ...

In der Mitte ihres Lebens angekommen, sinniert Dr. Ruth Weiss über ihr bisheriges Leben nach. Einen Großteil dessen hat sie der Literatur gewidmet, schon als Kind die Nase ständig in ein Buch gesteckt. Hat sie deswegen etwas verpasst?

Brookners Debüt hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und ist trotzdem aktuell. Ruth wirkt einerseits etwas altbacken bzw. klassisch (ihre Figur hätte sicher auch einen Platz im 18. Jahrhundert gefunden), andererseits sind ihre Probleme zeitlos modern: sie ist intelligent und will doch ein Heim und einen Herd. Unabhängig sein und gleichzeitig ein intaktes Familienleben führen. Letzteres scheitert schon an ihren Eltern, die Mutter eine aus dem Beruf gealterte Schauspielerin, der Vater verschleißt beim Versuch eine „brave“ Frau zu finden zahlreiche Geliebte. Nach dem Tod der Großmutter zieht sich Ruth quasi selbst groß und findet großen Trost in der Literatur. Diese nimmt einen nicht ganz so großen Raum in der Geschichte ein wie ich es mir erwartet hatte. Zwar wird Ruths Begeisterung für Balzac deutlich, aber ansonsten tritt ihre bibliophile Neigung oft hinter den zwischenmenschlichen Konflikten zurück. Diese sind nachvollziehbar dargestellt, auch wenn gerade die Figur der Mutter mir doch oft unfreiwillig komisch vorkam. Sprachlich ist Brookners Roman mehr als ansprechend, eine sehr starke Sprache, die trotzdem leise Töne trifft. Mir hat er gefallen.

Veröffentlicht am 29.06.2018

Spannende Fortsetzung

In den Fängen des Löwen
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Mitten im eiskalten Stockholmer Winter wird am Schornstein einer verlassenen Fabrik die Leiche eines Jungen gefunden. Auf grausamste Art und Weise ermordet und den Blicken aller preisgegeben. Die Spuren ...

Mitten im eiskalten Stockholmer Winter wird am Schornstein einer verlassenen Fabrik die Leiche eines Jungen gefunden. Auf grausamste Art und Weise ermordet und den Blicken aller preisgegeben. Die Spuren führen Zack Herry und sein Team schnell in ein Asylheim, aus dem der Junge vor einigen Tagen spurlos verschwunden ist.

Schon Band eins mochte ich sehr gerne, das Autorenduo hat mich auch mit vorliegendem Band zwei nicht enttäuscht. Die Story ist rasant und spannend, einerseits bedingt durch den bestialischen Mordfall, andererseits durch Zacks Persönlichkeit. Er ist ein schlauer Kopf, aber leider auf bestem Wege in der Drogensucht, in der Sucht nach dem nächsten Kick verloren zu gehen. Trotzdem ist er einem auf ganz eigene Weise sympathisch und so fiebert man auch mit, ob er sich denn wieder fangen kann. Auch die Suche nach Ismails Mörder gestaltet sich mehr als spannend, die Herren Autoren legen falsche Fährten und lassen den Leser trotzdem auch immer wieder mal nachdenklich werden. Schon im sehr starken Prolog hatten sie mich wieder an die Seiten gefesselt. Der Schreibstil ist sehr mitreißend, die Brutalität des Mörders wird dem Leser schonungslos präsentiert. Sicherlich nichts für ganz zart Besaitete, für mich war die Mischung aber wieder mehr als gelungen. Band drei folgt im Herbst, und ich bin mehr als gespannt auf die Fortsetzung.

Veröffentlicht am 27.06.2018

Seichter Krimi mit tollem Parisfeeling

Die Toten von Paris
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Im Herbst 1944 atmet Paris auf. Die Deutschen sind auf dem Rückzug, Paris eine halbwegs freie, wenn auch vom Krieg gebeutelte Stadt. Dennoch wird aufgeräumt, auch mit Kollaborateuren, und so gelangt der ...

Im Herbst 1944 atmet Paris auf. Die Deutschen sind auf dem Rückzug, Paris eine halbwegs freie, wenn auch vom Krieg gebeutelte Stadt. Dennoch wird aufgeräumt, auch mit Kollaborateuren, und so gelangt der unbedarfte Jean Ricolet zu seinem Job bei der Pariser Polizei. Eigentlich hatte er ja gehofft bei der Suche eines Massenmörders helfen zu dürfen, aber er wird auf den Tod eines Nazis angesetzt. Der hatte sich zuletzt eifrig damit beschäftigt Raubkunst an den Führer zu liefern. Ricolet gelangt schnell auf die Spur von Pauline, die zuletzt mit dem Opfer arbeitete. Ebenso wie für die Résistance.
Der Klappentext hatte mich wirklich sehr angesprochen, leider konnte mich die Umsetzung der guten Grundidee nicht richtig überzeugen. Ein großer Pluspunkt war für mich das aufkommende Parisfeeling. Die Autorin beschreibt Örtlichkeiten, Land und Leute sehr gut, ich hatte sofort bunte und lebendige Bilder vor Augen. Immer wieder werden französische Begriffe eingestreut, die diesen Effekt verstärken. Überhaupt fand ich den Erzählstil sehr angenehm, bis auf Kleinigkeiten war der Lesefluss immer gegeben. Die Stimmung in der befreiten Stadt wird ebenfalls sehr authentisch dargestellt, diese Mischung aus Kampf ums Überleben und gleichzeitigem Siegesgefühl wirkte auf mich sehr echt.
Leider konnte der Kriminalfall nicht richtig punkten, hier entwickelt sich einiges vorhersagbar, anderes wird zu früh aufgelöst, sodass der Spannungsbogen viel zu früh wieder abflaut. Situationen, die eigentlich großes Spannungspotential hatten, sind oft viel zu einfach und dadurch oft unglaubwürdig abgelaufen. Auch die Figuren selbst waren nicht immer glaubwürdig, sowohl Ricolet als auch Pauline handeln ab und an sehr konstruiert und zweckgebunden. Beide hätten definitiv mehr Tiefe vertragen können, gerade Pauline wird doch sehr auf ihre Motive reduziert.
Der Krimi startet stark, verliert im Mittelteil viel und kann mit dem wieder besseren letzten Drittel nicht genug punkten, um mich zu begeistern. Insgesamt bleibt der Eindruck, dass zu viel gewollt wurde und an vielen Stellen Verbesserungen möglich gewesen wären. Sicherlich kein ganz schlechter Krimi, aber einer, der sein Potential verschenkt hat. Schade.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Spannung
  • Figuren
  • Geschichte
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 18.06.2018

Ganz großes Kino

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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June ist gerade einmal 15 als ihr Onkel Finn an AIDS stirbt. Der Finn, der ihr die Sonntage versüßte. Der Finn, der als Einziger in der Familie ihre Leidenschaft für das Mittelalter verstand, mit dem sie ...

June ist gerade einmal 15 als ihr Onkel Finn an AIDS stirbt. Der Finn, der ihr die Sonntage versüßte. Der Finn, der als Einziger in der Familie ihre Leidenschaft für das Mittelalter verstand, mit dem sie Streifzüge durch das New York der 80er Jahre machte, mit dem sie lachte und weinte. Und in den sie heimlich verliebt war. Auch Finn war verliebt. In Toby. Eine Liebe, von der June nichts wusste.

Ich bin sonst für gefühlsduselige Coming-of-Age-Romane so gar nicht zu haben. Doch dieser Roman hat mich voll erwischt. Eben weil er gefühlvoll ist ohne gefühlsduselig zu sein. Und weil er zwar von einem Teenager handelt, aber eben ohne den YA-Stempel aufgedrückt zu bekommen. Brunt hat eine sehr rührende, traurige, aber gleichzeitig kraftvolle Geschichte rund um June und ihre Familie geschrieben. June ist ein etwas seltsames Mädchen, eine Einzelgängerin, die sich nicht gut in die breite Masse ihrer Altersgenossen einfügen kann. Die einem aber trotz ihrer Eigenheiten schnell sympathisch ist. Finn stirbt nach Kapitel eins und doch hat man das Gefühl, dass er June, Toby und den Leser noch sehr lange begleitet. Ich war direkt etwas traurig ihn nicht persönlich gekannt zu haben, so sympathisch und faszinierend ist seine Figur. Aber auch Toby mochte ich sehr gerne, den man gemeinsam mit June neu kennen lernt.
Die Autorin schreibt sehr einfühlsam und poetisch, unendlich große Trauer und Melancholie ziehen sich durch die Geschichte, die trotzdem auch unglaublich fröhliche Momente hat. Dabei wirkt nichts davon aufgesetzt, sondern alles sehr echt. Ihre Art mit den großen Themen Verlust und Tod umzugehen, aber auch mit der Stigmatisierung HIV-Erkrankter in jener Zeit, hat mich sehr beeindruckt. Ein wundervoller Roman, der mit leisen Tönen doch eine durchdringende Botschaft verbreitet. Und eine Autorin, die sich schnell in mein Leserherz geschrieben hat.

Veröffentlicht am 16.06.2018

Spannung aus Island

DNA
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In Reykjavik geht ein erbarmungsloser Mörder um. Eine junge Mutter wird ans eigene Bett gefesselt tot aufgefunden. Zeugin des Mordes war ihre kleine Tochter, die nun für die ermittelnden Beamten um Kommissar ...

In Reykjavik geht ein erbarmungsloser Mörder um. Eine junge Mutter wird ans eigene Bett gefesselt tot aufgefunden. Zeugin des Mordes war ihre kleine Tochter, die nun für die ermittelnden Beamten um Kommissar Huldar alles noch einmal durchleben muss. An ihrer Seite findet sich die Kinderpsychologin Freyjar wieder, die dem traumatisierten Kind die so wichtigen Antworten entlocken muss.

Von Yrsa Sigurdardóttir habe ich schon mehrere Bücher gelesen, und auch dieses Mal hat mir die isländische Autorin wieder spannende Lesestunden verschafft. Dieser erste Band einer neuen Thrillerreihe hat mich neugierig auf die weiteren Teile gemacht. Huldar und Freyjar bilden ein ganz gutes Paar (wobei die „Paarbildung“ ja noch Spekulationsspielraum lässt), das gut durch die Geschichte führt. Beide finde ich auf ihre Art recht sympathisch, sie werden gut eingeführt, es bleibt aber auch noch genug offen, um die Figuren in weiteren Bänden ausbauen zu können. Nicht ganz so gut gelungen ist der Autorin die Darstellung der jungen Zeugin, die ca. 7 Jahre alt sein soll, sprachlich und z.T. vom Verhalten her aber sehr viel älter wirkt. Diese Diskrepanz störte dann ab und an doch sehr.
Der Erzählstil der Autorin hat mir wieder gut gefallen, zwar nordisch gemütlich, aber nicht ganz so nüchtern wie bei anderen ihrer skandinavischen Kollegen. Der Mordfall entwickelt sich sehr spannend, mit dem Modus operandi hat die Autorin zudem auch dem passionierten Thrillerleser noch etwas Neues zu bieten. Ich habe lange mitgefiebert und war dann auch mit der Auflösung mehr als zufrieden. Insgesamt wirklich ein schöner isländischer Thriller.