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Veröffentlicht am 31.03.2017

Einlegen ist kein Hexenwerk!

Saures
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Freddie Janssen hat ein ganz anderes Kochbuch geschrieben. Mit Einlegen und Fermentieren habe ich mich bisher wenig beschäftigt und auch nicht in Erwägung gezogen, das selbst zu wagen. Das hat sich mit ...

Freddie Janssen hat ein ganz anderes Kochbuch geschrieben. Mit Einlegen und Fermentieren habe ich mich bisher wenig beschäftigt und auch nicht in Erwägung gezogen, das selbst zu wagen. Das hat sich mit "Saures" geändert.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Zunächst die Rezepte zum Einlegen und Fermentieren (größtenteils vegetarisch bis vegan). Schließlich Rezepte für (fast ausschließlich nicht-vegetarische) Gerichte, deren Zutaten u.a. aus den zuvor eingelegten Lebensmitteln besteht. Hier gibt es außerdem noch Rezepte für Getränke mit und ohne Alkohol.

Mein Problem: die Zutaten. Diese sind zu einem Großteil nicht im Supermarkt zu erhalten und auch in anderen Geschäften meiner mittelgroßen Stadt wurde ich nicht immer fündig. Hier heißt es zu improvisieren - das wäre einfacher, wenn die Autorin auch Alternativen aufzeigen würde.

Im Gegensatz zu den Zutaten sind die Gerätschaften, die man benötigt, in den meisten Haushalten vorhanden: vor allem Tupper -Dosen und Einmachgläser und natürlich ein Kühlschrank. Es lohnt sich also vorher leere Konserven- und Marmeladengläser zu sammeln - eventuell sollte man noch ein 1-Liter-Einmachglas kaufen.

Bei den von mir ausprobierten Rezepten fand ich die angepeilte Menge viel zu hoch für meinen Zwei-Personen-Haushalt. Insbesondere zum Ausprobieren kann man die Mengenangaben der Rezepte deshalb meiner Meinung nach problemlos halbieren oder sogar vierteln.

Teilweise fühlte ich mich innerhalb des Rezeptes etwas allein gelassen. Rührt man Kimchi während der Fermentierung gelegentlich um oder lieber nicht? Soll eine Sauce entstehen und wenn ja wie flüssig?
Dass mir die Gerichte trotzdem gelungen sind, hat mir aber gezeigt, dass Einlegen kein Hexenwerk und auch keine Wissenschaft allein für absolute Profis ist. Auch beim Einlegen und Fermentieren sind Variationen und Improvisation möglich.
Wertvolle allgemeine Tipps der Autorin z.B. zum Sterilisieren der Gläser und dem richtigen Salz sind hier auch noch als gute Hilfestellung zu nennen.

Mein Highlight bisher: Das Sesam-Kimchi! Die Kombination aus Kohl, Chili und Sesam passt perfekt. Zusammen mit gekochtem Reis ergibt sich ein schnelles, einfaches und vor allem leckeres Winter-Essen. Im Buch finden sich insgesamt vier Kimchirezepte, von denen ich bestimmt noch das ein oder andere ausprobieren werde.

Auch optisch macht sich das Buch gut. Ob der deutsche Titel so gut gewählt ist, ist fraglich, aber er macht bestimmt neugierig. Das Covermotiv ist wohl Geschmacksache, aber der Einband aus für Kochbücher ungewöhnlichem Halbleinen ist wertig und die Photos sind gelungen. Kleine Zeichnungen lockern das Design zusätzlich auf.

Mir hat das Buch gezeigt, das Einlegen und Fermentieren auch als Laie ohne Riesen-Aufwand machbar ist - ich mache definitiv weiter! Ich hätte mir aber mehr Rezepte mit gewöhnlicheren Zutaten und mehr vegetarische Rezepte und Kombinationsvorschläge gewünscht.

Veröffentlicht am 31.03.2017

Walerian in Wien

Der Mann, der Luft zum Frühstück aß
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Radek Knapps schmaler Erzählband mit dem langen Titel "Der Mann, der Luft zum Frühstück aß" ist die Coming-of-age-Geschichte des polnischstämmigen Walerian. Als Jugendlicher kam er mit seiner Mutter nach ...

Radek Knapps schmaler Erzählband mit dem langen Titel "Der Mann, der Luft zum Frühstück aß" ist die Coming-of-age-Geschichte des polnischstämmigen Walerian. Als Jugendlicher kam er mit seiner Mutter nach Wien und schlägt sich als junger Erwachsener mit allen möglichen Jobs durch. Dabei behält er immer eine Gelassenheit, vielleicht sogar Zufriedenheit.
Die Person Walerian ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Irgendwie scheint er aus der Zeit und der modernen Realität gefallen.

Sprachlich gekonnt und gewitzt umgesetzt - nie übertrieben, selten nah am abgedroschenen Wortwitz.

Für Radek-Knapp-Fans sicher eine schöne Lektüre, Lesern, die Rade Kann noch nicht kennen, würde ich aber erstmal einen seiner Romane empfehlen.

Veröffentlicht am 31.03.2017

Landleben ohne Idylle

Niemand ist bei den Kälbern
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Alina Herbing nimmt den Leser in ihrem Debut "Niemand ist bei den Kälbern" mit in die mecklenburgische Provinz, genauer gesagt in das Dorf Schattin in Nordwestmecklenburg. Hamburg ist in Reichweite, Lübeck ...

Alina Herbing nimmt den Leser in ihrem Debut "Niemand ist bei den Kälbern" mit in die mecklenburgische Provinz, genauer gesagt in das Dorf Schattin in Nordwestmecklenburg. Hamburg ist in Reichweite, Lübeck sogar in Sichtweite, dennoch ist das Dorf ganz weit weg vom Stadtleben und der weiten Welt. Alina Herbing beschreibt ein düsteres Landleben. Das hochsommerliche Wetter und die landschaftliche Idylle stehen im Kontrast zum Alltag und Lebensgefühl der Ich-Erzählerin Christin, die in einer nicht gerade glücklichen Beziehung und ohne Perspektive auf einem Milchhof lebt und arbeitet.

Die Autorin wartet alles auf, das man in einem ostdeutschen Dorf erwarten kann: Milchbauern am Ende der Existenz, Tristesse, ein Dorffest, Nazis, Alkohol und noch einiges mehr. Mit der ländlichen Idylle aus Heimatfilmen (früher) und Hochglanzzeitschriften (heute) hat das nichts gemein. Es mag sich um literarische Verdichtung handeln, dennoch wirkt das Szenario auf mich zwar fern ab meiner eigenen Realität, aber dennoch nicht komplett unrealistisch.

Sprachlich setzt Alina Herbing das sehr präzise um. Oft an der Grenze zu Andeutung beschreibt sie ohne viele Umschweife Christins Leben, ihre Vergangenheit, ihre Träume. Dabei hat Christin ihre eigene, authentische Sprache, die die Grenze zum Klischee nie überschreitet.

Ein ungewöhnliches Buch, das das Leben in der ostdeutschen Provinz beschreibt, wie man es noch nie gelesen hat.

Veröffentlicht am 31.03.2017

Unkomplizierte vegetarische Pastavielfalt

Mia liebt Pasta
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Mirja 'Mia' Hoechst hat in ihrem Kochbuch vielseitige Pasta-Rezepte zusammen gestellt. Wie das Cover schon ankündigt, finden sich hier nicht nur warme und kalte herzhafte Rezepte, sondern auch süße Gerichte. ...

Mirja 'Mia' Hoechst hat in ihrem Kochbuch vielseitige Pasta-Rezepte zusammen gestellt. Wie das Cover schon ankündigt, finden sich hier nicht nur warme und kalte herzhafte Rezepte, sondern auch süße Gerichte. Die Rezepte sind nicht nur von der italienischen Küche beeinflusst, sondern haben auch asiatischen und internationalen Touch. Enthalten sind sowohl Klassiker wie Tomatensauce als auch aktuelle Trends wie One-Pot-Pasta und Nudeln aus Gemüse. Alle Rezepte sind vegetarisch - einige auch vegan. Die vegetarischen Rezepte sind meist nicht so einfach zu veganisieren: Mirja Hoechst verwendet gerne Eier und natürlich Käse.

Die Autorin beginnt das Buch mit verschiedenen Rezepten für Nudelteig. Hier sollten sich Leser, die Pasta nicht selbst herstellen möchten oder können, nicht abschrecken lassen: Die meisten Rezepte kann man aber auch problemlos mit gekaufter Pasta kochen. Somit sind die Rezepte machbar und auch alltagstauglich. Die Zubereitung der Gerichte ist in meist wenigen Schritten erläutert und einfach umzusetzen. Die von mir bisher ausprobierten Rezepte sind mir beim ersten Kochen problemlos gelungen und sie waren echt lecker. Auch Menschen, die wenig kochen, werden hier Rezepte finden, die sie einfach umsetzen können.

Die Zutaten sollten in mittleren bis Großstädten (je nach Saison) einfach zu beschaffen sein - exotische Zutaten sind die Ausnahme, fast alle Zutaten findet man im Supermarkt. Im Einkauf sind die vielen frischen Kräuter wohl die größte Herausforderung.

100 Gramm Nudeln, die die Autorin pro Person veranschlagt, können bei hungrigen Menschen etwas wenig sein. Ggf sollte man also etwas mehr kochen als im Buch vorgeschlagen wird.

Die Gestaltung des Buches ist etwas verspielt und erinnert mich an die Aufmachung von Frauenzeitschriften. Das müsste für mich nicht so sein, ist aber ok. Die Photos sind gelungen und machen Appetit.

Insgesamt ein gutes Kochbuch, das das Rad zwar nicht neu erfindet, dafür aber leckere, unkomplizierte und abwechslungsreiche Nudelgerichte sammelt.

Veröffentlicht am 31.03.2017

Fünf Geschichten aus Frankreich

Ab morgen wird alles anders
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Die fünf Kurzgeschichten in Anna Gavaldas "Ab morgen wird alles anders" unterscheiden sich stark in Thema, Sprache und Umfang. Gemeinsam ist ihnen die Erzählperspektive: alle Geschichten verfügen über ...

Die fünf Kurzgeschichten in Anna Gavaldas "Ab morgen wird alles anders" unterscheiden sich stark in Thema, Sprache und Umfang. Gemeinsam ist ihnen die Erzählperspektive: alle Geschichten verfügen über einen Ich-Erzähler.
Die Geschichten spielen in Frankreich - teilweise in Paris, teilweise ist die Stadt nicht weiter erwähnt. Anders als das Cover vermuten lässt, handelt es sich also nicht um ein typisches Paris-Buch.

So unterschiedlich die Protagonisten in Alter, Beruf und sozialer Herkunft, so verschieden auch ihre Sprache. Das ist für mich das Highlight dieses Buches: Anna Gavalda gibt jedem Ich-Erzähler seine eigene Ausdrucksweise und Sicht auf die Welt. Dabei trifft sie den Nerv der Zeit: Menschen auf der Suche nach sich selbst und auf ihrem Weg durch unsichere Zeiten. Interessanterweise spielt Terror hier keine Rolle - vielleicht auch, weil die Originalausgabe bereits 2014, also vor den großen Anschlägen in Frankreich, erschienen ist. Stattdessen sind wirtschaftliche Sorgen, prekäre Arbeitsverhältnisse, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Thema. Wem das zu düster klingt, dem sei gesagt, dass Anna Gavalda diese Themen keinesfalls in deprimierenden Texten verpackt.

Insgesamt kann ich sagen, dass Sprache und Gedankengänge der Protagonisten vor der eigentlichen Handlung stehen. Hier gibt es schöne Sätze und Absätze. Wer sich an Sprache erfreut, vielleicht sogar gerne Passagen anstreicht oder herausschreibt, dem gefällt dieses Buch bestimmt.

Ich finde es aber schade, dass dafür der Plot der Geschichten hintenan steht. Wer große Überraschungen und Action erwartet, wird hier enttäuscht. Manche Geschichte ließ mich etwas ratlos zurück. So ist die Geschichte eines Familienvaters in "Meine Kraftpunkte" schon ziemlich lapidar.
Die beiden längeren Geschichten "Mathilde" und "Yann" (jeweils ca. 100 Seiten) gefielen mir hingegen gut. Liegt es daran, dass mir diese beiden Protagonisten am sympathischsten waren und nahe stehen oder eventuell auch daran, dass ich (im Vergleich zu den drei weitaus kürzeren Geschichten) mehr als doppelt so viele Buchseiten Zeit hatte, sie so gut kennen zulernen? Trotz der reduzierten Handlung fieberte ich hier mit den Protagonisten und konnte mich gut in sie hinein versetzen. Beide sind Anfang/Mitte zwanzig und sehen trotz Studium wenig Perspektive für ihre Zukunft.

Ein nicht ganz runder Geschichten-Band, bei dem es sich aber lohnt auf die Feinheiten zu achten.