Mystisch. Mitreißend. Woods.
Die GeschichtensammlerinNachdem mich „Der verschwundene Buchladen“ nachhaltig begeisterte, konnte ich „Die Geschichtensammlerin“ kaum erwarten. Evie Woods führt uns in das abgelegene Dorf Thornwood, Westirland – um das sich seit ...
Nachdem mich „Der verschwundene Buchladen“ nachhaltig begeisterte, konnte ich „Die Geschichtensammlerin“ kaum erwarten. Evie Woods führt uns in das abgelegene Dorf Thornwood, Westirland – um das sich seit Jahrhunderten Mythen ranken, die auch heute noch festverwurzelt sind …
1910/1911
Anna Butler kann ihre Begeisterung, dem Amerikaner Harold Griffin-Kraus bei seiner Arbeit unter die Arme greifen zu dürfen, nur schwer verbergen. Der Fremde sammelt verschiedene Folklore und Mythen, möchte die hiesigen Geschichten erfahren und mit Ortsansässigen sprechen. Anna, die den abschätzigen DorfbewohnerInnen bekannt und des Gälischen mächtig ist, begleitet ihn und erfährt auf diese Weise selbst so einiges mehr. Gerade die Legende um das Thornwood House, welches 1882 erbaut wurde und in dem sich schreckliche Ereignisse zugetragen haben sollen, zieht das Interesse von Harold an. Um dem Gemäuer Platz zu machen, musste damals ein uralter Weißdornbaum weichen, etwas, das mit großem Unglück und dem Zorn des „Guten Volkes“ verbunden ist. Anna, die ihre Zeit mit dem charmanten, gebildeten Fremden in einem Tagebuch festhält, wird diese Wochen niemals vergessen...
2010/2011
Nach der Trennung von ihrem Mann will Sarah Harper in ein Flugzeug nach Boston steigen, doch landet die von Schmerz gezeichnete Frau – benebelt von zu viel Whiskey und einer skurrilen Schlagzeile – an einem regnerischen Morgen in Irland. Überrascht von ihrem plötzlichen Aufenthaltsort und nicht in der besten mentalen Verfassung, mietet Sarah das Butler's House – ein süßes Cottage in einem urigen Dorf. Als sie des Nachts dem gewohnheitsmäßigen Drang, eine Runde laufen zu gehen, nicht widerstehen kann, stößt sie nicht nur auf einen Esel, sondern auch auf ein altes Tagebuch … Worte, die sie aus Trauer und Lethargie reißen, ihr einen Weg weisen.
Mit „Die Geschichtensammlerin“ hat Evie Woods erneut bewiesen, dass sie eine dichte, mystische und nachhallende Handlung konzipieren kann, von der es sich nur schwer lösen lässt.
Sarah, die seit „der Sache“ regelmäßig mit Verzweiflung, Scham und Schuld ringt, sich im Alkohol verliert, wird von den Einheimischen Thornwoods herzlich aufgenommen und findet durch diese und die Chance, sich mit sich selbst und ihrem Verlust auseinanderzusetzen, langsam zurück ins Leben und den Mut, Unaussprechliches endlich in Worte zu fassen. Getrieben von den Erlebnissen der jugendlichen Bäuerin, die ebenfalls einst das Butler's House ihr Heim nannte, sucht die Künstlerin nach mehr als dem, was auf Zeilen gebannt wurde. Woods durchbricht die Gegenwart rege mit den Erzählungen von Anna – greift die damaligen Gegebenheiten und Konventionen, die Neugierde und Euphorie des Mädchens authentisch auf, spickt die Vergangenheit jedoch auch mit etwas Dunklem. Einem Hauch von Magie, einer Bedrohung, die auch ein Jahrhundert später unübersehbar in der Luft schwebt.
Sowohl Anna und Harald als auch Sarah und Oran, der ebenfalls eine tiefere Verbindung zu dem alten Cottage und den Legenden des Dorfes hat, wurden greifbar und echt, mit ihrem eigenen Schmerz und der Art, diesem zu ent- oder über ihn hinwegzukommen, gezeichnet. Auch finden sich einige Nebencharaktere, die die Story bereichern. Es war aufregend, die Figuren und ihre Leben kennenzulernen, im Damals und Heute durch das Örtchen zu streifen und sich stets zu fragen, was real ist – und sein könnte. Viele Momente und Wahrheiten gehen nah, öfter überrascht Woods, treibt das Tempo kontinuierlich hoch, um uns atemlos zurückzulassen – dabei ist „Die Geschichtensammlerin“ kein actionreicher Roman, jedoch reich an Ereignissen, die mitfiebern lassen, Emotionen, die wehtun, und Geheimnissen, deren Ergründung das Interesse nicht abflauen lassen. Umspielte das Geschehen eine einnehmende, oft schwere Atmosphäre, Wehmut gepaart mit melancholischen Zügen, lichtet sich im Verlauf die Tristesse, schafft Platz für Neues – und die mahnende Erinnerung, Fehler nicht zu wiederholen …
Im Herbst wartet bereits der nächste Roman der Autorin und ich freu’ mich auf eine Reise nach Paris!