Was für ein Ritt.
Blood of Hercules»Lass dich von niemandem schlechter behandeln, als du es verdienst, Sagenhafte.«
„Blood of Hercules“ ist durch und durch unterhaltsam, originell und frisch.
2050
Alexis Hert wuchs in ärmlichen, missbräuchlichen ...
»Lass dich von niemandem schlechter behandeln, als du es verdienst, Sagenhafte.«
„Blood of Hercules“ ist durch und durch unterhaltsam, originell und frisch.
2050
Alexis Hert wuchs in ärmlichen, missbräuchlichen Verhältnissen am unteren Rand der Gesellschaft in einer trostlosen, von mythischen Mächten inspirierten, durch auserwählte spartanische „SuperheldInnen“ und die Angst vor Titanenangriffen geprägten Welt auf. Hunger, Armut, Gewalt und Mobbing begleiten sie schon ihr gesamtes Leben – und hinterließen tiefe Narben. Zum Licht in ihrer Einsamkeit wurden Nyx, eine unsichtbare Schlange, und der stumme Charlie, den sie mit allen Mitteln versucht, vor der Grausamkeit ihrer Pflegeeltern zu schützen.
Ihre Abschlussprüfung ist ein Meilenstein, der ihr Dasein für immer verändern soll, denn plötzlich ist Alexis kein einfacher Mensch mehr, der sich durch den harten Alltag eines mittellosen, gebrochenen Teenagers quält, sondern ein „verwaistes spartanisches Mischblut“. Heißt: Alexis und zahlreiche andere müssen in einem Massaker – dem SGC – gegeneinander antreten, bis nur noch zehn auf dem Schlachtfeld stehen. Nur, um sich danach monatelang in einer ‚Feuerprobe' von Gladiatoren, „Gottheiten“, chthonischen Erben/grausamen Lehrern quälen zu lassen – denn die Unsterblichkeit, etwas, worum Alexis nie bat, auf das sie gar keine Lust hat, muss man sich verdienen …
Jasmine Mas führt uns in einem wunderbar komischen, lockeren und lebendigen Stil durch ihre skurrile Handlung, die neben Mythologie und Überlebenskämpfen, verschiedenen Wesen und mächtigen, tödlichen Fähigkeiten Merkmale von Dystopie, Fantasy und Romance aufweist.
Erzählt wird hauptsächlich aus der Sicht der beinahe 20-Jährigen – wir werden Teil ihrer Vergangenheit, ihres Traumas, sind dabei, als alles immer wieder ins Chaos stürzt, und verfolgen ihre Entwicklung und ihre ironischen Monologe hautnah. Zwischen Flashbacks, die wehtun, Hoffnungslosigkeit und dem Wunsch, aufzugeben; tiefer Verzweiflung, bleierner Müdigkeit und dem herrlich frischen, trockenen Sarkasmus blitzen so viel Mut und Wut auf, eine Stärke, die sich nach und nach Bahn bricht.
Durch Alexis’ unbekannte Herkunft, kleine Erinnerungsblitze und plötzliche Twists wirft die Autorin rege Fragen in den Raum, deren Antwort ebenso überraschend ist wie so manch Ereignis, Offenbarung und Intention. Denn sowohl die Alexis zugeteilten Mentoren Achilles und Patro als auch die Professoren aus der Unterwelt, Augustus und Kharon, mischen die kleine Gruppe von Auserwählten auf, treiben sie an ihre Grenzen, nehmen Opfer in Kauf. Doch alle vier scheinen ein besonderes Interesse an der spartanischen Frau – eine kostbare Seltenheit – zu hegen.
„Blood of Hercules“ wird zwar mit einigen typischen „(Dark) Romance“-Tropes beworben, kommt dabei aber hervorragend ohne eine im Vordergrund stehende Romanze und hauptsächlich auch ohne explizite Szenen aus. Dabei sind die männlichen Charaktere definitiv dark, morally grey, regelrecht böse, dominated, besitzergreifend, blutrünstig (…) und schwer zu durchschauen. Es war sowas von cool, sich von den spritzigen Dialogen (wenn Alexis auch häufig nur zu gedanklichen Kontern fähig ist) unterhalten zu lassen und die sich entwickelnden, teilweise toxischen, durch und durch gefährlichen Dynamiken zu verfolgen. Zartes, wenn auch undeutbares Aufflattern von echten Emotionen und Mitgefühl, kryptische Aussagen und widersprüchliches Verhalten sorgen dafür, diese „Verehrer“ immer wieder zu hinterfragen und neu zu bewerten. Mas animiert gekonnt dazu, nicht nur über Alexis’ Besonderheiten, sondern auch über die Gründe und Ziele der Vier zu rätseln.
Typisch für Bücher mit mythologischen Aspekten/Gottheiten sind Intrigen, perfide Pläne und Machtspiele – so auch hier. Die letzten Kapitel werfen auf Vorangegangenes, beleuchtet durch andere Perspektiven, ein neues Licht, welches zur logischen Verknüpfung beiträgt. Dabei empfand ich die Geschichte insgesamt als sehr detailreich und greifbar ausgearbeitet. Der authentische, direkte Ton und Alexis' Gedanken machen es leicht, sie – ihre Reaktionen, Zweifel und Unsicherheiten – zu verstehen. Der Aufbau war durchdacht und abwechslungsreich, weder kamen Spannung noch Action zu kurz, und auch an rührenden Momenten, Überraschungen und Blut wurde nicht gespart. Ein weiterer großer Pluspunkt: Im Verlauf finden sich immer wieder Informationen über das Worldbuilding, die Gegebenheiten und Hierarchien, über die Götter, deren Abkömmlinge und die diversen Fähigkeiten sowie deren dekadente Lebensstile und andere Wesen.
Die Zeit der Feuerprobe nimmt den Großteil des Verlaufs ein – die Initianten müssen Schlaflosigkeit, Hunger, Gehorsam-Bestrafung sowie folterähnlichen Prüfungen und Aufgaben trotzen, zahlreiche Hürden, Konfrontationen überstehen und Peinlichkeiten ertragen. Denn ja, Alexis ist auf eine verschrobene Art taff, intelligent und unbewusst witzig, aber Zwischenmenschliches, soziale Kommunikation, romantische/sexuelle Erfahrungen und Selbstwert sind kein Teil ihres Stärkenrepertoires. Und meine Güte, es kommt zu etlichen Szenen, in denen sich Unbeholfenheit, Gleichgültigkeit und Erschöpfung vereinen und dafür sorgen, dass zumindest wir lachen müssen. Ich musste es jedenfalls. Oft.
Auch Nyx, stets treu, zum Töten bereit, ist eine originelle Figur, die Spaß macht. Jedes einsame Mädchen sollte eine verruchte Schlange bekommen – oder die Chance, zu einem heldenhaften Monster zu werden, das für sich selbst eintritt.
Am Ende können wir Alexis’ Ursprung, ihren Kern, fassen, ihre Möglichkeiten, und doch sind es altbackene Strukturen und Regeln, die sie in einem Schicksal festhalten, welches nicht in ihrer Hand liegt. Oder?
„Bonds of Hercules“ erscheint im Herbst und ich hege die große Vermutung, dass die Fortsetzung zwar mit mehr Spice aufwartet, doch weder an Amüsement noch an Action, Intrigen und Twists gespart wird.