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Veröffentlicht am 25.10.2024

Tragisch und absolut wichtig.

Die Nacht der Bärin
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„Die Nacht der Bärin“ ist ein ergreifender Roman, in dem Kira Mohn auf zwei Zeitsträngen eine Tragödie erzählt, die tief bewegt, Gänsehaut beschert und echt ist. Eine, die für so viele, zu viele Menschen ...

„Die Nacht der Bärin“ ist ein ergreifender Roman, in dem Kira Mohn auf zwei Zeitsträngen eine Tragödie erzählt, die tief bewegt, Gänsehaut beschert und echt ist. Eine, die für so viele, zu viele Menschen Alltag ist …

Jule fährt eines Abends los, um in dem Haus ihrer Eltern zur Ruhe zu kommen. Denn bei Jasper konnte sie keine Sekunde länger bleiben. Nicht nachdem, was er getan hat. …
Doch schon am nächsten Morgen wühlt die Nachricht vom Tod ihrer Großmutter die Gemüter auf. Jedenfalls sollte sie das, aber abgesehen eines Moments des Schocks im Gesicht ihrer Mama bleibt diese reglos. Wie eh und je. Und Jule? Für sie war Marjanna Siegburg lediglich „Eine Karte von Oma“, hat sie nie kennengelernt und weiß nichts über jene Frau. Das ändert sich nun, da die 26-Jährige beginnt, das Verhältnis zwischen Anna und der Verstorbenen, die Geschichte der beiden und ihre eigene Beziehung zu diesen zu hinterfragen.
Wer hätte ahnen können, welche Tragik sich im Stammbaum der Siegburgs findet, welche Abgründe und erschreckenden Wahrheiten?

Dass Mohn zu „ungemütlichen“ Themen greift, ist nicht neu, und doch ist „Die Nacht der Bärin“ anders. Schmerzhafter. Tiefsinniger. Realer.
Während wir in der Gegenwart Jule einerseits dabei begleiten, das in ihrer Beziehung Geschehene zu realisieren und einzuordnen, sind wir andererseits zugleich mitten in ihren Fragen und Vermutungen, die Anna betreffen. Da der zweite Zeitstrang zu deren Kindheit führt, ist es für die LeserInnen leichter, sich von dunklen Vorahnungen leiten zu lassen – doch das Ausmaß dessen, was sich langsam entspinnt, welche Grausamkeit und Traumas in den Ereignissen vor über drei Jahrzehnten stecken, war unerwarteter Natur; Nichts, worauf man sich hätte vorbereiten können.
Im Jetzt ertappen wir die Grafikerin dabei, wie sie versucht, Schrecken und Angst hinter leisen Rechtfertigungen zu verstecken, Erklärungen zu finden. Denn Jasper war noch nie so, und was, wenn es nur dieses eine Mal war?! … Um sich nicht mit der gemeinsamen Zukunft und dem in ihr herrschenden Zwiespalt auseinandersetzen zu müssen, stürzt sich Jule in die Vergangenheit. Drängt nach Antworten und begibt sich letztlich selbst auf die Suche. ... Hofft vielleicht, nach dem, was auch immer sie aufdecken mag, selbst klarer zu sehen.

Durch den Wechsel der Perspektiven, halbgare Antworten und die Stimmungsumschwünge seitens Jules Mutter; die mitschwingende Bedrohung und die erdrückende Anspannung in den Rückblenden verliert die Handlung zu keiner Zeit an Intensität.
Wir finden authentische Reaktionen, herzzerbrechende Augenblicke, stummes Leiden und Konsequenzen – gesellschaftlich verpönt, doch … Kiras Stil ist einfach gehalten, nicht gänzlich frei von Distanz, die der Tragweite dessen, was am Grunde von Verdrängung liegt, angemessen ist. Oft finden sich aussagekräftige Beschreibungen, die die Kehle eng werden lassen, Bedauern entfachen, pure Emotionen. Momente, die mir nur zu bekannt waren, die mich das Buch kurz zur Seite legen ließen, um eigenen Erinnerungen zu entkommen. Sich dem Schmerz, der Gefahr zwischen den Seiten, zu entziehen, ist unmöglich.

Obgleich ich diesen Roman samt Nachwort und Danksagung uneingeschränkt empfehlen möchte, weiß ich nicht, wie ich Jules Verhalten letztlich empfinde(n soll). Denn so nachvollziehbar der Drang ist, der Lebensgeschichte ihrer Mutter auf den Grund zu gehen, „verstehen zu wollen“, so übergriffig schien es mir, sich dem Wunsch von Anna, die damaligen Ereignisse ruhen zu lassen, zu widersetzen und in dem Morast zu graben. Abgesehen von diesem Punkt, den ich im Zwiespalt betrachte, der aber nötig ist, um die Handlung voranzutreiben, ist „Die Nacht der Bärin“ ein Buch von Wichtigkeit; eines, das von einer Autorin verfasst wurde, die hinschaut, nicht vor unbequemen Wahrheiten zurückschreckt. Die mutig ist. Danke.

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Veröffentlicht am 22.10.2024

Episch. Einfach E.P.I.S.C.H.

A Whisper of Wings
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„A Whisper of Wings“ ist das Finale der „Rabenwinter-Saga“ und knüpft ein paar Monate nach den herben Schlägen, die die Wilde Jagd einstecken musste, an.
Während Smilla wie besessen nach Rache an den ...


„A Whisper of Wings“ ist das Finale der „Rabenwinter-Saga“ und knüpft ein paar Monate nach den herben Schlägen, die die Wilde Jagd einstecken musste, an.
Während Smilla wie besessen nach Rache an den Walküren giert, sich immer beschäftigt hält, um dem Schmerz ihrer Erinnerungen zu entgehen, wird sich die Söldnertruppe bewusst, dass niemand den Platz, den Gent hinterließ, auszufüllen vermag. Bevor sie sich jedoch wieder dazu aufmachen, nach goldgebenden Aufträgen zu suchen, wollen sie gemeinsam dem Tod der Lüfte Einhalt gebieten. Dafür brauchen Freya, Andórr und die restlichen Krieger Hilfe, Mächte, deren Existenz ebenso ungewiss ist wie der Ort, an dem sie zu finden sind … Aber die Wilde Jagd hat noch vor keiner Herausforderung zurückgeschreckt und so macht sich die berüchtigte Gruppe auf. Nicht ahnend, in welches Nest aus Intrigen sie stolpern, in welchen Wahnsinn sie gezogen werden. Dass am Ende ein Krieg wartet, in dem sie die einzige Chance Middangards sind.

Ich wusste lange nicht, ob ich die Fortsetzung dieser High-Fantasy-Dilogie wirklich lesen möchte, da „A Breath of Winter“ für mich ein rundum perfektes Highlight war. Die Neugier hat gesiegt und ich bereue … nichts!

Wie schon im Auftakt der Serie ließ uns Carina Schnell detailreich an den Gegebenheiten teilhaben, sog uns mit ihren ausdrucksstarken Worten mitten ins Geschehen. welches von einer – für die nordische Mythologie typischen – rauen und kalten Atmosphäre, einem Hauch Bedrohung umschmeichelt wird. Die Autorin führt den Trupp durch Wälder, über Meere, in fremde Gebiete und andere Welten, trägt sie in Höhen und hinein in uralte Konfrontationen. Hauptsächlich erleben wir die Ereignisse aus Smillas Sicht: hin- und hergerissen zwischen Schuld und Scham, Sehnsucht und Hass. Vergebung? Für sie keine Option. Denn wie sollte sie dem Mann, der ihr alles nahm, je wieder Glauben schenken?
Abgesehen der innigen, wenn auch nicht durchweg harmonischen, Dynamiken innerhalb der Wilden Jagd, weckte Schnell mit dem einen oder anderen überraschenden Wiedersehen wie auch durch neue Begegnungen ein nervöses Kribbeln und Euphorie. Jedes Aufeinandertreffen verschiedener Parteien, nie gewiss, ob Freund oder Feind, wurde ein ums andere Mal auf aufregende Art inszeniert.

Der Verlauf ist aufwendig mit angriffslustigen Kreaturen, mythologischen Begrifflichkeiten, Irrungen, Hürden und Zweifeln bestückt. Die schockierenden Offenbarungen des Vorgängers und die widersprüchlichen Empfindungen der Protagonisten werden gekonnt aufgearbeitet. Hintergründe über einzelne Umstände sowie individuelle Intentionen, über Aufgaben, die zum Scheitern verurteilt sind, und Unterstützung in letzter Minute, solche, die täuscht, füllen mit zahlreichen Twists, ungeahnten Entwicklung und tödlichen Gefahren die Seiten.
Nicht nur mit dem ausgefeilten Worldbuilding, den erschwerten Bedingungen und der durchdachten, oft tragischen Storyline, sondern auch mit den zumeist derben und harten, vielfältigen und facettenreichen Charakteren, häufig unnahbar, schwer zu deuten, konnte mich diese Serie begeistern. In der Fortsetzung bekommen Gottheiten und Mythologie deutlich mehr Raum als es im Auftakt der Fall war, ließen mit magischen Szenen und der damit einhergehenden Dunkelheit Gänsehaut entstehen. Ich fand die Interpretation der nordischen Sagen, die sorgfältig gesponnenen Täuschungen und perfiden Pläne durchweg spannend und abwechslungsreich.
Ein weiterer Pluspunkt: Das Augenmerk liegt auf der Rettung Middangards und der Bedrohung durch Walküren und Unsterbliche, verliert sich trotz der nie zur Ruhe kommenden Gefühlswelten von Hexe und Schlächter nicht in der Romantik. Jedoch geben Smillas stetiges ringen mit der Versuchung, endlich Rache zu üben, und Gents Kampf gegen die Verführung des Knochendolchs, diesem Strang eine lodernde Anspannung. Verzweiflung. Zorn.
Am Ende wartet eine epische Schlacht – doch wer kämpft auf welcher Seite?

„A Whisper of Wings“ ist von Blut und tiefer Traurigkeit durchtränkt, von Melancholie, Wehmut und dem Wunsch nach Vergeltung. Aber auch von herzzerreißenden Momenten und Adrenalin. Carina greift zu Found Family, webt gekonnt unerwiderte Liebe und Casual Querness in ihre Geschichte, spricht von Hass und Vergebung und erinnert daran, dass unser Schicksal und unsere Entscheidungen in unserer Hand liegen, nur in unserer.

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Veröffentlicht am 22.10.2024

Kämpferherz auf Island.

Shine Like Midnight Sun (Strong Hearts 2)
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„Shine like Midnight Sun“ ist das Finale der „Strong Hearts“-Dilogie von Sarah Stankewitz – kann es wirklich ein Happy End geben…?

Drei Wochen sind vergangen, seit Lilly aus Island und vor der grausamen ...

„Shine like Midnight Sun“ ist das Finale der „Strong Hearts“-Dilogie von Sarah Stankewitz – kann es wirklich ein Happy End geben…?

Drei Wochen sind vergangen, seit Lilly aus Island und vor der grausamen Wahrheit in das Haus ihrer Großmutter geflüchtet ist.
Während sie versucht, die Geschehnisse zu verarbeiten, holt sie eine
einmalige Chance zu früh, doch mit einer Zukunftsperspektive zurück in das kalte Land. Und so ist die Konfrontation mit dem Jungen, in den sie sich verliebte, mit seinem unfairen Los nah.
Aron wurde unterdessen mit weiteren Schreckensnachrichten aus dem Krankenhaus entlassen, kämpft täglich mit seinem schwächer werdenden Körper; darum, die Hoffnung nicht zu verlieren, und mit seiner Sehnsucht nach Lilly.

Im Fokus stehen dieses Mal – neben der sich intensivierenden Beziehung – vor allem Arons Umgang mit seiner Diagnose. Stankewitz greift auf authentische Art seine Gefühle und Ängste auf, zeigt die körperlichen Beeinträchtigungen, den psychischen Druck, wenn das Herz an Kraft verliert. Jedoch werden auch die Auswirkungen auf das Umfeld greifbar mit einbezogen.
Lilly, die sich in einer Art Dejavu befindet, versucht alles, um optimistisch und unterstützend zu sein, doch ihr innerer Aufruhr, ertränkt von Sorge, und ihr sich regender Fluchtinstinkt sind unübersehbar. Dabei lernt die junge Frau langsam mit dem Verlust ihres Bruders umzugehen, sich auf ihre eigenen Wünsche zu konzentrieren; zu leben, ohne zu vergessen. Aber könnte sie einen weiteren Verlust ertragen?

Sarah Stankewitz lässt die Nordlichter aufblitzen, verzichtet weder auf humorvoll-lockere Dialoge, auf Intimität noch auf romantische Momente.
Andere Figuren bleiben in dem Finale zwar deutlich mehr im Hintergrund als im Auftakt, das ändert jedoch nichts daran, dass sich mit Mindy ein tolles Mädchen zu dem isländischen (Freundes)Kreis gesellt und Szenen mit Arons Mutter durchweg ergreifend waren. Während alle gemeinsam auf ein Spenderherz warten, flehen, dass Aron noch Zeit bleibt, mischt sich die eine oder andere zusätzlich tragische Szenerie in den melancholisch-süßen Verlauf. Auch Lillys familiäre Situation schlägt eine überraschende Richtung ein, was ihre Geschichte gewissermaßen abrundet.

Ich mag den stets einfühlsamen, klaren Stil der Autorin, die bildhafte Ausdrucksweise, die echten Themen – dennoch konnte ich die Gefühle zwischen Lilly und Aron sowie die Dramatik, die dem Geschehen theoretisch anhaftet, wie auch schon in „Glow like Northern Lights“ nur
stellenweise spüren. Letztlich wirkten die Protagonisten, ihre Gedanken und ihr Verhalten, mehr Young-Adult und weniger erwachsen als erwartet. Obgleich Organspende samt deren Notwendigkeit in der Geschichte mitschwingen, nimmt dieser Punkt leider eine ebenso untergeordnete Rolle ein wie der Tier- und Walschutz. Dass die Arbeit von SaveTheIceland recht schnell keinerlei Erwähnung mehr findet, war schade, wirkt es doch wie „Hauptsache ein relevantes Thema angesprochen haben“. Auch der Cut, der das Ende mimt, war in meinen Augen zu plump und plötzlich – trotz des Epilogs.

Und doch ist die „Strong-Hearts“-Serie eine rührende Geschichte, in der Sarah von Trauer und Angst, von Abschied und Weitergehen, von Tod und dem Kampf ums Leben, von Freundschaften und (Mutter)Liebe erzählt.

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Veröffentlicht am 21.10.2024

Chapeau 👒 Ein Finale, das den Auftakt übertrifft.

Unicorn Chronicles - Einhornherz und Drachenschmerz
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„𝐄𝐢𝐧𝐡𝐨𝐫𝐧𝐡𝐞𝐫𝐳 𝐮𝐧𝐝 𝐃𝐫𝐚𝐜𝐡𝐞𝐧𝐬𝐜𝐡𝐦𝐞𝐫𝐳“ ist das glorreiche, adrenalingeladene Finale der »𝐔𝐧𝐢𝐜𝐨𝐫𝐧 𝐂𝐡𝐫𝐨𝐧𝐢𝐜𝐥𝐞𝐬«. Mit diesem Abschluss ihrer Urban-Fantasy Dilogie toppt Isabella Benz den Auftakt ihrer Serie sowohl ...

„𝐄𝐢𝐧𝐡𝐨𝐫𝐧𝐡𝐞𝐫𝐳 𝐮𝐧𝐝 𝐃𝐫𝐚𝐜𝐡𝐞𝐧𝐬𝐜𝐡𝐦𝐞𝐫𝐳“ ist das glorreiche, adrenalingeladene Finale der »𝐔𝐧𝐢𝐜𝐨𝐫𝐧 𝐂𝐡𝐫𝐨𝐧𝐢𝐜𝐥𝐞𝐬«. Mit diesem Abschluss ihrer Urban-Fantasy Dilogie toppt Isabella Benz den Auftakt ihrer Serie sowohl storytechnisch als auch stilistisch.

Zu Beginn wartet ein kleiner Rückblick, der uns an die Geschehnisse und Entdeckungen des ersten Bands erinnert. Meiner Meinung nach sollte diese Vorgehensweise bei zusammenhängenden Geschichten Standard sein. Gleich nach dieser Einführung geht's temporeich los – Évelyne Rocard ist tief getroffen von Aidens plötzlichem Wunsch nach Distanz, weiterhin bemüht, die Verbindung zu ihrem Seelentier zu festigen und ihre Ängste in den Griff zu bekommen. Zusätzlich erschüttern seit Monaten scheinbar willkürliche Anschläge das Land und auch die Suche nach ihrem Vater erfordert Éves Konzentration – und ein Hinweis auf dessen Verbleib führt die Einhornbändigerin nach Paris. In ein regelrechtes Minengebiet. Denn hier haben die Durands alles genau im Blick und gerade vor jener Familie hat Blanche ausdrücklich gewarnt …

Benz konzipierte ein regelrechtes Netz aus perfiden Plänen, Intrigen und Manipulationen, welches oftmals undurchdringlich wirkt, in die Irre führt und letztlich nicht nur Évelyne in sich verheddert. Obgleich hauptsächlich sie erzählt, finden sich auch einzelne Kapitel aus Aidens und Olives Perspektive. Diese geben dem Verlauf immer wieder andere Sichtweisen und treiben das Misstrauen in die Höhe, lassen zusätzlich zu den gefährlichen Ereignissen – Jolies Entführung, Rettungsmissionen, Flucht und Kampf – und einer Spurensuche, von der niemand weiß, wo sie endet, mit bangen.
Im Vergleich zum Vorgänger hat sich die Jägerin charakterlich stark entwickelt. Immer noch verbissen, aber deutlich standfester und in ihrem Handeln bedachter, verfolgen wir, wie sie von Verrat, düsteren Wahrheiten und halbgaren Auskünften zum Straucheln gebracht wird. Vor allem das Verhalten von Aiden und Clément, all die Lügen, lasten zusätzlich zu der Aufgabe, ideologische Machenschaften und einen Plan, der unzählige Leben kosten könnte, zu verhindern, auf ihr und alten wie neuen Verbündeten. Gemeinsam mit der Familie Moreau, William und Rebecca, den SeelenpartnerInnen und geheimnisumwobenen Aufzeichnungen ihrer Mutter versucht Éve alles, um hinter den Initiator der Anschläge zu kommen und zu entschlüsseln, was Jacques vorhat und wozu der Vorsitzende der Westeuropäischen Vereinigung die Bändigerin samt Einhorn so dringend braucht.

„Einhornherz und Drachenschmerz“ ist ereignisreich, aufregend und mitreißend. Wir treffen zahlreiche Figuren (wieder), werden von Informationen, die sowohl den widernatürlichen Gegebenheiten wie der Handlung zuträglich sind – auf angenehme und verständliche Art – überrollt und kommen nicht drumherum, Vermutungen anzustellen und komplett in das bedrohte Paris einzutauchen.
Szenen, die von Enya, Cian, Jolie, den Nixen oder Phönixen begleitet werden, lösten pures Flattern und Faszination aus; die kreative Einbindung von Banshees, Ghulen und Lebensräubern sorgte hingegen stetig für einen Hauch Dunkelheit.

Stilistisch liest sich der Verlauf sehr detail- und actionreich, Überlegungen und Zusammenhänge sind nachvollziehbar und interessant, viele Abschnitte emotionaler oder gefährlicher Natur. Wenn auch die angeknackste Beziehung von Évelyne und Aiden eine Rolle spielt, ihre Zweifel, seine Reue spürbar sind, steht der romantische Aspekt nie im Fokus – und auf Spice wird gänzlich verzichtet.
Charakterlich begegnen wir einer Vielzahl von Persönlichkeiten, die entsprechend ausgearbeitet und integriert wurden, dürfen die unterschiedlichsten Wesen kennenlernen und bestaunen, Teil von engen Familienbanden, Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz sein. Denn Isabella spart im Finale nicht an tragischen Verlusten, Trauer und Schock.
Abgesehen der großartigen, dichten Story, in der es zwar an Langeweile und Nebensächlichkeiten, dafür aber weder an überraschenden Twists, alles verändernden Offenbarungen noch an schrecklichen Opfern fehlt, erdachte sich die Autorin ein ziemlich ausgeklügeltes Maschinchen und spricht erneut auf originelle Weise das Thema der Umweltverschmutzung an.

»Unicorn Chronicles«: Rasant und raffiniert. Hut ab.

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Veröffentlicht am 21.10.2024

Eine Geschichte wie eine lange, eine sehr, sehr lange Umarmung.

The Blackbird Oracle
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Hexen, Vampire, Geheimnisse und dunkle Magie – der Klappentext verspricht perfekten Lesestoff für den Herbst. Gewissermaßen stimmt das auch, denn aufgrund eines atmosphärischen Stils und einer regennassen, ...

Hexen, Vampire, Geheimnisse und dunkle Magie – der Klappentext verspricht perfekten Lesestoff für den Herbst. Gewissermaßen stimmt das auch, denn aufgrund eines atmosphärischen Stils und einer regennassen, düsteren Stimmung bietet „𝐓𝐡𝐞 𝐁𝐥𝐚𝐜𝐤𝐛𝐢𝐫𝐝 𝐎𝐫𝐚𝐜𝐥𝐞“ gemütliche Stunden. Zumindest für geduldige LeserInnen. …

Diana Bishop stammt von einem alten, mächtigen Hexengeschlecht ab, jedoch bekam die Historikerin nie die Möglichkeit, ihre vollen Kräfte zu entfalten. Gemeinsam mit ihrem 1500 Jahre alten Mann, dem Naturwissenschaftler Matthew Clairmont, und ihren siebenjährigen Zwillingen führt sie ein weitgehend normales Leben. Bis zu dem Tag, an dem eine »Einladung« – oder eher Aufforderung – von der Kongregation eintrudelt, die die Zukunft von Becca und Phil außerhalb der Reichweite ihrer Eltern lenken könnte, und Prophezeiungen den Alltag der kleinen Familie durcheinander bringen. Diana bleibt nichts anderes übrig, als sich ihrer Vergangenheit zu stellen – und ihre wahre Macht zu entdecken …

Deklariert wurde dieses wunderschön aufgemachte Buch als »neuer Roman«, der ein paar Jahre nach der „All Souls“-Trilogie spielt, aber unabhängig dieser Serie gelesen werden kann. Ich könnte mir aber vorstellen, dass LeserInnen, die Vorwissen haben, sich nicht nur besser zurechtfinden, sondern auch deutlich mehr Freude hieran haben als solche, wie ich. Auch die Genrezuteilung ist fraglich: Romantasy? Ist das denn die neue, allgemeine Deklaration für eine Geschichte mit einem Paar?

Zu Beginn bekommen wir Einblicke in das gemächliche Leben von Diana und Matthew, bis sich die Hexe aufmacht, Familiengeheimnisse zu entschlüsseln und verdrängte Ängste, vor allem vor der Kraft, die in ihr schlummert, zu überwinden.
Nun … Ich hatte wirklich viel erwartet. Das Geschehen dreht sich hauptsächlich um Bishop und ihren ausufernden Stammbaum, um das Entdecken der Magie und die Gegebenheiten der Hexenwelt. Alles nicht schlecht – doch abgesehen des flüchtigen historischen Bezugs zu den Prozessen von Salem und Dianas Versuch, sich gegen die Verlockungen der Dunkelheit zu stemmen, nichts, was einem Plot Spannung verleiht. Dabei weckte die Autorin öfter das Gefühl unguter Vorahnungen, lässt auf Bedrohung und alles verändernde Ereignisse hoffen, um diese »Möglichkeiten« zumeist ungenutzt verstreichen zu lassen.

Deborah Harkness Stil ist definitiv sehr detailreich, soft, einlullend.
Versteht mich nicht falsch: Ich mag die bildhafte Sprache und poetische Inszenierungen, liebe es, wenn Charaktere und Worldbuilding merklich ausgearbeitet wurden. Jedoch mangelte es in entscheidenden, mystischen Momenten, in Szenen, die Fahrt aufnehmen könnten, an Beschreibungen, während sonst scheinbar alles in die Länge gezogen werden wollte. Vieles wirkte oberflächlich, NeuensteigerInnen haben keinen Bezug zu bestimmten Figuren und Erwähnungen, sodass diese Ausschweifungen es unweigerlich erschwerten, der sowieso schon schleppenden, seichten Storyline aufmerksam zu folgen. Raum für Twists und Action, den gab es, aber der Roman plätschert gemächlich vor sich hin, wurde durch etliche Namen, Verbindungen und Beziehungen auch nicht sonderlich aufgewertet. Wenn auch die eine oder andere familiäre Diskussion unterhaltsamer und interessanter Natur war, fehlt es an Vorankommen und – selbst durch überraschende Offenbarungen und viel Gefühl – irgendwie an einer Handlung.
Ebenfalls leider ein Kritikpunkt: die Beziehungen des Ehepaars und die Statistenrolle von Clairmont – wer einen feurigen Vampir an der Seite der Hexe erwartet, Knistern und Funken sucht, wird wahrscheinlich nicht fündig werden. Dabei ist doch die Ausgangslage SO gut!
Zumindest die Protagonistin und die Zwillinge bekamen Tiefe und individuelle Züge, die auf die Entwicklung in etwaigen Folgebänden neugierig machen.

Die gesamte Idee hätte so viel Potenzial für Aufregung, Leidenschaft, Spannung und Gefahren gehabt, nun ja – letztlich ist „The Blackbird Oracle“ kein schlechtes Buch. Empfehlen würde ich diese Schönheit allen, die die „All Souls“-Serie kennen, und jenen, die eine gemütliche Urban-Fantasy-Geschichte inkl. düsteren Vibes wollen.

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