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Veröffentlicht am 24.12.2024

Die literarische Stimme einer Generation

Raumfahrer
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Ich muss zu meinem Bedauern zugeben: Das Erstlingswerk von Rietzschel "Mit der Faust in die Welt schlagen" habe ich bisher noch nicht gelesen. Nach der Lektüre von "Raumfahrer" wandert es jetzt aber ganz ...

Ich muss zu meinem Bedauern zugeben: Das Erstlingswerk von Rietzschel "Mit der Faust in die Welt schlagen" habe ich bisher noch nicht gelesen. Nach der Lektüre von "Raumfahrer" wandert es jetzt aber ganz weit nach oben auf der persönlichen Leseliste. Wenn es im Debütroman noch um die Radikalisierung ostdeutscher Jungendlicher ging, so beschäftigt sich der Autor im vorliegenden Werk mit einer schicksalhaft-verwobenen Geschichte zweier Familien, wie sie unterschiedlicher und gleichzeitig ähnlicher - durch die formell-staatlichen Umstände - kaum sein könnten. So verwebt der Autor die Geschichte von Jans Familie (Jan, 32 Jahre alt, noch kurz vor der Wende in Kamenz geboren) mit der des berühmten Malers Georg Baselitz (geboren 1938 in Deutschbaselitz, Nachbarort von Kamenz) und dessen Bruder Günter.

Artischockenhaft entblättert der Autor die Zusammenhänge und schicksalhaften Zusammentreffen der Familien über einen Zeitraum vom Kriegsende 1945 bis hin in eine Zeit 30 Jahre nach der Wende. Das alles schafft er auf nur schmalen 288 Seiten mit einer herunterdestillierten Sprache, die aber gekonnt das jeweilige Lebensgefühl der Protagonisten aufleben lässt. Die Sprache entspricht vollständig dem "ostdeutschen Sprachgefühl" und liest sich unglaublich leicht runter. Noch nie habe ich mich im Schreibstil eines Autoren/einer Autorin so passgenau wiedergefunden. Klasse! Wie lakonisch der Autor die Landflucht in der ostdeutschen Provinz durch wenige Worte dingfest macht. Wie gekonnt er Parallelen zwischen historischen und psychologischen Zuständen heraufbeschwört. Diese Passage über das Werk Baselitz' in den 60ern und 90ern sowie der Befindlichkeiten der Menschen in diesen Abschnitten der Geschichte ist eine der unzähligen nennenswerten Stellen des Buches: "Nachkriegszeit und Nachwendezeit. Trümmer beseitigen, nicht nur Brocken und Steine eingestürzter Häuser. Nicht nur die Fundamente suchen und ihnen nachweinen. Gebäude ließen sich abtragen und aufbauen, Erinnerungen nicht. Schmerzen nicht. Ob tatsächlich empfunden oder eingebildet. Schmerzen wie Steine, weitergereicht in einer Menschenkette von Hand zu Hand, um sie abzuklopfen und eventuell wiederzuverwenden." Das Ganze gespickt mit einer Andeutung von trangenerativen Traumata. Wie gesagt: Klasse!

Und Lukas Rietzschel scheint ein Allround-Talent zu sein, denn auch das Gemälde auf dem Cover stammt von ihm. Klassisch ostdeutsche Straßenlaternen erhellen die Kartoffeläcker des Arbeiter- und Bauernstaates vor dem Hintergrund einer aussterbenden Provinzstadt. (So meine Deutung). Ich bin vom Gesamtpaket überzeugt und ab jetzt ein Fan von Rietzschel.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Große Variablilität, nicht ganz so große Wirkung.

Grand Union
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In ihrer - erstaunlicherweise - ersten Erzählungssammlung packt Zadie Smith gleich 19 Erzählungen, wie sie unterschiedlicher mitunter kaum sein könnten, auf nur 272 Seiten. Sowohl stilistisch als auch ...

In ihrer - erstaunlicherweise - ersten Erzählungssammlung packt Zadie Smith gleich 19 Erzählungen, wie sie unterschiedlicher mitunter kaum sein könnten, auf nur 272 Seiten. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich unkonventionelle, aber eben für mich auch qualitativ sehr variable Geschichten.

Da wird mit knallharten Variationen feministischer Sexualität gespielt, ebenso wie mit der Rache am männlichen Geschlecht durch den Verzehr von Chicken Wings, da lässt sich die britische Pauschalurlauber-Familie im "Fluss der Faulheit" treiben, eine transsexuelle Person benötigt ein neues Kleidungsstück und gerät selbst in die Falle der Vorurteile oder Michael Jackson, Marlon Brando und Elisabeth Taylor werden gerade am 11. September 2001 zusammen auf einen Roadtrip durch New York geschickt. Hier geht es definitiv wild zu. Besonders die erste Hälfte des Buches konnte mich mit den oben angerissenen Geschichten eher überzeugen als die zweite Hälfte. Zu pointenlos sind mir manchmal die dialoglastigen Erzählungen. Mitunter fraglich, was die Autorin damit überhaupt aussagen möchte, oder ob es sich um einen globalen Kommentar zur globalen Situation mit Problemen des Rassismus, Sexismus, der Elternschaft usw. in Zeiten des Brexit und unter Trump handelt. Eindeutig herauszulesen sind immer wieder die beiden Haupthandlungsorte: New York und London. Wichtige Meilensteine in Sadie Smiths eigenem Leben.

Einige Sätze sind gewohnt prägnant, tief- und hintergründig, treffen genau uns Ziel und lassen die Leser*innen ihre eigene Gedanken- und Erlebniswelt hinterfragen. So werden Milieustudien aufgemacht durch Sätze wie: "Ja, meine Schule hat einen englischen Nationalspieler und zweieinhalb Popstars hervorgebracht und Darryls Schule diesen grinsenden Irren, der gerade im Irak jemanden enthauptet hat." Oder eine massive politische wie auch ökologische Schieflage konstatiert durch die Wahrnehmung der britischen Pauschaltouristen in Spanien, die die afrikanischen Flüchtlinge Tomaten aus Plastikgewächshäusern ernten sehen und sich von ihren Frauen die Haare am Strand flechten lassen: "...die Frauen machen sich an die Arbeit. Ihre Männer sind in den Folientunnels. Die Tomaten liegen im Supermarkt. Der Mond hängt am Himmel. Die Briten verlassen Europa. Wir sind kurz mal 'entwischt'." Das letzte Zitat stammt aus der Geschichte "Der Fluss der Faulheit", welchen ich nicht nur literarisch sehr stark sondern sogar in seiner Kürze vergleichbar mit David Foster Wallace' grandiosem "Schrecklich amüsant - Aber in Zukunft ohne mich" finde.

Insgesamt handelt es sich meines Erachtens bei diesem Erzählungsband um eine sehr durchwachsene Mischung, die durchaus gelungen und abwechslungsreich sein kann, mich jedoch nicht restlos überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 24.12.2024

East of West

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
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Was, im Wilden Westen gab es Tiger? Und auch Chinesen? Davon hat man doch noch nie gehört. Genau das ist auch der Punkt. C Pam Zhang macht sichtbar, was bisher in Romanen und Filmen, die im Wilden Westen ...

Was, im Wilden Westen gab es Tiger? Und auch Chinesen? Davon hat man doch noch nie gehört. Genau das ist auch der Punkt. C Pam Zhang macht sichtbar, was bisher in Romanen und Filmen, die im Wilden Westen der USA verortet sind, kaum Beachtung gefunden hat. Hier darf kaum etwas zur Handlung verraten werden, da die Spannung des Buches zu großen Teilen aus den (falschen) Erwartungen der Lesenden hervorgeht. Ein verwaistes Geschwisterpaar macht sich auf den Weg, eine passende Ruhestätte für den verstorbenen Vater, der Goldgräber war, zu finden. Das Besondere sind hier nicht nur die kindlichen Protagonisten in diesem Setting, sondern auch deren ethnische Zugehörigkeit. Sie sehen nämlich asiatisch aus und bekommen dadurch den Stempel des "Exotischen" im Westen der USA Mitte des 19. Jahrhunderts.

Dieser Roman ist dermaßen facettenreich sowohl in seiner unerwarteten Handlung als auch dem Schreibstil, dass es eine Freude ist, diesem literarischen Talent C Pam Zhang beim Entwerfen einer bisher zu wenig beleuchteten Welt zuzusehen. Spannung entsteht hier nicht in einem klassichen Bogen, sondern eher aus Rückblicken und stilistischen Kniffen heraus. Nicht zuletzt schafft es die Autorin immer wieder, den Lesenden den Spiegel der eigenen Voreingenommenheit vorzuhalten. Sie lässt ihre Leser*innen immer wieder in Denkfallen tappen, die dem Erkenntnisgewinn beim Lesen dadurch nur Vorschub leisten. Toll! Mit einer poetischen aber auch durchaus brutalen Sprache vermittelt die Autorin einen Eindruck von sowohl der Schönheit der Natur und auch der Grausamkeit deren Zerstörung. Hier kann man sich auf nichts verlassen, alles ist möglich. Der Clou an der Geschichte ist letztendlich das Setting der Landschaft des US-amerikanischen Westens mit den vielen Glückssuchern und unglücklich Vertriebenen wie z. B. den native americans.

Abschließend kann ich sagen, dies ist ein Buch, wie ich es so noch nie gelesen habe. Selbst wenn man aufgrund des Klappentextes glaubt, eine Vorstellung davon zu haben, um was es in diesem Buch geht, wird man doch in jedem Kapitel aufs Neue überrascht. Meines Erachtens ein augenöffnendes - übrigens grandios von Eva Regul übersetztes - Leseerlebnis!

Veröffentlicht am 24.12.2024

Wenn das Unaussprechliche ausgesprochen wird - und passiert.

Betreff: Falls ich sterbe
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Carolina Setterwall hat sich Großes vorgenommen. Sie verpackt ihren selbst erlebten Verlust des Lebensgefährten sowie die folgende Trauerarbeit in einen autofiktionalen Roman. Und meistert diese Aufgabe, ...

Carolina Setterwall hat sich Großes vorgenommen. Sie verpackt ihren selbst erlebten Verlust des Lebensgefährten sowie die folgende Trauerarbeit in einen autofiktionalen Roman. Und meistert diese Aufgabe, an der man sich schnell verheben kann, wirklich nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch literarisch ansprechend.

Es ist unheimlich: Carolina bekommt im Mai 2014 von ihrem Partner eine prophetische Email mit dem Betreff "Falls ich sterbe", nur so zur Sicherheit, mit den wichtigsten Informationen und Passwörtern, er hoffe aber natürlich nur das Beste. Nur fünf Monate später ist ihr Partner Aksel tot. Plötzlich und unvorhersehbar gestorben an einem Herzstillstand. Wie sich Carolina aus dieser unfassbaren, unaushaltbaren Situation nach und nach herausarbeitet, beschreibt sie nun in diesem Roman.

Stilistisch wählt sie hierfür einige kreative Kniffe, um es nicht zu einem weiteren "Trauerarbeitsbuch" werden zu lassen. Setterwall arrangiert die mitunter recht kurzen Kapitel in zeitlichem Wechsel zwischen der ersten Zeitlinie ab dem Todestag von Aksel im Oktober 2014 und der zweiten Linie, welche im April 2009 mit dem Kennenlernen der beiden einsetzt. So nähern sich im Verlauf der ersten 250 Seiten die beiden Zeitlinien immer weiter an, immer mehr erfahren die Leser*innen über die Beziehung von Carolina und Aksel, immer intimer wird der Einblick in ihr gemeinsames Leben. Und ebenso intim gestaltet sich der Einblick in das Leben Carolinas ohne ihren Partner und Vater des gemeinsamen Sohnes, kein Jahr alt, als der Vater verstirbt. Diese Anordnung lässt das Buch unglaublich spannend werden. Man wünscht sich nach jedem Kapitelwechsel, so schnell wie möglich auf der anderen Zeitlinie weiterlesen zu können. Sehr gut gemacht. Ebenso geschickt ist der Kunstgriff, den Roman wie einen Brief, eine Niederschrift an den Verstorbenen zu formulieren. Stets wird Aksel direkt von Carolina angesrochen, es ist von "Du", "Dir", "Deine" die Rede. Das hebt den Roman auf eine äußerst persönliche Ebene.

Die fast schon minutiös geschilderten Höhen und Tiefen der Beziehung, der Elternschaft als auch der Trauer sind wirklich interessant und fesselnd, werden aber über die letzten 200 Seiten hinweg etwas ermüdender und auch gefühlt langatmiger. Hier scheint sich Setterwall zu stark in Gedankenkreisen zu bewegen, fast schon zu psychoanaytisch-reflektiert vorzugehen. Und dann denkt man wieder: Nein, genau dieses Detail musste ich jetzt wissen, um die Protagonistin Carolina besser verstehen zu können.

Wer Isabel Bogdans "Laufen" mochte und es gern ausführlicher gehabt hätte, wird sicherlich in diesem Roman eine für sich passende Lektüre finden. Mich hat bewegt, wie wichtig Familie und Freunde als Unterstützung nach einem solch undenkbaren Verlust sind und wie deutlich dies aus dem Roman hervorgeht. Eine empfehlenswerte Lektüre für Personen, die mit detailierten Beschreibungen emotionaler wie auch kognitiver Reaktionen eines Menschen auf einen plötzlichen Verlust umgehen können und daran viel Interesse zeigen. Für alle anderen könnte dieser Roman zu analytisch, überbordend und überfordernd wirken.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Als würde man einen David Lynch Film lesen.

Weiße Nacht
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Habt ihr schon mal versucht, den Inhalt eines David Lynch Films einer anderen Person zu schildern? Falls ja, könnt ihr euch vorstellen, welche Probleme es macht, den vorliegenden Roman von Bae Suah inhaltlich ...

Habt ihr schon mal versucht, den Inhalt eines David Lynch Films einer anderen Person zu schildern? Falls ja, könnt ihr euch vorstellen, welche Probleme es macht, den vorliegenden Roman von Bae Suah inhaltlich zusammenzufassen. Sagen wir es so: Es kommt eine ehemalige Schauspielerin, ein Hörtheaterdirektor und ein Dichter darin vor. Es ist Nacht und die Wege Seouls, in dem der "Plot" verortet ist, scheinen mit Oxymoron-Steinen gepflastert zu sein. Wenn ihr jetzt nur Bahnhof verstanden habt, dann geht es euch wie mir mit diesem Buch.

Auf außerordentlich surreale Weise ist "Weiße Nacht" ein einziger Fiebertraum. Dabei erscheinen die Szenen, Begegnungen, Eindrücke durchweg frei assoziiert worden zu sein und im schlimmsten Fall ufern Dialoge in ein zusammenhangsloses Geschwafel aus. Ich suche jetzt mal die Schuld bei mir und muss mir wohl eingestehen, dass ich bisher keine eher anspruchsvolle Literatur gelesen, sondern nur Easy Reads geschmökert habe und zu unintelligent bin, um dieses Buch zu verstehen. Und ganz ehrlich: So erging es mir bisher immer, wenn ich versuchte einen David Lynch Film nicht nur zu sehen, sondern auch zu verstehen. Es scheint ja Menschen zu geben, die David Lynchs Filme mögen. Diesen Personen wird auch dieser Roman sehr gut gefallen. Ich gehöre leider nicht dazu und kann diesen - außer an die oben genannte Personengruppe - auch gar nicht weiterempfehlen. Obwohl die Autorin durchaus sehr gut schreiben kann! Obwohl mich das Cover magisch anzieht! Trotzdem hat mir dieses Buch in dieser Form überhaupt nicht zugesagt.

So bleibt mir abschließend nur zu sagen: "Silencio. Silencio".