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Veröffentlicht am 13.04.2026

Große, neue Stimme der afroamerikanischen Literatur

Die verschwindende Hälfte
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Wenn die Presse behauptet die Autorin des vorliegenden Romans sei in die großen Fußstapfen von Toni Morrison getreten, so ist dies in diesem Falle keine Übertreibung. Inhaltlich wie stilistisch bewegt ...

Wenn die Presse behauptet die Autorin des vorliegenden Romans sei in die großen Fußstapfen von Toni Morrison getreten, so ist dies in diesem Falle keine Übertreibung. Inhaltlich wie stilistisch bewegt sie sich in einem ähnlichen Terrain und zeigt, dass sie mit ihrem zweiten Roman auf einem sehr guten Weg dahin ist, diese Fußstapfen evetuell irgendwann ausfüllen zu können. Die fiktionale Ausgangssitiuation des Romans - eine Ortschaft Mallard in Lousiana, in der die Gründerväter darauf bedacht waren von Anfang an immer hellhäutigere Schwarze mit jeder Generation heranzuziehen und in der dunkle Schwarze als minderwertig eingestuft werden - lässt jedoch an noch ganz andere Größen der afroamerikanischen Literatur denken. Die Ideen von Brit Bennett erinnern an William Melvin Kelley oder Colson Whitehead. Beide Meister darin, eine wahnwitzige Idee als eine sehr reale Ausgangssituation für das persönliche Drama von ihren afroamerikanischen Protagonisten zu erschaffen. Leicht verrückt, aber gar nicht so abwegig.

So verschwindet nicht nur in der Ortschaft Mallard die "Schwarze Hälfte" der Bewohner nach und nach - und wenn sie sich richtig geben, gehen sie sogar als Weiße durch - sondern im Roman verschwindet auch ein Zwillingspaar. Desiree und Stella begleiten wir über einen Zeitraum von ca. 50 Jahren auf ihren Lebenswegen. Die Autorin verschachtelt dabei gekonnt Episoden aus verschiedenen Jahrzehnten und scheut sich nciht vor Sprüngen über viele Jahre hinweg. Die Lücken werden durch Erinnerungen gefüllt und so entsteht ein spannendes Bild dieser Zwillinge, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit ihrer fesselnden Sprache begnügt sich die Autorin jedoch nicht nur mit einem Familiendiorama, sondern sie wirft einen Blick über die Familiengeschichten hinaus auf die Gesellschaft in diesen Jahrzehnten zwischen den 40ern und 90ern. So geht es ebenso wie um Hautfarbe auch um das Überweinden von Geschlechteridenditäten sowie sozioökonomischen Verhältnissen. Dabei geht der Leserin die Verbindung zu den liebevoll entworfenen Figuren nie verloren. Ich habe mit den ProtagonistInnen mitgefiebert, sodass die 400 Seiten nur so dahinflogen. Ein wirklicher Pageturner mit Tiefgang.

Da ich ein Fan der bereits genannten AutorInnen bin, konnte mich auch Brit Bennett mit ihrem zweiten Roman durch und durch überzeugen. Ich freue mich sehr auf weitere Bücher dieser vielversprechenden Autorin und empfehle sie dringend an interessierte LeserInnen weiter.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Dagegen ist "Die Wand" ein lieblicher Heimatroman

Eigentlich müssten wir tanzen
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Beim Grundszenario von Heinz Helles Roman muss man natürlich als erstes an "Die Wand" von Marlen Haushofer denken, wobei sich einzelne Variablen unterscheiden. So reisen bei Helle fünf Männer um die 30 ...

Beim Grundszenario von Heinz Helles Roman muss man natürlich als erstes an "Die Wand" von Marlen Haushofer denken, wobei sich einzelne Variablen unterscheiden. So reisen bei Helle fünf Männer um die 30 für ein verlängertes Wochenende auf eine einsame Berghütte in die Alpen, um wie in alten Zeiten zu feiern/zu saufen. Am Morgen der Abreise liegt die Welt in Schutt und Asche und so machen sich die fünf scheinbar letzten Menschen zu Fuß auf den Weg nach Norden Richtung Heimat.

Helle erzählt den Roman aus Sicht eines Ich-Erzählers, der zur Truppe gehört, in wechselnden Episoden, welche zu Beginn des Buches direkt auf dem postapokalyptischen Fußmarsch einsetzt und später durch Rückblicke sowohl die Anreise zur Hütte, das Entdecken der ersten Anzeichen der Apokalypse sowie Szenen aus den Leben der fünf Protagonisten aufschachtelt.

Die Leserin wird direkt auf der zweiten Seite durch eine Gruppen-Vergewaltigungsszene geschockt und der Autor stellt damit eindeutig klar: Der Mensch wird zum Monster, wenn die Zivilisation zusammenbricht, denn schnell sind auch die zivilisatorischen Werte über Bord geworfen. Er macht deutlich, dass Männer, die "im früheren Leben" mitunter verheiratet und von Beruf Pilot, Mikrobiologe oder Anlagenberater sind, trotzdem schnell die Menschlichkeit beiseite schieben können. Da wird es gleich sehr schwer, Sympathien für die Protagonisten zu entwickeln. Trotz brutaler Handlungen der Figuren schafft es der Autor im weiteren Verlauf, dass diesen immer eine Rationalität zugrunde liegt und somit auch ein gewisses Verständnis entstehen kann. Ich kreide es jedoch dem Autor an, dass er unreflektiert bis zum Schluss die Vergewaltigungsszene vom Beginn stehen lässt. So könnte ein abgestumpfter Leser geneigt sein, dies hinzunehmen als "notwendiges Übel zur Erleichterung in harten Zeiten". Sprachlich arbeitet der Autor sehr gut und fädelt geschickt philosophische Betrachtungen in die Erzählung ein.

Insgesamt konnte der Roman mich nicht vollkommen überzeugen. Eine durchaus interessante Abwandlung des "Die Wand"-Themas, jedoch mit - wenn auch nur an einem Punkt - zu viel unreflektierter Brutalität. Hier hätte aus meiner Sicht eine psychologische Einordnung passieren müssen, die mir definitiv fehlt.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Man könnte es auch "Die Geschichte der Bäume" nennen.

Das Flüstern der Bäume
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GAIAvor 6 Jahren

Diesen Roman von Michael Christie könnte man auch "Die Geschichte der Bäume" nennen, da er auf den ersten Blick die Elemente eines "klassischen" Maja Lunde-Romans aufweist. Eine Mitte-30jährige ...


GAIAvor 6 Jahren

Diesen Roman von Michael Christie könnte man auch "Die Geschichte der Bäume" nennen, da er auf den ersten Blick die Elemente eines "klassischen" Maja Lunde-Romans aufweist. Eine Mitte-30jährige Protagonistin, welche in einem Luxusnaturferienressort in Kanada arbeitet, wird mit dem Tagebuch ihrer Urgroßmutter konfrontiert und erfährt dadurch erstmals etwas über ihre Familiengeschichte. Die Familie ist stark mit dem Abholzen kanadischer Wälder verbunden ebenso wie mit dem Schutz ebendieser. Die Geschichte der Familie, die im Buch bis ins Jahr 1908 zurückreicht, wirkt sich noch bis ins Jahr 2038 aus.

Im ersten Moment ähnelt der Roman damit sowohl durch den Plot sowie die erzählerische Metaebene betreffend der zunehmend durch den Menschen zerstörten Natur und der Auswirkungen dessen auf unsere Zukunft dem "Lunde-Prinzip". Auch der hier und da etwas zu plump erhobene Zeigefinger zu unserer Zerstörungswut erinnert an genannte Besteseller-Autorin. Man macht es sich jedoch zu einfach, wenn man dieses Buch als einfachen Abklatsch abtut. Denn tatsächlich geht Christie meiner Ansicht nach methodisch kreativer an die Thematik heran. Dies wird bereits optisch klar, wenn die "Kapitelübersicht", die dem Text vorangestellt ist, auf dem Querschnitt eines Baumstammes beruht und die Jahreszahlen vom linken Rand (der "jüngsten" Rindenschicht) mit 2038 beginnen, dann über mehrere Markierungen und Jahreszahlen hinweg bis zum Mittelpunkt "1908" abgetragen werden und dann nach rechts dasselbe spiegelverkehrt passiert. Genauso wie ein Baumstamm ist das gesamte Buch aufgebaut. Kommt man in der Mitte des Buches an, befindet man sich in 1908 und bewegt sich dann mit neuen Informationen zur Familie wieder auf 2038 zu. Das ist spannend gemacht und hat mir sehr gefallen. Eine ähnliche Erzählstruktur ist mir bisher noch nicht begegnet. Ebenso wie das formelle Konzept hat mich auch die gesamte Aufmachung des Buches überzeugt. Das Buch ist optisch wie haptisch gut durchdacht und es macht einfach Spaß es in Händen zu halten. Auch das Lesen macht über weite Strecke richtig Spaß. Gerade im Mittelteil des Buches entwickelt es sich zu einem spannenden Pageturner um die Familienhistorie. Die Protagonisten werden emphatisch dargestellt und ihre Geschichten berühren jeweils auf ihre eigene Weise. Leider wir das Leseerlebnis, durch die hanebüchene Rahmenhandlung, welche in 2038 erzählt wird, deutlich geschmälert. Was in der Historie noch herausstechende Zufälle sind, verkommt in der "Zukunft" zu unwahrscheinlichen Plotentscheidungen. Das Vehikel, um diese mitreißende Familiengeschichte zu erzählen, lahmt leider zu oft und verkommt zeitweise zum Kitsch.

Insgesamt hat mir also das Konzept des Buches sehr gut gefallen, leider wirkt der Anfang und das Ende aber zu unnatürlich stark konstruiert, um das Buch zu einem sehr gutem zu machen.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Dieser Countdown konnte mich nicht fesseln

Die Erfindung des Countdowns
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Daniel Mellem erzählt in seinem Debüt von dem - im Schatten von Wernher von Braun bekannten, aber eigentlich dessen Vorbild - immer wieder über sein Leben hinweg scheiternden Raketentüftler Hermann Oberth. ...

Daniel Mellem erzählt in seinem Debüt von dem - im Schatten von Wernher von Braun bekannten, aber eigentlich dessen Vorbild - immer wieder über sein Leben hinweg scheiternden Raketentüftler Hermann Oberth. Die Geschichte wird dabei beginnend mit der Kindheit Oberths durch elf Kapitel von Zehn bis Null chronologisch erzählt und vermittelt der Leserin hauptsächlich die vielen Wege des Scheiterns, die Oberth in deinem beruflichen wie privaten Leben genommen hat.

Das solide geschriebene Buch lässt sich flüssig herunterlesen. Leider schafft es Mellem nicht in seinen Betrachtungen der Karriere Oberths wie auch dessen Ehe einen Spannungsbogen aufzubauen. Einen Countdown verbindet man ja gern mit ebendieser steigenden Spannung. So verpufft der Roman leider auf mehreren Ebenen zu einem Fehlstart. Schon die im Klappentext gesetzte Prämisse, dass mit der Entwicklung einer Mondrakete auch moralische Entscheidungen bezogen auf die mögliche Verwendung im Militär als ethisch-moralische Abwägung den Wissenschaftler betrifft, findet im Roman nicht statt. So heißt es Zitat: "Als Hermanns Forschung in den 1930er Jahren das Interesse der Nazis weckt, stellt sich beiden [Hermann und seiner Ehefrau Tilla] mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung." Hier stellt sich, wenn überhaupt Tilla die Frage nach der psychischen Gesundheit ihres Mannes, nach dessen mehrfacher, selbst bis in die 60er hinein stattfindender Anbiederung an die Nazis. Die psychologischen Hintergründe und die Entwicklung der Person Hermann bleibt leider an der Oberfläche. Die Figuren dieses Romans bleiben durchgängig flach. Nie hatte ich das Gefühl mit Hermann im Labor am Konstruktions- oder am Esstisch zuhause zu sitzen. Dadurch konnte mich der Roman auch leider nicht fesseln. Die Frage um die Verantwortung der Wissenschaft scheint mir letztlich nicht ausreichend genug beleuchtet zu werden.

So bleibt für mich letztendlich von einem zwar äußerlich ansprechenden Buch mit einem theoretisch interessanten Thema leider nicht viel mehr übrig als ein dahinplätscherndes Leseerlebnis ohne die Wucht einer Rakete.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

(Anti-)Rassismus in den USA historisch wie persönlich betrachtet.

How To Be an Antiracist
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In seinem sehr persönlich gestalteten Sachbuch bearbeitet der Autor das Thema Rassismus auf dem Weg zum Antirassismus auf recht originelle Weise. Die verschiedenen Arten des Rassismus und des Aktivismus ...

In seinem sehr persönlich gestalteten Sachbuch bearbeitet der Autor das Thema Rassismus auf dem Weg zum Antirassismus auf recht originelle Weise. Die verschiedenen Arten des Rassismus und des Aktivismus rattert er nicht einfach - den kurz gehaltenen Kapitel-Überschriften gleich (Biologie, Ethnizität, Körper, Kultur,..., Klasse, Gender etc.) - herunter. Nein, der Autor leitet die Leserin mithilfe eines zutiefst persönlichen roten Faden durch das Buch. Er erzählt seine eigene Geschichte der Fehleinschätzungen und Erkenntnisse zu rassistischen Annahmen anhand seiner eigenen akademischen Laufbahn beginnend mit der Einschulung bis zum aktuellen Zeitpunkt als Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen.

Dieser rote Faden hat über das gesamte Buch hinweg mein Interesse stets hoch gehalten. Obwohl meinersteits bereits ein großes Interesse an afroamerikanischer Geschichte vorhanden war, hätte das Buch ohne den roten Faden sehr trocken gewirkt. Dies liegt meines Erachtens nicht unerheblich an der deutschen Übersetzung. Diese wirkt mitunter recht steif und häufig kam mir der Gedanke, dass sich diese oder jene Passage im englischsprachigen Original sicherlich leichter gelesen hätte. Die Übersetzerin hat sich nicht nur für die Beibehaltung mancher Anglizismen entschieden, sondern auch das Ausschreiben der im Deutschen möglichen männlichen und weiblichen Form einer Person. Statt einfach z.B. "AntirassistInnen", "Antirassist*innen" oder "Antirassist:innen" zu schreiben, wird an allen derartigen Stellen von den z.B. "Antirassisten und Antirassistinnen" gesprochen. Das nimmt dem Lesen leider wirklich den Fluss. So entstehen dann Ungetüme wie: "Aufgrund der Lynchmorde an Schwarzen Körpern sind, letztendlich, Schwarze Körper durch Segregationisten und Segregationistinnen stärker gefährdet als durch Integrationisten und Integrationistinnen." Oder für die Beibehaltung der englischen Begrifflichkeiten: "Manche Reformer [warum hier die Reformerinnen fehlen, ist fraglich] betrachten Helle Menschen als den biracial Schlüssel zu racial Harmonie, als Verkörperung einer post-racial Zukunft." Die deutsche Version des Textes nimmt ihm leider auch Energie.

Inhaltlich strotzt der Text nur so vor Energie und Informationen. Diese beziehen sich größtenteils auf die afroamerikanische Geschichte, sodass das Buch auch nicht eins zu eins auf europäische und erst recht nicht deutsche Geschichte und Rassismus übertragen werden kann, wenngleich viele Ableitungen trotzdem für Leser möglich sind und somit auch der hiesigen Leserin einen Wissenszuwachs für die Anwendung im Alltag ermöglichen. Ein hohes Grundinteresse für die afroamerikanische Geschichte sollte jedoch bei den LeserInnen vorhanden sein, um in dieses Buch eintauchen zu können.

Es handelt sich hierbei sicherlich nicht um ein Buch, was man mal eben nebenher lesen kann. Manche Sätze muss man drei- oder viermal auf sich wirken lassen, um die Bedeutung vollständig zu verstehen. Vor allem bei der Abgrenzung zwischen Rassismus, NichtRassismus und Antirassismus hilft die Darstellung Kendis enorm. Somit handelt es sich bei vorliegendem Buch um ein durchaus derzeit sehr relevantes, sowohl für die amerikanische Gesellschaft unter einem offen rassistischen Präsidenten als auch für die deutsche mit ihren ebenso stark verwurzelten rassistischen Auswüchsen. Diese Auswüchse stecken, wie nach der Lektüre klar wird, in jedem von uns.

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