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Veröffentlicht am 24.12.2024

Ein wunderbares Kaleidoskop afrobritischer, weiblicher Lebensentwürfe

Mädchen, Frau etc. - Booker Prize 2019
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In diesem meisterhaften Werk gelingt es Bernardine Evaristo problemlos 12 Leben in ein Buch zu packen. Ausgangspunkt bildet die schwarze, feministische, lesbische Theaterautorin Amma, die einen späten ...

In diesem meisterhaften Werk gelingt es Bernardine Evaristo problemlos 12 Leben in ein Buch zu packen. Ausgangspunkt bildet die schwarze, feministische, lesbische Theaterautorin Amma, die einen späten Erfolg mit ihrem aktuellen Werk über afrikanische Amazonen landet und im National Theatre in London uraufgeführt wird. Sie ist ein unkonventionelle Zeitgenossin, schon immer gewesen. Und mit jedem neuen Kapitel und den dazugehörigen drei Unterkapiteln entdecken wir die Leben von Mädchen, Frauen etc., die in irgendeiner Weise mit Amma oder untereinander in Verbindung stehen. Und mit „Leben entdecken“, meine ich tatsächlich, dass uns die mitunter konventionellen, aber auch häufig unkonventionellen Lebensereignisse und -entwürfe auf nur wenigen, knackigen Seiten erzählt werden, und wir haben bereits eine Ahnung davon bekommen, was diese Personen zu denen hat werden lassen, die sie sind.

Was zu Beginn noch merkwürdig erscheint, da man als Leser*in nicht unbedingt von einem Charakter weggezogen und zu jemand anderen katapultiert werden will, wird zunehmend spannender. In jede einzelne Geschichte - und damit auch jeden vorgestellten Art Typus „Frau“ – taucht man problemlos beim Lesen ein. Ganz schnell ist man in der neuen Geschichte angekommen und will gar nicht mehr weg. So zeigt Evaristo nicht nur in Romanen bereits häufig ausgearbeitete Typen, sondern auch ganz neue Blickwinkel. Eben der Blickwinkel ist etwas, mit dem hier auch gespielt wird. Denn natürlich, selbst wenn die Protagonistinnen sich untereinander irgendwie kennen, haben sie doch unterschiedliche Wahrnehmung voneinander als auch von überschneidenden Ereignissen in ihren Leben. Das öffnet die Wahrnehmung der Lesenden auf unsere unwillkürliche Subjektivität und fördert bestenfalls einen geweiteten und zunehmend unvoreingenommenen Blick auf unsere Mitmenschen.

Sprachlich ist der Roman ein Hingucker, da die Texte mit Beginn eines Unterkapitels also einer Lebensgeschichte mit einem Satz beginnen, der erst am Ende des jeweiligen Kapitels endet. Anstrengend zu lesen ist das keinesfalls. Schnell ist man im Rhythmus der Autorin drin. Die Übersetzerin Tanja Handels soll an dieser Stelle lobende Erwähnung finden.

Allein die letzten 50 Seiten hätte die Autorin straffen oder - ob der Genialität ihres Romans bis dahin - gar ganz weglassen können. Aber das tut dem Lesevergnügen in keinster Weise einen Abbruch, ebenso wenig wie dem Erkenntnisgewinn und der Blicköffnung durch diesen wunderbaren Roman. Dieses Buch sollte gelesen werden. Von so vielen Menschen wie möglich. Männlich oder weiblich, Schwarz oder Weiß, und allen, die sich dazwischen oder außerhalb einordnen. Ein interessantes, lehrreiches Vergnügen mit Tempo (die 500 Seiten fliegen dahin) und Witz.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Funktioniert vielleicht als Kabarettstück besser - als Buch leider nicht.

Die Party
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Durch merkwürdige Umstände verirrt sich die namenlose Protagonistin (hauptberuflich Softeisverkäuferin mit einem Lehrauftrag als Nebenjob) dieses Romans auf eine Koch-Party mit noch viel merkwürdigeren ...

Durch merkwürdige Umstände verirrt sich die namenlose Protagonistin (hauptberuflich Softeisverkäuferin mit einem Lehrauftrag als Nebenjob) dieses Romans auf eine Koch-Party mit noch viel merkwürdigeren Gästen. Neben der Zubereitung des Essens dreht sich dort alles um ach so aufgeklärte Gesprächsthemen wie Feminismus, Sexismus und anderes, was mir schon wieder entfallen ist. Nebenher denkt die Protagonistin über die Funkstille zwischen ihr und ihrer älteren Schwester nach, zu deren zweiter Niederkunft sie eigentlich unterwegs war, als sie von einem vergesslichen Regisseur zu seiner eigenen Party mitgeschleppt wurde. So weit, so absurd.

Mit einem leider sehr nervigen Schreibstil und einem noch anstrengenderen Satzbild versucht die Autorin und Kabarettistin die Selbstgerechtigkeit, Bösartigkeit und Borniertheit selbsternannter kulturell aufgeschlossener Künstlerkreise der oberen Mittelschicht darstellen. Da darf natürlich das glückliche Paar nicht fehlen, welches ganz "selbstlos" syrischen Flüchtlingen ein gemeinsames Essen anbietet, dann aber doch nichts vom Mitgebrachten essen will, weil "man weiß ja nie, was da so drin ist" und die Familie dann doch eigentlich zu störend und Laut von ihrem Wesen her empfindet. Genauso wenig, wie die Frauen, die sich selbst unglaublich befreit fühlen und von dem Regisseur mansplainen lassen, welcher Frauen eigentlich nur empowern will, dadurch, dass diese nicht in seinen Stücken auftreten dürfen. usw. usf. Leider funktioniert das Kokettieren mit Zweideutigkeiten hier nicht und nie amüsierte ich mich über diese unkonventionell/konventionelle Partygesellschaft. Satire, eine Kunstform, in welche ich diesen Roman einordnen würde, sollte einen Nerv treffen, um Problembereiche amüsant aufzuzeigen und zu hinterfragen. Bei mir konnte der Text jedoch keinen der relevanten Nerven gezielt treffen. Vielmehr hat es einfach nur genervt das Buch zu lesen und ich hätte meine Lesezeit gern anders verbracht. Allein das finale Hineinsteigern in gegenseitige Vorwürfe war annähernd interessant zu lesen.

Von meiner Seite gibt es damit keine Leseempfehlung für dieses Buch. Da kann auch die ansehnliche Covergestaltung und hochwertige Verarbeitung der Buchdeckel nichts mehr ändern. Vielleicht funktioniert der Text ja einfach besser als Kabarettstück.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Für Laien gut aufgearbeiteter Ratgeber

Leaky Gut
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Dirk Schweigler erklärt das (mir bis zur Lektüre unbekannte) Phänomen des "Durchlässigen Darms" (Leaky Gut) in seinem selbstveröffentlichten Büchlein wirklich sehr gut und zeigt Wege zur Diagnostik und ...

Dirk Schweigler erklärt das (mir bis zur Lektüre unbekannte) Phänomen des "Durchlässigen Darms" (Leaky Gut) in seinem selbstveröffentlichten Büchlein wirklich sehr gut und zeigt Wege zur Diagnostik und Behandlung auf. Dies leitet er schlüssig her und untermalt viele psycho- wie auch somatischen Zusammenhänge mit anschaulichen, vergleichenden, bildhaften Beispielen.

Besonders diese Beschreibungen haben mir im Buch sehr gefallen. Aber auch die vielen ganz konkreten Praxistipps zu erhältlichen Tests und Nährstoffen waren wirklich wissens- und lesenswert. Alles sehr übersichtlich aufbereitet. Ganz selten sind mal noch ein paar kleinere Tippfehler durch die Kontrolle gerutscht, aber das ist nicht weiter schlimm. Ein wenig tiefergründige Informationen zum Autor hätten mir gefallen. Und zuletzt war es unnötig das insgesamt nur 150 Seiten dünne Büchlein zum Schluss erst in einem Zusammenfassungsteil nochmals zu wiederholen und danach erneut einen sog. "FAQ"-Abschnitt anzuhängen, der genau das vorher schon Zusammengefasste noch einmal in Frage- und Antwortform darbietet. Das Buch kann man sowieso recht gut an einem Tag durcharbeiten und braucht dann nicht zwingend zwei Arten von Zusammenfassungen.

Von dieser Formsache abgesehen, ist dies ein wirklich tolles und vor allem verständliches Buch zum Thema.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Mitreißender Kampf einer Dorfgemeinschaft um ihr Überleben

Wie schön wir waren
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„Ich lausche dem Lachen meiner Freunde und beobachte, wie ein paar junge Männer zum Dorfplatz huschen, um sich dort zusammenzusetzen und abzuhängen und Pilze zu rauchen – der seichte Wind ist perfekt dafür ...

„Ich lausche dem Lachen meiner Freunde und beobachte, wie ein paar junge Männer zum Dorfplatz huschen, um sich dort zusammenzusetzen und abzuhängen und Pilze zu rauchen – der seichte Wind ist perfekt dafür , und ich kann mir keinen schöneren Geburtsort vorstellen als Kosawa.“ Das ist für die junge Thula wahr. Aber auch folgende Gedanken zu ihrem Geburtsort sind für sie wahr: „Erst spätnachts, wenn hoffentlich alle schlafen, wende ich mich meinen eigenen Schmerzen zu. Das sind die Momente, in denen ich weine, mir ausmale, wie anders unser Leben wäre, wenn unsere Vorfahren sich statt dieses irgendein anderes Stück Land ausgesucht hätten. Bilder von meinen toten Freunden besuchen mich in meinen Träumen.“ Tot sind die Freunde, weil ein amerikanisches Erdölunternehmen in der direkten Nachbarschaft des fiktiven afrikanischen Dorfes Kosawa verschiedenste Gifte in die Umwelt leitet, ohne Rücksicht auf Land und Leute. Thula ist eins der Kinder, die in den 1980er Jahren in dem verseuchten Ort aufwachsen (müssen). Sie und ihre Familie haben sich der Rettung ihrer Heimat verschrieben. Auf deren Wegen begleiten wir sie über viele Jahrzehnte hinweg in diesem Buch.

Gekonnt stellt Imbolo Mbue in ihrem zweiten Roman die Heimatverbundenheit und den Zusammenhalt einer dörflichen Gemeinschaft dem Schrecken gegenüber, den ein kapitalistisches Ausbeuter-System in einem post-kolonialen Afrika dieser Gemeinschaft zumutet. Zu Beginn scheinen die Fronten klar. Hier die Guten: die Dorfbewohner. Da die Bösen: Die Mitarbeiter des Ölkonzerns und die Lakaien des despotischen Landesoberhauptes. Die enorme Empathie mit dem Dorf und seinen Bewohnern erzeugt Mbue durch den geschickten Einsatz wechselnder Erzählperspektiven. Dass die Ich-Erzählperspektive zwischen verschiedenen einzelnen Personen eines Plot wechselt ist nicht neu. Was die Autorin jedoch sehr kreativ umsetzt und einwebt ist eine „Wir“-Stimme. Es kommen nämlich nach jedemr Ich-Erzählerin „die Kinder“ des Dorfes zu Wort. Und ja, sie sprechen als Kollektiv von sich als „Wir“. So bekommen wir Lesenden das Gefühl tief in die Gemeinschaft einbezogen zu werden und es fühlt sich noch einmal viel schrecklicher an, wenn wieder ein Kind aus unserer Mitte stirbt. Durch den geschickten Einsatz des Perspektivwechsels wird über das gesamte Buch hinweg eine enorme Spannung gehalten. Und langsam verschiebt sich der Eindruck von den Dorfbewohnern als Opfer weg hin zu Handlungen, die sie zu Tätern machen. Somit führt Mbue einen Beweis auf eine originelle Art und Weise, der schon oft geführt wurde, aber trotzdem immer wieder geführt werden sollte: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß sondern auch Grautöne, wenn es um moralische Beurteilungen geht.

Stets habe ich mit den Protagonisten, ihrer Lebensgeschichte und vor allem ihrem Kampf gegen ein Unrechtssystem mitgefiebert. Und eins wird nach dieser prosaischen Verarbeitung des Themas wieder einmal deutlich: der sogenannte „westliche Lebensstil“ geht eindeutig und immer (!) auf Kosten anderer, die weniger Mittel zur Verfügung haben, um sich gegen dieses Unrecht zur Wehr setzen zu können. Somit wird „Wie schön wir waren“ nicht nur zum moralischen Appell sondern auch zum fulminanten, atemlosen Roman über die Aufopferung einer Generation für ihre Gemeinschaft, geschrieben von einer sehr begabten, jungen Autorin, die man definitiv im literarischen Blick behalten sollte. den vorliegenden Roman finde ich gleichmaßen bewegend, aufrüttelnd und überzeugend.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Eine Übersetzung für den Müll?

Vertraute Welt
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Meines Erachtens macht Hwang Sok-Yong etwas unglaublich Wichtiges in diesem Roman aus dem Jahre 2011: Er zeigt das nach außen hin durch Sauberkeit und Ordnung bekannte, vorbildliche Südkorea von seiner ...

Meines Erachtens macht Hwang Sok-Yong etwas unglaublich Wichtiges in diesem Roman aus dem Jahre 2011: Er zeigt das nach außen hin durch Sauberkeit und Ordnung bekannte, vorbildliche Südkorea von seiner schmutzigen Seite. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn er blickt auf eine Kindheit in einem Slum auf der sogenannten "Blumeninsel" einer riesigen Mülldeponie vor den Toren Seouls. Zeitlich ist der Roman in den 1980ern verortet, bevor es zu einer Renaturierung des Gebietes kam und sich damals noch die Arbeitsbrigaden durch Berge von Zivilisationshinterlassenschaften wühlten, um diese zu sortieren. Aber diese Arbeiter*innen lebten dort eben auch mit ihren Familien, wie es noch bis heute überall auf der Welt der Fall ist. Dort lebt nun auch der Hauptprotagonist Glupschaug mit seiner Mutter, dem Stiefvater und dem Stiefbrüderchen. Sie müssen arbeiten und sollen nebenher noch ein normales Leben führen. Aber geht hier Normalität? Zum Glück in der Erzählung von Hwong Sok-Yong schon und das macht diese Lektüre auch etwas heiterer als erwartet.

Grundsätzlich wird aus dieser inhaltlichen Beschreibung schon deutlich, wie ethisch-moralisch wichtig das Thema ist, vor dem niemand seine Augen verschließen sollte. Wovor man bei der Lektüre jedoch am liebsten die Augen verschließen möchte ist die Übersetzung. Ganz ehrlich: Ich glaube noch nie eine so altbackene, verstaubte und über weite Strecken hinweg sogar grandios unpassende Übersetzung gelesen zu haben. Leider kann ich in Ermangelung der sprachlichen Kenntnisse das koreanische Original nicht zum Vergleich lesen, bin mir aber sicher, dass hier in der Übersetzung einiges schiefgelaufen ist. Da werden erzwungene Formulierungen gesucht, prägnante Phrasen auf wenigen Seiten immer wieder wiederholt, obwohl Abwechslung angesagt wäre, und vor allem wird in einer veralteten Art und Weise bagatellisiert. Fast schon hätte ich mich während des Lesens daran gewöhnt, als aber eine Katastrophe über die Deponie und deren Bewohner hineinbricht, wurde es mir definitiv zu viel des Schlechten.

So verliert der Roman leider massiv an erzählerischer Sprengkraft und mich verliert er als interessierte Leserin. Außerdem hätte mir auch eine ausführlichere Nutzung der magischen Elemente, welche aus diesem Kulturkreis durchaus bekannt sind, gefallen. Auch wird eine liebgewonnene Figur einfach aussortiert, wie es nun einmal auf dem Müll der Fall ist, hier aber nicht hätte in dieser Form hingenommen werden müssen. Schade.

Insgesamt handelt es sich hierbei aus meiner Sicht durchaus um einen guten Roman, der dreieinhalb Sterne verdient hätte, jedoch durch die Übersetzung dermaßen an Qualität verliert, dass ich mich für die Tendenz nach unten - und damit nur zwei Sterne - entschieden habe.