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Veröffentlicht am 08.10.2023

Vielschichtiger Roman mit Phantastik-Anteilen - Ein Highlight!

Babel
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Alle, die normalerweise um Phantastik einen großen Bogen machen, sollten dies bei „Babel“ keinesfalls tun, sondern zum Buch greifen und lesen!

Rebecca F. Kuang entwirft in ihrem Roman eine historische ...

Alle, die normalerweise um Phantastik einen großen Bogen machen, sollten dies bei „Babel“ keinesfalls tun, sondern zum Buch greifen und lesen!

Rebecca F. Kuang entwirft in ihrem Roman eine historische Welt, die sich nur minimal von der unsrigen unterscheidet und sich dafür aber in so vielen gesellschaftspolitischen Themen mit ihr überschneidet. Wir befinden uns in den 1830er Jahren im viktorianischen England. Das britische Empire erstreckt sich mit seinen Kolonien über den Globus und von überall her kommen junge Gelehrte, um in Oxford, spezieller in Babel, zu studieren. Babel ist ein Institut, welches sich Sprache und spezieller Übersetzungen zunutze macht, um das sogenannte „Silberwerk“ zu betreiben. In dieser alternativen Welt besitzt nämlich Silber ein gewisses magisches Potential. Durch Silberbarren mit entsprechenden Wortpaaren können Kutschen schneller fahren, Türme höher gebaut werden oder Kanonen mehr Zerstörungskraft entwickeln. Der Hauptprotagonist Robin stammt aus der chinesischen Stadt Kanton, wird von einem Babel-Professor als Kind mit nach England genommen und beginnt dann ein Studium in eben jenem Institut. Allerdings wird ihm nach und nach klar, dass dieser rein akademische Elfenbeinturm nicht nur Gutes in die Welt bringt und dass der Erfolg des Empires mithilfe der in Babel erstellten Silberbarren zur Unterdrückung der restlichen Welt führt. Er engagiert sich in einer Untergrundbewegung und die Situation eskaliert zunehmend, als sein Heimatland China den Import von britischem Opium verweigert und sich ein Krieg ankündigt.

Der Autorin ist mit diesem Roman nicht nur eine verständliche Aufschlüsselung der tatsächlichen historischen Geschehnisse gelungen, sondern außerdem ein Spiegelbild unserer heutigen Zeit, in der Postkolonialismus, Kapitalismus, Rassismus und die Chance auf Widerstand und eine Revolution der bestehenden Ordnung weiterhin eine sehr reale Rolle spielen.

An die Themen arbeitet sie sich über die Linguistik und die Kunst der Übersetzung an. Ihre Ausführungen zu Wortursprüngen und wie im Rahmen einer Übersetzung immer auch Inhalt verloren gehen kann, sind niemals trocken, sondern immer erhellend und wissenswert. Gleichzeitig zeichnet sie ein soziologisch interessantes Bild von dieser eingeschworenen Bildungselite, die so homogen dann doch nicht ist. Und auf psychologischer Ebene geht sie in die Tiefe bezogen auf eine Clique von vier Personen um den Hauptcharakter Robin herum. Und irgendwie schafft sie es dann auch noch die Weltpolitik glaubhaft in dieses Szenario einzubauen. Man könnte ja befürchten, es handle sich hier ausschließlich um einen Roman für junge Student:innen und ihre oberflächlichen Problemchen. Überhaupt nicht! Was Kuang erschafft, ist kaum in Worte zu fassen. (Vielleicht würde es mir ja in einer anderen Sprache gelingen.)

Sie stellt nachvollziehbar dar, wie sich die Macht der Fremdsprachen (hier sinnbildlich für andere Güter) durch die bewusste Ausbeutung fremder Kulturen und fremder Ressourcen im England dieser Zeit zentralisierte und erstellt damit eine Herleitung unserer heutigen Weltordnung. Außerdem arbeitet sie die historisch verbrieften Zusammenhänge der Industriellen Revolution anhand der hier „Industriellen Silberrevolution“ genannten den Menschen überholenden Fortschritt heraus. So scheint das Versprechen von Fortschritt nur Armut und Leid gebracht zu haben, denn selten wurden so viele Menschen in verruste Industriegebiete und aus ihren angestammten Arbeitsplätzen gerissen durch eine zunehmende Mechanisierung. Hier könnte man problemlos die aktuellen Diskussionen um die Digitalisierung und KI als Vergleich heranziehen.

Auch wird in der zweiten Hälfte des Buches zunehmend die Chancen eines Widerstands, einer Revolution von unten beleuchtet. Denn immerhin ist der vollständige Titel des englischsprachigen Originalromans folgender: „Babel. Or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translators' Revolution“. Mit welchen Mitteln können die Menschen gegen ihren Staat aufbegehren? Kann es gewaltfrei eine Veränderung geben oder braucht es Gewalt zwingend? Kuang vermittelt hier keineswegs eine einfache Lösung mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger. Immer wieder lässt sie ihre, nebenbei äußerst authentisch entworfenen Figuren, Vor- und Nachteile diskutieren. Fast immer befinden sie sich zwischen den Stühlen, in den Grauzonen und können keine einfache Lösung finden.

Ich bin von diesem Buch über wie es im Begleittext heißt „die Magie der Sprache, die Gewalt des Kolonialismus und die Opfer des Widerstands“ ebenso begeistert wie über die Übersetzung von Heide Franck und Alexandra Jordan aus dem amerikanischen Englisch. Denn wie schwer muss es gewesen sein, dieses Buch, welches auf jeder Seite mit einzelnen Wörtern, ihrer Bedeutung und Übersetzung in verschiedenste andere Sprachen (u.a. Chinesisch, Altgriechisch, Sanskrit etc. pp.) arbeitet, vollkommen stimmig und funktionierend in die deutsche Sprache zu bringen? Klasse! Ganz große Klasse!

Ihr könnt euch meine Empfehlung denken: Lest! Lest dieses Buch, wenn euch Sprache etwas bedeutet und ihr sowohl historische Zusammenhänge als auch aktuelle Gegebenheiten besser verstehen wollt. Und keine Angst vor der „Phantastik“, diese ist hier nur ein Vehikel, aber dieses Vehikel ist so meisterhaft und plausibel entworfen, sodass man vollständig in die vielschichtige Welt von Rebecca F. Kuang eintauchen kann.

Ein Highlight!

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 02.10.2023

Für Einsteiger:innen beim Thema Pflegeheim

Zwischen Mauern
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Margareta Blum, kurz Meta, arbeitet für sechs Nächte als ehrenamtliche Sitzwache in einem von der Schließung bedrohten Pflegeheim, in welchem auch Moses als Nachtschicht den einzigen Pfleger für 52 Bewohner:innen ...

Margareta Blum, kurz Meta, arbeitet für sechs Nächte als ehrenamtliche Sitzwache in einem von der Schließung bedrohten Pflegeheim, in welchem auch Moses als Nachtschicht den einzigen Pfleger für 52 Bewohner:innen darstellt und Dr. Pomp die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit nur schwer ziehen kann. Meta soll Herrn T. betreuen, den dieser ist geistig aufgrund eines Hirntumors verwirrt, schreit, fordert Pflegearbeit ein, für die nicht genug Personal da ist.

Wir begleiten nun die drei Personen Meta, Moses und Dr. Pomp in sechs Buchabschnitten, welche die sechs Nachtdienste darstellen, durch die Nacht und begleiten dadurch auch Herrn T. In seinem Sterbeprozess. Ein moralischer Konflikt entsteht für Meta, als sie in der dritten Nacht, nach ersten empathischen Annäherungen an Herrn T., erfährt, dass dieser gerüchteweise ein Alkoholiker gewesen sein und seine Frau geschlagen haben soll. Ab diesem Zeitpunkt hadert Meta mit sich, ob sie weiterhin zu Herrn T. Die nötige Nähe aufrechterhalten kann, um ihn zu betreuen.

Leider konnte mich weder sprachlich noch inhaltlich das Buch vom Hocker reißen. Sprachlich ist der Roman zwar solide geschrieben aber sehr einfach gehalten, äußerst dialoglastig und ohne einen größeren literarischen Anspruch, eher Unterhaltungsniveau. Die Unterkapitel innerhalb der Buchabschnitte sind äußerst kurz gehalten und innerhalb dieser wiederum gibt es sehr kurze Absätze, die immer wieder durch Leerzeilen getrennt sind. Das macht die Lektüre unruhig und streckt höchstens die Seitenzahl. Inhaltlich geht mir der Roman einfach bezüglich zu vieler Punkte nicht genug in die Tiefe. So bleiben die Figuren sehr flach, bekommen leider keine tiefergehende Hintergrundgeschichte und handeln dementsprechend nicht nach einem psychologisch hergeleitetem Muster. Es wird z.B. lediglich erwähnt, dass Meta in einer Bank arbeitet und für diese Woche Ehrenamt Urlaub genommen hat. Im Laufe des Romans wird sie eine verstorbene Heimbewohnerin sehen und mit ihr Unterhaltungen führen. Ob die Auszeit bei der Arbeit mit Metas psychischem Befinden oder was es generell mit diesen Halluzinationen zu tun hat, bleibt vollkommen ungesagt. Über Moses und Dr. Pomp erfahren wir auch nicht mehr. Des Weiteren ist der in den Roman eingebaute moralische Konflikt, ob man eine Person, die etwas Schlechtes getan hat, pflegen kann und ob es einen Unterschied macht, dass man dies ehrenamtlich oder beruflich tut, fußt auf einem sehr schwammigen Sachverhalt, nämlich einem Gerücht. Die Infos zu Herrn T. sind nämlich ausschließlich Gerüchte, die nur kurz erwähnt werden. Daraus wird dann eine riesige Sache gemacht, die aber unter der Voraussetzung des Hörensagens gar nicht sinnvoll diskutiert werden kann. Somit konnten weder die Figuren noch die moralische Fragestellung bei mir eine emotionale Reaktion evozieren und blieben mir immer fern.

Grundsätzlich finde ich das Setting des Romans, das Pflegeheim mit all seinen Problemen im Pflegenotstand interessant. Neben diesem Themengebiet hatte ich mir inhaltlich eigentlich eine differenzierte Betrachtung der moralischen Frage, wie jemand mit einer problematischen Vorgeschichte zu behandeln ist, erhofft. Hier kommt allerdings sowohl das eine wie auch das andere zu kurz, weshalb für mich letztlich, auch nach einem befremdlichen Ende des Romans, offen bleibt, welches Anliegen mit dem Roman eigentlich verfolgt wird.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Roman etwas für Leser:innen ist, denen auf ganz basaler Ebene die Situation in einem Pflegeheim heutzutage noch fremd ist, die sich mit dem Sterbeprozess noch nicht tiefergehend beschäftigt haben und den moralischen Konflikt erstmals anhand eines Beispiels dargestellt bekommen wollen. Meines Erachtens ist der Roman aber für Personen, die schon ein wenig in der Materie drin sind, zu flach angelegt.

Trotzdem wünsche ich dem Roman viele „thematische Erstleser:innen“, die dadurch ins Nachdenken kommen und sich dann an anderer Stelle tiefgründiger mit der Thematik beschäftigen werden. Denn wichtig sind die Themen des Buches definitiv.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 29.09.2023

Schwammig, verschwurbelt, vage

Meine Männer
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Die Norwegerin Victoria Kielland beschäftigt sich in ihrem Roman „Meine Männer“ mit der historischen Figur der Brynhild/Bella/Belle Gunness, einer Frau, die aus Norwegen um die Jahrhundertwende 1900 herum ...

Die Norwegerin Victoria Kielland beschäftigt sich in ihrem Roman „Meine Männer“ mit der historischen Figur der Brynhild/Bella/Belle Gunness, einer Frau, die aus Norwegen um die Jahrhundertwende 1900 herum in die USA auswanderte und dort begann ihre Ehemänner bzw. später auch Anwärter auf eine Ehe umbrachte. Der Roman setzt bereits beim ärmlichen Leben der Siebzehnjährigen (damals noch) Brynhild auf einem norwegischen Bauernhof, auf welchem sie als Magd angestellt ist, ein. Sie scheint wild verliebt in den Hoferben, lässt sich auf sexuelle Kontakte ein, die zwischen leidenschaftlichem und gewaltvollem Sex oszillieren und wird von ihm schwanger. Nach der Offenbarung ihm gegenüber prügelt er nicht nur das Kind aus ihr heraus, sondern scheinbar auch einen Teil ihres Vertrauens in die Menschen, spezieller die Männer. Nach dem Umzug in den Norden der USA beginnt sie Männer aus dem Weg zu räumen und sackt deren Geld ein, um vorgeblich ihre Kinder zu ernähren.

Das, was in der oben zusammengefassten Inhaltsangabe so verständlich und übersichtlich klingt, ist es im Text von Kielland keinesfalls. Kielland schreibt in einer Art und Weise vage, verschwurbelt, schwammig und nichtssagend, dass man zwischenzeitlich vergisst, um was es im Roman eigentlich geht. Obwohl nur 185 Seiten kurz, erschien dieser Roman so unaushaltbar lang, wie die Sätze der Autorin. Da der Schreibstil nicht immer mal wieder zwischendurch nur einen verschachtelten, vagen Satz präsentiert, über den man dann genüsslich nachdenken könnte, sondern durchweg derart formuliert wird, verliert man irgendwann die Lust daran, das Geschrieben tiefgründig verstehen zu wollen. Was zu Beginn noch wie die poetische, intensive Darstellung der ersten, verhängnisvollen Liebe dieser zukünftigen Serienmörderin wirkt, stellt sich schnell als durchgängiger Schreibstil heraus, der in seiner Schwammigkeit und künstlicher Aufgeladenheit mit philosophischer Tiefe das eigentliche Geschehen vollkommen überdeckt. Zwischenzeitlich hatte ich sogar vergessen, dass es um eine Mörderin geht, so vage werden ihre Handlungen dargestellt. Man springt von einer Anekdote zur nächsten, ohne sich irgendwo festhalten zu können.

Um vorab besser einschätzen zu können, ob man diesen Schreibstil aushält, habe ich hier nur drei Stellen herausgegriffen, die aber exemplarisch für den gesamten Roman stehen, für jeden einzelnen Satz in diesem Buch:

„Der durchgeprügelte Kopf, der Druck hinter den Augen, es hörte nie auf, jedes Mal explodierte dieselbe Erinnerung und rieselte langsam zu Boden, das schmelzende schwarze Licht breitete sich in jeden Winkel aus und stachelte hoch ins Gesicht, Gottes große Hand hob sie empor durch die Nacht, hinauf ins Licht, durch die Wolken hindurch, bis sie unter sich das sandig wüste Flussbett sah, alles was noch immer dort am Grund lag, trug sie zwischen den Bäumen hindurch, zu der stinkenden schwarzen Lache.“ (S. 51)

Am Anfang eines solchen Bandwurmsatzes hat man noch das Gefühl: Okay, ich habe eine Ahnung, was gemeint sein könnte. Aber mit zunehmender Aneinanderreihung von merkwürdigen Metaphern, verliert man jeglichen Halt und fragt sich, warum man das noch liest.

Im Verlauf wird es aber auch nicht besser:

„Bella war umgeben von ihresgleichen, Blut, Tränen und Urin, es flimmerte lautlos und ruhig, die Trauerweiber, die dasselbe Schiff genommen hatten wie sie, Familien, die lebten und starben, und trotzdem erkannte sie sich nicht wieder, es gab keine bewährte Liebe, nur einen Hauch Routine.“ (S. 121)

oder

„Und die anhaltendste Bewegung war weder Sehnsucht noch Liebe, sondern das Schlagen der Schmetterlingsflügel im Garten, war der Tod, das Auge, das dauernd Blickkontakt aufnahm, das anhaltendste, ewige Flimmern.“ (S. 157)

Alles verstanden? Es ändert übrigens nichts, wenn man den Kontext kennt, aus dem diese Zitate stammen.

Es tut mir leid, sehr hätte mich dieses Thema der ersten großen weiblichen Serienmörderin der USA literarisch aufgearbeitet interessiert. Aber bei dieser unglaublich vagen Sprache, konnte ich leider nicht viel bis gar nichts aus der Lektüre mitnehmen, denn an keiner Stelle (außer zu Beginn) hat mich dieser Roman abgeholt und mitgenommen in das Leben und die Psyche von Brynhild/Bella/Belle, von der ich so gern mehr erfahren hätte. So bleibe ich ahnungslos zurück und kann leider auch meinerseits nicht die Lektüre weiterempfehlen. Und dabei hat mich das tolle Cover doch gleich angelockt, die Leseprobe zumindest Interesse geweckt, der Roman dann aber doch enttäuscht. Schade.

2/5 Sterne

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Veröffentlicht am 29.09.2023

Eindrückliches Debüt der Nobelpreisträgerin

Sehr blaue Augen
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Aktuell erscheint im Rowohlt Verlag eine von Tanja Handels ins Deutsche überführte Neuübersetzung von Toni Morrisons Debütroman „The Bluest Eye“ aus dem Jahre 1970. Vervollständigt wird die vorliegende ...

Aktuell erscheint im Rowohlt Verlag eine von Tanja Handels ins Deutsche überführte Neuübersetzung von Toni Morrisons Debütroman „The Bluest Eye“ aus dem Jahre 1970. Vervollständigt wird die vorliegende Ausgabe durch ein Vorwort der Autorin selbst aus dem Jahre 2008 sowie ein Nachwort der afrodeutschen Buchautorin, Journalistin und Podcasterin Alice Hasters.

Morrison erschafft in ihrem Roman eine kleine Welt in einem Ort an den Großen Seen gelegen (also nicht den Südstaaten!) um das Jahr 1940 herum. In dieser Welt kommen eigentlich kaum weiße Menschen vor, trotzdem strotzt hier alles vor Rassismus. Denn wie wir eindrücklich nach der Lektüre von Morrisons Roman wissen: Es braucht nicht unbedingt die physische Anwesenheit von Weißen, um das Joch des Rassismus auf eine Schwarze Gemeinde wirken zu lassen.

Die kleine Pecola Breedlove führt als Elf- bzw. Zwölfjährige ein Leben in Elend und Armut, ohne viel Liebe von ihren Eltern zu erfahren und gleichzeitig als Außenseiterin in dieser Gemeinde zu gelten. Über vier Jahreszeiten beginnend mit dem Herbst hinweg begleiten wir nun Pecola aus verschiedenen Erzählperspektiven heraus. Eine davon ist Claudia, die mit ihrer Schwester Frieda Wegbegleiterin von Pecola ist und uns bereits auf den ersten Seiten eine harte Wahrheit mitteilt, der wir uns bis zum Ende des Buches mit all seinen Ursachen und Auswirkungen annähern werden: Pecola wird ein Kind von ihrem Vater bekommen. Gleichzeitig ist Pecola diejenige, die sich mehr als alles andere wunderschöne blaue Augen wünscht. Sie gilt in der Gemeinde als hässlich, die blauen Augen, wie bei dem Kinderstar Shirley Temple, sollen Erlösung bringen. Klar ist, hier hängen die Erfahrungen der Vorfahren Pecolas mit ihrem schlimmen Schicksal ebenso zusammen wie mit ihrem Wunsch, blaue Augen zu bekommen.

In ihrem leicht fragmentarisch aufgebauten Roman, ein Aufbau, der übrigens später die Autorin selbst gestört hat an ihrem Debüt, nähert sie sich mithilfe von vielen Deutungsebenen einem afro-feministischen Thema an. Wie wirkt sich der von den Weißen im Rahmen der Kolonisierung und des Sklavenhandels implementierte und noch Jahrhunderte bis zum heutigen Tage aufrechterhaltene Rassismus auf die betroffenen Schwarzen Menschen aus. Dabei geht sie ganz stark in die Tiefe und schlüsselt auf, wie Selbsthass auf die eigene Erscheinung genauso entsteht wie auch Colorismus. Unter Colorismus versteht man die Diskriminierung aufgrund unterschiedlich dunkler Hautnuancen, welcher innerhalb der Schwarzen Gemeinde vorhanden ist. Sehr dunkle Hautfarbe wird dabei als hässlich und damit negativ konnotiert, während hellere Hauttöne erstrebenswert erscheinen und eher präferiert werden. Gleichzeitig arbeitet die Autorin stichhaltig heraus, inwiefern die Frauen im Gegensatz zu den Männern ganz besonders diskriminiert werden.

Dies ist eine Abwärtsspirale, die einmal in Gang gesetzt bis hinunter auf die psychologische Mikroebene schwerst Versehrte zurücklässt. Im vorliegenden Fall stellt Pecola exemplarisch diese Person dar, die der Maschinerie zum Opfer fällt und auf schlimmste Art und Weise bezahlen muss für etwas, was dieses unschuldige Kind definitiv nicht verbrochen hat.

Wie Morrison sowohl versteckt durch viele Andeutungen, Metaphern und manchmal auch erschreckend direkte Formulierungen diesen Roman soziologisch wie auch psychologisch absolut stimmig erschafft, zeugt bereits von dem Talent und Ehrgeiz, der sie später zum Nobelpreis führen wird. Manche Formulierungen wirkten – zumindest in der aktuellen Übersetzung, wie dies im Original aussieht, kann ich nicht beurteilen – ab und an etwas sperrig. Der Einstieg in den Roman fiel mir zunächst nicht ganz leicht, aber mit zunehmender Seitenzahl entwickelte er einen massiven Sog. Es gibt so viel hier in den Zeilen und zwischen den Zeilen zu entdecken, was sicherlich mithilfe eines Austauschs mit anderen Leser:innen besser zu zutage gefördert werden kann, als in der Einzellektüre.

Somit bekommt die Autorin für ihren meisterhaften Debütroman und der Verlag mit seiner ausführlichen Neuauflage von mir aufgerundet die volle Punktzahl. Eine wirklich dringend zu empfehlende Lektüre zum Thema Rassismus und seine Folgen bis in die Tiefen der Psyche der Betroffenen.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 17.09.2023

Das Gaunermanifest

Die Regeln des Spiels
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Mit „Crook Manifesto“ (dt. Titel „Die Regeln des Spiels“) legt Colson Whitehead nach „Harlem Shuffle“ den zweiten Teil seiner „Harlem Trilogy“ vor. Somit begegnen wir hier erneut Ray Carney, den wir bereits ...

Mit „Crook Manifesto“ (dt. Titel „Die Regeln des Spiels“) legt Colson Whitehead nach „Harlem Shuffle“ den zweiten Teil seiner „Harlem Trilogy“ vor. Somit begegnen wir hier erneut Ray Carney, den wir bereits aus dem Vorgängerroman kennen, ebenso wie andere Figuren, die man schon damals lieben oder hassen gelernt hat. Carney, der sich einige Jahre ganz ohne krumme Geschäfte allein auf sein Möbelgeschäft konzentriert hat, kommt in den 1970ern an und mit dem Beginn des neuen Jahrzehnts wird er auch wieder in die Kriminalität gezogen. Der Auslöser passt zum amüsant-lakonischen Schreibstil Whiteheads: Seine Tochter möchte der The Jackson Five live sehen, die Tickets sind heiß begehrt und schon längst ausverkauft, also muss sich Carney an alte, halbseidene Kontakte wenden, um an die Tickets zu kommen. Dies setzt eine Spirale der Gewalt in Gang, die wir in drei Buchabschnitten mit dem bereits aus „Harlem Shuffle“ bekannten zwei bis drei Jahressprüngen nun miterleben.

Wie schon erwähnt, glänzt auch dieser Roman von Colson Whitehead mit einem großartigen Schreibstil zwischen amüsant-lakonisch, soziologisch-beobachtend und klug-knallharten Feststellungen. Sofort schafft es der Autor uns in das New York, oder spezieller das Harlem, der 1970er Jahre hineinzusaugen. Die Atmosphäre aus dem Versuch der Menschen zum sozialen Aufstieg und der zunehmenden Verwahrlosung des Viertels wird von Zeile eins an greifbar. Während die einen sich durch Korruption und die anderen mithilfe von Brandstiftung und Versicherungsbetrug die Taschen voll schlagen, verarmt die Masse und lebt in heruntergekommenen Häusern mit der ständigen Angst vor Drogen, Kriminalität, dem Abbrennen des eigenen Wohnblocks und der willkürlichen Polizeigewalt. Dazwischen befindet sich Ray Carney und sein väterlicher Freund Pepper. Carney sticht wie schon bekannt durch seine treffsicheren Beobachtungen zur Möbelauswahl an einem Ort des Verbrechens hervor; Pepper durch seine stoische Ruhe und gleichzeitig explosiv auftretende Gewalt. Beide Figuren wachsen der Leserschaft während des Romans richtig ans Herz, man ist voller Empathie, wenn nicht gar Sympathie, für die beiden. Denn Whitehead schafft es, dass niemand eindimensional „gut“ oder „böse“ dargestellt wird. Alle Figuren bewegen sich im Graubereich. Es wird nichts beschönigt und trotzdem merkt man den Figuren ihre Menschlichkeit an. Dies hat der Autor zur wahren Perfektion gebracht.

Inhaltlich erfahren wir unglaublich viel über die Zusammenhänge von städtebaulicher Entwicklung, Korruption,Fehlplanungen und schlechtem Handling durch die gewählten Volksvertreter. So wird ein Stadtviertel der Minderheiten, ebenso wie Teile Brooklyns und der Bronx, abgehängt, vernachlässigt und geht ganz nach dem „Broken Window“-Prinzip den Bach runter. Aber auch ganz dem Buchtitel (sowohl dem Original- als auch dem deutschen Titel) nach geht es darum, mit welchen Regeln das Spiel der Ganoven gespielt wird. So heißt es auf Seite 221:

„Man hatte eine Hierarchie des Verbrechens, des moralisch Akzeptablen und Nichtakzeptablen, ein Gaunermanifest, und wer sich an einen weniger strengen Kodex hielt, war eine Kakerlake. Ein Nichts.“

Und das Prinzip der Kriminalität auf höherer Ebene wird auf Seite 316 kurz und umso eindringlicher festgehalten:

„Nicht auszurottende Bestechung, wie die nicht auszurottende Brandstiftung. Ist es erst einmal in Gang gekommen, hört es nicht mehr auf.“

Fast alle meine Kritikpunkte am Aufbau des Romans haben sich in Luft aufgelöst als ich erfuhr, dass dieser zu einer Trilogie gehört und ein Abschluss der Reihe erst mit dem nächsten Roman von Whitehead zu erwarten ist. Die einzige, minimale Kritik an diesem ansonsten wirklich wie vom Autor gewohnt meisterhaft geschriebenen Roman: Ab und an gibt es kleine Längen im Text. Der Autor zeigt hier die Angewohnheit, häufig recht weit auszuholen und ausufernd zu berichten, wenn er eine Nebenfigur oder ein Szenario mithilfe von Rückblicken beschreibt. Das hat dann letztlich meist alles eine Funktion, trotzdem muss man sich da ein bisschen durchhangeln.

Die Übersetzung von Nikolaus Stingl ist zu Beginn noch an der ein oder anderen Stelle etwas holprig, in der Gesamtheit aber durchaus gelungen.

Somit kann ich die Lektüre des Romans definitiv empfehlen. Es ist allerdings ratsam zunächst „Harlem Shuffle“ zu lesen, da sehr viele Figuren aus diesem Vorgängerroman hier wieder auftauchen und manche Vorgänge als bekannt vorausgesetzt und nur noch einmal kurz umrissen werden.

4,5/5 Sterne

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