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Veröffentlicht am 24.12.2024

Blockbuster mit nicht nur (!) philosophischem Tiefgang

Die Anomalie
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Die namensgebende Anomalie ereignet sich im Juni 2021 (beachte das Buch wurde in 2020 erstveröffentlicht), indem ein Flugzeug als Duplikat seiner selbst nebst aller Insassen drei Monate nach seiner ersten ...

Die namensgebende Anomalie ereignet sich im Juni 2021 (beachte das Buch wurde in 2020 erstveröffentlicht), indem ein Flugzeug als Duplikat seiner selbst nebst aller Insassen drei Monate nach seiner ersten Ankunft erneut in New York landen will. Was mit den Menschen an Bord passiert und den restlichen rund acht Milliarden Menschen auf der Welt passieren könnte, wird auf den nur rund 350 folgenden Seiten behandelt. Nebenbei oder hauptsächlich - das ist Ansichtssache - schlüsselt Tellier auch noch mögliche wissenschaftliche Erklärungen für ein solches Phänomen ebenso wie philosophische und religiöse Überlegungen zum Thema auf.

Das alles verpackt der Autor in einen auf der Oberfläche packenden, fast thrillerhaften Roman um zwei Dutzend der Passagiere. Hier werden in der Tiefe Gedankenexperimente angestoßen und zur weiteren Verarbeitung bei den Lesern hinterlegt. Exzellent stellt Tellier fast minutiös dar, wie Geheimdienste, Wissenschaft und Politik auf ein solch unwahrscheinliches Ereignis reagieren würden. Gerade diese Darstellung finde ich besonders gelungen. Das alles passiert aber auch nicht ohne Witz. Gerade durch die schnell herangerufenen Mathematiker*innen kommt es beim Lesen häufig zum Schmunzeln, nie über sie sondern immer mit ihren Ideen.

Kurz dachte ich beim Lesen, ich müsste dem Autor ankreiden, dass er es mit dem Witz dann doch etwas übertreibt, wenn der (nach der Vorstellung des Autors wiedergewählte) Donald Trump aufs Tapet gebracht wird. Dessen einfältigen Kommentare zur Ausnahmesituation wirken zunächst allzu auf den Lacher aus. Bei näherer Betrachtung und mit Einbeziehen der vielen Quellen über ihn, muss jedoch angenommen werden, dass das weniger satirische Überhöhung ist, als vielmehr eine vermutlich nahe Darstellung seiner Art. Eine naive, äußerst einge- bzw. beschränkte Art, die unfreiwillig komisch wirken muss inmitten all dieser zusammengerufenen Experten auf ihrem Gebiet.

Für mich war dieses Buch ein absoluter Pageturner und gleichzeitig Anlass für tiefgründigere naturwissenschaftliche, philosophische, religiöse wie auch politische Gedankengänge. Ich möchte das Buch einfach jedem empfehlen, denn selbst wer weniger nachdenken möchte und eher das Leseerlebnis eines etwas anderen Thrillers genießen möchte, kommt hier auch auf seine Kosten. Wenn nebenbei noch Überlegungen zu unserer menschliche Existenz angeregt werden, umso besser.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Wenn zwei chatten ... trotzdem

Trotzdem
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Interessant ist an diesem Büchlein (75 Seiten Text in den Abmessungen 10x15cm!) vor allem die Entstehung des Diaglogs zwischen Ferdinand von Schirach und Alaxander Kluge. Beide Juristen, beide auch Schriftsteller. ...

Interessant ist an diesem Büchlein (75 Seiten Text in den Abmessungen 10x15cm!) vor allem die Entstehung des Diaglogs zwischen Ferdinand von Schirach und Alaxander Kluge. Beide Juristen, beide auch Schriftsteller. Denn sie haben am 30. März 2020 wenige Wochen nach dem Ausrufen des Lockdowns miteinander zum Thema "Grundrechtseinschränkungen zum Schutze der Menschen" miteinander gechattet. Der Text ist in den Vormittag und Nachmittag des genannten Tages eingeteilt und wechselt zwischen Kommentaren von Schirach und Kluge hin und her.

Kurz, knapp und prägnant diskutieren sie die Einschränkungen der Rechte des Volkes im Rahmen einer Pandemiebekämpfung. Meiste wird sich der Ball eher zugespielt, um dann mit eigenem Wissen aufwarten zu können. Eine richtige "Diskussion" entsteht weniger. Es gibt einen knappen geschichtlichen Abriss und historische Denkansätze von philosophischen Größen präsentiert. Das ist durchaus interessant, manchmal aber auch langweilig. Gefühlt springen die Juristen hier zwischen den Themen hin und her, kommen aber schlussendlich doch wieder auf die Grundfrage zurück. So wirkt das Buch weniger wie ein realer Chatverlauf, als vielmehr ein in Ruhe durchdachtes Mini-Projekt in Lockdown-Zeiten. Inwieweit die Nachrichten tatsächlich genauso wie abgedruckt zwischen den beiden verschickt wurden, würde mich wirklich interessieren. Ich würde es beieindruckend finden, wenn Menschen so gebildet und pointiert in Echtzeit schreiben und zitieren können.

Was mich inhaltlich einfach störte, aber an der Stelle schlicht die Meinung von Schirach darstellen kann, und ihm nicht abzusprechen, aber doch zu kritisieren ist, ist ein Kommentar seinerseits zu den "westlichen Werten" in "normalen Zeiten": Diese würden sich in den genannten "normalen Zeiten" "darin erschöpfen, dass wir im Supermarkt zwischen 146 verschiedenen Joghurtsorten wählen können, Oder dass es im Internet für jede erdenkliche sexuelle Verwirrung eine Plattform gibt". Spricht er hier von "sexuellen Verwirrungen" im Sinne sogenannter "sexueller Divianzen" (wie Pädophilie) oder meint er Geschlechtsidentitäten? Das eine oder das andere in einen Topf mit Joghurtsorten zu werfen, finde ich merkwürdig, wenn nicht gar zweifelhaft.

Nun ja, insgesamt gab es schon ein paar Denkansätze zu philosophischen Theorien der Vergangenheit. Einen bleibenden Eindruck konnte das Buch, eineinhalb Jahre nach Veröffentlichung und bei anhaltender Pandemiesituation sowie nach verschiedensten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht wirklich bei mir hinterlassen. Es ist jedoch schnell gelesen und schadet zumindest nicht dem Allgemeinwissen. Fraglich bleibt, ob der Text im Format eines Buches wirklich hat veröffentlicht werden müssen, oder ob dieser Diskurs nicht auch in der Form als Beitrag z.B. im ZEIT Magazin hätte erscheinen können. Meines Erachtens hätte dies auch "ausgereicht".

Veröffentlicht am 24.12.2024

Klare Empfehlung: Ganzheitlicher Ansatz für eine gesunde Ernährung

Gesunde Ernährung heute und morgen
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Die Psychologin Fionna Zöllner und ihr Vater, der Ernährungs-Doc Jörn Klasen, fassen in diesem ansehnlichen Sachbuch alles zusammen, was man nach neustem wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Thema "Gesunde ...

Die Psychologin Fionna Zöllner und ihr Vater, der Ernährungs-Doc Jörn Klasen, fassen in diesem ansehnlichen Sachbuch alles zusammen, was man nach neustem wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Thema "Gesunde Ernährung" wissen muss.

Sie gehen u.a. genaustens auf die einzelnen Bestandteile unserer (möglichen) Ernährung ein. Erklären Verdauungsprozesse und die Wirkung verschiedenster Lebensmittel(-bestandteile) auf unseren Körper und Gesundheit. Für einen gesunden Lebensstil werden außerdem ganzheitlich noch z.B. die Themen Bewegung, Stress und Gewohnheiten erörtert. Zum ganzheitlichen Ansatz gehört für die beiden Autorinnen jedoch nicht "nur" der Blick auf den gesamten Menschen sondern eben auch auf dessen Umwelt - unseren Planeten. So werden gekonnt in jedes Kapitel auch immer wieder Hinweise zu umweltfreundlichem und klimaschonendem Essverhalten gegeben. Alle Kapitel und Unterkapitel werden durch einen wunderbar knackig formulierten Take-Home-Massage-Kasten vervollständigt, sodass das soeben Gelesene konkret in die Umsetzung gehen oder man später noch einmal die Kernaussagen nachschauen kann.

Alle Fakten, Hinweise, Erklärungen und Empfehlungen sind hieb und stichfest wissenschaftlich hergeleitet und weit weg von Aufmerksamkeitshascherei, welche ja leider beim Thema Ernährung zu häufig angewendet wird. Mich überzeugten bereits die einleitenden Worte, durch welche die Autor
innen klar machen, dass sie ausschließlich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zurückgreifen und wie diese gewonnen werden. Meines Erachtens kann man diesen wissenschaftlichen Prozess heutzutage nicht oft genug betonen. Alle Aussagen werden durch Verweise auf das ausführliche Quellenverzeichnis gestützt. Zusätzlich gibt es noch persönliche Leseempfehlungen im Anhang.

Insgesamt hat mich dieses umfassende Buch zum Thema "Gesunde Ernährung" wirklich vollständig und ohne Abstriche überzeugen können. Ich kann und werde es jedem empfehlen zu lesen. Denn Verbesserungsbedarf gibt es sicherlich bei jedem und jeder von uns. Wenn ich mehr als fünf Sterne vergeben könnte, ich würde es tun.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Mehr Menschlichkeit, weniger Ideologie

Über Menschen
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Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" ...

Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" begrenzt Zeh in diesem Roman den Blick jedoch auf nur eine Protagonistin und deren Erlebnisse. Dora, welche der Stadt entflieht und in einem Dorf in Brandenburg vor Berliner Corona-Aufregung und dogmatischem Freund Schutz sucht. Dort entwickelt sich, für sie unerwartet, eine Nähe zum Dorf-Nazi und den politisch nicht immer korrekt eingestellten Dorfbewohnern.

Gewohnt süffig und durchaus witzig beschreibt Zeh nun die Annäherung zwischen Städterin und Dörflern. Leider ist der Plot zu überzufällig-märchenhaft angelegt und wenig überraschend. Es menschelt gar sehr im neuen Roman, wobei man zugeben muss: Er heißt ja nun einmal "Über Menschen". Für Leserinnen aus dem städtischen Mittelstand (laut stereotypen Bild) könnten hier noch neue Erkrenntnisse lauern, für ländliche oder offenere Leserinnen wohl eher weniger. Denn wer z.B. sowieso schon in einem Dorf mit 50% AfD-Wählern lebt, wird eines schon kapiert haben: Auch diese Menschen, so wenig man deren Einstellungen mag oder teilt, sind Menschen und können durchaus auch unerwartet nette Dinge tun.

Die Dramaturgie des Romans ist knackig und flott angelegt. So könnte man sich gut eine Verfilmung vorstellen. Mir war das Ganze manchmal schon fast ein wenig zu sehr Richtung Kitsch geneigt.

Und trotzdem: Zeh konnte mich einmal mehr fesseln und erreichen mit ihrem Roman. Zwar weniger als noch mit "Unterleuten", trotzdem handelte es sich um eine durchaus lohnenswerte Lektüre.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Eine grundsätzlich gute Idee, für mich nicht immer stimmig umgesetzt

Schon immer nachhaltig!
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Das vorliegende Buch sammelt über die Themenbereiche Reinigung, Lebensmittel, Kosmetik und Gesundheit hinweg Tipps und Tricks aus "Großelterns Zeiten". Dabei wird vorausgesetzt, dass dieses Vorgehen nachhaltiger ...

Das vorliegende Buch sammelt über die Themenbereiche Reinigung, Lebensmittel, Kosmetik und Gesundheit hinweg Tipps und Tricks aus "Großelterns Zeiten". Dabei wird vorausgesetzt, dass dieses Vorgehen nachhaltiger und gesünder ist. Gleich auf der ersten Seite werden zehn Tipps aus früheren Zeiten zum nachhaltigen Handeln aufgelistet, die eigentlich jedem sowieso schon bekannt sein sollten (z.B. selbst kochen, Lebensmittel regional und saisonal kaufen etc. pp.). Das Ganze sei dann "für unseren heutigen Alltag aufbereitet und teilweise um moderne Lösungen ergänzt". Dazu später mehr.

Ein Kritikpunkt am Buch vorweg, welcher mir direkt bei der Lektüre des Impressums auffiel: Das Buch propagiert Nachhaltigkeit durch Besinnen auf Früheres, der Verlag hingegen lässt seine Bücher in Lettland drucken, um sie dann nach Deutschland, Österreich und die Schweiz transportieren zu lassen. Das erscheint mir auf den ersten Blick wenig nachhaltig, sondern eher kostenoptimiert.

Nun aber zum Inhalt. Gleich das erste Themengebiet "Natürlich sauber" konnte mich mit wenigen Zutaten über die breit gefächerten Einsatzgebiete von selbst hergestellten Reinigungsmitteln überzeugen. Übersichtlich werden die Grundbestandteile erklärt um später in kurzen, übersichtlich-knackigen Tipps Anwendungsmöglichkeiten darzulegen. Besonders auch die oben genannten "moderne Lösungen" finde ich hier sehr passend, wenn auch selbstgemachtes Geschirrspülpulver vorgestellt wird. Im Bereich zu den Nahrungsmitteln gibt es vorab einen nützlichen regionalen Saisonkalender... Wenn nicht bei den Zeilen "Mirabellen", "Pfirsiche/Nektarinen" und "Pflaumen/Zwetschgen" komplett die Monatsmarkierung fehlen würde. Aber gut. Dann gibt es Wissenswertes zum Konservieren, alles toll. Aber wenn ich auf die Seiten des vor allem Backens schaue, wird leider nicht mehr nachhaltig und modern gedacht. Denn dort tummeln sich die Rezepte mit Ei, Butter, Milch & Co. Das ist nicht modern und erst recht nicht nachhaltig. Denn im Gegensatz zu unseren Großeltern sollten wir uns mittlerweile bewusst sein, dass veganes Kochen und Backen für die Zukunft alternativlos ist. Übrigens nichts die Zutaten veganen Essens sogar meist weniger verderblich, was wiederum schon der Oma entgegengekommen wäre. Dann schließt sich der aus meiner Sicht überflüssigste Teil (kann aber einfach Typsache sein) des gesamten Buches an: "Kosmetik". Ganz ehrlich, diese Rezepturen sind umständlich, mit mitunter nicht alltäglichen Bestandteilen und fragwürdig in ihrem Sinn. Wenn ich mich jetzt mal auf die titelgebenden "Omas Haushaltstipps" berufe, frage ich mich, ob meine "Omma" tatsächlich diesen ganzen Kladderradatsch veranstaltet hat. Wenn es im Buch dann abschließend um Gesundheit und alte Hausmittel zurückkommt erscheint es mir wieder, wie zu Beginn ein gutes Nachschlagewerk, um nicht bei jeder Kleinigkeit Medikamente aus dem Chemielabor zu schlucken.

Insgesamt handelt es sich für mich hier also um ein gemischtes Leseerlebnis. An vielen Stellen ist das Buch sicherlich als gutes Nachschlagewerk für den Alltag nutzbar, an einigen anderen Stellen aber weniger bis gar nicht. Die Inkonsistenz von Inhalt und Herstellung wirkt sich dann bei mir außerdem entsprechend negativ aus. Hier sind andere Verlage einfach Vorreiter, die zeitlich schon viel früher inhaltlich ähnliche Bücher herausgegeben haben und gleichzeitig auf eine ressourcenschonende Herstellung und auch Recyclebarkeit der Druckerzeugnisse achteten.