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Veröffentlicht am 25.12.2024

Kein Mensch ist illegal

Die Frau im blauen Mantel
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Bereits 2010 greift - noch vor der sogenannten "Flüchtlingskrise" - der neuseeländische Autor Lloyd Jones das Thema des lebensgefährlichen, "illegalen" Übertritts von Afrika auf den europäischen Kontinent ...

Bereits 2010 greift - noch vor der sogenannten "Flüchtlingskrise" - der neuseeländische Autor Lloyd Jones das Thema des lebensgefährlichen, "illegalen" Übertritts von Afrika auf den europäischen Kontinent in diesem Roman ergreifend und tief bewegend auf.

Das Buch ist ausschließlich durch Berichte über eine afrikanische Frau, die Europa von der Küste Siziliens bis zu ihrem Ziel Berlin durchquert, gestaltet. All die Berichte werden von Beobachtern erzählt, die nur für einen kurzen Moment oder über mehrere Monate mit ihr zu tun hatten. Für einen großen Teil des Buches erfahren wird nichts über die intimen Gedanken der Frau. Wir erfahren nicht einmal, aus welchem Land die Frau stammt, wie sie wirklich heißt. Wir bleiben außenstehende Beobachter. Im weiteren Verlauf wird klar: Was hier wahr oder wahrhaftig ist, was erfunden, was falsch erinnert, ist nicht so einfach herauszufinden, wie man denkt. Geschickt schafft es der Autor sich zwar nüchtern auszudrücken und doch immer mehr dieser zunächst gesichtslosen Person (einer von vielen), eine Geschichte zu geben. Sie sichtbar zu machen. Genial taucht er ein in die verschiedenen Stimmen der Protokollanten, die mit umso größerem Ego, mehr von sich selbst als von der Afrikanerin berichten. Ergreifend ist das Plädoyer, welches ein befragter Igbo-Pfarrer der Afrikanischen Flüchtlingshilfe zur "Festung Europa" hält und sich damit weigert, dem Befrager irgendwelche Informationen über diese Illegale zu geben. Aus Prinzip. Wozu diese Berichte überhaupt dienen, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Dies erfährt man erst, wenn man sich auf diesen großartigen Roman bis zum Schluss einlässt.

Vieles bleibt in diesem Roman offen, trotzdem setzt sich mit jeder Seite das Puzzlebild dieses unkonventionellen Frauenschicksals ein wenig mehr zusammen. Obwohl es sich um unglaublich schwere Kost handelt, liest sich der Roman nicht tonnenschwer herunter. Nein, man fliegt durch diesen ungewöhnlichen Text nur so. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Vom Samenkorn zur Pflanze

Wie du dein eigenes Saatgut gewinnst – und so ein kleines Stück Welt rettest
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Sigrid Drage hat mal wieder ein äußerst anregendes Buch aus der WElt der Permakultur vorgelegt. Diesmal geht es um die Saatgutgewinnung, welche nicht nur im Mikrokosmos des eigenen Gartens Sinn macht, ...

Sigrid Drage hat mal wieder ein äußerst anregendes Buch aus der WElt der Permakultur vorgelegt. Diesmal geht es um die Saatgutgewinnung, welche nicht nur im Mikrokosmos des eigenen Gartens Sinn macht, sondern, wie wir hier lernen, auch im Makrokosmos der globalen Monopolisierung durch Saatguthersteller wie Monsanto und Co.

Zunächst bietet Drage in ihrer Einführung zum Buch ein mitreißendes Plädoyer für den ökologischen Anbau sogenannter samenfester Pflanzen im eigenen Garten und - um den Kreislauf zu schließen - auch das Nutzen der sowieso vorhandenen Saaten dieser eigenen Pflanzen. Neben der oben genannten wirtschaftlich-politischen Dimension wird ebenso anschaulich erklärt, dass nur so Evolution im eigenen Garten passieren kann. Damit unsere Pflanzen sich Jahr für Jahr an die Standortbedingungen anpassen können, müssen wir eigenes Saatgut gewinnen und nicht jedes Frühjahr aufs neue (im schlimmsten Fall Hybrid-)Samen im Laden kaufen.

Nach dieser Mobilmachung gehts ans Konkrete. Welche Arten der Saatgutgewinnung gibt es und für welche Pflanzen sind diese geeignet. Denn: Einfach nur Samen in die Erde stecken, gelingt nicht immer. Der Reifeprozess, die Samenreife und Keimfähigkeit spielen eine Rolle. Zuletzt bekommen wir noch schön übersichtlich die wichtigsten Pflanzenarten im hinteren Drittel des Buches vorgestellt.

Das gesamte Buch ist hochinformativ und dabei auch noch wunderschön gestaltet. Bei diesen Fotos möchte man sofort auch so einen Permakultur-Garten haben. Es gibt eigentlich nichts auszusetzen am Buch. Ein klitzkleiner Punkt, auf den ich mich unter anderem gefreut hatte, fehlt jedoch: Die Vermehrung von Bäumen. So gibt es sogar ein Unterkapitel mit dem Namen "Da ist was im Busch: (Wild-)Sträucher und Bäume vermehren". Nur leider geht es dann ausschließlich um die (Wild-)Sträucher. Bäume und im Speziellen Obstbäume, die mich besonders interessiert hätten an dieser Stelle, tauchen leider gar nicht mehr auf. Schade.

Wenn man auf diesen einen Punkt verzichten kann, stellt dieses Buch definitiv ein Standardwerk zur Saatgutgewinnung für alle Bio-Gärtner*innen dar und sollte keinesfalls als Nachschlagewerk im (Garten-)Bücherregal fehlen. Ich bin (fast) restlos begeistert.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Was will uns das Buch vermitteln?

Mado
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Selten ist mir ein Buchrückseitentext (die Klappe sagt schon mehr aus) so unpassend und verquer wie bei diesem Buch begegnet. Er muss hier genannt werden und wird später noch auseinandergenommen: "Schluss ...

Selten ist mir ein Buchrückseitentext (die Klappe sagt schon mehr aus) so unpassend und verquer wie bei diesem Buch begegnet. Er muss hier genannt werden und wird später noch auseinandergenommen: "Schluss mit allen Romy Schneiders dieser Welt. Dieser - angesichts von MeToo und Cancel Culture - unkorrekte Roman...". Ja, was erzählt dieser "unkorrekte Roman" denn nun? Er erzählt von einer Mitte 20-jährigen Französin, die schon auf den ersten paar Seiten ihren gewalttätigen Freund erschlägt, in die Heimat flieht, nur um dort in ein alt bekanntes Milieu aus Misogynie, Kriminalität und Drogen einzutauchen und sich letztlich zu verlieren. Zwischendrin gibt es viel Gewalt und Ausbruchsversuche.

Eine richtige inhaltliche Quintessenz, eine Aussage des Romans, lässt sich hier leider überhaupt nicht aus diesem überlangen Text herausdestillieren. Der Roman ist zwar flüssig geschrieben und liest sich durch kurze Kapitel technisch schnell runter. Inhaltlich ist er jedoch massiv langatmig und zirkuliert immer wieder um die Ausbruchsversuche aus alten Verhaltensmustern und gleichzeitig wieder Verfallen in ebendiese einer emotional instabilen Person (Mado). Scheinbar versucht der Autor ein Milieu zu skizzieren, in dem sich frauenverachtendes Verhalten ausbreiten kann und die (scheinbar?) einzige Lösung in steinharten Frauen, die willens sind, selbst Gewalt anzuwenden, besteht. Sprachlich wird auch immer wieder (zu Zwecken der Provokation?) Sprache unter der Gürtellinie ausgepackt, ohne sie zu verorten. In der Mitte des Buches zieht sich das Buch so stark und es geht nur noch um durch Gewalteinsatz Verstorbene, dass ich kurz davor war, es abzubrechen. Es wirkt in diesen Abschnitten eher wie ein verkappter Thriller.

Nun zurück zum bewerbenden Text auf der Rückseite des Buches: Den Satz um Romy Schneider verstehe ich einfach nicht. Tut mir leid. Was dann auch noch MeToo dort zu suchen hat (okay, Macht und Missbrauch gegenüber Frauen ist ein Thema) aber dann auch noch zusammenhangslos "Cancel Culture" in den Ring geworfen wird, ist unklar. Es ergibt einfach keinen Sinn. Ist Blödsinn. Ich zitiere hier mal einen Artikel des NDR, der eine gute Definition liefert: ""Cancel Culture" bezeichnet den Versuch, ein vermeintliches Fehlverhalten, beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen - häufig von Prominenten - öffentlich zu ächten. Es wird zu einem generellen Boykott dieser Personen aufgerufen." Das hat nichts, aber auch gar nichts, mit dem vorliegenden Buch zu tun. Allein, wenn ich dies schreibe, tendiere ich schon wieder zu nur einer 1-Sterne-Bewertung. Belasse es aber bei den zwei Sternen, einfach nur, weil das Buch flüssig geschrieben ist. (Ein leidliches Argument, ich weiß.)

Also auch wenn das Buch keine Quintessenz/Aussage/Fazit aufweist, so doch meine Rezension: Nicht lesenwert. Punkt.

Quelle: https://www.ndr.de/kultur/kulturdebatte/Cancel-Culture-Was-ist-das-eigentlich,cancelculture108.html

Veröffentlicht am 25.12.2024

Eine vertane Chance

Dein ist das Reich
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Dieser als Roman getarnter Bericht über eine außergewöhnliche Familiengeschichte lässt sich nur schwer einordnen. Thematisch erzählt die Autorin die wahre Geschichte ihrer eigenen Großelterngeneration, ...

Dieser als Roman getarnter Bericht über eine außergewöhnliche Familiengeschichte lässt sich nur schwer einordnen. Thematisch erzählt die Autorin die wahre Geschichte ihrer eigenen Großelterngeneration, welche als Heidenmissionare während und zwischen den beiden Weltkriegen in Neuguinea und Indonesien tätig gewesen sind. Das Thema des deutschen Kolonialismus ist definitiv unterrepräsentiert, wenn es um die Aufarbeitung deutscher Geschichte geht. Deshalb ist dieses Buch schon einmal grundsätzlich interessant. Ob dieses Buch nun aber auf literarischem Wege dazu beiträgt, mehr Licht ins Dunkle zu bringen, ist fraglich.

Dass sich Christen aus verschiedenen Ländern aufmachten, um "die Wilden" zu christianisieren und "zivilisieren", ist bekannt. Auch deren grundlegende Annahme bei dem einen handle es sich "göttliche Macht" und dem anderen um "Aberglauben" entspricht den Vorstellungen der Kolonialisierer. Der westliche Weg zu leben, sei richtig, der Weg der Urahnen der entdeckten Völker sei falsch. So schreibt Döbler: "Wie die meisten Missionare hatte er kaum einen Begriff von den Sitten, gegen die sie andauernd verstießen. Sie hielten sich an die göttlichen Gebote, da konnte nichts falsch sein." Für mich ein neuer Aspekt an dieser Stelle ist, dass es sich hierbei um protestantische und nicht katholische Missionare handelt. Aber wie bringt die Autorin die Thematik rüber? Sie schreibt in kurzen Passagen als Ich-Erzählerin über das Verhältnis zu ihrer Großmutter als diese schon im hohen Alter war. Und sie schreibt über weite Strecken in Form eines Berichtes, welcher in 1913 beginnt und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg endet. Dabei ordnen vor allem die erstgenannten Passagen das Berichtete historisch-gesellschaftlich ein. Das macht Döbler gut. Sie reproduziert eben nicht einfach nur kolonial-rassistische Ansichten. So schreibt sie klar: "Ich hätte meiner Großmutter erklären können, dass die Verbreitung ihres Gottes für die, die sie ihre Papua nannte, koloniale Unterdrückung bedeutete. Sie hatte dabei geholfen, den Neuguineern den Schmerz der Unterlegenheit zuzufügen, ihnen ihre Würde zu nehmen und ihr Land und ihre Kultur. Das war Beihilfe zu einem weitreichendem Verbrechen, das nur zu verdammen war, und ich verdammte es, aus vollem Herzen." Hier geht es also definitiv nicht um rein nostalgische Abenteuerromantik. Sehr gut. Warum aber ist für mich das Buch trotzdem nur mittelmäßig einzuschätzen? Weil es literarisch einfach nicht überzeugen kann.

Ich finde es schwierig, dass das Buch nur online, aber nicht im Klappentext oder anderorts als das definiert wird, was es ist. Nämlich der auf einer wahren Geschichte beruhende Familienbericht von der Familie der Autorin. Kein rein erfundenes prosaisches Werk. Ja, die Sinnhaftigkeit dieser Einordnung wird wild diskutiert. Hier hätte diese Einordnung meines Erachtens jedoch dem Buch gut getan. Vielleicht sogar durch ein kurzes Vor- oder Nachwort. Des Weiteren wäre eine starke Verdichtung der Erzählung notwendig gewesen. Die Autorin beschreibt vieles zu weitschweifig und ausufernd, sodass der Roman sich auf 480 Seiten unglaublich in die Länge zieht. Für diesen Umfang hat mir das Buch dann doch letztendlich zu wenig Aussage. Das Ganze dann auch noch in Berichtform geschrieben und literarisch wenig ansprechnd, macht die Lektüre zäh und mitunter langweilig. Auch konnten mich die Beschreibungen atmosphärisch nicht auf die Inselgruppe entführen. Wenn ich hier vergleichsweise an "Das Volk der Bäume" von Hanya Yanagihara denke, kommt Döbler nicht ansatzweise an die fantasieanregende Kraft Yanagiharas heran. Auch wird der Lesefluss durch den Verzicht auf jegliche Anführungszeichen bei trotzdem vorhandener direkter Rede massiv beeinträchtigt. Stilistisch ein No-Go. Der aus meiner Sicht einzige stilistische Coup des Buches ist das Ersetzen von klassischerweise sonst bei biografischen Berichten genutzten Fotos aus dem Familienalbum durch Textpassagen, welche eingerückt in einem extra Textfeld stehen und welche genauestens das Abgebildete auf ebendiesen Fotos beschreiben. Durch des Textfeld wirkt das Ganze wie in Schrift gegossene Abbildungen. Abbildungen, die man sonst nur mal kurz anschauen würde und dann überblättert, bekommen hier eine große beobachterische Tiefe. Leider war dies jedoch der einzige, herausragende literarische Pluspunkt, den ich finden konnte.

Letztendlich komme ich zu dem Resümee, dass mir dieses Buch, wäre es ein erfundener literarischer Roman gewesen, durchaus gefallen hätte. Die gewählte Berichtform dann Stilmittel statt die nacheliegendste Schriftformentscheidung. Da es sich jedoch unter dem Strich um einen recht trocken runtergeschriebenen Bericht handelt, der nun einmal nicht erfunden, sondern nacherzählt ist, habe ich mich für nur zwei Sterne entschieden. Selten ist mir eine Entscheidung zwischen zwei und drei Sternen so schwer gefallen. Yanagihara hat einfach bewiesen, dass so ein Vorhaben literarisch viel intensiver umsetzbar ist. Schade, eine vertane Chance.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Von Brutalität und Hass hin zu Feingefühl und Liebe

Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte
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Kann ein Sohn, der seine Mutter abgrundtief hasst, diese in ihrer schwersten Zeit begleiten? Die Autorin setzt sich in ihrem recht kurzen Roman mit einem großen Thema auseinander. Das Verhältnis zwischen ...

Kann ein Sohn, der seine Mutter abgrundtief hasst, diese in ihrer schwersten Zeit begleiten? Die Autorin setzt sich in ihrem recht kurzen Roman mit einem großen Thema auseinander. Das Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem Sohn in äußerst präkeren Lebensumständen, mit einer belastenden Verganenheit und einer angedeuteten Zukunft.

Die Familie von Aleksy, ein 17jähriger, verhaltensgestörter Junge, stammt aus Polen und lebt mittlerweile in London. Seine von ihm gehasste Mutter überredet ihn zu einem mehrmonatigen Sommerurlaub in einem Dorf in Frankreich. Dort wird die zerrüttete Beziehung zwischen den beiden nun durch die finale Erkrankung der Mutter noch mehr auf die Probe gestellt.

Zunächst brutal und später immer feinfühliger erzählt die Autorin aus Sicht von Aleksy die Geschehnisse dieses Sommers nach. Immer wieder bekommen die Leser*innen einen Ausblick in die Zukunft Aleksys, wodurch ein zusätzlicher Spannungsbogen aufgebaut wird. Die größte Stärke dieses Romans stellt die Intensität und Authentizität, mit der sich die Autorin in den Kopf eines frustrierten, aggressiven, psychisch kranken und doch nicht ganz verlorenen Jugendlichen hineindenkt, dar. Dieses Buch nimmt nicht an Fahrt auf mit Fortschreiten der Lektüre. Nein, es startet unglaublich kraftvoll und wird dann immer ruhiger. Ein wirklich berührender, unkonventioneller Roman. Allein die besonders zu Beginn übermäßig stark genutzte bildhafte Sprache störte mich ein wenig. Ansonsten handelt es sich hierbei um einen definitiv lesenwerten Roman.