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Veröffentlicht am 13.04.2022

Würdiger Abschlussband der Karl-Wieners-Trilogie

Die Zeit der Jäger
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Der Kriminalroman „Die Zeit der Jäger“ von Andreas Götz ist der abschließende Teil einer Trilogie bei der der Journalist Karl Wieners und sein Jugendfreund, Oberkommissar Ludwig Gruber, im Mittelpunkt ...

Der Kriminalroman „Die Zeit der Jäger“ von Andreas Götz ist der abschließende Teil einer Trilogie bei der der Journalist Karl Wieners und sein Jugendfreund, Oberkommissar Ludwig Gruber, im Mittelpunkt stehen. Die Handlung spielt 1958, vorwiegend in München. Die Trümmer des Zweiten Weltkriegs sind zwar noch nicht vollständig beseitigt, aber die wirtschaftliche Lage ist gut, die politische allerdings angespannt.

Der inzwischen 47-jährige Karl Wieners hat einen Herzinfarkt erlitten, ist auf Schonkurs und gibt das Rauchen auf. Von Magda Blohm, seiner angeblichen Nichte, kann er nicht ablassen. Obwohl ihr schwerreicher Ehemann sie vor drei Jahren unter Androhung, das Leben ihrer Liebsten zu zerstören, nach New York City geschickt hat, gibt er die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht auf. Sowohl Magda als auch Karl beschäftigt der Gedanke, Walter Blohm aus dem Weg zu räumen.

Am Fronleichnamstag wird der Leibwächter von Blohm in dessen Haus ermordet aufgefunden. Der Tresor im Büro ist geöffnet und eine große Blutlache befindet sich am Boden, aber von Blohm fehlt jede Spur. Ludwig Gruber hat seine Selbständigkeit aufgegeben und arbeitet wieder bei der Kriminalpolizei. Er ist sich bewusst, dass Blohm mehrere Feinde hatte. Sowohl Magda wie auch Karl geraten in das Feld seiner Ermittlungen, aber auch eine Organisation mit Namen Nakam, die Rache für den Holocaust leistet und die es wirklich gegeben hat.

Die Stärke des Autors ist es, dass er eine verflochtene Story in einer interessanten Zeit ansiedelt. Das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg bietet wieder Abwechslung und mit Lohn oder Gehalt lässt sich auch mal was Schönes kaufen. Die Meisten sind mit ihrem Alltag beschäftigt und nicht mit der großen Politik. Aber bei der Münchener Kriminalpolizei unterlaufen Mitarbeitern, die noch nach altem Muster einer rechtsextremistischen Denkweise anhängen, bestimmte Ermittlungen. Die Freundschaft von Ludwig und Karl hat durch gegenseitiges Misstrauen Risse bekommen. An der Seite von Karl blickte ich als Leserin zurück auf Kriegstage, die Ludwig lange verdrängt hat. Das Gefühlsleben der Figuren wird auch im dritten Band ausgiebig von Andreas Götz beleuchtet. Er wirft immer wieder die Frage auf, ob es Grenzen gibt, die einen Mitläufer zum Opfer machen. Schuld oder Nichtschuld beschäftigt die Betroffenen sehr, denen die Konsequenzen ihres Handelns vor Augen geführt werden.

Der Autor bindet den Kalten Krieg in seiner Erzählung anhand zweier junger Frauen im Umfeld von Magda und Karl ein. Ihre Rolle öffnet er dem Lesenden, der dadurch einen Vorteil gegenüber den Protagonisten hat, was aber der Spannung zuwiderläuft. Die Suche nach dem verschwundenen Blohm hält einige Überraschungen bereit, so dass es bis zum Ende hin interessant bleibt, wenn auch mit gelegentlichen Längen aufgrund des gemächlichen Erzählstils.

Der Kriminalroman „Die Zeit der Jäger“ von Andreas Götz strahlt mit der Darstellung einer komplexen Handlung mit Verbrechen in einer politisch angespannten Lage. Die Trilogie findet einen würdigen Abschluss mit diesem Band, der Lesende von Kriminalromane mit Sinn für historischen Hintergrund sehr anspricht.

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Veröffentlicht am 12.04.2022

Ein heißer entscheidender Sommertag - dramatisch, freimütig und berührend

Der Papierpalast
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Der Roman „Der Papierpalast“ von Miranda Cowley Heller nimmt den Lesenden mit zu einem heißen Tag in den Back Woods auf Cape Code in Massachuttes. Hier besitzt die Familie der Protagonistin und Ich-Erzählerin ...

Der Roman „Der Papierpalast“ von Miranda Cowley Heller nimmt den Lesenden mit zu einem heißen Tag in den Back Woods auf Cape Code in Massachuttes. Hier besitzt die Familie der Protagonistin und Ich-Erzählerin Eleanor Biishop, kurz Elle genannt, eine Sommerunterkunft. Liebevoll wie auch sarkastisch bezeichnen sie diese als Papierpalast, weil Elles Großvater die Innenräume aufgrund seiner finanziellen Lage mit Platten aus Presspappe ausgekleidet hat.

Die Geschichte verwebt zwei Handlungsebenen miteinander. Einerseits erzählt Elle in der Gegenwart von einem ersten Augusttag, der sie zu einer wichtigen Entscheidung in ihrem Leben treibt, denn am Vorabend ist etwas Bedeutsames für sie geschehen. Andererseits schaut sie zurück in die Vergangenheit. Seit ihrer Jugend trägt sie ein Geheimnis mit sich, dass sie bis heute nur mit ihrem besten Freund Jonas teilt. Die Frage, ob sie ihr Leben so weiterleben soll wie bisher oder mutig genug für einen Neuanfang ist, umspannt den ganzen Roman. Sowohl das, was sich früher ereignet hat wie auch die aktuellen Geschehnisse tragen zu ihrem letztendlichen Entschluss bei.

Elle ist Anfang 50, verheiratet und Mutter von drei Kindern. An diesem besonderen Tag in Back Woods ist nicht nur ihr Mann Peter anwesend, sondern auch Jonas, dessen Mutter ein Haus in der Nachbarschaft besitzt. Elle ist älter als der Freund ihrer Kindheitstag und damals waren sie ein ungleiches Gespann. Ihre Eltern sind geschieden und sowohl Mutter wie auch Vater hatten später neue Partner mit denen Elle und ihre drei Jahre ältere Schwester sich arrangieren mussten. Die neuen Beziehungspersonen hatten manchmal selbst Kinder. Argwöhnisch betrachteten die Geschwister die neuen Familienkonstellationen, immer mit der Befürchtung in Sachen Liebe und Zuneigung ihrer Eltern selbst zu kurz zu kommen.

Peter steht für Elle für Beständigkeit. Er hat für seine Familie ein Heim geschaffen. Mit ihm teilt sie eine Liebe, die ihr über manche Trauer hinweggeholfen hat. In unangenehmen Situationen gibt er ihr Rat und Hilfe. Über die Jahre hinweg hat er aber nie ihr uneingeschränktes Vertrauen erhalten, denn Elle hat ihm nicht von ihrem Geheimnis erzählt. An diesem ersten Tag im August fühlt die Protagonistin sich zerrissen von der anstehenden Entscheidung, denn ihr sind die Konsequenzen ihres Tuns bewusst.

Miranda Cowley Heller betet ihre Geschichte in eine landschaftlich bemerkenswerte Gegend ein. Durch die wechselnden Beziehungen der Eltern kommt es zu einer steigenden Anzahl handelnder Personen. Es erforderte meine Aufmerksamkeit als Leserin, ihren einzelnen Background über die wechselnden Rückblicke hinweg zu verfolgen, denn nicht immer verläuft die Zeitachse in der Vergangenheit chronologisch. Die Autorin beschreibt das Empfinden von Elle empathisch und berührend. Der Lesende sollte sich auf offene Beschreibungen mancher Szenen mit Gewaltanwendung einstellen.

Der Roman „Der Papierpalast“ von Miranda Cowley Heller nimmt einen heißen Sommertag, der zu einer wichtigen Entscheidung im Leben der Hauptfigur Eleanor Bishop führen wird, in den Fokus. Hinter der Fassade einer intakten Ehe steht ein großes Geheimnis, das die Protagonistin nur mit ihrem Jugendfreund teilt mit dem sie immer noch in Kontakt steht. Die Geschichte ist dramatisch, freimütig und berührend. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 10.04.2022

Ein Sommertag Ende der 1990er voller Freundschaft, Liebe, Hass, Eifersucht

Man vergisst nicht, wie man schwimmt
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Pascal ist 15 Jahre alt und der Protagonist sowie Ich-Erzähler im Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ von Christian Huber. Er lebt im beschaulichen Bodenstein im Osten Bayerns. Ein einziger Tag ...

Pascal ist 15 Jahre alt und der Protagonist sowie Ich-Erzähler im Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ von Christian Huber. Er lebt im beschaulichen Bodenstein im Osten Bayerns. Ein einziger Tag Ende August im Jahr 1999 hat sein Leben verändert. In der Retrospektive erinnert er sich an die Einzelheiten und machte mich als Leserin neugierig darauf, wie es dazu kam, dass sich an diesem Tag eine Liebe entwickelt, eine Freundschaft in Frage stand und es zu einem menschlichen Ende kam. Doch die Geschichte birgt noch mehr Geheimnisse und erst zum Ende hin erklärt Pascal, warum er Krüger genannt wird, obwohl das nicht sein Nachname ist und wie es dazu kam, dass er nicht mehr schwimmt und sich nicht verlieben darf.

Es ist ein heißer Tag in den Sommerferien an dem Pascal von seinem Freund Viktor geweckt wird, sonst wäre er weiter einer seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Schlafen nachgegangen. Außerdem träumt er gerne und schreibt Geschichten, oft mit realem Bezug, in ein Notizbuch. Als ihm sein Rucksack, in dem er die Kladde aufbewahrt, im Laufe des Vormittags abhandenkommt, versucht er diesen zurück zu erhalten und macht dabei Bekanntschaft der etwa gleichaltrigen hübschen und mysteriösen Jacky. Die beiden und Viktor verleben einen unvergesslichen Tag, der das Leben von Pascal umkrempelt.

Christian Huber beschreibt zunächst den Beginn eines normalen Alltags in den Ferien der zwei Freunde. Dabei baut er ein typisches Feeling für einen Tag am Ende des vorigen Jahrtausends auf in Bezug auf Kleidung, Ernährung und Freizeitgestaltung von Jugendlichen sowie der von ihnen gehörten Musik. Am Ende des Buchs findet sich eine Trackliste und ein Barcode zu den Songs, die in der Erzählung Eingang finden.

Mit dem Kennenlernen von Jacky muss Pascal sich mit bisher unbekannten Gefühlen auseinandersetzen. Jacky ist Artistin und ihre Geschicklichkeit fasziniert Pascal. Durch sie lernt er eine geschlossene Gruppe kennen, die nach eigenen Regeln lebt, in der Vertrauen alles ist. Er fühlt sich von ihr angezogen, aber aufgrund seiner Prinzipien hält er sie auf Abstand. Man kann nur ahnen, wie viel Kraft ihn das kostet.

Die Figuren sind abwechslungsreich gestaltet. Der Autor zeigt anhand von Viktor und Pascal wovon eine Freundschaft getragen wird. Die beiden Jugendlichen sind auf dem Weg, sich selbst zu finden und danach, welche Werte wirklich wichtig und richtig sind.

Der Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ von Christian Huber ist ein Buch über das Erwachsenwerden. Es nahm mich mit zu einem heißen Sommertag Ende der 1990er, der gefüllt ist mit Freundschaft, Liebe, Hass, Eifersucht und Selbstbehauptung. Der Schluss der Geschichte hat mir zugesagt. Das Buch passt prima zum Sommer, lässt sich aber auch zu jeder anderen Zeit lesen. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 07.04.2022

Feinsinnige und berührende Erzählung über eine Vater-Tochter-Beziehung

Für diesen Sommer
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Der Roman „Für diesen Sommer“ von Gisa Klönne ist eine Geschichte über die Beziehung einer Tochter, die inzwischen über 50 Jahre alt ist, zu ihrem immer gebrechlicher werdenden Vater. Als allwissende Erzählerin ...

Der Roman „Für diesen Sommer“ von Gisa Klönne ist eine Geschichte über die Beziehung einer Tochter, die inzwischen über 50 Jahre alt ist, zu ihrem immer gebrechlicher werdenden Vater. Als allwissende Erzählerin schildert die Autorin nicht nur Begebenheiten im Verhältnis der beiden aus der Gegenwart, sondern schaut auch in deren Vergangenheit.

Die Protagonistin Franziska Roth hat sich in ihrer Jugend häufig gegen die Ansichten der Eltern, vor allem gegen die ihres Vaters Heinrich, aufgelehnt. Heinrich war als Vermessungsingenieur am Bau wichtiger Straßen beteiligt, seine Tochter hat sich dagegen den Natur- und Klimaschützern angeschlossen und gegen den Bau demonstriert. Sie fühlte sich unverstanden, hielt aber an ihren Meinungen fest und hat ihr Glück über Jahre hinweg in der Ferne gesucht. Zuletzt war sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner an einem Hofprojekt beteiligt, aber die Liebe ging in die Brüche. Ihre ältere Schwester Monika ist im Vollzeitjob und hat Ehemann und zwei Kinder. Nach dem Tod der Mutter hat sie sich zusätzlich noch um den Vater gekümmert. Als Monika dringend eine Auszeit benötigt, bittet sie kehrt Franziska darum, sich um Heinrich zu kümmern.

Gisa Klönne schaut weit in die Vergangenheit ihrer beiden Protagonisten, um deren Handlungsweisen zu erklären. Heinrich, geboren 1933, ist von seiner Mutter allein erzogen worden. Er denkt, dass er eine Belastung für sie war. Im Zweiten Weltkrieg kam er mit der Kinderlandverschickung nach Polen und erinnert sich mit Schrecken daran. Franziskas Mutter war gebürtig aus Ostpreußen und lebenslang begleitete sie eine gewisse Schwermut über den Verlust der Eltern. Franziska spürt, dass es da immer noch etwas anderes gegeben haben muss, dass sich nicht benennen lässt.

Tatsächlich gibt es ein gut verborgenes Geheimnis, das einen beständigen Schatten über die Familie geworfen hat. Im Rückblick erkennt Franziska, dass sie schon als Kind den Trübsinn gespürt und er sie fürs Leben geprägt hat. Ihr kam es nicht darauf an, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und durch beste Leistungen zu glänzen. Stattdessen wollte sie das Gute auf der Welt suchen und durch ihre Mittätigkeit die Welt lebenswert erhalten.

Heinrich ist stolz darauf, dass er aus kleinen Verhältnissen heraus eine Familie gründen und durch seine Berufswahl ein angenehmes Leben führen konnte. Die zunehmenden Einschränkungen des Alters ärgern ihn. Er war immer korrekt und strebte danach, Regeln einzuhalten. Sich von seiner älteren Tochter bevormunden zu lassen, gefällt ihm gar nicht.

Für Franziska und Heinrich ist es nicht einfach, den Alltag gemeinsam zu bestreiten. Viele Auseinandersetzungen und Unverständnis füreinander gehörten bisher zu ihrem Beisammensein dazu. Auch die Rolle von Monika als Tochter und Schwester wird mehrschichtig von der Autorin betrachtet. Durch den Erzählstil mit zahlreichen Rückblenden kommt es zu gewissen Längen. Obwohl ihre Geschichte fiktiv ist, baut sie auf den eigenen Erfahrungen von Gisa Klönne auf und wirkt dadurch authentisch.

Der Roman Für diesen Sommer“ von Gisa Klönne ist eine feinsinnige und berührende Erzählung einer Vater-Tochter-Beziehung. Beide konnten nicht alle ihre Lebensträume verwirklichen. Durch die Erinnerungen der beiden werden dem Lesenden die unterschiedlichen Ansichten verständlich. Gleichzeitig bietet die Geschichte einige realistische Vorschläge, wie man sich einander annähern kann. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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Veröffentlicht am 03.04.2022

Emotionales bewegendes Leseerleben, welches nachdenklich stimmt

Wo die Wölfe sind
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Inti Flynn ist Biologin und Protagonistin sowie Ich-Erzählerin im Roman „Wo die Wölfe sind“, geschrieben von der Australierin Charlotte McConaghy. Sie leitet ein Projekt zur Wiederansiedlung von Wölfen ...

Inti Flynn ist Biologin und Protagonistin sowie Ich-Erzählerin im Roman „Wo die Wölfe sind“, geschrieben von der Australierin Charlotte McConaghy. Sie leitet ein Projekt zur Wiederansiedlung von Wölfen in Schottland, welches Teil einer Renaturierungsmaßnahme ist mit dem Ziel, den Klimawandel zu verlangsamen. Zu Beginn der Geschichte erzählt Inti beispielhaft eine Erinnerung, um den Lesenden zu verdeutlichen, dass sie unter Mirror-Touch-Synästesie leidet, einer neurologischen Störung bei der der eigene Körper das nachempfindet, was man bei anderen Lebewesen an Sinneswahrnehmung sieht.
Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Aggie ist Inti auf zwei Kontinenten aufgewachsen, denn ihre Eltern leben seit langem getrennt. Der Vater ist Naturforscher und hat ihnen im kanadischen Vancouver die Liebe zur Natur nahegebracht. In Syndney in Australien arbeitet ihre Mutter als Ermittlerin bei der Polizei und beschäftigt sich in ihrem Kommissariat mit Missbrauchsfällen.
Nach einem furchterregenden Erlebnis an ihrer letzten Wirkungsstätte in Alaska freut Inti sich gemeinsam mit ihrer Schwester auf einen Neuanfang in Schottland. Während Aggie aufgrund der vergangenen Ereignisse zurückgezogen lebt, widmet sich Inti dem Wolfsprojekt. Dabei ist ihr klar, dass die wilden Tiere von den Anwohnern gefürchtet sind, die sich im Fall der Gefahr selbst verteidigen werden. Ein Zwischenfall gibt ihr Recht. Ihre eigene Liebe zu den Tieren treibt ungeahnte Auswüchse im Kampf um deren Leben, wobei sie von ihren eigenen Ängsten eingeholt wird.
Die Darstellung der Aussiedlung der Wölfe empfand ich als realistisch. Man spürt aus Intis Handlungen ihre Zuneigung zu den anpassungsfähigen Tieren. Gleichzeitig ist da aber auch ihr anhaltender Schmerz über das dramatische Geschehen in der Vergangenheit zu spüren, an dem sie sich eine Mitschuld gibt. Dabei geht es um den Missbrauch und Gewalt gegen Frauen. Durch die Tätigkeit ihrer Mutter hätte ich die beiden Schwestern sensibler für dieses Thema eingestellt gehalten, doch Inti wird sich über der Tragweite der physischen und psychischen Verletzungen erst bewusst als sie es über ihre Synästesie am eigenen Körper nachempfindet. In der kleinen Gemeinde in der Nähe des Wolfsreservats erspürt sie wieder einen Übergriff, der sie wütend, aber auch hilflos macht.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen menschliche Gefühle. Inti hat zu ihrer Schwester immer schon eine ganz besonders intensive Verbundenheit. Nicht immer war mir ihr Verhalten im Umgang mit Aggie verständlich. Beide leiden psychisch unter den vergangenen Geschehnissen. Zwar spricht die Autorin kurz an, dass professionelle Unterstützung hilfreich sein könnte, aber sie wird von den beiden nicht in Anspruch genommen.
Bei mir als Leserin warf die Erzählung die unterschiedlichsten Fragen auf, beispielsweise inwieweit wir als Menschen in die Natur eingreifen sollen. Welche Kriterien sollen wir dabei zugrunde legen? Sind es immer die „Richtigen“? Charlotte McConaghy betrachtet auch die Ansicht der ansässigen Landwirte, die ihre Schafe und Kühe frei weiden lassen.
Durch die Konstruktion der aktuellen Begebenheiten baut Charlotte McConaghy zunehmend Spannung auf, die sich zu einem furiosen Finale zuspitzt. Dabei halte ich den in der Fiktion geschilderten Umgang Intis mit ihrer eigenen Gesundheit und den Entschluss ihrer eigenen Schwester über ihr weiteres Leben für möglich, aber nicht wünschenswert.
Empathisch beschreibt Charlotte McConaghy in ihrem Roman „Wo die Wölfe sind“ die innere Zerrissenheit der Protagonistin Inti, die ein Projekt zur Auswilderung von Wölfen in Schottland leitet. Die dramatischen Erlebnisse in deren Vergangenheit werden immer mehr aufgedeckt und zeigen Inti als einen verstörten Charakter. Der Roman ist für feinfühlige Personen aufgrund bestimmter Darstellungen eher nicht geeignet und grundsätzlich ein emotionales bewegendes Leseerleben, das mich nachdenklich stimmte.

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