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Veröffentlicht am 11.10.2019

Wunderbarer, begeisternder Roman

Der größte Spaß, den wir je hatten
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In ihrem Debütroman „Der größte Spaß, den wir je hatten“ schreibt die US-Amerikanerin Claire Lombardo über das fiktive ältere Ehepaar David und Marilyn Sorenson und ihre vier Kinder. Bei David und Marilyn ...

In ihrem Debütroman „Der größte Spaß, den wir je hatten“ schreibt die US-Amerikanerin Claire Lombardo über das fiktive ältere Ehepaar David und Marilyn Sorenson und ihre vier Kinder. Bei David und Marilyn wird der Buchtitel zum Motto, denn Ehepartner und Eltern sein ist für sie das Wichtigste in ihrem Leben. Ihre Familie ist vergleichbar mit den Gingkobäumen, von denen Blätter auf dem Cover zu sehen sind und die im Garten des Eigenheims der Familie stehen: sie sind tief verwurzelt und langlebig, besitzen eine feine Struktur und trotzen der Natur auch in schwierigen Zeiten. Doch wie sich im Roman zeigen wird, können weder Familie noch Gingkos sich vor allen Einflüssen schützen und bleiben dadurch angreifbar.

Der Roman spielt in der Gegenwart und beginnt im Frühjahr des Jahrs 2016. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich die Geschichte weiter über ein ganzes Jahr und mehr hinweg. Immer wieder wird die Erzählung durch längere Rückblicke unterbrochen, einen ersten Blick auf die Vergangenheit gibt es bereits im Prolog. Obwohl die Autorin die Familienkonstellationen bereits auf den ersten Seiten beschreibt, bringen erst die Retrospektiven ein tieferes Verständnis für die Figuren und ihre Handlungen.

David und Marilyn sind beide über 60 Jahre alt, seit 39 Jahren verheiratet und wohnen in Chicago. Ihre vier Töchter sind inzwischen erwachsen und ausgezogen. Wendy ist die Älteste und wurde noch im gleichen Jahr geboren, in dem ihre Eltern geheiratet habe. Ihre Schwester Violet ist kein ganzes Jahr jünger als sie. Beide wohnen noch in der Stadt genauso wie Liza, die mit einem zeitlichen Abstand von sechs Jahren zu ihrer ältesten Schwester geboren wurde. Erst etwa zehn Jahre nach ihr kam dann Grace zur Welt, die inzwischen in Portland wohnt.

Neben Wendy, die schon einige Verluste in ihrem Leben hinnehmen musste, haben auch die übrigen Geschwister ihre Last zu tragen und jede genießt glückliche Zeiten. Die große Liebe ihrer Eltern ist ihnen immer ein Vorbild, doch es ist schwierig, sie im gleichen Maß zu erreichen. Jonah ist das große Geheimnis von Violet, sie hat ihn nach der Geburt vor 15 Jahren zur Adoption freigegeben. Der Roman erzählt im Folgenden, wie es dazu kam, warum er jetzt wieder Kontakt zur Familie hat und wie die einzelnen Familienmitglieder mit seinem Erscheinen umgehen.

In ihrem Roman schreibt Claire Lombardo über alltägliche Situationen, in denen jeder ihrer Leser sich bestimmt irgendwo wiederfindet. Ihre Geschichte fokussiert auf den einzelnen Charakteren. Die Geschwister beschreibt sie mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften, was den Roman abwechslungsreich gestaltet. Vor allem im Austausch zwischen Wendy und Violet stehen sich immer wieder sehr verschieden Ansichten gegenüber.

Die Szenerie wechselt innerhalb der Kapitel mehrfach zwischen den Personen. Die Autorin beschreibt mit großer Empathie auch die Gefühle ihrer Figuren. Zwar ist die Autorin erst 30 Jahre, dennoch schreibt sie mit einer hohen Lebenserfahrung, die sich sicher auch daraus ergibt, dass sie die Jüngste von fünf Geschwistern ist und eine gute Beobachtungsgabe sowie ein großes Interesse an ihrer Umgebung besitzt.

David und Marilyn haben einander immer respektvoll behandelt und sind fast immer offen mit ihren Meinungen umgegangen. Dennoch sind sie gemeinsam über viele Höhen und durch viele Tiefen gegangen. Sicher wurde ihr Leben dadurch erleichtert, dass es zwar Zeiten gab, in denen ihr Budget gering war, dennoch haben sie immer auf die Unterstützung ihrer Eltern setzen können und später hat David als Arzt sehr gut verdient. Für ihre Kinder sind die beiden der Fels in der Brandung, sie bieten ihnen jederzeit eine Schulter zum Anlehnen. Was sich zunächst nach einer beneidenswerten Basis und Vertrauen anhört, stellt sich wie in der Realität als schwierig dar, weil jede Person unterschiedliche Vorstellungen davon hat, wie viel Privatheit er benötigt und wie viel Nähe er zulassen will. So ist es auch für David und Marilyn eine Gradwanderung, herauszufinden, in welchem Maße jede ihrer Töchter Zuwendung benötigt und zwar nicht nur als Kind, sondern auch im erwachsenen Alter.

Claire Lombardo ist mit „Der größte Spaß, den wir je hatten“ ein wunderbarer, mich begeisternder Roman gelungen, der einfühlsam beschreibt, wie ein Ehepaar über viele gemeinsame Jahre hinweg Sorgen um und Probleme mit ihren vier sehr unterschiedlichen Töchtern meistert, die inzwischen als Erwachsene ihren eigenen Weg gehen und dabei auf ihre Weise mehr oder weniger eigene Lösungen für ihre Schwierigkeiten finden. Die Autorin gewährte mir als Leserin tiefe Einblicke in die jeweiligen Liebesbeziehungen und ließ mich an den kleinen Scharmützeln unter den Familienmitgliedern teilhaben. Unerwartete Wendungen und einige Geheimnisse gestalten den Roman abwechslungsreich. Sehr gerne vergebe ich hierzu eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 09.10.2019

Interessanter ungewöhnlicher Genremix, der solide konstruiert ist

Der Ursprung der Welt
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„Der Ursprung der Welt“ lautet der Titel des ersten Romans von Ulrich Tukur. Die Geschichte ist eine historische Dystopie, die auf zwei Zeitebenen spielt. Optisch wie haptisch ist die Aufmachung des Hardcovers ...

„Der Ursprung der Welt“ lautet der Titel des ersten Romans von Ulrich Tukur. Die Geschichte ist eine historische Dystopie, die auf zwei Zeitebenen spielt. Optisch wie haptisch ist die Aufmachung des Hardcovers ein Schmuckstück. Ranken umgeben fühlbar den runden Ausschnitt auf dem Schutzumschlag oberhalb der Mitte, der einen Blick auf eine alte Fotografie freigibt, die einen Herrn mit Hut in einer schicken Kombination zeigt. Entfernt man den Umschlag ist die schwarz-weiße Fotografie vollständig zu sehen, unterhalb davon finden sich die Initialen P.G. in Gold geprägt. Das Bild entstammt dem Privatbesitz des Autors. Durch seinen zufälligen Fund, gemeinsam mit weiteren Fotos, in einem Fotoalbum kam dem Autor die Idee zu diesem Buch. Der Titel nimmt auf ein gleichnamiges Gemälde Bezug, das den Protagonisten des Romans bereits früh geprägt hat.

Der Deutsche Paul Goullet ist die Hauptfigur des Romans. Er ist Mitte Dreißig und besucht im Jahr 2033 Paris, um die Stadt kennenzulernen Beim Vorbeischlendern am Ufer der Seine entdeckt er an einem der Stände ein altes Fotoalbum mit Bildern, auf denen er sich selbst zu erkennen glaubt. Die Fotos rufen bei ihm Erinnerungen an seine Kindheit wach und an ein Zimmer in der Heimat, in dem sein Großvater gelebt hat. Er macht sich auf die Suche nach der Person auf den Fotos. Seine Reise führt ihn aufgrund gefundener Hinweise auf den Bildern nach Südfrankreich. Je intensiver er sucht, desto mehr fühlt er sich mit seinem Ebenbild verbunden. Visionen suchen ihn heim, führen ihn in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er sieht sich selbst in der Rolle des ihm Unbekannten mit ähnlichem Aussehen und fühlt sich zunächst als Wohltäter in einer Widerstandgruppe bis er einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommt.

Ulrich Tukur zeichnet ein düsteres Bild unserer Zukunft, das sich aber realistisch aus den derzeitigen Umständen ergeben könnte. Sein Protagonist hat das große Glück niemandem Rechenschaft über sein Tun und Lassen abgeben zu müssen. Er ist geprägt von einer Kindheitserinnerung, die seine Suche nach der großen Liebe überschattet. Seine Gefühle schätzt er manchmal falsch ein, was damit zusammenhängen könnte, dass er selbst bei seiner Erziehung eine vertrauensvolle, ihn liebende Person vermisst hat. Er wirkte auf mich kühl und rational, wodurch mir der Charakter, wie auch einige andere im Roman, nicht sympathisch wurde. Einzig an seiner zögerlichen, aber bedingungslosen Hilfsbereitschaft in bestimmten Momenten fand ich Gefallen.

Das Spiel auf zwei Zeitebenen ist manchmal anstrengend, aber nachvollziehbar. Die Übergänge sind fließend und können durch die jeweils agierenden Personen auseinandergehalten werden. In Deutschland gibt es Ausschreitungen, die Paul Goullet durch seine Reise für eine Weile hinter sich lassen möchte. Allerdings hat es auch in Frankreich einige politisch bedingte Veränderungen gegeben und auch hier ist die Situation durch polizeiliche und militärische Kontrollen mit Übergriffen auf die Zivilbevölkerung beängstigend. Die Stimmungslage konnte der Autor sehr gut von den handelnden Personen auf mich als Leser übertragen. Bei der Aufdeckung des Geheimnisses überzeugt Ulrich Tukur mich nicht mit allen Details beim Ineinandergreifen der Ereignisse.

Die Ängste seines traumatisierten Protagonisten im Roman „Der Ursprung der Welt“ stehen für unsere eigenen Erwartungen an eine bessere Zukunft. In einer zunehmend digitalisierten Welt vermögen uns auf rationalen Analysen beruhende Empfehlungen, keinen bleibenden Frieden zu geben, weil unser eigener Antrieb durch Gefühle gesteuert ist und uns Ziele antreiben, die nicht immer mit denen von anderen übereinstimmen. So bleibt unsere Zukunft unvorhersehbar.

„Der Ursprung der Welt“ von Ulrich Tukur ist ein interessanter ungewöhnlicher Genremix, der solide konstruiert ist. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 03.10.2019

Unterhaltsame Lektüre mit Urlaubsflair

Kretische Feindschaft
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Das Buch „Kretische Feindschaft“ ist der erste Fall für Michalis Charisteas, einem Kommissar der Mordkommission in Chania auf Kreta. Hinter dem Namen des Autors Nikos Milonás agiert der in München wohnende ...

Das Buch „Kretische Feindschaft“ ist der erste Fall für Michalis Charisteas, einem Kommissar der Mordkommission in Chania auf Kreta. Hinter dem Namen des Autors Nikos Milonás agiert der in München wohnende Frank D. Müller, der als Jugendlicher seine Liebe zu der Kretischen Insel entdeckt hat.
Michalis Charisteas ist über dreißig Jahre alt. Seit er das Kommissariat in Athen verlassen hat wohnt er wieder zu Hause über der Taverne der Familie, die inzwischen von seinem älteren Bruder geleitet wird. Seine deutsche Freundin Hannah ist Doktorandin der Kunstgeschichte in Berlin. Sobald Hannah es vom Studium her einrichten kann kommt sie nach Kreta oder Michalis verbringt seinen Urlaub in Berlin. Eines Tages stirbt der Bürgermeister einer nahegelegenen Gemeinde bei einem Unfall. Während der Ermittlungen kommt es zu Ungereimtheiten. Wenige Tage später geschieht ein Mord und Michalis hat die Vermutung, dass die beiden Begebenheiten zusammenhängen könnten.
Nikos Milonás schreibt mit viel Herzblut für seine Lieblingsinsel, so dass die Ermittlungen manchmal hinter seine Schwärmereien für die Landschaft und Kultur sowie kretischer Gerichte und Getränke zurücktreten. Michalis ist ein rechtschaffener Kommissar, der unglücklich über unaufgeklärte Fälle ist. Er stellt Fragen, auf die seine Kollegen nicht kommen und die kleine wichtige Details ans Tageslicht bringen, die für die Ermittlungen wichtig sind.
Einen großen Platz in der Geschichte nimmt seine Beziehung zu Hannah ein, die als Figur leider eher blass bleibt. Obwohl Michalis Familie sehr einnehmend ist, lenkt Hannah immer wieder sehr schnell ein und ordnet ihren Willen unter. Auch Michalis findet keine deutlichen Worte, den Erwartungen seiner Familie entgegenzutreten. Nach einem eher behäbigen Anfang nimmt die Geschichte durch einige unerwartete Wendungen zunehmend Fahrt auf.
Im weiteren Verlauf des kriminellen Geschehens arbeitet Nikos Milonás mit Übertreibungen: Polizeibeamte werden nur nach Aufforderung ihres Chefs aktiv und leisten den Anweisungen bedingungslos Folge und Angehörige von Opfern finden mit den Tätern jenseits des Gesetzes eine befriedigende Lösung, die sich ganz nach den eigenen Interessen richtet. Mir kam das wenig realistisch vor, doch dadurch ergibt sich ein unterhaltsamer Kriminal- und Liebesroman, der als Urlaubs- und Strandlektüre gut geeignet ist.

Veröffentlicht am 01.10.2019

Berührende, sehr unterhaltsame Familiengeschichte mit kleinen Geheimnissen

Der Geschmack unseres Lebens
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Der Roman „Der Geschmack unseres Lebens“ von Julia Fischer brachte mich handlungsmäßig in das Piemont nach Italien. Obwohl der Prolog im Jahr 1990 spielt und von einem schicksalhaften Tag im Leben von ...

Der Roman „Der Geschmack unseres Lebens“ von Julia Fischer brachte mich handlungsmäßig in das Piemont nach Italien. Obwohl der Prolog im Jahr 1990 spielt und von einem schicksalhaften Tag im Leben von Francesca und Philippe Donati erzählt, steht im Mittelpunkt des folgenden Romans ihre gemeinsame Tochter Emma. Etwa 27 Jahre nach dem verhängnisvollen Tag, an dem Francesca ihre Familie verließ und nicht wiederkehrte, eröffnet Emma in Alba eine Chocolaterie, in der sie Gebäck anbietet, das sie nach den Rezepten ihrer Mutter herstellt und bäckt. In der vorderen Klappe der Broschur ist die Anleitung für Haselnusstrüffel abgedruckt, die einen kleinen Eindruck auf die Kunst der Protagonistin bietet.

Emma ist alleinerziehend und Mutter der zehnjährigen Zwillinge Lauro und Lisa. Zwar lässt ihr Geschäft ihr kaum Zeit für Freizeit und ihre Kinder, doch es zieht genügend Käufer an, darunter einen Fremden, von dem sie sich auf eigenartige Weise angezogen fühlt. Immer noch kämpft Emma gegen ihre unberechtigte Wut gegen den neuen Besitzer der Haselnussplantage der Familie, die sie nach dem Tod ihres Vaters vor wenigen Monaten verkaufen musste. Von ihrem zwei Jahre älteren Bruder Danilo, Dino genant, dem sie innig zugeneigt ist, fühlt sie sich im Stich gelassen. Er weiß, was in der tragischen Nacht zwischen seinen Eltern geschehen ist, doch hat er sich nie offen mit seinem Vater darüber ausgesprochen. Stattdessen suchte er sein Glück im Auslandseinsatz des Militärs.

Julia Fischer erzählt in ihrem Roman ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte. Aus der gefühlvollen Erzählung spürt man ihre Zuneigung zur Landschaft und den Figuren, die sie realistisch und nachvollziehbar in ihren Handlungen gestaltet. Auf der Zeitebene der Gegenwart schreitet die Geschichte kontinuierlich vorwärts, doch immer wieder lässt die Autorin einen ihrer Charaktere innehalten und sich an wichtige Ereignisse in dessen Vergangenheit erinnern. Es sind nicht nur Emma und Dino, die an ihre kurze Kindheit mit der Mutter zurückblicken, sondern Julia Fischer streift auch kurz die Geschichte der Résistance im Zweiten Weltkrieg im Piemont. Sie erzählt ebenfalls, durch eine geschickte Einbindung in den Roman, über eine tiefe Zuneigung zweier Menschen, die bereits über zweihundert Jahre zurückliegt. Durch die Rückblicke erfuhr ich mehr über Emma und die mit ihr verbundenen Menschen, so dass sich mir ihre Handlungsweisen erklärten und damit kleine Geheimnisse aufdeckt wurden. Schritt für Schritt offenbart sich auf diese Weise das Geschehen der schicksalhaften Nacht.

Erwähnenswert ist die besonders feinfühlige Art und Weise der Autorin, Liebesgeschichten zu erzählen, sei es die Zuneigung im Alter, die Beziehung einer Frau zu einem verheirateten Mann und die Hinwendung eines Mannes zum Neffen des Nachbarn. Julia Fischer schreibt mit vielen liebevollen kleinen Details auch für ihre Nebenfiguren. Zu keiner Zeit kommt Langeweile auf, sondern die vielseitige Gestaltung der Handlung verführt zum schnellen Weiterlesen.

Der Roman „Der Geschmack unseres Lebens“ ist eine berührende Familiengeschichte in einer bezaubernden Landschaft und überzogen mit dem Duft von Haselnüssen, Schokolade und Trüffeln. Er zeigte mir die Verbundenheit der Figuren mit ihrer Heimat und ihrer Hingabe an die Personen, die sie lieben. Julia Fischer hat eine unterhaltsame Geschichte geschrieben, die ich gerne uneingeschränkt empfehle.

Veröffentlicht am 28.09.2019

Zwei verliebte Jugendiche bringen in einer gespaltenen Gesellschaft einen Stein ins Rollen ...

Die Arena: Grausame Spiele
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„Die Arena – Grausame Spiele“ ist der erste Teil einer Dilogie der Engländerin Hayley Barker. Die Geschichte spielt im London der Zukunft, in etwa hundert Jahren. Zu dieser Zeit zieht ein Zirkus über die ...

„Die Arena – Grausame Spiele“ ist der erste Teil einer Dilogie der Engländerin Hayley Barker. Die Geschichte spielt im London der Zukunft, in etwa hundert Jahren. Zu dieser Zeit zieht ein Zirkus über die britische Insel, der vor bereits rund 40 Jahren gegründet wurde. In ihrer Arena finden jedoch keine Vorführungen wie wir sie heute kennen statt, sondern es wird den Zuschauern ein besonderer Nervenkitzel dadurch geboten, dass die Künstler ohne eine Absicherung auftreten oder per Losverfahren über den Ausgang einer Zirkusdarbietung bestimmt wird. Ein wenig erinnerte mich das an die Spiele der Römer im Kolosseum und die Christenverfolgung.

Hoshiko ist bereits seit ihrem fünften Lebensjahr im Zirkus. Sie ist eine Dreg, eine Migrantin, also jemand bei dem nicht wie bei den Pures rein englisches Blut in den Adern fließt. Die Dregs wurden von den Pures in den letzten Jahren zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Unter den Kindern der Dregs finden Auswahlverfahren statt. Wer die körperlichen Voraussetzungen dazu besitzt, wird an den Zirkus gegeben, so wie Hoshiko. Sie hat dort unter den Dregs so etwas wie eine Ersatzmutter gefunden, die aber wenig älter ist als sie selbst. Und nach mehr als zehn Jahren dort, kümmert sie sich seit Kurzem selbst um eine Nachwuchsartistin. Doch jeden Tag stellt sie ihr Leben in der Manege auf die Probe, ein Entkommen gibt es nicht, alles wird strengstens bewacht und Kranksein ist nur in bestimmten Fällen erlaubt.

Ben ist so alt wie Hoshiko. Er gehört zu den Pures und das auf ganz besondere Weise, denn seine Mutter ist so etwas wie die Kultusministerin des Landes. Durch besonders rigides Verfolgen von Dregs möchte sie auf sich aufmerksam machen, weil sie sich dadurch Hoffnung auf den Platz der Präsidentin macht. Als der Zirkus nach London kommt, setzt Ben alles daran, an einer Vorführung teilnehmen zu dürfen. Schließlich gibt eine offizielle Einladung an die Familie ihm die Gelegenheit dazu. Und dann sieht er sich auf seinem Logenplatz plötzlich Hoshiko gegenüber, die um ihr Leben kämpft und die in ihm ungeahnte Gefühle weckt.

Durch die Trennung von Pures und Dregs zeichnet Hayley Baxter ein düsteres Bild unserer Gesellschaft in der Zukunft, die sich aus unserer heutigen Situation heraus, mit Blick auf die Flüchtlingskrise, ergeben könnte. Bewusst führte sie mir als Leserin vor Augen, welche Auswirkungen Rassismus haben kann. Dazu nutzt sie das Stilmittel der Übertreibung, denn alles an ihrer Dystopie ist im Zusammenspiel mit den beiden Gesellschaftsklassen grausam und brutal. Nicht umsonst wird die Zirkusshow von der Autorin als die tödlichste auf der Welt beschrieben.

Einige Pures verallgemeinern ihre unberechtigte Wut auf die Dregs mit der Behauptung, dass diese alle Verbrecher seien. Individualität wird ihnen nicht zugestanden. In den Dregs schwelt der Hass und sie finden zunehmend Mittel und Wege zum Aufstand. Spannend war es für mich zu sehen, wie die Autorin Ben und Hoshiko und ihre gegensätzlichen Welten zusammenbringt. Symbolisch zeigt sie hier, dass es immer noch Pures gibt, die dazu in der Lage sind, sich ein eigenes Urteil nach eigenen Erfahrungen zu bilden. Der Mut dazu, sich öffentlich dazu zu bekennen, ist beachtenswert.

Die Kapitel wechseln ständig zwischen Ben und Hoshiko, die in der Ich-Form erzählen. So konnte ich mich gut in ihre jeweilige Gefühlslage hineinversetzen. Durch die oft kurzen Kapitel wird das Tempo der Handlung erhöht, allerdings kommt es manchmal zu szenischen Überscheidungen, die die Spannungskurve kurz abbremsen. Dennoch ließen kleine Cliffhanger mich schnell weiterlesen und trieben mich durch die Geschichte mit zahlreichen Wendungen.

Trotz einiger dramaturgischer Ungenauigkeiten ist die Dystopie „Die Arena – Grausame Spiel“ fesselnd, stimmte mich aber auch nachdenklich. Hayley Barker zeigt eine gespaltene Gesellschaft in der Zukunft, in der allein die Herkunft eines Menschen bestimmt, wer er zu sein hast. Die Begegnung der beiden Jugendlichen Ben und Hoshiko während einer Zirkusvorstellung bringt einen Stein ins Rollen von dem ich sehr gespannt bin, wohin er in der Fortsetzung, die ich unbedingt lesen möchte, rollen wird. Aufgrund der teilweise brutalen Szenen im Buch empfehle ich es erst für ältere Jugendliche.