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Veröffentlicht am 04.05.2019

Detailreich erzählte, verschlungene High-Fantasy mit vielen unvorhersehbaren Wendungen

Die Töchter von Ilian
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„Die Töchter von Ilian“ ist eine High-Fantasy von Jenny-Mai Nuyen. Die Geschichte ist in einem mittelalterlichen Setting angesiedelt. Nur das „Kleine Volk“ (Zwerge) und das „Alte Volk“ (Elfen) haben ihre ...

„Die Töchter von Ilian“ ist eine High-Fantasy von Jenny-Mai Nuyen. Die Geschichte ist in einem mittelalterlichen Setting angesiedelt. Nur das „Kleine Volk“ (Zwerge) und das „Alte Volk“ (Elfen) haben ihre festen Siedlungsplätze, die Stämme der Urier (Menschen) sind ständig unterwegs, wohl auch durch harte Gebietskämpfe bedingt. Eine Karte, die sich sowohl vorne wie auch hinten unter der Klappe der Broschur verbirgt, gab mir als Leser einen Überblick über die Welt von Ilian, dem Land der Quellen. Die Welt war früher ein Reich ohne Krieg.

Die junge Welgreta vom Kleinen Volk hat sieben Jahre als Schülerin bei ebenso vielen Wyken, den Weisen Frauen der Welt, zugebracht. Nach ihrer Lehrzeit kehrt sie ohne Stelle wieder in ihre Heimat zurück und verliebt sich dort beim Erntefest in den wandernden Erzähler Fayanu vom Volk der Elfen. Die ihm anvertraute Aufgabe besteht darin, die verschollenen Iliaden zu finden, das sind vier magische Artefakte, die einst in den Händen der Wyken waren. Ihre spezielle Wirkkraft verstärkt sich durch Verschenken. Doch ihre Kraft ist geschwunden weil die Weisen Frauen sich schwer taten, sie herzugeben. Ein Artefakt besitzen zur Zeit die Elfen, ein weiteres führt Fayanu mit sich, das er später Welgreta schenkt. Die Zwergin erkennt die Zaubermacht des Artefakts und setzt sich zum Ziel, die Welt wieder im Frieden zu einen. Doch das Schicksal hat für die beiden Liebenden einen ganz anderen Weg wie den gewünschten vorgesehen.

Jenny-Mai Nuyen hat für ihre Fantasy eine eigene Welt geschaffen. Ihr Erzählstil enthält viele Details, so dass ich mir die handelnden Personen wie auch die Gegend sehr gut vorstellen konnte. Die Anzahl ihrer Figuren erfordert ein gewisses Maß an Konzentration, um sie dem richtigen Volk zuzuordnen. Dabei hilft eine Aufzählung der wichtigsten handelnden Personen zu Beginn des Buchs. Schwungvoll flechtet die Autorin immer wieder Geschichten ein, die von ihren Völkern über Generationen weitergegeben wurden. Jedes Volk hat seine eigenen rituellen Handlungen, seine Sprache, seine Essgewohnheiten und vieles mehr.

Die Charaktere gehen ihren Zielen nach, die meist beeinflusst sind von Macht und Einfluss. Es wird integriert und Versprechen gegeben, die nicht eingehalten werden, teilweise auch ohne Verschulden der Person. Um zu Ansehen und Ruhm zu gelangen wird immer wieder auf grausame Art mit viel Blutvergießen Krieg geführt. Die Führung bleibt dabei in den Händen der Männer. Die Autorin schafft nicht nur starke Frauenfiguren, sondern setzt einzelne oder auch Frauengruppen in ihrer Verletzlichkeit als taktische Ware zwischen den Völkern und Stämmen ein. Welgreta wird sich deren Rolle bewusst und durch sie setzt Jenny-Mai Nuyen sich mit den Rechten der Frauen und auch denen des einfachen Volks in ihrer Fantasywelt auseinander. Sie gestaltet überhaupt im ganzen Roman die Handlungen der einzelnen Personen für den Leser nachvollziehbar.

„Die Töchter von Ilian“ von Jenny-Mai Nuyen ist eine detailreich erzählte, verschlungene Geschichte mit vielen Ausschmückungen, die durch etliche unvorhersehbare Wendungen ihre Spannung bis zum Schluss aufrechterhält. Aufgrund der teilweise brutalen Kriegskämpfe empfehle ich das Buch erst ab 16 Jahren. Wer kein Problem mit blutigen Machtkämpfen hat und Liebe in vielen Facetten, Magie, Hinterlist mag und die Sehnsucht nach Frieden teilt, dem empfehle ich gerne diese High-Fantasy mit düsterer Grundstimmung.

Veröffentlicht am 27.04.2019

Zwei Frauenschicksale der Kronkolonie Goldküste um 1890

Die Frauen von Salaga
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Der Roman „Die Frauen von Salaga“ ist der Debütroman der in Ghana geborenen Ayesha Harruna Attah, die heute im Sengal lebt. Ihre Schilderungen basieren auf den wahren Erlebnissen ihrer Ururgroßmutter, ...

Der Roman „Die Frauen von Salaga“ ist der Debütroman der in Ghana geborenen Ayesha Harruna Attah, die heute im Sengal lebt. Ihre Schilderungen basieren auf den wahren Erlebnissen ihrer Ururgroßmutter, die den Hintergrund für die Geschehnisse rund um Aminah, eine der Protagonistinnen, bilden. Das Cover des Buchs schwelgt in intensiven Farben die auch bei der Gestaltung afrikanischer Waxprints Anwendung finden. Der Titel führte mich direkt nach Afrika in eine Region, in der noch keine Erzählung der von mir gelesenen Bücher spielte. Ich freute mich daher nicht nur auf gute Unterhaltung sondern auch auf eine kulturelle Reise. Die Geschichte spielt um das Jahr 1890 in der britischen Kronkolonie Goldküste, dem heutigen Ghana.

Aminah ist 15 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Oasendorf. Am liebsten möchte sie Schumacher werden wie ihr Vater, der immer wieder zum Verkauf seiner Ware mit Karawanen auf Reisen geht. Doch während einer seiner Abwesenheiten wird das Dorf überfallen und verbrannt, Menschen und Vieh werden verschleppt. Nach einer Zeit als Sklavin auf einem Gehöft wird sie auf dem Markt von Salaga erneut zum Kauf angeboten. Hier begegnet sie der kaum älteren Wurche, der Tochter eines Stammesführers, die wie Aminah davon träumt, eines Tages in die Fußstapfen ihres Vaters treten zu können. Taktik ist ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Führungsmacht. Daher wird für Wurche gegen ihren Willen eine Ehe arrangiert. Bei gelegentlichen Ausflügen nach Salaga verliebt sie sich in Moro, einen jungen Sklavenhändler, mit dem sie sich fortan heimlich im Hinterzimmer eines Landlords trifft. Hier begegnet sie bei einem ihrer Ausflüge Aminah und beschließt spontan, sie zu kaufen.

Ayesha Haruna Attah hat mir mit ihrer Geschichte eine mir unbekannte Kultur näher gebracht. Zunächst benötigte ich einige Zeit, ehe mir die fremden Bezeichnungen und Eigennamen geläufig wurden. Die Beschreibung von Kleidung, Mahlzeiten, Geräuschen, Gerüchen und auch verschiedene Ansichten der Stammesmitglieder brachten mir das Leben an der Goldküste kurz vor dem 20. Jahrhundert näher. Der Roman ist in einer für die Gegend wechselhaften Epoche angesiedelt, während der die Stämme, die führende Ethnie der Aschanti, die Briten, Deutsche und Franzosen um die Vormacht kämpften. Daraus ergibt sich ein buntes Sprachengemisch.

Obwohl die Autorin Handlungen schildert, die für uns verwerflich sind, versucht sie nicht zu werten und ihre eigenen Emotionen nicht einfließen zu lassen. Doch vor allem ihren beiden Protagonistinnen gesteht sie tiefgreifende Gefühle zu. So konnte ich an manchem inneren Konflikt von Aminah und Wurche teilhaben wie beispielsweise bei der Klärung der Frage, ob man einen Sklavenhändler trotz seiner anstößigen Tätigkeit lieben kann und darf. Sowohl Aminah wie auch Wurche haben keine Chance sich gegen ihr Los aufzulehnen. Es wird deutlich, dass vielfach das Leben des Einzelnen fremdgelenkt und -geleitet wird und in der Bevölkerung eine gewisse Schicksalsergebenheit vorherrscht. Gezeigt wird auch, dass der wachsende Einfluss der Europäer die Einheimischen zu neuen Lebensweisen zwingt.

„Die Frauen von Salaga“ beschreibt eine bewegten Zeit in der Kronkolonie der Goldküste. Gekonnt verknüpft Ayesha Harruna Attah das Leben zweier junger Frauen mit unterschiedlichem Rang. Beide besitzen Träume, die durch das vorherrschende Patriarchat bedroht werden. Einige unvorhersehbare Wendungen gestalten den Roman abwechslungsreich und lesenswert. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 22.04.2019

Grundsolide konstruierter, geradliniger Krimi

Ein Espresso für den Commissario
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Im Kriminalroman „Ein Espresso für den Commissario“ löst Marco Pellegrini von der Polizia di Stato von Como in Italien seinen ersten Fall. Hinter dem Pseudonym des Autors Dino Minardi verbirgt sich ein ...

Im Kriminalroman „Ein Espresso für den Commissario“ löst Marco Pellegrini von der Polizia di Stato von Como in Italien seinen ersten Fall. Hinter dem Pseudonym des Autors Dino Minardi verbirgt sich ein Psychologe aus dem Rheinland, der vor über zehn Jahren die Lombardei für sich entdeckt hat. Seine Liebe für die Gegend, speziell den Comer See und der an seinen Ufern gelegenen Stadt Como, lässt er in den Roman einfließen. Die Landschaft bindet er in seine Handlungen vielfach ein, so dass ich sie mir als Leser sehr gut vorstellen konnte. Vor einigen Jahren war ich auch selbst einmal kurz dort. Das Cover zeigt einen typischen Blick über den See bis zu den Bergen im Hintergrund.

Pellegrini lebt in einem Apartment in Brunate, einer Gemeinde in der Nähe von Como, die auf über 700 m Höhe liegt. Von hier blickt man weit über den Comer See. Nach einem Streit mit seinem Vater hat er sich gegen die Mitarbeit und spätere Übernahme der Restauration der Familie entschieden, allerdings steht er gerne mal als Barista hinter der Theke der Bar. Eines Tages wird ein Student in seiner Comer Wohnung in seinem Bett tot aufgefunden. Bald wird bekannt, dass er sich gerade erst eine schicke neue Vespa gekauft hat. Durch die Untervermietung eines Zimmers hat er Kontakt zu vielen Menschen. Einen kleinen Nebenverdienst hat er durch einen Aushilfsjob. Bei den Ermittlungen steht für Pellegrini die Frage im Vordergrund, ob die Einnahmen des Studenten dafür ausreichen, sich ein solch teures Gefährt kaufen zu können.

Dino Minardi legt von Beginn an mehrere Fährten, die möglicherweise zur Auflösung des Falls führen könnten. In Nebenhandlungen verbirgt der Autor weitere kleine Geheimnisse wie beispielsweise, dass Pellegrini einen sehr guten Freund vermisst. Bis auf das Rätsel, welches das Privatleben den Commissario betrifft und das er gerne ebenfalls von seiner Verwandtschaft erklärt bekäme, werden alle anderen zum Ende hin gelöst. Bis dahin tragen sie dazu bei, neben den Fallermittlungen, eine unterschwellige Spannung aufrecht zu erhalten.

Im Laufe der Geschichte lernte ich Pellegrini immer besser kennen. Er hadert immer noch über das Zerwürfnis mit seinem Vater, den Verlust seines Freunds und über seine Beziehung zu einer Frau. Er ist ein beliebter Chef. Die beiden ihm unterstellten Kollegen wetteifern um Anerkennung und den dadurch verbundenen beruflichen Aufstieg. Die Krimihandlung wird mit vielen italienischen Wörtern begleitet, was insgesamt eine treffende örtliche Atmosphäre schafft, für mich zu Beginn allerdings ein wenig gewöhnungsbedürftig war.

„Ein Espresso für den Commissario“ von Dino Minardi ist ein grundsolide konstruierter, geradliniger Krimi, der in diesem Genre viele Freunde finden wird. Nicht nur die unaufgeklärte private Heimlichkeit macht Lust auf eine Fortsetzung. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 14.04.2019

Turbulentes Roadmovie mit Geschichten innerhalb der Geschichte

Rückwärtswalzer
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„Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ ist der inzwischen dritte Roman von Vea Kaiser. Wie beim Walzertanz scheint sich das Leben der drei Schwestern Maria Josefa, Barbara und Heidemarie, ...

„Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ ist der inzwischen dritte Roman von Vea Kaiser. Wie beim Walzertanz scheint sich das Leben der drei Schwestern Maria Josefa, Barbara und Heidemarie, die von fast allen nur Mirl, Wetti beziehungsweise Hedi gerufen werden und deren Geburtsnamen Prischinger ist, in schnellen Drehungen umeinander zu bewegen. Für den Leser setzt die Autorin den Tod von Hedis Lebensgefährten Willy an den Anfang der Erzählung. Von hier aus geht es sozusagen rückwärts mit den Erinnerungen der drei an markante Erlebnisse, die ihren Lebensweg geprägt haben. Der Untertitel des Buchs deutet an, dass Manen, also Totengeister, die von den Lebenden geehrt werden wollen, eine wichtige Rolle für die Schwestern spielen.

Lorenz Prischinger ist 31 Jahre alt und hat bisher schon einige Erfolge als Schauspieler feiern können, so dass er sich eine schicke Wohnung in Wien leistet. Aber nachdem seine Freundin bereits vor einiger Zeit einen Job in Heidelberg angenommen hat, bleiben nun auch noch die Jobangebote gänzlich aus. Nach dem plötzlichen Tod von Willy wird er von seinen drei Tanten gebeten, dem Verstorbenen seinen letzten Wunsch zu erfüllen, der darin besteht, in Montenegro beerdigt zu werden. Mangels finanzieller Mittel begeben sich die drei Schwestern, ihr Neffe und Willys Leiche im Panda auf die lange turbulente Fahrt. Dabei bleibt genug Zeit auf die sehr verschiedenen Schicksale der Tanten, aber auch auf das von Willy zurückzublicken.

Vea Kaiser kreiert ihre Hauptfiguren mit Ecken und Kanten. Jede ist einzigartig, auch wenn sie gemeinsam eine Familie bilden. Aus deren Alltag heraus gelingt es ihr, ein realistisch anmutendes, kurioses Geschehnis einzubinden, das alle Beteiligten in die Grauzone der Illegalität bringt. Es ist von Grunde auf traurig, dennoch ist es in seiner Gesamtheit der Darstellung amüsant darüber zu lesen. Gleichzeitig bietet der Autorin das Szenario die Gelegenheit, zurückzublicken auf Ereignisse, die Wendepunkte der Familienmitglieder waren. Eine erste Erinnerung führt ins Jahr 1953 zu einer Zeit in der die Wohnräume des Gasthofs der Familie Prischinger von Russen okkupiert waren. Die Mutter arbeitete für die Besatzer, für ihre drei Töchter und zwei Söhne blieb ihr wenig Zeit. Was ihrem Jüngsten zugestoßen ist, schon früh erkennbar daran, dass er in der Gegenwart keine Rolle mehr innehat, bleibt bis zum Schluss ein Geheimnis. Bis dahin lüftet Vea Kaiser, sehr zum Vergnügen des Lesers, manch anderes kleine Mysterium auf der Suche nach Antworten zu meiner neugierigen Frage, warum die Schwestern so sind und leben, wie ich sie zu Beginn des Romans kennenlernte.

Im Ausschmücken von Geschichten ist die Autorin eine Meisterin. Den Hintergrund für den Roman, der sich im Untertitel widerspiegelt, bilden der römische Jenseitsglauben, Begräbnisriten und die griechische Mythologie mit deren Kenntnis selbst Lorenz Verständnis für den Wunsch seiner Tanten aufbringt. Vea Kaiser bindet Bemerkungen dazu immer wieder in ihre Erzählung ein. Daran spürt man die Leidenschaft der Autorin für ihr Fachgebiet der klassischen Philologie. Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen oder auf die Vergangenheit zurückblicken, wechseln sich ab, wobei die Betitelung hilfreich bei der passenden Zuordnung ist.

„Rückwärtswalzer“ von Vea Kaiser ist ein turbulentes Roadmovie mit Geschichten innerhalb der Geschichte, die gleichzeitig berühren und kurzweilig unterhalten. Eingebunden in den großartigen Roman über eine österreichische Familie ist eine vermeintliche Schuld aus Kindertagen, die sich über Jahrzehnte hinweg hält und mich ergriffen hat. Sehr gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

Veröffentlicht am 07.04.2019

Thematisiert auf realistische Weise ein weniger bekanntes Stück Zeitgeschichte

Wir nannten es Freiheit
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Der Roman „Wir nannten es Freiheit“ von Silke Schütze thematisiert den Umstand des Lehrerinnenzölibats in Deutschland. Eingeführt wurde das Zölibat 1880 aus arbeitsmarktpolitischen Gründen – um mehr Stellen ...

Der Roman „Wir nannten es Freiheit“ von Silke Schütze thematisiert den Umstand des Lehrerinnenzölibats in Deutschland. Eingeführt wurde das Zölibat 1880 aus arbeitsmarktpolitischen Gründen – um mehr Stellen für Männer zu sichern - und einer besonderen moralischen Vorstellung von der Rolle, die eine Frau in der Ehe einnehmen sollte. Die Freiheit, Beruf und Ehe zu vereinbaren, hatten Frauen aus bürgerlichen Familien nicht. Etwas mehr als 30 Jahre später wurde das Zölibat aufgehoben, um dann vier Jahre danach wieder eingeführt zu werden. Erst in den 1950ern wurde das Verbot zur Heirat endgültig abgeschafft. Das Cover ließ leicht erkennen, dass der Roman in der Vergangenheit spielt, nämlich in Berlin im Jahr 1916.

Lene hat nach ihrem Studium seit einigen Monaten das Glück, als Vertretungslehrerin unterrichten zu dürfen. Möglich ist dies leider nur dadurch, dass viele ihrer Kollegen im Kriegsdienst sind. Schon lange kennt sie Paul, den Sohn des Kohlenhändlers, der ihr seine Liebe kurz vor der Fahrt zum Dienst an der Front erklärt hat. Einige Monate später wird Paul verletzt, ob er wieder vollständig genesen wird, ist in Frage gestellt. Wenn Lene und Paul heiraten, wird sie ihren Beruf nicht mehr ausüben dürfen. Für Lene wird die Entscheidung zwischen Beruf und Heirat zur existentiellen Frage.

Silke Schütze hat ein bewegendes Frauenschicksal in ein weniger bekanntes und ein uns heute erschreckendes Stück Zeitgeschichte eingewoben. Obwohl Lene nur eine fiktive Persönlichkeit ist, könnte sich ihr Schicksal so oder so ähnlich in der Realität abgespielt haben. Sie ist eine selbstbewusste Frau, in einfachen Verhältnissen ohne Vater groß geworden. Auch Lene wächst mit der geschlechtsspezifischen Vorstellung auf, dass Männer und Frauen die für sie bestimmten Rollen in einer Familie einzunehmen haben. Nicht nur die Kriegszeiten lassen sie aber über den Tellerrand der bornierten Gesellschaft blicken. Durch ihren Unterricht versucht sie ihren Schülerinnen so viel Respekt wie nötig und so viel Courage wie möglich zu vermitteln. Ihr Mut zum Widerstand wächst mit der Unterstützung aus ihrem Umfeld. Weitere abwechslungsreich gestaltete Charaktere geben der Erzählung einige unvorhergesehene Wendungen.

Das zeitgeschichtliche Bild, in das die Autorin ihren Roman setzt, wird durch zahlreiche Details ergänzt. Im Kriegsjahr 1916 werden Lebensmittel und Kohle knapp. Die Autorin lässt die Bedeutung von Schwarzmärkten zur Besorgung des Alltäglichen und die daraus resultierenden Risiken in ihren Roman einfließen. Auch das Zögern vor der Gefahr der jungen Männer vor Kriegsantritt und die Sinnhaftigkeit des Kriegs bezieht sie in ihre Schilderungen ein.

„Wir nannten es Freiheit“ ist dank der sehr guten Recherche von Silke Schütze eine Geschichte, die tatsächlich so hätte geschehen können. Sie ist abwechslungsreich gestaltet und deshalb durchgehend unterhaltsam. Lenes persönliches Schicksal als Lehrerin aufgrund des Zölibats ihres Berufsstands nicht heiraten zu dürfen, damit sie ihre Stelle nicht verliert, impliziert eine berührende Liebesgeschichte, bei der ich von Beginn an auf ein gutes Ende gehofft habe. Gerne empfehle ich den Roman weiter.