Profilbild von Girdin

Girdin

Lesejury Star
offline

Girdin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Girdin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.01.2019

Unterhaltsamer Roman für Leser mit märchenhafter Fantasie

Die Prophezeiung der Giraffe
0

Im Roman „Die Prophezeiung der Giraffe“ von Judith Pinnow ist das Erscheinen der Titelfigur im Vorgarten der Protagonistin Hanna der Beginn einer langen Reihe sehr seltsamer Vorfälle. Nachdem Hanna einen ...

Im Roman „Die Prophezeiung der Giraffe“ von Judith Pinnow ist das Erscheinen der Titelfigur im Vorgarten der Protagonistin Hanna der Beginn einer langen Reihe sehr seltsamer Vorfälle. Nachdem Hanna einen bestimmten Brief erhalten hat stellt sich heraus, dass das Wildtier vielleicht als Prophet für eine wichtige Angelegenheit im Leben der Singlefrau gelten kann. Die Lackfolie in der Umschlaggestaltung glitzert beim Drehen des Buchs und vermittelt so auch den Touch eines ganz besonderen Zaubers, der über der ganzen Geschichte liegt.

Hanna ist 40 Jahre alt, Grundschullehrerin und wohnt im Haus ihrer vor zehn Jahren verstorbenen Mutter. Ihr Vater ist schon ausgezogen, als sie noch ein Kind war. Sie ist mollig, liebt schaukeln im Garten und fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. An einem Dienstag kurz vor den Sommerferien bemerkt Hanna, dass vor dem alten, im Garten abgestellten Wohnwagen eine häkelnde Frau Platz genommen hat und offenbar dort wohnt. Wenig später wird sie von ihrer Nachbarin informiert, dass eine Giraffe in ihrem Vorgarten steht. Es geschehen noch eine Reihe sehr merkwürdiger Dinge in den folgenden Tagen. Hanna stellt sich gemeinsam mit ihrer Freundin die Frage nach der Bedeutung der Ereignisse. Nachdem sie mit ihrem Bruder gesprochen hat, hat sie eine Vermutung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer Zukunft steht.

Schon in den ersten Sätzen des Romans findet Hannas Mutter Erwähnung und mit der Zeit begriff ich als Leser, dass Hanna ihr Leben auch so lange Zeit nach deren Tod immer noch in deren Sinne ausrichtet. Sie hat ihre Arbeit, eine beste Freundin, ein Haus mit Garten und bestimmte Vorlieben und Rituale die ihr genügend Halt geben. Konfrontationen vermeidet sie gern. Schon viel zu lange ist sie in keiner Beziehung mehr, doch sie räumt sich wenige Gelegenheiten ein, ihren Status zu ändern. Erst die ungewöhnlichen Ereignisse, der Brief und das Erscheinen ihres Vaters bringen Hanna dazu, an längst vergessenes Verhalten ihrer Mutter in der Vergangenheit zu denken. Dadurch wird es ihr endlich möglich, gewisse Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen, sich für Neues zu öffnen und zu mehr Selbstvertrauen zu finden. Die Autorin ließ mich als Leser an dieser Veränderung teilnehmen. Leider zieht sich die Geschichte im mittleren Teil während der Suche nach einem Freund.

Hanna ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, die unverhofft mit ungewöhnlichen Begebenheiten konfrontiert wird. Durch die kreativen Einfälle von Judith Pinnow erhalten die Probleme von Hanna eine gewisse Leichtigkeit, sehr zum Amüsement des Lesers. „Die Prophezeiung der Giraffe“ ist ein unterhaltsamer Roman für Leser, die sich ihren Sinn für märchenhafte Fantasie behalten haben, gerne empfehle ich ihnen das Buch weiter.

Veröffentlicht am 27.12.2018

Hinterlässt ein beängstigendes Gefühl und stimmt nachdenklich

Das Leben des Vernon Subutex 3
0


„Das Leben des Vernon Subutex 3“ ist der dritte und abschließende Band einer Romanserie der Französin Virginie Despentes rund um den gleichnamigen Titelheld. Zum besseren Einstieg findet sich vor Beginn ...


„Das Leben des Vernon Subutex 3“ ist der dritte und abschließende Band einer Romanserie der Französin Virginie Despentes rund um den gleichnamigen Titelheld. Zum besseren Einstieg findet sich vor Beginn der Handlung ein Index der Personen, die in den ersten beiden Bänden eine führende Rolle gespielt haben. Der dritte Band der Reihe ist selbständig lesbar, die Gesamtzusammenhänge erschließen sich jedoch besser bei Kenntnis der ersten beiden Teile.

In der Gruppe rund um Vernon Subutex ist der Alltag eingekehrt. In unregelmäßigen Abständen finden die sogenannten Convergences statt, bei denen Vernon Platten auflegt. Die Gruppenmitglieder ziehen von Ort zu Ort und organisieren alles rund um den erfolgreichen Event. Bei einem Aufenthalt zu Hause in Paris verstirbt das Gruppenmitglied Charles. Weder seine Lebensgefährtin noch die Convergence-Gruppe haben etwas von der Million geahnt, die er hinterlässt und die sich die beiden Parteien nach seinem Willen teilen sollen. Ist es in der Gruppe rund um Vernon inzwischen schon zu Streitereien aufgrund unterschiedlicher Ansichten gekommen, so werden diese durch die Diskussion der Verwendung des in Aussicht gestellten Vermögens weiter angefacht. Das Attentat im November 2015 in Paris erschreckt fast jeden Franzosen, ändert deren Einstellungen und betrifft auch die Figuren von Virginie Despentes. Derweil hat der Filmproduzent Laurent Dopalet die Demütigung durch Aicha und Céleste nicht verwunden, die im zweiten Band ausführlich beschrieben wurde. Er gibt nicht auf, die untergetauchten Frauen zu finden und seine Rache auszuüben.

Die Autorin schreibt auch im dritten Band wieder spitzüngig, offen und auf den Punkt gebracht. Sie erzählt die Gedanken ihrer Figuren und lässt sie ihre Meinungen und Gefühle unverblümt kundtun. Dazu nutzt sie eine bunte Mischung Charaktere. Da sind die am Leben Gescheiterten, die Trost im Alkohol oder mit Drogen suchen und diejenigen, bei denen sich Gewalt durch ihr Leben zieht, aber auch die mehr oder weniger erfolgreiche Sternchen in der Unterhaltungsindustrie. Ihre Spitzen richtet sie gegen die Gesellschaft. Politik, egal welcher Couleur und Religionen sind ihr Ziel. Und dennoch sind die Handlungen der Figuren nicht vorhersehbar, denn Mitgefühl und Verstand tragen zu spontanen Entscheidungen bei. Vieles scheint der Autorin, die sich schon früh mit Randexistenzen beschäftigt hat und selbst Opfer einer Vergewaltigung war, von Herzen zu kommen. Dadurch entsteht Authentizität. Die Attentate in Frankreich lässt auch ihre Figuren zögerlicher werden, den öffentlichen Raum zu betreten. Die Rolle der sozialen Medien zur jederzeitigen Information, aber auch als Mittel zur Verbreitung sowohl der Schrecken wie auch der Hilfsmöglichkeiten wird thematisiert. Sie führt ihren Roman auf ein Ende voller Schrecken zu und weit über die Gegenwart hinaus.

Das Bild der französischen Gesellschaft, das Virginie Despentes hier zeichnet, ist in Teilen auch auf Deutschland übertragbar. Zurück bleibt ein beängstigendes, verstörendes, nachdenklich stimmendes Gefühl. Wer die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der abschließende Teil ein Muss, aber auch für alle anderen Leser, die gerne gesellschaftskritische Romane lesen.

Veröffentlicht am 19.12.2018

Überzeugender Roman, der in den Hamburger Nachkriegsjahren spielt

Die Stimmlosen
0

Der historische Roman „Die Stimmlosen“ der Hamburgerin Melanie Metzenthin ist die Fortsetzung des Buchs „Im Lautlosen“ und kann problemlos ohne Kenntnisse des ersten Band gelesen werden. Das Cover lässt ...

Der historische Roman „Die Stimmlosen“ der Hamburgerin Melanie Metzenthin ist die Fortsetzung des Buchs „Im Lautlosen“ und kann problemlos ohne Kenntnisse des ersten Band gelesen werden. Das Cover lässt anhand der Kleidung auf dem Foto bereits ahnen, dass die Geschichte in den 1940ern oder 1950ern spielt. Sie beginnt Weihnachten 1945, also ein halbes Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Titel bezieht sich auf die Tatsache, dass fast jeder Deutsche nach dem Krieg nur eine eingeschränkte Handlungsfreiheit hat. Die meisten Bürger Hamburgs sind, so wie im Roman dargestellt, damit beschäftigt, eine Bleibe zu finden und ihren Hunger zu stillen. Der lange Schatten der Macht der Nationalsozialisten ist auch immer noch in den Nachkriegsjahren sichtbar.
Nach dem Krieg lebt das Arztehepaar Richard und Paula Hellmer in einer Sechszimmerwohnung, nicht nur mit ihren Zwillingen sondern auch mit Paulas Vater, Richards Eltern, einer Haushaltshilfe sowie Fritz Ellerweg, dem besten Freund Richards, und seinem Sohn Harri. Tagsüber dienen die Räumlichkeiten auch als Warte- und Sprechzimmer. Melanie Metzenthin beschreibt in ihrem Buch auf eine Weise, in die ich mich sehr gut in die Geschichte einfühlen konnte, den Alltag der Wohngemeinschaft. Es ist ein täglicher Kampf um die einfachsten Dinge. Fritz hat gute Beziehungen zu einem Schieber und kommt mit seinen Freunden überein, ein lukratives illegales Tauschgeschäft einzugehen. Außerdem kommt ihnen die Freundschaft zu dem britischen Besatzungsoffizier Arthur Grifford immer wieder zu Gute.
Erst durch die Schilderungen der Autorin wurde mir bewusst, wie lange es tatsächlich gedauert hat, bis in Deutschland wieder eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit allen Dingen des täglichen Bedarfs erreicht wurde. Melanie Metzenthin hat hervorragend recherchiert. Die geschilderten Ereignisse wirken überaus glaubhaft und die Handlung lief wie ein Film in meinem Kopf ab. Sie flechtet viele historische Ereignisse in ihren Roman ein, sei es die Entwicklung auf dem Gebiet der Medien oder auch die Einführung der Deutschen Mark. Ein besonderes Augenmerk richtet sie als Psychotherapeutin nach ihrem eigenen Interesse auf die Geschichte der Medizin.
Überraschende Wendungen gibt es in der Familie von Fritz Ellerweg, aber auch bei Arthur Grifford. Hierin spiegelt die Autorin das Verhältnis der Bevölkerung von zwei Staaten wider, die Kriegsgegner waren. Sie lässt ihre Figuren das Für und Wider aktueller Themen der Nachkriegszeit diskutieren, was mich mehrfach nachdenklich stimmte. Es war mir ein Vergnügen, die Weiterentwicklung der Charaktere zu verfolgen, welche Chancen sie ergriffen haben, welche Berufe sie verfolgten und welche Liebesbande sich aufbauten. Wieder habe ich mit ihnen gebangt und gehofft, Aufgeben war nie eine Option, Träumen dagegen schon.
Melanie Metzenthin hat mit „Die Stimmlosen“ einen überzeugenden Roman über die Nachkriegsjahre geschrieben. Die Schicksale ihrer fiktiven Figuren berühren und rufen manche vergessenen Ereignisse, schöne wie auch traurige, wieder ins Gedächtnis. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich empfehle es uneingeschränkt weiter.

Veröffentlicht am 17.12.2018

Zum Träumen, zum Hoffen und zum Nachdenken

Die kleinen Wunder von Mayfair
0

Im Buch „Die kleinen Wunder von Mayfair“ des Engländers Robert Dinsdale geschehen magische Dinge. Die Haupthandlung spielt in einem Spielzeugladen in London in den man auf dem Titelbild schon einen kleinen ...

Im Buch „Die kleinen Wunder von Mayfair“ des Engländers Robert Dinsdale geschehen magische Dinge. Die Haupthandlung spielt in einem Spielzeugladen in London in den man auf dem Titelbild schon einen kleinen Blick hineinwerfen kann.. Die Spielzeuge regen die Fantasie der Hersteller und Käufer so an, dass sie für die Bewunderer und Nutzer zum Leben erwachen. Auch als Leserin konnte ich mich darin verlieren.

Alles beginnt im November 1906 als die erst fünfzehnjährige Cathy aus der kleinen ostenglischen Stadt Leigh-on-Sea feststellt, dass sie von einem Nachbarsjungen schwanger ist. Ihre Eltern möchten, dass sie die Zeit bis nach der Geburt in einem Heim für alleinstehende, werdende Mütter verbringt und das Kind zur Adoption freigibt. In der Tageszeitung fällt ihr Blick auf die Stellenanzeige eines Spielwarenhändlers. Papa Jacks Emporium in London sucht zum sofortigen Beginn eine Aushilfe, Kost und Logis sind inbegriffen. Cathy läuft von zu Hauses weg und erhält die Anstellung. Neben dem Inhaber leben auch seine zwei Söhne Emil und Kaspar im Haus, die sich schon bald um die Gunst von Cathy bemühen.

Jedes Jahr vom ersten Frost an bis zum Erblühen der Schneeglöckchen öffnet das Spielwarengeschäft seine Pforten. Nicht nur Papa Jack, sondern auch seine Söhne stellen die Spielzeuge selbst her. Spielzeugsoldaten gehören zu den umsatzstärksten Artikeln des Geschäfts. Es vergeht kaum ein Tag an dem nicht Emil und Kaspar in einem anhaltenden Krieg seit ihrer Kindheit gegeneinander ihre Soldaten antreten lassen. Doch nachdem Kaspar seinen Dienst im Ersten Weltkrieg an der Front abgeleistet hat, ändert sich seine Einstellung zum Kriegsspiel, die Emil nicht nachvollziehen kann. Die Rivalität der beiden Brüder wächst und nimmt existenzielle Formen an.

Beim Lesen des Romans habe ich mich gefragt, warum das Kriegsspiel mit den Spielzeugsoldaten so viel Raum in der Geschichte einnimmt. Von Papa Jack und seinen Söhnen werden sie so wie fast jedes Spielzeug als Möglichkeit gesehen, sich auch im Erwachsenenalter an die Träume der Kindheit zu erinnern und auf diese Weise ein Stück einer angenehmen Episode im Leben wieder aufleben zu lassen. Aber es ist nicht nur ein Spiel, sondern steht auch als Platzhalter für die Kämpfe im Leben jedes Einzelnen. An einer Stelle des Buchs wird die weitere Entwicklung der Spielzeugsoldaten mit dem Kampf der Frauen für mehr Rechte verglichen. Doch der Kampf um den Sieg der Schlachten hat für die Brüdern Emil und Kaspar noch eine weitere Bedeutung.

Kaspar hat er im Ersten Weltkrieg die Realität hinter den feindlichen Auseinandersetzungen erlebt, die seinem Bruder, der den größten Teil seines Lebens die kleine Welt des Spielwarengeschäfts nicht verlassen hat, verschlossen bleibt. Emils Denken erweist sich als borniert. Schon immer waren die beiden Brüder ganz unterschiedliche Charaktere. Sie wetteifern jeweils auf ihre ganz eigene Weise um die Gunst von Cathy und um die ihres Vaters. Während Emil durch besonderes handwerkliches Geschick auffällt, hat Kaspar die besten visionären Fantasien. Kaspar lässt es sich nicht nehmen, gerade in den ruhigen Sommermonaten auch mal einen Tag in London zu verbringen. Für Emil ist es wichtig, ob er der bessere Spielzeugbauer der beiden ist, denn er glaubt unbegründet daran, dass nur der Beste von ihnen eines Tages vom Vater beerbt wird.

Neben den beiden unterschiedlichen Charakteren der Brüder beschreibt Robert Dinsdale mit Cathy, Papa Jack und weiteren einzigartige Figuren mit Ecken und Kanten. So wurde aus dem zu Beginn undurchschaubaren, kauzigen und eher brummigen Besitzer des Emporiums später ein Mann voller Mitgefühl und einer traurigen Vergangenheit. Cathy erweckte schnell meine Sympathie und sorgte durch ihr ausgeglichenes Wesen immer wieder für Bodenhaftung der Familienmitglieder ohne jedoch den Blick auf das Magische zu verstellen.

Der Roman endet erst im Jahr 1953. Robert Dinsdale brachte mich als Leser auf den dazwischenliegenden Seiten mit seinen Spielzeugideen zum Staunen, mit seiner Liebesgeschichte zum Hoffen und mit dem Kampf der Spielzeugsoldaten zum Nachdenken. Neben der Beschreibung von Begeisterung und Leidenschaft für eine Sache ist es auch eine Geschichte über die Notwendigkeit, schöne Erinnerungen wachzuhalten. Von Anfang an hat mich der Roman in seinen Bann gezogen und seine Faszination hat bis zum Schluss angehalten. Darum empfehle ich den Roman gerne an solche Leser weiter, die wie ich gerne hinter eine glänzende Fassade blicken wollen und zu träumen wagen.

Veröffentlicht am 13.12.2018

Unterschiedliche Zeitebenen und Erzählperspektiven machen den Roman abwechslungsreich

Die Tochter des Uhrmachers
0


„Die Tochter des Uhrmachers“ von Kate Morton handelt auf mehreren Zeitebenen. Die Handlung beginnt in Birchwood Manor, einem Landhaus in England. Anfangs ist noch nicht ersichtlich, dass es sich bei der ...


„Die Tochter des Uhrmachers“ von Kate Morton handelt auf mehreren Zeitebenen. Die Handlung beginnt in Birchwood Manor, einem Landhaus in England. Anfangs ist noch nicht ersichtlich, dass es sich bei der Ich-Erzählerin um die Titelfigur handelt. Geheimnisvoll angehaucht ist ihre Andeutung der Geschehnisse des Sommers 1892 in dem eine Gruppe Künstler das Haus zum Malen und Dichten benutzte. Unerwartete Gäste trafen ein und ein Schuss wurde abgegeben. Den Grund für diese Handlung und wer sie ausgeführt hat wird erst nahezu am Ende des Buchs genannt.

In der Gegenwart entdeckt die 31-jährige Archivarin Elodie in einem Pappkarton, der jahrelang im Abstellraum gestanden hat, eine Aktentasche. Sie enthält neben anderen Dingen eine Dokumentenmappe, in der sich das Sepia-Foto einer jungen Frau findet. Außerdem enthält die Aktentasche ein Skizzenbuch aus dem ein Blatt Papier mit einer Liebesbekundung fällt. Eine Zeichnung im Buch fällt Elodie besonders ins Auge, ein Haus mit zwei Giebeln in der Nähe eines Flusses. Sie erinnert sich an eine Geschichte, die ihre verstorbene Mutter ihr als Kind erzählt hat, das darin vorkommende Haus entspricht genau der Zeichnung. Der Inhalt der Aktentasche geht Elodie nicht mehr aus dem Sinn. Hinter ihrer Neugier stehen sogar die Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit zurück. Zu gerne möchte sie wissen, wer die Frau auf dem Foto ist und ob sie einen Bezug zu dem Haus in der Skizze hat. Außerdem ist es ihr wichtig zu erfahren, ob es die Landschaft aus der Geschichte ihrer Mutter tatsächlich gibt. Hat die Aktentasche einen Hinweis auf die Vergangenheit ihrer eigenen Familie enthalten?

Während Elodie sich anhand ihrer Entdeckungen auf die Suche nach Antworten begibt, springt die Geschichte immer wieder zu Birdie, der Tochter des Uhrmachers. Die Kapitel, in denen Birdie ihr spannendes Leben erzählt, sind mit römischen Zahlen getitelt, während über den Ereignissen in der Gegenwart arabische Ziffern stehen. Doch im Verlauf des Romans kommen weitere Zeitebenen hinzu. Charaktere, die zunächst nur eine Nebenrolle spielten, oder auch neue Figuren stehen dabei im Mittelpunkt. Ohne zu viel darüber preiszugeben, sei angedeutet, dass Birchwood Manor Ende des 19. Jahrhundert zu einem Mädchenpensionat wurde. Später zieht für einige Zeit ein Kunststudent ins Haus ein, der seine Doktorarbeit über den Maler Edward Radcliffe schreibt und im Zweiten Weltkrieg wird es zur Zuflucht für eine Witwe mit ihren Kindern.

Die Geschichte von Elodie verblasst, wenn Kate Morton sich immer mehr der Vergangenheit zuwendet. Dabei baut sie ihre Charaktere weiter aus und bindet sie in immer neue Abenteuer ein. Jede ihrer Figuren hat auf seine eigene Art Ecken und Kanten. Trauer und Freude sind mit Birchwood Manor verknüpft. Hier wird nicht nur gelebt, sondern auch gestorben und über allem liegt eine mysteriöse Legende. Die Autorin spinnt ihren Roman sehr geschickt, es dauert eine Weile bis sie ein Geheimnis preisgibt, dem sie sich auf unterschiedliche Weisen nähert und Motive für die jeweilige Handlung schildert. Allerdings zog sich die Geschichte dadurch im Mittelteil ein wenig. In einer ausdrucksstarken Sprache dreht der Roman sich immer wieder um Kunst und auch Poesie.

„Die Tochter des Uhrmachers“ zeigt wieder einmal die Stärke von Kate Morton als Geschichtenerzählerin. Die Verknüpfung unterschiedlicher Zeitebenen und Erzählperspektiven macht den Roman sehr abwechslungsreich und einzigartig. Über allem liegt ein Hauch von Magie. Mir hat das Buch gut gefallen und ich empfehle es an Leser von Familiengeschichten mit Geheimnissen, die gerne ihre Fantasie spielen lassen, weiter.