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Veröffentlicht am 25.02.2017

Wunderbarer Roman über Freundschaft, Selbstverwirklichung und Neufindung

Schlafen werden wir später
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„Schlafen werden wir später“ von Zsuzsa Bánk ist ein Briefroman in moderner Form. Johanna und Mártha sind Freundinnen seit Kindertagen und schreiben einander E-Mails über das, was sie gerade bewegt. Sie ...

„Schlafen werden wir später“ von Zsuzsa Bánk ist ein Briefroman in moderner Form. Johanna und Mártha sind Freundinnen seit Kindertagen und schreiben einander E-Mails über das, was sie gerade bewegt. Sie schreiben einander auch Briefe und Postkarten, telefonieren miteinander und besuchen sich gegenseitig. Doch es sind die E-Mails die ihnen den Platz einräumen, ihre Gedanken zu ordnen, der anderen ihre Gefühle begreifbar zu machen, Vergessenes zu erfassen, Ungesagtes zu äußern und zu kurz Gekommenes zu ergänzen. Sie ermöglichen eine schnelle Reaktion auf eine erhaltene E-Mail, nehmen Platz ein für ein nicht stattgefundenes Telefonat und erlauben eine wohldurchdachte Antwort auch nach mehreren Tagen. Selbst wenn in der Hektik des Alltags die Möglichkeit zum erholsamen Schlafen fehlt, sind meistens ein paar schnelle Zeilen an die Freundin rasch geschrieben, egal zu welcher Tageszeit.

Johanna und Mártha sind beide 42 Jahre alt. Johanna ist Lehrerin und wohnt in einem Haus im Schwarzwald. Sie hat sich vor nicht allzu langer Zeit von ihrem Freund Markus getrennt und eine schwere Krankheit überstanden. Außerdem schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff steht, deren Werke sie bewundert. Ihre Eltern sind früh verstorben, doch ihre Gedanken verweilen häufig bei ihnen und ihren besonderen Charakteren.
Mártha ist Autorin und hat bisher zwei Lyrikbände geschrieben. Sie arbeitet an einem Buch mit Erzählungen, wenn ihre Zeit als dreifache Mutter es erlaubt. Mit ihrem Mann Simon und den Kindern lebt sie in Frankfurt am Main in einer Erdgeschosswohnung. Wenn sie zu Lesungsterminen fährt kümmert sich oft eine alte Freundin der Familie oder ihre aus Ungarn stammenden Eltern um die Kinder. Ihr großer Wunsch ist es, von ihrer Arbeit ohne Not leben zu können.

Durch diese besondere Form des Romans hat der Leser es mit zwei Ich-Erzählerinnen zu tun. Die Gedanken beider Protagonistinnen liegen also offen vor ihm. Es sind nicht die großen weltpolitischen Ereignisse über die die beiden Frauen schreiben, sondern das ganz normale Leben und die Zwänge des Alltags. Beide sind in Frankfurt-Höchst aufgewachsen und immer füreinander da gewesen. Sie kennen einander so gut, dass ihre Unterhaltungen ganz tief gehen. Sie scheuen sich nicht den anderen zu kritisieren, ihren Ärger übereinander zu benennen oder ihre Enttäuschung. Sie nutzen die Möglichkeit, um sich zu beschweren und ihre Gefühle, die sie in bestimmten Situationen empfinden, von der Freundin bestätigen oder korrigieren zu lassen. Sie verzeihen einander und lassen sich auch gerne von der anderen ermutigen oder loben. Sie sprechen sich wie zu Kinderzeiten mit Kosenamen an und genießen dadurch die Erinnerung gemeinsamer wohliger Vergangenheit, sie streicheln sich mit Worten und verschenken ihre Aufmerksamkeit um der Freundin Halt und Wärme zu geben.

Zsuzsa Bánk schreibt ohne Kapiteleinteilung und lässt die Freundinnen immer im Wechsel mailen. Nicht jeder Tag wird verschriftlicht, denn dazwischen erfolgen Telefonate, Briefe und Besuche auf die die folgenden Mails dann eingehen. In manchen E-Mails sind die Sätze nicht ausformuliert, sondern eine Aneinanderreihung von Worten die direkt aus dem Gedankenkarussell des Alltags kommen und ungefiltert in den Text fließen. Der Roman beginnt im März 2009 und endet im Juni 2012. Natürlich ist es interessant zu verfolgen, ob Mártha in dieser Zeit ihre Erzählungen fertig stellen und Johanna ihre Doktorarbeit beenden wird. Aber was diesen Roman so besonders macht ist die Ehrlichkeit. Beide Charaktere sind aus dem Leben gegriffen und so, dass sie jedem schon einmal begegnet sind oder man sich in ihnen selbst erkennt. Sie wirken authentisch und ich denke, dass viele eigene Erfahrungen der Autorin in sie hinein geflossen sind. Ich habe mich immer tiefer in den Text hineingelesen und war stellenweise sehr berührt von den realistisch eingefangenen Stimmungsbildern des Alltags.

„Schlafen können wir später“ ist ein wunderbarer Roman über Freundschaft, Selbstverwirklichung, Zusammenhalt und Neufindung, der mich am Ende mit Wärme im Herzen zurücklässt und den ich gerne an empathische Leser weiterempfehle.

Veröffentlicht am 20.02.2017

Durchgehend spannend

Danowski: Blutapfel
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Bäume mit Blutäpfeln stehen in der Hainapfel-Siedlung, in die die Ermittlungen in einem Mordfall den Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski führen. Dort hat das Opfer Oliver Wiebusch gewohnt, unauffällig, ...

Bäume mit Blutäpfeln stehen in der Hainapfel-Siedlung, in die die Ermittlungen in einem Mordfall den Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski führen. Dort hat das Opfer Oliver Wiebusch gewohnt, unauffällig, freundlich und gerne hilfsbereit beispielsweise beim Beschneiden der Apfelbäume beim Nachbarn. Unverständlich also, dass Wiebusch auf der Fahrt durch den Elbtunnel in seinem eigenen Auto erschossen wurde und der Täter unerkannt entkommen konnte.

„Blutapfel“ von Till Raether ist der zweite Fall für den Ermittler Danowski. Das Buch lässt sich ohne Vorkenntnisse des ersten Bands problemlos lesen, denn auch ich kenne den ersten Fall nicht. Mit dem Prolog stellt der Autor den Leser zunächst vor ein Rätsel, denn dort begegnet er der Geheimdienstagentin Tracy Harris, die nicht mit der Wimper zuckt während zwei ihrer Kollegen jemanden unter Gewaltanwendung verhören und dabei misshandeln. Zunächst scheint kein Zusammenhang mit dem Fall von Adam Danowski zu bestehen.

Erste Ermittlungserkenntnisse im Mordfall geben Hinweise in Richtung Organisierte Kriminalität. Bei einem gezielten Einsatz mit dem Ziel, die Täter festzunehmen, sollen Schulterkameras eingesetzt werden. Tracy Harris begleitet diesen Einsatz als Product Deployment Manager des Unternehmens, das die Kameras vertreibt. Obwohl sehr lange die Hintergründe des Verbrechens an Wiebusch unbekannt bleiben, hat der Leser ab diesem Zeitpunkt gegenüber Danowski den Vorteil, dass er über die Agententätigkeit von Harris Bescheid weiß. So kann er einige Situationen und Handlungen von ihr besser einschätzen als Danowski, der sich von ihr täuschen lässt.

Der Leser lernt Adam Danowski nicht nur bei der Ausübung seines Berufs kennen, sondern auch im Privatleben. Seine Frau ist Lehrerin, er hat zwei Kinder und gemeinsam wünschen sie sich mehr Platz zum Wohnen. Er grübelt darüber, ob er in Teilzeit gehen und sich dann mehr um die Kinder kümmern soll, wenn seine Frau eine Rektorenstelle annimmt. Aber so ein wenig ist er auch eifersüchtig über die Beförderung eines Mitarbeiters und würde sich diese eigentlich selber wünschen.

Der Charakter Danowski wirkt sehr realistisch. Der Umgang mit den Kollegen ist stimmig ebenso wie sein Verhalten zur Vorgesetzten. Neben dem Hauptkommissar gibt es gerade im beruflichen Umfeld des Ermittlers eine ganze Reihe Figuren mit liebenswerten Ticks und Eigenheiten wie beispielsweise die ständig an ihrem Pferdeschwanz nestelnde und auf richtliniengenaues Vorgehen achtende Meta Jurkschat. Sie ersetzt seinen früheren, Zoten liebenden Partner Andreas Finzel, genannt Finzi, der zum Anfang des Buch in einem Pflegeheim untergebracht ist, praktisch bewegungsunfähig und stumm nach einem Alkoholexzess. Niemand glaubt seine Behauptung, dass jhm jemand nach dem Leben trachtet. Finzi sorgt im Buch für eine große Überraschung.

Das Buch wechselt in nicht zu langen Kapiteln immer wieder die Perspektive. Eine der Personen auf die sich dabei der Fokus richtet ist Trickster, der wie das Mordopfer das Hobby Urban Exploring teilt und zu diesem in Konkurrenz stand. Sehr interessant fand ich die Beschreibungen über die Ausübung dieses Hobbies, dass mir bisher unbekannt war.

Mehrere mögliche Täter und dadurch Taterklärungen machen diesen Krimi spannend von Beginn an. Eingeflochtene Nebenhandlungen, die mit den am Fall beteiligten Figuren verbunden sind, steigern die Spannung zusätzlich und lassen diese nicht abreißen. Zum Schluss gibt es eine überraschende Lösung. Mir hat „Blutapfel“ sehr gut gefallen und ich empfehle ihn daher gerne an Krimileser weiter.

Veröffentlicht am 20.02.2017

Die Charaktere wurden mir zunehmend unsympathisch

Mittelgroßes Superglück
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Die Irin Stella Sweeney, 37 Jahre, Kosmetikerin, wohnt in Dublin, ist mehr oder weniger glücklich verheiratet und hat zwei Kinder im Teenageralter. Von einem Tag auf den anderen bekommt sie eine seltene ...

Die Irin Stella Sweeney, 37 Jahre, Kosmetikerin, wohnt in Dublin, ist mehr oder weniger glücklich verheiratet und hat zwei Kinder im Teenageralter. Von einem Tag auf den anderen bekommt sie eine seltene Krankheit mit der Auswirkung, dass sie sich innerhalb kurzer Zeit mit Ausnahme des Lidschlags nicht mehr bewegen kann. Stella glaubt an Karma und sieht einen Zusammenhang mit einem Verkehrsunfall, in den sie kurz vorher verwickelt war. Dabei wollte sie nur einem Range Rover ermöglichen, sich in den fließenden Verkehr einzuordnen. Der Fahrer des Wagens ist ihr behandelnder Neurologe im Krankenhaus Dr. Mannix Taxlor. Ob das nun Glück ist, kann sie schlecht beurteilen. Immerhin entwickelt er eine Methode mit ihr zu kommunizieren. Zwischen beiden entsteht eine ganz besondere Beziehung, bis Mannix die Behandlung überstürzt an eine Kollegin abgibt.

Stella vermutet, dass die Ehefrau von Mannix eifersüchtig ist. Nach ihrer Genesung liest sie von der Trennung der beiden. Doch ihr mittelgroßes Superglück beginnt erst, nachdem Mannix Ausschnitte der Gespräche, die er im Krankenhaus mit Stella geführt hat in Buchform drucken lässt. Ab da ändert sich einiges in Stellas Leben. Doch das Glück wird ihr geneidet. Wie sehr und welche Auswirkungen das auf ihre Zukunft hat, ahnt sie anfangs noch nicht.

Marian Keyes lässt ihre Erzählung im Buch „Mittelgroßes Superglück“ vier Jahre nach Stellas verhängnisvoller schwerer Erkrankung beginnen, so dass der Leser darüber von Anfang an Bescheid weiß, dass die Protagonistin wieder genesen ist. Das Buch wird in der Ich-Form aus der Sicht von Stella erzählt. In der ersten Hälfte der Erzählung wechselt die Perspektive immer wieder zwischen der Gegenwart und der Zeit ihrer Erkrankung, optisch abgesetzt durch kleine Phrasen aus dem Buch, das Mannix hat drucken lassen. Im Hier und Jetzt hat Stellas Ex-Mann ein den Leser bei aller Ernsthaftigkeit eher erheiterndes Problem, das Stella allerdings zum Staunen bringt und sie Böses ahnen lässt. Die humorvollen sprachlichen Ausflüge der Autorin, die in diesem Buch mit einer locker flinken Schreibweise aufwartet, überspielen die stellenweise auftretenden ernsten Situationen.

Doch fand ich den ersten Teil der Geschichte glaubhaft und berührend, sprach mich die Fortsetzung in den weiteren Kapiteln weniger an. Das lag vor allem daran, dass Stella sich ausschließlich vermarkten und fremdleiten lässt. Ich mag kaum glauben, dass ihr so gar keine Zeit mehr blieb, um über ihre augenblickliche Situation, die Menschen die sie in Anspruch nehmen und ihr Handeln nachzudenken. Das passt nicht so ganz zu der Stella, die man vorher kennengelernt hat und zieht sich über viele Seite in die Länge. Der Klappentext nimmt schon eine Sache vorweg, die sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Leider nimmt das aufmerksamen Lesern einen Teil der Spannung.

Ich mochte die Story zu Beginn des Buchs sehr, konnte später aber nicht mehr mit den Figuren sympathisieren, obwohl durchaus genügend Ansätze dazu da waren. Beeindruckt war ich von der Leichtigkeit mit der die Autorin eine ernste Krankheit in ihr Buch eingebunden hat. Aus vorgenannten Gründen wird das Buch nicht jedem gefallen. Da ich vorher noch keinen Roman von Marian Keyes gelesen habe, kann ich keine Vergleiche zu weiteren Werken der Autorin ziehen.

Veröffentlicht am 20.02.2017

Wenig überzeugende Jugendfantasy

Bannwald
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Robin, 17 Jahre alt, gehört zum Stamm der Leonen. Die kaum mehr als 100 Mitglieder des Stamms leben in einem abgegrenzten Waldgebiet, dass vom Stamm der Tauren überwacht wird. Die Leonen haben den Tauren ...

Robin, 17 Jahre alt, gehört zum Stamm der Leonen. Die kaum mehr als 100 Mitglieder des Stamms leben in einem abgegrenzten Waldgebiet, dass vom Stamm der Tauren überwacht wird. Die Leonen haben den Tauren Abgaben zu leisten und sind von deren Willkür und uneingeschränktem Machtanspruch abhängig. Die Fantasy spielt in der Gegenwart, die Leonen wohnen aber unter mittelalterlichen Bedingungen. Sie verabscheuen es zu töten, besitzen aber Fähigkeiten der Heilkunst. Auch die Tauren verstehen sich auf Magie, die sie grundsätzlich aber nur dazu einsetzen, um ihre Macht zu mehren und alles zu töten was ihren Interessen entgegensteht. Den Menschen gaukeln sie eine ganz normale Alltagswelt vor, so dass Tauren, Leonen und weitere Sternenvölker unbemerkt in deren Gegenwart leben können. Die Tauren beeinflussen sogar die Menschen nach ihrem Willen.

Eines Tages bemerkt Robin das sie anders ist als andere Jugendliche ihren Alters, denn bei ihr machen sich Kräfte bemerkbar, über die eigentlich nur die Tauren verfügen. Der Grund liegt in ihrer Herkunft über die ihre Pflegeeltern sie nun aufklären. Nun muss Robin lernen, ihre Fähigkeiten richtig einzusetzen. Der etwa gleichaltrige Taure Emilian, den sie auf einer Flucht vor den Tauren kennenlernt, möchte ihr dabei helfen, denn er behauptet anders wie seinesgleichen zu sein. Für Robin stellt sich die Frage, ob sie ihm vertrauen kann.

So weit so gut ist der Beginn der Geschichte. Und nun könnte sich eine faszinierende Liebesgeschichte zwischen Robin und Emilian entwickeln, die vom besten Freund Robins, dem Leonen Laurin eifersüchtig gesehen wird. Der Charakter der mutigen Robin, die sich zunächst ihrem Schicksal widerstrebend entgegenstellt, es dann aber annimmt, wurde mir sympathisch. Auch Emilian passte in das Wunschbild eines Manns, den man gerne an seiner Seite für alle Zeiten finden würde, wenn man mal davon absieht, dass er schon so manche Person kurzerhand getötet hat, wie die Tauren es denn so machen. Bei Laurin war ich mir nicht ganz sicher, ob er durch seine Aktionen wirklich immer nur das Beste für Robin erreichen möchte.

Dann aber kommt das große ABER, denn mein Lesefluss wurde ständig unterbrochen durch große und kleine Fragezeichen die sich aus der Gestaltung der Welt der Sternenvölker, zu denen die Tauren und Leonen gehören, ergaben. Beim Lesen ergibt sich durch den Text für mich ein Bild der Umgebung in das sich die Figuren einfügen. Bei diesem Buch wurde das Bild jedoch nicht rund. Dazu einige Beispiele. Der Luchs und nicht der Löwe, wie es sich aus der Herleitung aus dem Lateinischen ergeben würde, ist das Stammessymbol. Allein 15 Mädchen sind im Alter von rund 14 Jahren, bei rund 100 Angehörigen des Stammes eine ungewöhnliche Altersverteilung. Um Kleidung zu kaufen ist kein Geld da, jeder besitzt nur ungefähr zwei Hosen, aber zu einem Jubelfest erscheinen die Leonen in Festkleidung. Vor allem war ich verwundert über das Ansinnen von Emilian, der Robin beweisen möchte, anders zu sein wie die übrigen seines Stamms. Doch nachdem der Stammesführer mit ihm über Robin gesprochen hat, besteht die Beweisführung für ihn nur noch darin, Robin in einer bestimmten Fähigkeit zu unterweisen. Das kann doch nicht sein ursprünglicher Plan gewesen sein.

Das Buch ist größtenteils aus der Sicht von Robin in der Ich-Form geschrieben. Grundsätzlich lässt diese Schreibform den Leser tiefer in die Gefühlswelt des Charakters eintauchen, so auch hier .Bei Sachen, über die Robin jedoch sagt, dass die Leonen sie nicht kennen, ist mir allerdings rätselhaft, wie sie an Dinge denken kann, die sie gar nicht kennt.

Spannung ist, auch dank einiger unerwarteter Wendungen, durchgehend vorhanden. Vom Schreibstil her hat die Autorin meist kurze Sätze genutzt, die die Situation stets treffend beschreiben und spannungssteigernd wirken, da so die Handlung zügig voranschreitet.

Leider konnte mich die Fantasy, wie oben ausgeführt, nicht überzeugen. Stirnrunzeln und hier und da ein amüsiertes Lächeln konnte ich mir beim Lesen nicht verkneifen und das durchbrach immer wieder die spannenden Elemente des Textflußes. Dadurch vergebe ich für dieses Buch knappe drei Sterne. Ich weiß noch nicht, ob ich die Trilogie weiterlesen werde, ob die Neugier auf die Fortsetzung den Unmut über die Umsetzung überwiegen wird.

Veröffentlicht am 20.02.2017

Konnte mich nicht überzeugen

Italienische Nächte
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„Italienische Nächte“ von Katherine Webb führt den Leser zurück in das Jahr 1921. Das Cover wirkt einladend. Der Blick schweift von einem Balkon über die hügelige Landschaft Apuliens, der Blick fängt sich ...

„Italienische Nächte“ von Katherine Webb führt den Leser zurück in das Jahr 1921. Das Cover wirkt einladend. Der Blick schweift von einem Balkon über die hügelige Landschaft Apuliens, der Blick fängt sich am kräftigen Rosa des Oleanders der die Aussicht umrahmt. Doch so heiter und friedvoll ist die Geschichte leider nicht, die den Leser in diesem Buch erwartet. Bereits im Prolog wird deutlich, dass sich gewisse Dinge für die Protagonistin Clare, die sich auf der Heimreise von Italien nach England befindet, geändert haben und sie selbst an den Ereignissen der zurückliegenden Wochen gereift zu sein scheint.

Gioia del Colle ist eine Kleinstadt in Apulien. Der englische Architekt Boyd Kingsley, Ende 30, wurde von dem italienischen Grundbesitzer Leandro Cardetta, den er vor einigen Jahren in New York kennengelernt hat, damit beauftragt, Pläne für die Renovierung seines Landguts zu machen. Die 29jährige Clare wird gegen ihren Willen in den Sommerferien zu ihm zitiert, begleitet von ihrem 15jährigen Stiefsohn Pip. In der Stadt kommt es immer wieder zu Aufständen der einfachen Arbeiter gegen die Landbesitzer. Clare fühlt sich hier gar nicht wohl und Cardetta bietet ihr an, dass sie, Pip und seine Frau die nächsten Wochen auf seinem nahen Landgut verbringen können.

Parallel zu diesem Handlungsablauf lernt der Leser mit dem Arbeiter Ettore einen weiteren Protagonisten kennen. Ettore wohnt gemeinsam mit seinem kranken Vater und seiner Schwester, die ein kleines Kind hat, in Gioia del Colle in einer ärmlich eingerichteten Wohnung. Die Familie lebt hauptsächlich von seinen Einkünften als Tagelöhner. Seine Liebste ist vor ungefähr einem halben Jahr verstorben. Obwohl sein Onkel Leandro Cardetta der Arbeiterschicht entstammt, gehört er nun zur oberen Schicht und hat Ettore bereits mehrfach Arbeit angeboten, die dieser jedoch aus Stolz abgelehnt hat. Eines Tages wird Ettore schwer verletzt, ein Freund bringt ihn zum Landgut seines Onkels. Clare ist Ettore bereits in der Stadt begegnet, doch jetzt ist sie verwirrt ihn auf dem Gutshof zu sehen. Bei einem Blick in seine Augen verliebt sie sich in ihn. Doch werden ihre Gefühle überhaupt erwidert? Empfindet sie für ihren Ehemann keine Liebe mehr? Ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit liegt seit Jahren auf ihrer Ehe. Im Laufe der Geschehnisse deckt Clare ein unfassbares Geheimnis auf.

Die Autorin hat für ihren historischen Roman die eher ungewöhnliche Zeitform des Präsens gewählt. Der Leser hat dadurch den Eindruck, die Ereignisse unmittelbar miterleben zu können. Im Stil eines allwissenden Erzählers befindet sich der Lesende nicht nur an der Seite der Handelnden, sondern erfährt auch deren Gefühle und hält mit ihnen Rückblick auf vergangene Erlebnisse.

Während Ettore immer in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat, ist Clare als Einzelkind schon älterer Eltern wohlbehütet und umsorgt aufgewachsen. Mit 19 Jahren wurde sie die Frau von Boyd, der nach dem Tod seiner ersten Frau eine Mutter für seinen Sohn suchte und sich in sie verliebte. Clare glaubte damals, seine Liebe zu erwidern. Aber Boyd ist anscheinend nie über den Verlust seiner ersten Frau wirklich hinweg gekommen, was die Beziehung belastet. Den Wunsch nach einem eigenen Kind hat ihr Ehemann ihr bisher verweigert.

Der Leser ahnt bereits von Beginn an, dass es ein Geheimnis im Leben von Boyd gibt. Dieses Geheimnis hat mich weiterlesen lassen, weil es zumindest ein wenig Spannung in den Roman hineinbrachte. Katherine Webb hat für ihren Roman sehr gut recherchiert und die Arbeiteraufstände gegen die Landbesitzer realistisch in ihre Erzählung eingewoben. Allerdings nehmen die Kämpfe einen sehr breiten Raum in ihren Schilderungen ein.

Die spontane Liebe zwischen der biederen Mittelklassefrau Clare und dem trotzigen unbelehrbaren Ettore wirkte auf mich eher unglaubwürdig. Beide verschwenden keinen Gedanken an die möglichen Auswirkungen und handeln einzig triebgebunden, obwohl Clare mit jedem Tag die Mühen des Alltags der Landarbeiter beobachten kann und von den Kämpfen sogar angewidert ist. Clare konnte mir im Laufe der Geschichte nicht sympathisch werden. Einerseits gewinnt sie an Selbstvertrauen, gehorcht aber den Befehlen ihres Mannes und Cardettas ohne auf einer ausführlichen Erklärung für deren Handeln zu bestehen. Auch die Agitationsweise von Ettore konnte ich nicht immer nachvollziehen. Sein Stolz bringt seine Familienangehörigen, für die er verantwortlich ist, in Gefahr und seine Rachegefühle für diverse Geschehnisse in der Vergangenheit stehen, ohne die Konsequenzen zu bedenken, an erster Stelle.

Leider konnte mich der Roman nicht begeistern. Für meinen Lesegeschmack war die zwar wirklichkeitsnahe Darstellung des Klassenkampfes zu langatmig und die Liebesgeschichte zwischen Clare und Ettore nicht überzeugend genug. Den Hintergrund des Geheimnisses das am Ende der Geschichte aufgedeckt wird fand ich jedoch überraschend. Daher gebe ich dem Buch 3 Sterne. Man kann das Buch lesen, muss es aber nicht.