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Veröffentlicht am 01.10.2018

Ergreifende Familiengeschichte aus unerwarteter Perspektive

Piccola Sicilia
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Nina Zimmermann, Archäologin, gerade in der Scheidungsphase mit ihrem italienischen Ehemann, wird von ihrem früheren Kollegen Patrice Legrand nach Marsala gerufen, weil er das verschollene Flugzeugwrack ...

Nina Zimmermann, Archäologin, gerade in der Scheidungsphase mit ihrem italienischen Ehemann, wird von ihrem früheren Kollegen Patrice Legrand nach Marsala gerufen, weil er das verschollene Flugzeugwrack gefunden hat, mit dem wahrscheinlich ihr Großvater Moritz Reincke bei seiner Rückkehr nach Deutschland abgestürzt ist.
Ihr Großvater arbeitete während des Rommelfeldzugs in Nordafrika als Fotograf und Kameramann für die Propagandamaschinerie der Nazis.
Während ihres Aufenthalts in Marsala lernt sie ihre Tante Joelle, Halbschwester ihrer Mutter kennen. Joelle erzählt ihr von ihrer anderen, ihr unbekannten, Familie und das ihr Großvater gar nicht mit diesem Flugzeug abgestürzt ist, sondern noch lebt.

Einen Roman mit diesem unscheinbaren und irgendwie nichtssagenden Cover hätte ich in der Buchhandlung sicher nicht in die Hand genommen, aber dann wäre mir so viel entgangen.
Für mich ist dies eins der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Es ist kurzweilig, unterhaltsam und gut zu lesen. In ziemlich kurzen Häppchen erzählt es eine große Familien- und Liebesgeschichte. Der überwiegende Teil ist Geschichtsunterricht.
Daniel Speck erzählt die Geschichte des Afrika-Feldzuges aus der Sicht der Tunesier, die zu Beginn des Feldzuges noch Tunesier, französischer, italienischer und arabischer Herkunft waren. In Piccola Sicilia lebten Juden, Christen und Muslime miteinander. Sie waren Nachbarn, halfen und respektierten sich untereinander. Dem Autor gelingt es, die Veränderung der Balance innerhalb der Religion nach Einmarsch der Deutschen, zu beschreiben. Zu Beginn helfen sich noch viele untereinander, aber die Nazi-Ideologie projiziert Risse in die Gemeinschaft, die nie wieder geschlossen werden. Das ganze findet in den Köpfen und den Gedanken statt. Daran und an vielen Diskussionen lässt uns der Autor teilhaben.
Schnell wird deutlich, dass alle Menschen in diesem Krieg verloren haben, die einen ihr Leben, die anderen ihre Heimat und wieder andere verloren ihre Heimat, auch wenn sie noch im gleichen Haus wohnen nach dem Krieg. Denn alles hat sich verändert und nichts wurde wieder wie vor dem Krieg.
Mich hat dieses Buch beeindruckt, nachdenklich gemacht und es wirkt nach.
Ich werde es nicht weitergeben, wie die meisten von meinen gelesenen Büchern. Es enthält so viele wunderbare Zitate und Sätze zum Nachdenken, dass ich es noch mehrmals lesen möchte.
Einzige kritische Anmerkung: Zum Ende fehlte mir noch etwas. Das Ende der Familiengeschichte war etwas unbefriedigend. Ich hätte gerne noch mehr aus Moritz Leben erfahren.

Veröffentlicht am 25.09.2018

Spannend, mystisch und ein bisschen mehr

Die Blutfinca
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Gerade hat der ehemalige Kriminalbeamte und Profiler Marc Renner sein eigenes Restaurant in dem Küstenort Cala Pi eröffnet und eine Frau kennengelernt, für die er sich endlich wieder interessieren könnte, ...

Gerade hat der ehemalige Kriminalbeamte und Profiler Marc Renner sein eigenes Restaurant in dem Küstenort Cala Pi eröffnet und eine Frau kennengelernt, für die er sich endlich wieder interessieren könnte, da geschieht in diesem malerischen Küstenort ein grausamer Mord.
Ausgerechnet Lucy, der Marc endlich näher gekommen war, wurde aus äußerst blutige und grausame Weise ermordet.
Die Tötungsart erinnert an eine alte Aztekenlegende, was Marc Renner im Gegensatz zu den alteingesessenen Bewohnern nicht wahr haben will.
Obwohl er nie mehr seine kriminalistische Arbeit aufnehmen wollte, stürzt er sich mit allen zur Verfügung stehenden Energie in die Ermittlungsarbeit.

Die Finca auf dem Cover soll sicher nicht die Blutfinca darstellen, denn sie erinnert eher an einer typisch mallorquinischen Finca über die ein Unwetter ziehen wird.
Die Story ist spannend geschrieben, mit entsprechendem Gruselfaktor, die Azteken-Legende.
Mehrere Morde, Verfolgungsjagden, Rückschläge und Kompetenzüberschreitungen machen das Ganze zu einem abwechslungsreichen und unterhaltsamen Krimi.
Die Beschreibung der typischen Insel-Landschaft, Tierwelt und Bevölkerung statten den Krimi mit viel Lokalkolorit aus.
So ganz überzeugen konnte mich der Marc Renner nicht. Die Figur war nicht so richtig zu packen. Ich könnte noch nicht einmal sagen, wie alt ich ihn einschätze. Er wurde als gut aussehend beschrieben, aber für mich hatte er kein Profil.
Ich hoffe, ich spoilere jetzt nicht zu sehr, aber da die „Erscheinungen“ nicht komplett aufgelöst werden, bleibt ein gewisses Gänsehaut-Feelung auch über das Ende des Buches hinaus.

Veröffentlicht am 17.09.2018

Falsche Entscheidung

Nachts in meinem Haus
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Tom und Charlotte Simon führen eine harmonische und liebevolle Ehe. Das hindert Tom allerdings nicht daran, während einer beruflichen Abwesenheit von Charlotte, diese mit ihrer besten Freundin Leslie zu ...

Tom und Charlotte Simon führen eine harmonische und liebevolle Ehe. Das hindert Tom allerdings nicht daran, während einer beruflichen Abwesenheit von Charlotte, diese mit ihrer besten Freundin Leslie zu betrügen. Tom und Charlotte wohnen sehr abgelegen. Nach einem romantischen Stelldichein mit Leslie schrecken Tom ungewohnte Geräusche im Ha auf. Aufgrund eines Gewitters ist der Strom ausgefallen. Mit einer Harpune versucht Tom erst gar nicht den Einbrecher zu stellen, sondern schießt direkt in die Dunkelheit. Mit Schrecken erkennt er, dass er Charlotte mit der Harpune an die Küchentür genagelt hat.
Tom holt René, Ehemann von Leslie und Rechtsanwalt, zur Hilfe. Dieser rät ihm Deutschland sofort zu verlassen und sich in Italien zu verstecken.
Für Tom beginnt eine Odyssee.

Der Beginn des Romans ist unheimlich spannend. Die Tat oder das Unglück katapultieren den Leser gleich in Toms Welt. Der Rückblick auf Toms erste Ehe und wie ihm da mitgespielt wurde, ist ebenfalls interessant. Danach war mir Tom einfach zu passiv. Die Szenen seiner ersten Ehe zeigen zwar, dass er andere für sich agieren lässt, aber dieses Gottvertrauen gegenüber René, den er ja auch noch mit seiner Frau betrügt, halte ich für etwas übertrieben.
Die einzelnen Figuren sind von Frau Thiesler sehr gut ausgearbeitet , sodass bei Toms Passivität sein Weg vorgezeichnet ist. Die Gruppe um Charlotte und Tom zeigt ganz besonders diese Hassliebe zwischen den Reichen und Wichtigen der Schickeria.
Die italienische Szenen zwischen Donato und Gabriella Neri empfinde ich wohltuend und unterhaltsam. Toms Leiden und Verzweiflung wäre sonst zu viel geworden.
Alles in allem ist es ein unterhaltsamer Roman/Krimi mit einigen Längen.

Veröffentlicht am 12.09.2018

Spannend und unvorhersehbar

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Spannend und unvorhersehbar

Die 8-jährige Daisy Mason aus Oxford wird vermisst. Die Eltern, Detective Inspector Adam Fawley und sein Team gehen von einer Entführung aus. Als keine Lösegeldforderung gestellt ...

Spannend und unvorhersehbar

Die 8-jährige Daisy Mason aus Oxford wird vermisst. Die Eltern, Detective Inspector Adam Fawley und sein Team gehen von einer Entführung aus. Als keine Lösegeldforderung gestellt wird, ermittelt die Polizei intensiv im Umfeld (Familie, Freundinnen und Schule), aber ohne Erfolg. Die Aussagen des Vaters und der Mutter werden aber immer widersprüchlicher, so dass sich die Ermittlungen immer mehr in ihre Richtung ausweiten. In den öffentlichen Netzwerken entfacht ein regelrechter Shitstorm gegen die Eltern, der in Brandstiftung auf Daisys Elternhaus gipfelt. DI Fawley und seine Kollegen müssen tief graben, um den Geheimnissen auf die Spur zu kommen.


Wenn ich mir das Cover ansehe, wird sofort klar, dass sich in diesem Haus keine Kinder wohlfühlen können. Alles wirkt düster und lieblos. Genauso könnte man auch die Familie Mason beschreiben.
Carla Hunter hat einen spannenden und düsteren Kriminalfall entwickelt. Die Charaktere, insbesondere der von Daisy, werden behutsam entschlüsselt. Die verschiedenen Beschreibungen und Aussagen der Nachbarn und Eltern von Daisys Freundinnen waren sehr aufschlussreich.

Besonders realistisch und leider heutzutage auch nicht wegzudenken waren die Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Umfangreicher Lokalkolorit gaben mir jederzeit das Gefühl einen originalen britischen Kriminalroman zu lesen.

Der Fall war äußerst kniffelig, nicht nur für DI Fawley, der mit seinen eigenen Dämonen kämpfen musste, sondern auch für den Leser, der gerne mit ermittelt. Viele Spuren gingen in verschiedene Richtungen. Zwischendurch hatte man das Gefühl, dass Daisy lebt, dann wieder, dass sie von einem Elternteil entsorgt wurde, um dann wieder.........
Für mich war dieser Kriminalroman nahezu perfekt. Er war spannend, ein bisschen gruselig, mit vielen Cliffhanger am Ende der Kapitel versehen, so dass man ihn nicht aus der Hand legen konnte und er fesselte mich von Anfang bis zum Ende.

Veröffentlicht am 05.09.2018

Coblenz und die Festung

Die Festung am Rhein
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Coblenz, Juni 1822
Der Bau der Festung Ehrenbreitstein macht große Fortschritte, als plötzlich Verrat und der Diebstahl wichtiger, geheimer Dokumente bekannt wird. Ein Verdächtigter wird schnell ausgemacht ...

Coblenz, Juni 1822
Der Bau der Festung Ehrenbreitstein macht große Fortschritte, als plötzlich Verrat und der Diebstahl wichtiger, geheimer Dokumente bekannt wird. Ein Verdächtigter wird schnell ausgemacht und verhaftet. Christian Berger, der Sohn eines französischen Offiziers und einer deutschen Mutter, wird in den Kerker geworfen und verhört. Seine Schwester Franziska verfolgt fassungslos die Verhaftung und setzt alles in Bewegung um ihren unschuldigen Bruder wieder frei zu bekommen.
Premierleutnant Rudolph Harten, nicht beliebt bei seinem Vorgesetzten Capitain von Rülow, da er als nicht Adeliger in den Offiziersstand erhoben wurde, bekommt den Auftrag dem Schuldigen, Pionier Berger, die Tat nachzuweisen.
Franziska und Rudolph geraten dabei kämpferisch aneinander, was sich im Laufe der Ermittlungen ändert..........

Ich war neugierig auf das Buch, weil deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ein ziemlich leeres Blatt in meiner Sammlung ist. Ich liebe historische Romane, die gut recherchierten, weil sie alle meine Lücken auf unterhaltsame Weise füllen oder verloren gegangenes Wissen wieder auffrischen.

Bei diesem Buch habe ich richtig ins Schwarze getroffen. Maria W. Peter hat ganze Arbeit geleistet. Ihr Roman ist hervorragend recherchiert. Sie hat ihre Liebe zu dieser Region deutlich gemacht. Kartenmaterial, Glossar und Nachwort, in dem die gesamte geschichtliche Lage und Ereignisse noch einmal beschrieben werden, waren ausführlich und umfangreich. Alle historischen Figuren werden im Anhang nochmals mit wichtigen historischen Daten aufgeführt. Ergänzend gibt es Reise-und Stöbertipps um den Spuren der Figuren folgen zu können oder die Festungen und Burgen in dieser Region besuchen zu können.

Die Geschichte der Franziska, ihrem Bruder und des Rudolph Harten wurde einfühlsam, aber nicht kitschig erzählt. Ich habe den Verdacht, dass sie eigentlich nur dazu diente, die Lebensweise-und Bedingungen der einfachen Leute im Gegensatz zur preußischen Armee in der Köln/Koblenzer Region zu schildern. Die Koblenzer Bevölkerung hat große Schwierigkeiten mit den Gesetzen, Bauvorhaben und der nicht vorhandenen Religionsfreiheit unter ihrem neuen preußischen König klarzukommen. Ein Sammelsurium von Sprachen und Dialekten wird in Koblenz gesprochen, was die Autorin veranlasste dem Leser kleine Kostproben in Dialogen anzubieten, was dem Roman eine außergewöhnliche Lebendigkeit und Lokalkolorit verleiht.
Sequenzen aus der Schlacht um Waterloo ermöglichen dem Leser Verhaltensweisen und Entscheidungen nachzuvollziehen.

Selbst heutige Redewendungen wurden erklärt, die in dieser Zeit entstanden sind, wie zum Beispiel „Sich ins Hemd machen“.

Ich fühle mit bestens informiert und unterhalten. Ich freue mich schon auf ihr nächstes Projekt.