Profilbild von Goch9

Goch9

Lesejury Star
offline

Goch9 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Goch9 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.11.2016

Nur die Schwester des Tänzers?

Die Schwester des Tänzers
0

Im Oktober 1939 ist die Choreografin Bronislawa Nijinska wieder einmal mit ihrer Familie unterwegs zu neuen Ufern. Anlässlich der langen Überfahrt von London nach New York lässt sie ihr Leben noch einmal ...

Im Oktober 1939 ist die Choreografin Bronislawa Nijinska wieder einmal mit ihrer Familie unterwegs zu neuen Ufern. Anlässlich der langen Überfahrt von London nach New York lässt sie ihr Leben noch einmal Revue passieren und schreibt ihr aufregendes und aufreibendes Leben als Tänzerin, Schwester eines großen Tänzers und erfolgreicher Choreografin in ihr Notizbuch.
Ihr Leben war von Anfang an mit Tanz ausgefüllt. Schon ihre Eltern waren beide leidenschaftliche Tänzer, die ihr Leben dem Ballett gewidmet haben. Ihre drei Kinder, Waslaw, Bronia und Stannis wurden von Klein auf entsprechen gefördert und gefordert.
Stannis zerbricht daran. Waslaw wird noch während seiner Ausbildung in der Kaiserlichen Ballettschule zum gefeierten Star. Bronia folgt ihm auf diese berühmte Schule mit dem festen Willen ihm nachzueifern und mit gnadenloser, harter Arbeit ihm ebenbürtig zu werden. Fast gelingt es ihr, aber Genie und Wahnsinn sind leider nur durch eine sehr dünne Grenze getrennt. Während sie als gefeierte Tänzerin und Choreografin mit neuer Form und Ausdrucksweise im Ballett brilliert, kämpft der Gott des Tanzes mit seinem Geist.

Eva Stachniak hat eine wunderbare Geschichte für uns entdeckt und erzählt. Sie bringt uns in diesem Roman das russische Ballett mit all seinen Facetten, Intrigen und der gnadenlosen Arbeit der Akteure näher. Der Glaube an den perfekten Tanz, das harte Training und die zerschundenen Füße hat man hautnah erspüren können.
Die Sprache und die Art des Erzählens, die Rückblenden und Reflektionen haben mich von Anfang an fasziniert. Leider ließ meine Begeisterung und auch die begeisternde Erzählweise immer mehr nach. Im zweiten Drittel des Buches hatte ich den Eindruck, dass der Erzählerin, also Bronia, die vielen Ortswechsel, Intrigen, politischen Seitenwechsel zu viel wurden. Ich hatte das Gefühl, dass sie nur noch erschöpft die vielen Ereignisse aufzählt und leidenschaftslos berichtet. Sie trennte sich von ihrem untreuen Ehemann. Sie kämpft gegen althergebrachte Vorstellungen im Ballett. Sie muss aufgrund der russischen Revolution immer wieder an neuen Orten von vorne anfangen und bewies immer wieder große Leidenschaft für den Tanz, aber ich vermisste diese Leidenschaft in der Erzählung, so dass ich mich trotz rasanter Handlung und leidenschaftlichen Tanz durch die Seiten quälen musste.
Letztlich entstand aber ein grandioses Bild einer Familie, die sich völlig dem Ballett gewidmet hat und deren beide Kinder die Welt des russischen Balletts verändert und vorangetrieben haben.




Veröffentlicht am 05.11.2016

Ein Bisschen Laissez-faire

Mord in der Provence
0

Hannah Richter, Kommissarin bei der Kriminalpolizei Köln, leistet im Rahmen eines EU- Austauschprogramms ihren Dienst in Vaison-la-Romaine, einem kleinen Ort in der französischen Provence. Mit der Auflistung ...

Hannah Richter, Kommissarin bei der Kriminalpolizei Köln, leistet im Rahmen eines EU- Austauschprogramms ihren Dienst in Vaison-la-Romaine, einem kleinen Ort in der französischen Provence. Mit der Auflistung und Bearbeitung diverser Taschendiebstähle fühlt sie sich aber total unterfordert. Als im benachbarten Städtchen Orange ein mysteriöser Selbstmord entdeckt wird, mischt sie sich direkt vor Ort in die Ermittlungen ein. Ihr fällt sofort auf, dass bei diesem offensichtlichen Selbstmord etwas nicht stimmt. Hannah entdeckt Hinweise, die auf eine Vergiftung hindeuten. Davon will aber ihr Vorgesetzter, Capitain Claude-Jean Bernard, nichts wissen. Auch ein weiterer Unglücksfall, Tod durch ertrinken, veranlasst ihren Chef nicht zu Ermittlungen. Da sieht Hannah sich gezwungen hinter seinem Rücken Erkundigungen einzuholen. Schnell findet sie in den Nachbarstädten Verbündete bei der Polizei und im privaten Bereich.

Mord in der Provence ist erfrischend anders als die Provence-Krimis, die ich bis jetzt gelesen habe. Er ist aus deutscher Sicht geschrieben. Der starke Kontrast zwischen der ehrgeizigen deutschen Kriminalbeamtin und dem Laissez-Faire-Gendarmen aus der Provence wird deutlich hervorgehoben. Die französische Polizei kommt dabei nicht nur lässig und schlampig daher. Auch bei der französischen Gendarmerie gibt es gründliche und engagierte Polizisten. Doch die gründlich nachhakende Lieutenant Emmanuelle Moreau weiss nach getaner Arbeit ihr Leben leichter zu genießen als Hannah. Die Lebensweise in der französischen Provence ist eine andere und auch für Hannah erstrebenswert. Mit ihrer Hartnäckigkeit schafft sie es einen 30 Jahre alten Fall zu lösen und einen weiteren Mord zu verhindern. Aber ihre Ermittlungen bringen sie in arge moralische Bedrängnis. Bedenken, die sie mit einigen neugewonnenen Freunden teilen kann.

„Es war durchaus eine Umstellung, mein Alltagsleben und meine Arbeitsroutine den provencalischen Verhältnissen anzupassen" verkündet Hannah an ihrem Abschiedsabend den zahlreich erschienenen Gästen.
Bleibt nur zu hoffen, dass wir über die weiteren Stationen des Austauschprogramms mit Hannah-Richter-Krimis auf dem Laufenden gehalten werden.

Veröffentlicht am 25.10.2016

ImWald beim schweigenden Dorf

Im Wald
0

In der Nacht explodieren auf einem Campinglatz in der Nähe von Ruppertshain ein Wohnwagen und ein Auto. Die Feuerwehr hat Mühe die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Im Wohnwagen wird eine ...

In der Nacht explodieren auf einem Campinglatz in der Nähe von Ruppertshain ein Wohnwagen und ein Auto. Die Feuerwehr hat Mühe die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Im Wohnwagen wird eine Leiche entdeckt. Oliver von Bodenstein und seine Kollegin Pia Sander werden hinzu gezogen.
Oliver von Bodenstein ist in Ruppertshain aufgewachsen. Das Feuer wurde vorsätzlich gelegt, so dass von Bodenstein gegen ehemaligen Weggefährten und Spielkameraden ermitteln muss.
Und die Ermittlungen gestalten sich sehr schwierig. Als von Bodenstein die Besitzerin des Wohnwagens befragen will, ist diese getötet worden, obwohl sie aufgrund ihrer Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben hatte.
Ein junger Mann, der die Brandstiftung wahrscheinlich beobachtet hat, ist nicht aufzufinden.
Da geschieht ein dritter Mord...........

Irgendwo habe ich gelesen, dass Nele Neuhaus den Spagat zwischen Psychodrama und Thriller meisterhaft beherrscht. Leider kann ich dem nicht zustimmen. Für mich war von Bodensteins Berufsmüdigkeit, seine Unsicherheit gegenüber seiner neuen Liebesbeziehung, seine Schuldgefühle gegenüber seinem Freund Arthur aus Kindertagen und seine fehlende Kindheitsbewältigung etwas zu viel Psychodrama.
Ich habe alle Taunuskrimis der Autorin gelesen, genossen und bis auf Einen bewundert. In diesem Einen, ich habe leider den Titel nicht parat, trennte sich Ehefrau Cosima von Oliver von Bodenstein und stürzte ihn in eine tiefe psychische Krise. Diese Krise und weitere Befindlichkeiten Bodensteins drängten den Kriminalfall ziemlich an die Seite.
Hier habe ich es ähnlich empfunden. Erst im zweiten Drittel des Buches kam der Thriller zum Vorschein. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn bei einer Krimiserie sich das Privatleben der Ermittler im Hintergrund entwickelt. Ein neuer Roman ist dann wie ein nach Hause kommen oder Treffen alter Freunde. Die Schuldgefühle und die unbewältigten Kindheitserlebnisse von Bodensteins sowie die Ermittlungen in seinem Heimatdorf mit reichlichen Flashbacks haben zu einem Ungleichgewicht geführt.
Mich wundert, dass Oliver von Bodenstein in den über vierzig Jahren seit Verschwinden seines Freundes Arthur nie versucht hat, Ermittlungen aufzunehmen. Erst jetzt fordert er die damaligen Ermittlungsakten an.
Die Versagungsängste von Pia Sander kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Sie war immer tough und handelte nach Bauchgefühl. Jetzt wirkt sie ängstlich, trauert bereits um ihren Chef und fühlt sich der Lage nicht gewachsen.
Ich meckere jetzt hier auf hohem Niveau. Alles in Allem hat mir der Thriller gut gefallen. Insbesondere die Ermittlungsarbeit des gesamten Teams. Man konnte die einzelnen Schritte immer nachvollziehen und ist den Ermittlern in die Sackgasse gefolgt, denn alle Schlussfolgerungen waren logisch.
Besonders interessant finde ich die Erkenntnis, dass das gesamte Dorf schwieg und deshalb niemand in den vierzig Jahren die ganze Wahrheit kannte.

Veröffentlicht am 06.10.2016

Spannend und überraschend

DNA
0

Nach einem unvorstellbaren, grausamen Mord an der 3-fachen Mutter Elisa Bjarnadottir ermittelt Kommissar Haldur mit seinem neugegründeten Team. Kommissar Haldur, speziell für diesen Fall befördert, hat ...

Nach einem unvorstellbaren, grausamen Mord an der 3-fachen Mutter Elisa Bjarnadottir ermittelt Kommissar Haldur mit seinem neugegründeten Team. Kommissar Haldur, speziell für diesen Fall befördert, hat neben der beruflichen kaum lösbaren Aufgabe, private Probleme. Er hat nicht nur mit der Exfrau seines Kollegen Rikhardur Sex auf der Toilette einer Bar, sondern auch mit der Psychologin Freyja, unter falschen Namen und falsche Berufsbezeichnung. Mit dieser Psychologin muss er in diesem Fall eng zusammenarbeiten.
Immer wieder führen die Ermittlungen in eine Sackgasse. Kommissar Rikhardur, seine Kollegin Erla, die Haldur sehr zugetan ist, und Haldur arbeiten rund um die Uhr, kommen aber nicht weiter.
Da geschieht ein zweiter grausamer Mord..... .

Dieser Thriller lebt von einem äußerst skurrilen Mordfall. Von so einer Tötungsart habe ich noch nie gehört. Der Leser bekommt in diesem Fall alle Informationen, die auch die Ermittler haben und muss schnell erkennen, dass es keine Zusammenhänge oder Lösungsansätze gibt.
Ich habe zwar von Anfang an, den Prolog, von dem die Ermittler keine Kenntnis haben, in meine Überlegungen mit einbezogen, aber trotzdem keinen Zusammenhang mit den Taten oder den Opfern finden können.
Gegen Mitte des Buches waren einige Längen. Die genauen Lebensumstände, das Ausmisten seines Hauses sowie das ausführliche Gefühlsleben von Karl erscheinen mir zu ausführlich.
Die Idee das Periodensystem als Basis für einen Geheimcode zu nutzen fand ich genial, aber eigentlich hätten die Ermittler, insbesondere Interpol, den Code knacken müssen.
Die Figuren des Kommissars Huldar und der Psychologin Freyja wurden stark ausgearbeitet und die Vielschichtigkeit ihrer Lebensläufe aufgezeigt. Vielleicht kann man demnächst mehr von diesen Charakteren lesen. Der Kommissar und die Psychologin waren trotz ihrer amourösen Beziehung ein gutes Gespann, besser als die Kommissare unter einander.
Die Lösung des Falls hat mich erst sehr überrascht und geschockt, wollte mir erst nicht gefallen, aber gegen Ende passte doch jedes Puzzleteilchen ins Bild, sehr gut durchdacht und logisch gefolgert.

Veröffentlicht am 27.09.2016

Was geschah in der Mittsommernacht?

Das Geheimnis der Mittsommernacht
1

Norwegen im Jahre 1895, das Bergbaudorf Roros ist Schauplatz mehrerer Schicksalsschläge. Die Deutsche, Clara Ordal verliert durch einen tragischen Unfall ihren Mann, den sie mit ihrem Sohn Paul nach Norwegen ...

Norwegen im Jahre 1895, das Bergbaudorf Roros ist Schauplatz mehrerer Schicksalsschläge. Die Deutsche, Clara Ordal verliert durch einen tragischen Unfall ihren Mann, den sie mit ihrem Sohn Paul nach Norwegen begleitet hat. Er wollte sich am Sterbebett der Mutter mit seinen Eltern aussöhnen, bevor er mit seiner kleinen Familie nach Samoa auswandert. Clara und ihr Sohn werden von ihren Schwiegereltern abgelehnt. Bei Olafs Beerdigung wird sie von der gesamten Dorfgemeinschaft angefeindet, weil sie im protestantischen Norwegen als Katholikin eine Außenseiterin ist.
Sofie Svartstein, Tochter des Direktors des Kupferwerks, verliert ihre Mutter bei der Geburt ihres kleinen Bruders, der kurz nach der Geburt ebenfalls stirbt. Sie steht nun allein gegenüber ihrem für sie unnahbaren Vater und ihrer älteren Schwester Silje, die nur Mode, eines standesmäße Hochzeit und gesellschaftliche Anerkennung im Sinn hat.

Die Deutsche, Clara, und die Norwegerin, Sofie, müssen sich ihren eigenen Weg erkämpfen.

Mir hat das Buch richtig gut gefallen. Die beiden Erzählstränge, zum einen die Erlebnisse der Außenseiterin Clara Ordal, zum anderen das Leben der Norwegerin Sofie, geben einen guten Einblick in die verschiedenen Gesellschaftsschichten dieser Zeit. Der Alltag und die Moralvorstellungen der Norweger dieser Zeit werden anschaulich dargestellt. Die stets zwischen den beiden Protagonistinnen wechselnden Kapitel lassen den Roman zu einem Page Turner werden. Neben den beiden Lebensgeschichten lernen wir sehr viel über die Arbeitswelt, die politischen Gegebenheiten und die gesellschaftlichen Schichten des 19. Jahrhunderts in Norwegen.

Das ist ein historischer Roman, der dem Leser neben einer spannenden Familiengeschichte auch die Zeitspanne in der er spielt nahe bringt.