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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.04.2025

Zwei Themen, die irgendwie nicht zusammen gehen

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Die Leseprobe hatte mich für das Buch eingenommen und mich neugierig gemacht. In witzigem und kurzweiligem Ton erzählt die Autorin von Nina, die auf der Gartenparty ihres Ex-Mannes den deutlich jüngeren ...

Die Leseprobe hatte mich für das Buch eingenommen und mich neugierig gemacht. In witzigem und kurzweiligem Ton erzählt die Autorin von Nina, die auf der Gartenparty ihres Ex-Mannes den deutlich jüngeren David kennenlernt und sich schneller als sie sich versieht, Hals über Kopf in ihn verliebt. Ich mag den Humor, die etwas skurrile Figurenzeichnung und die scharfe Beobachtungsgabe von Anika Decker sehr und hätte mir auch anfangs den Roman super als unterhaltsame Verfilmung vorstellen können. Gekonnt erzählt sie von Klischees und Erwartungen im Gruneberger Milieu, von Rollenbildern angesichts verschiedener Themen wie Liebe und Altern. Eine herzerwärmende Geschichte zum Abtauchen? Nicht ganz. Leider ist diese Geschichte letztendlich mehr um das Thema Me-Too/Gewalterfahrung bzw. Ungerechtigkeit gegenüber weiblichen Darstellern in der Filmbranche herumgestrickt. Vermutlich ein Thema, das der Autorin, die mehrere Drehbücher geschrieben hat, selber sehr wichtig ist. Ich würde behaupten, dass ich eine gewisse Toleranz für Unerwartetes in Romanen habe bzw. es auch schätze, wenn Geschichten nicht vorhersehbar sind. Für mich ging letztendlich die Wendung trotzdem nicht auf. Vielleicht weil ich mich schon sehr auf Nina und David gedanklich eingelassen hatte, diese aber mehr zum Sidekick wurden und ich mich dann fast etwas gelangweilt durch den Rest des Romans gequält habe immer auf der Suche nach den beiden. Vielleicht aber auch weil das Me-Too-Thema dann doch zu sehr an der Oberfläche behandelt wurde, so dass es mich emotional gar nicht richtig berührt hat bzw. in mir beim Lesen kein richtiger Raum für das Thema entstand.

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Veröffentlicht am 30.03.2025

Wunderbare Sprachbilder

Wild wuchern
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Marie flieht aus zu Beginn noch unbekannten Gründen aus Wien in die Berge auf die Alm zu ihrer Cousine Johanna. Atemlos, gehetzt  erzählt die Protagonistin von ihrer Flucht. In kurzen Sätzen, etwas grob ...

Marie flieht aus zu Beginn noch unbekannten Gründen aus Wien in die Berge auf die Alm zu ihrer Cousine Johanna. Atemlos, gehetzt  erzählt die Protagonistin von ihrer Flucht. In kurzen Sätzen, etwas grob wirkt anfänglich die Sprache, und dennoch war ich sofort mit allen Sinnen in der Geschichte, habe mit Spannung die weitere Dynamik verfolgt. Es gibt keine Unterteilung in Kapitel, was aber sehr gut zum Fluss der Geschichte passt. Ich mochte die Sprachbilder sehr, z.B. "Wenn einen die Angst mal hat, dann hängt sie dran an einem, als wäre man ins Spinnennetz gerannt. Spinne noch im Nacken, Fäden im Haar"(S.8).  Die Dialoge zwischen den beiden Frauen sind sehr reduziert, keine Rührseligkeit, mehr Skepsis und Herantasten. Die Bilder der Berghütte und der umgebenden Berglandschaft entstehen sehr kontrastreich im Kopf. Gleichzeitig ist der Text weit weg von jeglichem Kitsch, wirkt eher rauh. Immer wieder stolper ich beim Lesen, z.B. "...versteckt sich in der kargen Einöde. Und nach ein paar Tagen geht die geprügelte Frau dann wieder zurück nach Haus und lässt sich weiterprügeln. So machen das doch alle." Achja?  Psychologisch sehr fein zeigt Katharina Köller neben dem Leben auf der Alm und der Annäherung zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen insbesondere Maries kindliche Suche nach Anerkennung in einem Milieu, was von Narzissmus, Abwertung und fehlender Feinfühligkeit geprägt ist. Ihr naiver Glaube, dass wenn sie sich nur genug anpasst und anstrengt, irgendwann wie die Goldmarie belohnt wird. Spannend aber auch wie ihr die Veränderung gelingt ausgelöst durch eine existentielle Not - plötzlich traut sie sich lästig zu sein, hört auf gefallen zu wollen, zeigt einen bisher ungeahnten Willen. Katharina Köller schafft es die Dynamik konstant zu halten und sogar nochmal zu steigern und gerade einige Szenen aus dem letzten Drittel sind mir sehr in Erinnerung geblieben bzw. haben mich berührt. Ein wunderbares Buch, was ich ganz erfüllt und zufrieden beendet habe und das ich von Herzen weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 30.03.2025

Interessantes Gedankenexperiment

Für immer
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Maja Lunde geht in diesem Roman der Frage nach, was macht es mit Menschen, wenn plötzlich die Zeit stehen bleibt. Es stirbt niemand mehr, Babies werden nicht mehr geboren, Krankheiten kommen zum Stillstand. ...

Maja Lunde geht in diesem Roman der Frage nach, was macht es mit Menschen, wenn plötzlich die Zeit stehen bleibt. Es stirbt niemand mehr, Babies werden nicht mehr geboren, Krankheiten kommen zum Stillstand. Jedes Kapitel widmet sich jeweils einer Figur, was die Perspektiven auf das Thema erweitert - die todkranke Fotografin und Mutter Jenny, der Rentner Otto usw. Mit der Zeit verweben sich einzelne Biografien, treffen Figuren aufeinander. Besonders nachgegangen ist mir die Figur des Außenseiters Philip, der "es in seinem Leben nicht leicht gehabt" hatte, vernachlässigt und oft sich selber überlassen gewesen war, seinen Selbstwert aus einer vermeintlichen "angeborenen inneren Stärke" zieht und gleichzeitig eine massive innere Unruhe und tiefe Unsicherheit und Verlorenheit spürt. Dessen kontraphobischer Krisengewinn, Vergemeinschafterung mit Pseudo-Gleichgesinnten und Radikalisierung mit der Möglichkeit sich nun endlich erfolgsorientiert präsentieren zu können, hat mich zeitweise auf eine beklemmende Art an die Coronazeiten erinnert. Auch die Figur der Fotografin Jenny hat mich sehr berührt mit der Frage, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Ein bisschen mehr Tiefe in der philosophischen Auseinandersetzung mit der Frage des gesellschaftlichen Zeitstillstandes hätte mich sehr gereizt. Alles in allem ist aber in jedem Fall ein gut lesbarer Roman, bei dem jeder Leser vermutlich auf seine Art Figuren findet, denen er sich näher fühlt bzw. andere, die ihn möglicherweise weniger erreichen.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Über ein kleines Hexenmädchen, das fest an sich glaubt

Kleine Hexe Nebel 1: Das Erwachen des Drachen
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Nach einigen Comics, die so "najaa" waren, ist hier die Begeisterung für die kleine Hexe Nebel wirklich übergeschwappt. Unglaublich niedlich, frech und "radikal selbstbewusst", mit ganz viel Sturheit und ...

Nach einigen Comics, die so "najaa" waren, ist hier die Begeisterung für die kleine Hexe Nebel wirklich übergeschwappt. Unglaublich niedlich, frech und "radikal selbstbewusst", mit ganz viel Sturheit und Entdeckerlust präsentiert sich das kleine Hexenmädchen. Dieser Band ist der erste von insgesamt 3 Bänden über die kleine Hexe Nebel, welche das französische Illustratoren-Paar Jérôme Péllisier und Carine Hinder während der Lockdown-Zeit zurückgezogen in einem pittoresken französischen Dorf geschrieben hat. Ein bisschen erinnert die Kulisse und der Aberglaube der Dorfbewohner an die Asterix-und-Obelix-Comics. Nebel lebt als Findelkind bei dem Dorffischer und möchte so gerne eine Hexe sein. Die alte Hexe des Dorfes Naia ist leider seit einiger Zeit verschwunden und irgendwer muss ja den Job machen... An ihrer Seite sind das schlaue Schweinchen Hubert, welches heimlich im Hintergrund die Fäden zieht, sowie ihr bester Freund Hugo, der ihr treu ergeben ist. Wir haben beim Anschauen und Lesen öfters schmunzeln müssen und besonders das Schweinchen sehr ins Herz geschlossen. Durch die witzigen Dialoge lassen sich auch kleine muffelige Leseanfänger gut hinter dem Ofen hervorlocken. Ein wirklich toller und witziger Comic über ein kleines Mädchen, das fest an sich glaubt und ein großes, ehrliches Herz hat. Wir freuen uns schon sehr auf die nächsten beiden Bände.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Sprachlich sehr rauh und direkt

Achtzehnter Stock
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Das Buchcover mit dem Plattenbau vor blauem Himmel mit hellen Wölkchen wirkt fast heiter und harmlos, nahezu wie eine Theaterkulisse. Dabei geht es bereits auf den ersten Seiten für Wanda, die im achtzehnten ...

Das Buchcover mit dem Plattenbau vor blauem Himmel mit hellen Wölkchen wirkt fast heiter und harmlos, nahezu wie eine Theaterkulisse. Dabei geht es bereits auf den ersten Seiten für Wanda, die im achtzehnten Stockwerk eines Berliner Plattenbaus gemeinsam mit ihrer Tochter lebt, um vieles. Einerseits bahnt sich für die erfolglose und alleinerziehende Schauspielerin endlich ein dringend notwendiges Casting an, die finanzielle Situation ist mehr als angespannt. Gleichzeitig ist ihre kleine Tochter Karlie krank. Man spürt von Anfang an den Druck und das Tempo beim Lesen. Die Sprache ist rauh und direkt. Großartig beschreibt Sara Gmuer das Leben mit ihrer Tochter in der Platte, das Eintauchen in die Filmwelt, den Spagat zwischen beiden Welten. Jedem sich am Horizont ankündigenden Stereotyp (Schauspielkollege als Retter und Helfer, Sisterhood unter den in der Platte lebenden Frauen) wird ein Strich durch die Rechnung gemacht. Sara Gmuer zeigt fein beobachtet Figuren mit all ihren Ambivalenzen, mit Ecken und Kanten, die man lieben und an denen man sich als Leser stoßen kann. Es geht um das Träumen vom kleinen und großen Glück, das Dranbleiben, Hoffen und Durchbeißen. Innerhalb von 2 Tagen habe ich die 222 Seiten gelesen und das Buch etwas atemlos beendet. Ein Roman mit einem ganz eigenen Klang, der nachhallt.

„Unerfüllte Träume sind auch Träume. Sie sind bloß viel gefährlicher. Man verbittert, man wird so, wie man niemals sein wollte, man wird wie all die anderen Versager, Verstörten und Vergessenen, man lässt sich gehen und gewöhnt sich an die flirrenden Abgase, die Absagen, den Lärm.“

"Eigentlich ist es ganz einfach, man muss das Schicksal nur lange genug nerven, irgendwann gibt es nach und schmeißt einem das Glück vor die Füße, damit man endlich Ruhe gibt.“

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