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Veröffentlicht am 06.08.2024

Aus totgeschwiegener Zeit

Nach uns der Sturm
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Die malaysische Autorin Vanessa Chan, seit ihren Studienjahren in den Vereinigten Staaten ansässig, thematisiert in ihrem ersten Roman „Nach uns der Sturm“ ein dunkles Kapitel der Geschichte ihres Heimatlands. ...

Die malaysische Autorin Vanessa Chan, seit ihren Studienjahren in den Vereinigten Staaten ansässig, thematisiert in ihrem ersten Roman „Nach uns der Sturm“ ein dunkles Kapitel der Geschichte ihres Heimatlands. Sie bricht damit das Schweigen der älteren Generation, die verstummt, wenn die Rede auf die Jahre zwischen 1935 bis1945 kommt. Für ihre Großeltern ein Tabu-Thema, das mit schmerzhaften Erinnerungen, aber offenbar auch mit belastenden Schuldgefühlen besetzt ist. Es sind wenige Informationen, die sie peu à peu von ihrer Großmutter bekommen hat, diese sind die Grundlage für diesen Roman.

Mitte der dreißiger Jahre ist Malaysia noch eine britische Kolonie. Die meisten Menschen haben sich mit den Kolonialherren arrangiert, arbeiten sogar für sie, haben ihren Stolz hinuntergeschluckt und erfüllen ihre Pflicht. Nicht so Cecily, gelangweilte Hausfrau und Mutter, deren Alltag eintönig ist. Sie vermisst die Abwechslung, sucht den Kick und ist deshalb eine leichte Beute für Fujiwara, den hochrangigen japanischen Offizier, mit dem sie bei einem offiziellen Dinner ins Gespräch kommt. Er verschleiert seine wahre Identität, sucht bei dieser Veranstaltung nach jemandem mit Verbindungen zu den Briten, und da kommt ihm Cecily gerade recht, arbeitet doch deren Mann für die Kolonialmacht. Es kommt, wie es kommen muss. Fujiwara politisiert sie mit der „Asien-den-Asiaten“ Parole. Und was macht sie? Sie spioniert ihren Mann aus, versorgt Fujiwara mit geheimen Informationen, die helfen, die japanische Invasion in Malaysia vorzubereiten.

Später, ihr Heimatland ist mittlerweile von den Japanern besetzt, muss sie erkennen, dass sie damals einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, gebärden diese sich doch um ein vielfaches brutaler im Umgang mit ihren Landsleuten. Auch ihre eigene Familie wird nicht verschont. Ihr Mann schuftet seither in einer Fabrik, die älteste Tochter arbeitet in einem Teehaus, der Sohn wird unter unsäglichen Bedingungen in einem Arbeitslager gefangen gehalten, und die gerade einmal Siebenjährige im heimischen Keller versteckt, damit sie nicht in die Prostitution verschleppt wird.

Der Roman teilt sich in zwei Hälften, ein Vorher und ein Nachher. Während der erste Teil sich im Wesentlichen noch auf Cecily konzentriert, stehen im zweiten Teil die Kinder und deren Schicksal im Fokus. Und es sind die ungeschönten, harten Beschreibungen der Gewalt, Schikanen und Demütigungen von Seiten der Besatzer, die kaum auszuhalten sind. Dennoch möchte ich der Autorin dafür danken, dass sie in ihrem Debüt einen kaum beachteten Zeitraum der Geschichte Asiens ausgewählt, darüber geschrieben und damit, zumindest bei mir, einen weißen Fleck auf der Karte getilgt hat. Sehr empfehlenswert!

Veröffentlicht am 03.08.2024

Große Liebe für dieses kleine Juwel

Unser Buch der seltsamen Dinge
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Yorkshire in den Siebzigern, ehemals von Textilindustrie und Bergbau geprägt, nun im Niedergang. Die Zeichen stehen auf Sturm, hat die neugewählte „Eiserne Lady“ doch ihre eigenen Pläne mit dieser Region. ...

Yorkshire in den Siebzigern, ehemals von Textilindustrie und Bergbau geprägt, nun im Niedergang. Die Zeichen stehen auf Sturm, hat die neugewählte „Eiserne Lady“ doch ihre eigenen Pläne mit dieser Region. Und dann ist da noch der Yorkshire Ripper, der dort sein Unwesen treibt.

Die Verunsicherung der Menschen ist groß, weshalb Mivs Tante Jean auch vorschlägt, einen Umzug in den Süden des Landes in Erwägung zu ziehen. Ein Vorhaben, das es zu verhindern gilt, zumindest wenn es nach der zwölfjährigen Miv geht, die ihre gewohnte Umgebung unter keinen Umständen verlassen will. Auch, oder gerade, weil in ihrer Familie nicht alles rund läuft. Ihre Mutter ist verstummt und hat sich in sich selbst zurückgezogen, weshalb die Tante eingezogen ist und sich um Miv, ihren Vater und den Haushalt kümmert.

Also schmiedet Miv einen Plan. Da die Polizei mit der Suche nach dem Yorkshire Ripper offensichtlich überfordert ist, beschließt sie, diesen auf eigene Faust ausfindig zu machen. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Freundin Sharon. Die beiden Mädchen beobachten also Männer aus ihrem Umfeld, die ins Profil passen und deren Verhalten ihnen verdächtig vorkommt, und die Ergebnisse ihrer Observationen halten sie akkurat in einem Schreibheft fest, ihrem „ Buch der seltsamen Dinge“.

Auch wenn sie es, wie wir aus der Historie wissen, nicht geschafft haben, den Yorkshire Ripper zu entlarven, ist es doch den aufmerksamen Beobachtungen der beiden Mädchen zu verdanken, dass einige unschöne Vorkommnisse in der Gemeinde ans Licht kommen.

Randnotiz: Peter Sutcliffe aka der Yorkshire Ripper wurde 1981 bei einer Routinekontrolle gefasst. Noch im gleichen Jahr wurde er vor Gericht gestellt und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

„Unser Buch der seltsamen Dinge“ ist eine einfühlsame Geschichte über die Freundschaft zweier Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die überwiegend aus der Perspektive der zwölfjährigen Miv beschrieben wird. Jennie Godfrey kratzt nicht an der Oberfläche, sondern nimmt uns mit in deren Inneres, zeigt uns die vorpubertären Zweifel und die Ängste, die sie, teilweise bedingt durch ihre besondere familiäre Situation, plagen. Aber sie lässt uns auch an der Neugierde und der Euphorie der beiden Mädchen teilhaben, wenn sich eine neue Spur auftut. Das wirkt glaubhaft, nicht aufgesetzt, und befeuert unterschwellig die Spannung, auch wenn man den Ausgang der Ripper-Story kennt.

Sehr gut geplottet, durchgängig spannend und zu keinem Zeitpunkt langweilig. Große Liebe für dieses kleine Juwel von Jennie Godfrey!

Veröffentlicht am 30.07.2024

Konnte meine Erwartungen leider nicht erfüllen

Man sieht sich
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„Am liebsten sitzen alle in der Küche“ habe ich gerne gelesen und die realistische Darstellung der Beziehungs- und Alltagsprobleme von drei Freundinnen in den Fünfzigern geschätzt. Ähnliches hatte ich ...

„Am liebsten sitzen alle in der Küche“ habe ich gerne gelesen und die realistische Darstellung der Beziehungs- und Alltagsprobleme von drei Freundinnen in den Fünfzigern geschätzt. Ähnliches hatte ich auch von „Man sieht sich“ erwartet, aber das ist Julia Karnick diesmal leider nicht gelungen.

Erzählt wird die on/off Geschichte von Frie und Robert. Es ist eine Geschichte vom Zögern und Zaudern, von Gefühlen, die man sich nicht eingestehen kann oder will und von verpassten Gelegenheiten.

1988: Robert ist der neu an der Schule und verliebt sich in Friederika, genannt Frie, seine Mitschülerin mit den großen Füßen und dem Entengang, sie aber verhält sich ihm gegenüber indifferent. Also hält er den Ball flach. Man lernt sich kennen, freundet sich an. Es knistert, will aber nicht zünden. Beide sind unsicher, trauen ihren Gefühlen nicht, wollen sich keine Blöße geben, die Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.

2002: Frie hat aus einer mittlerweile beendeten Beziehung eine kleine Tochter und ihre Karriereambitionen aufgegeben. Robert ist Musiker, hangelt sich von Auftritt zu Auftritt. Sie laufen sich zufällig über den Weg, haben sich aber wenig zu sagen, bleiben unverbindlich.

2022: Das Klassentreffen steht ins Haus. Werden sich die beiden mittlerweile Fünfzigerjährigen treffen? Und werden sie die alte Vertrautheit wieder herstellen können? Vielleicht sogar endlich ein Paar werden?

Interessiert das wirklich jemand, nachdem man sich ca. 400 Seiten durch diese langatmigen und redundanten Beschreibungen durchquälen muss, um am Ende zu einem Schluss zu kommen, der von Beginn an klar ist?

Zu Beginn ist diese Sie-konnten-zusammen-nicht kommen Geschichte ja noch ganz nett zu lesen, insbesondere was die Teenagerjahre samt erster Liebe angeht, aber mit zunehmender Seitenzahl macht sich Ermüdung und Langeweile breit, weil sowohl Höhepunkt als auch Katastrophen fehlen. Dafür gibt es banale Alltagsbeschreibungen in Hülle und Fülle.

Die langatmige Beziehungsgeschichte zweier Protagonisten, die keine Sympathien wecken und deren Verhalten man nicht unbedingt als erwachsen bezeichnen kann, gekrönt von einem Ende, das in diesem Genre vorhersehbar ist. Tut mir leid, Frau Karnick, aber das war nix.

Veröffentlicht am 27.07.2024

Ein Weckruf

Das Lied des Propheten
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Ausgehend von den politischen Veränderungen, die seit einiger Zeit in Europa zu beobachten sind, nimmt uns Paul Lynchs „Das Lied des Propheten“ (2023 mit dem Booker Prize ausgezeichnet) mit nach Irland. ...

Ausgehend von den politischen Veränderungen, die seit einiger Zeit in Europa zu beobachten sind, nimmt uns Paul Lynchs „Das Lied des Propheten“ (2023 mit dem Booker Prize ausgezeichnet) mit nach Irland. Das einstmals idyllische grüne Idyll wandelt sich nach der Machtübernahme der NAP, weicht einer Gesellschaft, in der bürgerliche Freiheiten nichts mehr wert sind.

„Die Nacht ist angebrochen, und sie hat das Klopfen nicht gehört…“.

Der Gewerkschaftler Larry ist nach eine Protestaktion spurlos verschwunden. Zurück bleiben seine Frau Eilish und ihre vier Kinder. Allmählich verändert sich das Klima im Land, zuerst nur in kleinen Schritten, aber dann nimmt es an Fahrt auf. Überwachung und Repressionen nehmen zu, die persönlichen Freiheiten werden tagtäglich weniger, bis sie ganz verschwunden sind. Der Ausbruch eines Bürgerkriegs ist dann lediglich die letzte Konsequenz. Um ihre Kinder zu schützen, scheint es für Eilish nur einen einzigen Ausweg zu geben. Sie müssen ihr bisheriges Leben aufgeben und ihre Heimat verlassen, bevor es zu spät ist.

„Das Lied des Propheten“ geht an die Nieren, bietet er doch einen hochgradig beängstigenden Ausblick auf den Alltag unter einem totalitären Regime. Ist das eine Dystopie? Beschreibt Lynch ein weit hergeholtes Szenario? Mitnichten, man muss sich ja nur einmal auf der Welt umschauen. Ich habe selten einen Roman gelesen, der dermaßen eindringlich sämtliche emotionalen Knöpfe drückt. Mit Sicherheit ist das der literarischen Form geschuldet, die der Autor gewählt hat. Wörtliche Rede wird nicht kenntlich gemacht, Gedanken, Gefühle und Beschreibungen reihen sich aneinander, ziehen sich ohne unterbrechende Satzzeichen über mehrere Seiten hin, man liest förmlich ohne Luft zu holen. Eine Verbeugung vorn Lynchs Landsmann James Joyce, der dieTechnik des „stream of consciousness“ in seinem Hauptwerk „Ulysses“perfektioniert hat.

Ein zeitgemäßes, ein politisches, ein wichtiges Buch. Ein Weckruf, der dazu auffordert, wachsam zu bleiben. Und eine nachdrückliche Leseempfehlung meinerseits!

Veröffentlicht am 25.07.2024

Faszinierender Genre-Mix aus Fantasy, Steampunk, Horror, Krimi, Ökologie und Kapitalismuskritik

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
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Wir sind an Bord der Transsibirischen Eisenbahn und begleiten im Jahr 1899 eine Zugbesatzung und ihre Passagiere auf dem Weg von Peking nach Moskau. Die Fahrt führt durch das Ödland, eine unwirtliche, ...

Wir sind an Bord der Transsibirischen Eisenbahn und begleiten im Jahr 1899 eine Zugbesatzung und ihre Passagiere auf dem Weg von Peking nach Moskau. Die Fahrt führt durch das Ödland, eine unwirtliche, menschenleere Steppe, in der man beim verbotenen Blick aus den Fenstern seltsame Vorkommnisse beobachten kann. Das Außen verändert sich, wirkt bedrohlich, fast scheint es, als wäre es lebendig, würde ein Eigenleben führen, hätte einen Plan.

Einen Plan hat auch Maria Petrowna, die unter falschem Namen reist und vorgibt, eine trauernde Witwe zu sein. In Wirklichkeit ist sie aber die Tochter des Glasmachers, in dessen Verantwortung es lag, die Fenster des Zuges herzustellen. Er sollte die Innen- von der Außenwelt abschotten, was offenbar aber nicht gelang, denn auf der seiner letzten Fahrt mit dem Zug brachen die Fenster. Wie sich später herausstellen wird, wurde damit der Weg frei für eine unkontrollierbare Materie gemacht, die sich ihren Weg ins Zuginnere bahnte. Mittlerweile ist er tot, angeblich an einem Herzinfarkt gestorben. Seine Tochter bezweifelt es, will herausfinden, was wirklich auf dieser letzten Fahrt ihres Vaters geschehen ist. Aber sie ist nicht die Einzige, die auf dieser Reise nach Gewissheit sucht, denn mit zunehmender Fahrt mehren sich die ungewöhnlichen Ereignisse.

Die Autorin baut die Handlung behutsam auf, ganz gleich, ob es um die Beschreibung der an den Zugfenstern vorbeiziehenden Landschaft oder die Charakterisierung der Personen geht. Das gelingt ihr zumindest in der ersten Hälfte auch wirklich gut. Sie schafft eine Atmosphäre, die gleichermaßen bedrohlich, aber auch faszinierend wirkt und damit den Leser bei der Stange hält. In der zweiten Hälfte sind leider einige Längen zu überwinden, ehe die Spannung zum Ende hin ihren Höhepunkt erreicht.

Sarah Brooks Roman, 2019 ausgezeichnet mit dem Lucy Cavendish Prize und 2021 mit einem Northern Debut Award von New Writing North, lässt sich nicht eindeutig in eine Genre-Schublade stecken. Es überwiegen die Fantasy-Elemente, die schon durch die Wahl des Transportmittels von den Besonderheiten des Steampunk beeinflusst sind. Dazu wohldosiert eine Prise Horror, Spannung, Ökologie und Kapitalismuskritik. Ohne Zweifel eine höchst interessante Mischung und eine unerwartet etwas andere Lektüre, die mich gut unterhalten hat. Lesen!