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Veröffentlicht am 11.05.2023

Die Zeit ist reif

Der letzte Sessellift
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In „Der letzte Sessellift“ begleiten wir die Brewsters: Rachel Brewster, Skilehrerin, abwesende Mutter von Adam, in einer lebenslangen Beziehung mit Molly, später Ehefrau des Englischlehrers Elliot Barlow, ...

In „Der letzte Sessellift“ begleiten wir die Brewsters: Rachel Brewster, Skilehrerin, abwesende Mutter von Adam, in einer lebenslangen Beziehung mit Molly, später Ehefrau des Englischlehrers Elliot Barlow, der im Lauf der Zeit vom Mann zur Frau wird. Adam, der außereheliche Sohn Rachels, quasi elternlos, zeitlebens auf der Suche nach seinem Vater, aufgewachsen bei seiner Großmutter, die in ihm die Liebe zum geschriebenen Wort weckt. Dazu der demente Großvater plus weitere Familienmitglieder, die sich allesamt gesellschaftlichen Konventionen verweigern und deshalb zu Außenseitern abgestempelt werden.

Auch wenn John Irving sich, wie in all seinen Romanen zu unkonventionellen Lebensentwürfen bekennt und für Toleranz wirbt, bleibt er in seinen Beschreibungen distanziert, kratzt weitgehend an der Oberfläche und taucht nicht, wie wir es von ihm erwarten, in das Innerste der Personen ein. Dafür nervt er mit endlosen Wiederholungen (Alter, Beruf, Namen) und einem Drehbuch, dessen Sinn sich mir nicht erschließen konnte. Einzig die Auseinandersetzung bzw. das zu Recht Anprangern der amerikanischen Politik bietet neue Aspekte, hier insbesondere das Anprangern der Versäumnisse der Reagan-Ära. Aber auch das kann diesen Roman nicht retten.

Die Zeit ist reif. In einem Interview hat der mittlerweile 81jährige Autor geäußert, dass „Der letzte Sessellift“ sein letzter langer Roman sein wird. Und das ist auch gut so. Irving, aus dessen Feder so herausragende Werke wie „Owen Meany“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, zwei Bücher, die seit gefühlten Ewigkeiten einen Spitzenplatz auf meiner Liste der Lieblingsbücher einnehmen, hat hier ein Werk abgeliefert, das sich zwar auf vertrautem Irving-Terrain bewegt und stellenweise durchaus unterhält, aber dennoch über weite Strecken ermüdend ist und den Erwartungen nicht gerecht wird, da es mit bekannten Versatzstücken arbeitet, die wir in seinen früheren Werken schon wesentlich besser gelesen haben.

Veröffentlicht am 04.05.2023

Eine Verbeugung vor den Klassikern des Genres

Neun Leben
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Die Ähnlichkeiten mit Agatha Christies „And then there were none“ (1939) sind in Peter Swansons neuem Roman offensichtlich: Neun Menschen (zehn bei Christie), verteilt über die gesamten Vereinigten Staaten ...

Die Ähnlichkeiten mit Agatha Christies „And then there were none“ (1939) sind in Peter Swansons neuem Roman offensichtlich: Neun Menschen (zehn bei Christie), verteilt über die gesamten Vereinigten Staaten (eine Insel bei Christie) bekommen Post. Keine E-Mail oder WhatsApp, sondern ganz altmodisch per Brief eine identische Liste mit neun Namen zugeschickt, ihren eigenen eingeschlossen. Sie kennen sich nicht, sind sich nie begegnet, haben unterschiedliche Jobs, wohnen noch nicht einmal in der gleichen Gegend. Ein dummer Scherz? Ein Versehen? Oder doch einen Warnung? Die einen ignorieren die Liste, andere hingegen sind beunruhigt. Als der erste Tote auftaucht, beginnt Jessica Wilson, die FBI-Agentin, deren Name ebenfalls auf der Liste steht, zu ermitteln, denn offenbar ist dieser Tote lediglich der Anfang einer Serie. Denn mit jedem zusätzlichen Leichenfund ist allmählich ein Muster erkennbar. Aber wo ist die Verbindung? Die Zeit ist drängt, kann dem Mörder noch rechtzeitig Einhalt geboten werden?

„Neun Leben“ ist eine Verbeugung vor dem klassisch-traditionellen Krimis, die wir insbesondere von britischen Autoren/Autorinnen kennen, in denen die Frage nach dem Whodunit in Zentrum der Handlung steht. Aber Swanson baut hier noch einen sehr geschickten Kniff ein. Er lässt die möglichen Opfer in abwechselnden Kapiteln zu Wort kommen und thematisiert deren biografischen Hintergründe. Zum einen lernen wir dadurch die möglichen Opfer besser kennen, zum anderen ist wird das Interesse des Lesers/der Leserin auch auf das mögliche Tatmotiv gerichtet, das in einer der Biografien verborgen sein könnte. Und natürlich hält sich der Autor hierbei auch an die ungeschriebenen Gesetze der Klassiker. Es gibt von Beginn an klare Hinweise im Text, die beim aufmerksamen Lesen ins Auge fallen und mit fortschreitender Handlung entsprechend eingeordnet werden können, was allerdings nicht zu Lasten der Spannung geht.

Ein unterhaltsamer, lesenswerter Kriminalroman für all diejenigen, die es trotz der vielen Toten eher soft und unblutig mögen.

Veröffentlicht am 30.04.2023

Unerfüllte Liebe

Der Gärtner von Wimbledon
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„Der Gärtner von Wimbledon“ ist die bittersüße Geschichte einer unerfüllten Liebe über Klassenschranken hinweg. Emotional und berührend, voller Gefühl, aber nie kitschig, sondern zurückhaltend formuliert. ...

„Der Gärtner von Wimbledon“ ist die bittersüße Geschichte einer unerfüllten Liebe über Klassenschranken hinweg. Emotional und berührend, voller Gefühl, aber nie kitschig, sondern zurückhaltend formuliert. Und mit der gleichen Zurückhaltung werden auch die Klassengegensätze beschrieben, wobei die Andeutungen mehr als ausreichend sind, um sich eine eigene Vorstellung zu dem „Upstairs / Downstairs“ Leben in und um Blake Hall zu bilden. Eine kleine, feine Lektüre für zwischedurch.

Allerdings hege ich leise Zweifel daran, dass diese Geschichte einer unerfüllten Liebe tatsächlich von einer Engländerin geschrieben wurde, denn es gibt weder eine veröffentlichte bzw. geplante englische Originalausgabe noch englischsprachige Informationen zur Autorin, was mir doch einigermaßen seltsam erscheint. Sei’s drum…

Rose und Henry lernen sich 1938 auf dem Landsitz Blake Hall kennen, wo Henrys Vater nach dem Tod seiner Frau eine Stelle als Gärtner angenommen hat. Sie freunden sich an, auch wenn das von Rose‘ Familie nicht gerne gesehen wird, denn in der englischen Klassengesellschaft hat jeder seinen vorgegebene Platz in der Hierarchie. Doch die Standesunterschiede können nicht verhindern, dass zwischen den beiden eine zarte Freundschaft aufblüht. Das verbindende Element ist Rose‘ Leidenschaft für Tennis, ihr großer Traum, in Wimbledon ein Turnier zu gewinnen. Dafür trainiert sie täglich und wird von Henry unterstützt, der nicht nur den Trainingsplatz von Blake Hall tiptop in Ordnung hält, sondern auch als Balljunge fungiert und sogar als Trainingspartner in die Bresche springt, wenn sonst niemand verfügbar ist. Sie verlieben sich, träumen von einer gemeinsamen Zukunft, aber Henry ist sich der Konsequenzen durchaus bewusst, die es nach sich ziehen könnte, sollte Rose‘ Familie je von seinen Gefühlen erfahren. Sein Vater könnte seine Stelle verlieren und sie müssten Blake Hall verlassen.

Doch es ist der Zweite Weltkrieg, der das Leben auf dem Landsitz tiefgreifend verändert. Der Tennisplatz wird zum Kartoffelacker und Rose muss ihre Träume begraben, distanziert sich von Henry und verkehrt nunmehr nur noch mit ihresgleichen. Henry hingegen kümmert sich bis zu seiner Einberufung um die Pferde, doch an seinen Gefühlen für Rose ändert sich nichts. Als der Krieg vorbei ist, hat er keinen Ort mehr, zu dem er zurückkehren könnte und nimmt die Stelle als Gärtner in Wimbledon an. Ob es wohl zu einem Wiedersehen mit Rose kommen wird?

Veröffentlicht am 28.04.2023

Es ist an der Zeit...

Das Erbe der Toten
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Zwei Fälle: „Big Ger“ Cafferty, Widersacher und Rebus‘ Nemesis, bittet diesen um einen Gefallen. Er soll einen seiner ehemaligen Geschäftspartner finden, der ihn gelinkt hat und danach abgetaucht ist. ...

Zwei Fälle: „Big Ger“ Cafferty, Widersacher und Rebus‘ Nemesis, bittet diesen um einen Gefallen. Er soll einen seiner ehemaligen Geschäftspartner finden, der ihn gelinkt hat und danach abgetaucht ist. Aber es gibt Gerüchte, dass er sich mittlerweile wieder in Edinburgh aufhält. In Clarkes Fall geht es um einen Ex-Polizisten, dem häusliche Gewalt vorgeworfen wird. Eigentlich ein klarer Fall, wenn er seine Gewalttätigkeit nicht durch die Prägung entschuldigen würde, die er in seinem alten Revier Tynecastle erfahren häbe. Um das zu untermauern, ist er bereit, seine ehemaligen Kollegen hinzuhängen. Und es wäre durchaus möglich, dass dabei auch der Name von John Rebus fällt, obwohl dieser dort nicht stationiert war.

Rankin schildert diese Ermittlungen souverän, auch wenn die eine oder andere Verbindung eher undurchsichtig und gewollt wirkt, was sich auch aus dem riesigen Personentableau ergibt, in dem gefühlt jede/r, dem wir in den vorhergegangenen Bände der Reihe begegnet sind, einen Auftritt hat. Aber wie immer sind zum Ende hin alle offenen Fragen hinreichend geklärt. Bis auf diejenige, mit der „Das Erbe der Toten“ eröffnet. Wird es Rebus gelingen, die Schlinge abzustreifen, die sich immer enger um seinen Hals legt?

Als ich „Das Erbe der Toten“ zuklappte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich Ian Rankin mit seiner Rebus-Reihe auf der Zielgeraden befindet. Unterstützt wurde dieses Gefühl durch eine Meldung im „Scotsman“ von 2022, an die ich mich erinnerte. In ihr stand, dass der Autor einen Vertrag mit seinem Verlag über lediglich zwei weitere Bücher der Reihe unterzeichnet hätte.

Wenn man nun bedenkt, dass Knots and Crosses, der erste Band der Reihe, 1987 erschienen ist (Verborgene Muster, 2000 in der Übersetzung) und wir seit damals in Echtzeit die Laufbahn des Protagonisten verfolgen konnten, scheint mir das eine schlüssige und nachvollziehbare Entscheidung zu sein, denn mittlerweile ist Rebus seit einigen Jahren im Ruhestand, hat zahlreiche gesundheitliche Probleme, was ihn aber nicht daran hindert, sich immer wieder in Ermittlungen seiner ehemaligen Kollegin DI Siobhan Clarke einzumischen. Gefühlt wäre es jetzt an der Zeit, Abschied zu nehmen, denn mittlerweile wirkt Rebus mit seiner nicht immer rühmlichen Vergangenheit und seinen Kontakten zur Unterwelt stellenweise wie ein Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche, und so sollte es durchaus möglich sein, dass John Rebus den Staffelstab an Siobhan Clarke weiterreicht.

Veröffentlicht am 26.04.2023

Ausgeliefert

Institut für gute Mütter
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Die alleinerziehende Frida hat einen Fehler gemacht. Einen Fehler, der dafür verantwortlich ist, dass ihr gesamtes Leben aus den Fugen gerät. Eigentlich wollte sie doch nur einen Kaffee kaufen, hat dann ...

Die alleinerziehende Frida hat einen Fehler gemacht. Einen Fehler, der dafür verantwortlich ist, dass ihr gesamtes Leben aus den Fugen gerät. Eigentlich wollte sie doch nur einen Kaffee kaufen, hat dann aber auch noch in ihrem Büro Unterlagen abgeholt, die sie für ihre Arbeit benötigt, und aus der geplanten kurzen Abwesenheit werden schlussendlich zweieinhalb Stunden, in denen sie ihre 18 Monate alte Tochter allein in der Wohnung zurückgelassen hat. Die Nachbarn hören deren Weinen, alarmieren die Behörden. Frida wird das Kind weggenommen, darf es nur noch unter Aufsicht sehen und muss nun beweisen, dass sie die enggesteckten Kriterien erfüllt, die die staatlichen Stellen für Mutterschaft zugrunde gelegt haben, erfüllt. Es gelingt ihr nicht, und so wird sie in ein Umerziehungsinstitut geschickt, in dem sie rund um die Uhr überwacht und diszipliniert wird und mit Hilfe einer KI-Puppe als Kindersatz verinnerlichen soll, was eine gute Mutter ausmacht.

Als ich Jessamine Chans „Institut für gute Mütter“ gelesen habe, musste ich unweigerlich an die Werke der französischen Philosophin Elisabeth Badinter denken, die sich zeitlebens kritisch mit dem Thema Mutterschaft und der gesellschaftlichen Verherrlichung der Mutterliebe auseinandergesetzt hat. Aber in dem Roman der amerikanischen Autorin mit chinesischen Wurzel geht es neben den Erwartungshaltungen, die das persönliche Umfeld an die Protagonistin hat, auch um Überwachung, Behördenwillkür und den Verlust der Selbstbestimmung. Das mag auf den ersten Blick dystopisch wirken – und natürlich drängt sich hier der Vergleich mit Atwoods „Der Report der Magd“ – ist aber in manchen Ländern, zumindest in Grundzügen, bereits Realität. Den Kontrollverlust, die Ohnmacht, einem totalitären Regime ausgeliefert zu sein, ohne die Möglichkeit, nach eigenem Ermessen zu agieren, ist einen gruselige Vorstellung, deren Auswirkungen Chan sehr eindrücklich beschreibt. Eine Situation, in der man der Willkür staatlicher Stellen und einem abstrusen Wertesystem ausgeliefert ist und in die niemand jemals geraten möchte.