Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.03.2022

Zurück zu alter Stärke

Boom Town Blues
0

Nach „Schwarze Seele“, dem zweiten Band mit Patsy Logan, hatte ich schon die Befürchtung, dass die Luft aus dieser Reihe raus wäre. Aber weit gefehlt, mit „Boom Town Blues“ hat sowohl die forsche Ermittlerin ...

Nach „Schwarze Seele“, dem zweiten Band mit Patsy Logan, hatte ich schon die Befürchtung, dass die Luft aus dieser Reihe raus wäre. Aber weit gefehlt, mit „Boom Town Blues“ hat sowohl die forsche Ermittlerin als auch deren Schöpferin Ellen Dunne zurück zu alter Stärke gefunden.

Patsy ist weg. Zumindest vorübergehend. Weg aus München, weg vom LKA, weg aus der kriselnden Ehe, die an all dem Unausgesprochenen zu ersticken droht. Offiziell drei Monate Bildungskarenz, gefühlt aber ein Reset, um sich darüber klar zu werden, wie es weitergehen soll. Dublin und ihre Cousine Sinéad scheinen die richtige Wahl. Aber die Auszeit soll nicht lange währen, denn während eines Essens in der Residenz des österreichischen Botschafters bricht die Tochter des stellvertretenden Hauptgeschäftsführers der Bayerischen Handelskammer zusammen und stirbt. Offenbar wurde sie vergiftet, aber wer könnte ein Interesse am gewaltsamen Tod einer deutschen Praktikantin haben?

Ein Anruf aus München setzt Patsy davon in Kenntnis, dass um Amtshilfe gebeten wurde. Gemeinsam mit Sam Feurstein, dem österreichischen Attaché, soll sie die irischen Kollegen bei ihren Ermittlungen unterstützen, was von diesen allerdings nicht unbedingt freudig begrüßt wird. Und als ob das noch nicht genug wäre, tritt auch Ben Ferguson, den wir bereits aus dem Vorgängerband kennen, auf den Plan. Eine Konstellation, die Probleme verspricht. Oder? Zumal sich während der Ermittlungen herausstellt, dass der Fall weitaus komplizierter als anfangs vermutet ist.

Bereits der Einstieg lässt vermuten, dass wir es hier nicht mit einem 08/15 Krimi zu tun haben, der dem typischen Irland-Klischee mit grünen Wiesen, glücklichen Kühen und trinkfesten Bewohnern entspricht, und in erster Linie ist das der literarischen Form geschuldet. Die Story wird nicht linear erzählt, der aktuelle Fall immer wieder von einzelnen Ausflügen in die jüngere politische Vergangenheit der Insel unterbrochen, die vor allem im privaten Bereich gravierende Auswirkungen hat.

Kurzer Einschub: Vielleicht erinnert sich ja noch jemand an die Finanzkrise 2008, die dem nach Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs prosperierenden „Celtic Tiger“ die Zähne gezogen hat. Die Wirtschaft liegt am Boden, das Bruttoinlandsprodukt stürzt ab, die Arbeitslosenzahlen steigen in ungeahnte Höhen. Und während von Regierungsseite großzügige Rettungsschirme für die Banken aufgespannt werden, lässt man Privatleute ungebremst ins offene Messer laufen. Durch Immobilienkäufe verschuldet, können Kredite nicht mehr bedient werden, unzählige Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Der Autorin gelingt der Spagat, diese Realität anschaulich und informativ (aber nie dozierend) zu beschreiben und mit einer spannenden und in der Gegenwart schlüssig verankerten Krimihandlung zu verbinden, in der auch Patsys Privatleben und das dazu passende Irlandfeeling nicht zu kurz kommt. Ich erinnere nur an das „erfrischende“ Bad in der Irischen See. Und natürlich gibt es da ja auch noch immer das Fragezeichen in der Familiengeschichte der Protagonistin, was das Schicksal ihres toten/verschwundenen (und ev. mit der IRA verbandelten) Vaters angeht.

Eine gelungene Fortsetzung der Reihe, mit der die Autorin alles richtig gemacht hat und an der es nichts rumzumäkeln gibt. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung der Reihe. Große Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 01.03.2022

Ein Kampf auf Leben und Tod

Sturmvögel
0

Als die 32köpfige Besatzung des Fischtrawlers Mávur von Reykjavik aus zu den Fanggründen vor Neufundland aufbricht, ist jedem der Männer bewusst, dass ihre Arbeit auf See Gefahren birgt. Aber Island Wellen ...

Als die 32köpfige Besatzung des Fischtrawlers Mávur von Reykjavik aus zu den Fanggründen vor Neufundland aufbricht, ist jedem der Männer bewusst, dass ihre Arbeit auf See Gefahren birgt. Aber Island Wellen und Wind gehören zu ihrem Leben dazu, und wenn am Ende der Fahrt der Lohn ausgezahlt wird, ist alles wieder vergessen.

Einar Kárason bezieht sich in seinem schmalen Roman „Sturmvögel“ auf ein historisches Ereignis, das im Februar 1959 mehr als 200 Seeleute das Leben kostete. Auf 140 Seiten schildert er den Überlebenskampf der Männer, die vor der Küste Neufundlands im wahrsten Sinn des Wortes kalt erwischt werden. Die Fangquote ist gut, die Tanks gefüllt, als der Trawler in einen Wintersturm gerät, der ihnen alles abverlangt. Meterhohe Brecher treffen die Mávur mit Wucht, die Beladung macht das Manövrieren fast unmöglich, das Wasser bleibt auf dem Deck stehen, gefriert durch die extreme Kälte. Eisschichten auf Netzen, Körben und Winden. Mit Hammer, Axt und Schraubenschlüsseln gegen das Eis, übermüdet, durchgefroren bis auf die Knochen, immer der Gefahr ausgesetzt, mit der nächsten Welle von Bord gespült zu werden. Kein sicherer Halt. Ein verbissener Kampf gegen den eisigen Tod.

Die Rettung kann nur gelingen, wenn persönliche Befindlichkeiten hintenan gestellt werden, wenn Hand in Hand als Kollektiv ums Überleben gekämpft wird, jeder sein Bestes gibt. Deshalb bleiben die Männer auch namenlos und werden lediglich durch ihre Aufgaben bezeichnet. Der einzige, den wir namentlich kennenlernen, ist Lárus, der Jüngste an Bord, aber auch nur deshalb, weil wir aus dessen Perspektive die damaligen Ereignisse geschildert bekommen.

Alle überleben, aber nur acht von ihnen trauen sich noch einmal auf See.

Trotz (oder wegen?) der Kürze ein unglaublich intensives und beeindruckendes Leseerlebnis, ausgezeichnet übersetzt von Kárasons Schriftstellerkollegen Kristof Magnusson.

Veröffentlicht am 24.02.2022

So entstaubt man einen Klassiker

Tell
0

Wilhelm Tell, Mythos und Schweizer Nationalheld, dessen Geschichte von Friedrich Schiller in die Bühnenfassung gebracht wurde. Für Generationen von Schülern Pflichtlektüre. Und jetzt kommt Joachim B. Schmidt, ...

Wilhelm Tell, Mythos und Schweizer Nationalheld, dessen Geschichte von Friedrich Schiller in die Bühnenfassung gebracht wurde. Für Generationen von Schülern Pflichtlektüre. Und jetzt kommt Joachim B. Schmidt, der nach Island ausgewanderter Schweizer daher, entstaubt und modernisiert den eidgenössischen Klassiker. Und wie er das macht ist furios, denn bei ihm kommt die Geschichte des Freiheitskämpfers, der so virtuos mit der Armbrust umgehen konnte, im Gewand eines Pulp Romans daher.

Schmidt reduziert den Stoff auf das Wesentliche, gibt den Akteuren aber einen differenzierten Hintergrund mit. Fünf Akte werden zu zehn Kapiteln, innerhalb derer die Sichtweisen aus zwanzig unterschiedliche Perspektiven in hohem Tempo wie Trommelfeuer auf den Leser einprasseln und kaum Zeit zum Luftholen lassen. Unterstützt und forciert wird das noch durch jede Menge Cliffhanger.

Das Personal bleibt bekannt, aber der Autor knackt die Distanz, die man bei Lesen des Originals hat, weil er einen Blick in deren Innerstes wagt. Tell, immer noch in Trauer wegen des Todes seines Bruders, steht stellvertretend für die Bergbauern. Ist ausgelaugt von der schweren Arbeit, wortkarg, unberechenbar, brutal. Gessler, der Reichsvogt, ist ein Zauderer, entschlussschwach zweifelnd. Harras, sein Stallmeister, hingegen verkörpert den Oberschurken, der voller Verachtung auf die Bauern schaut und sie demütigt. Bemerkenswert allerdings ist die Rolle der Frauen, die aus dem Hintergrund treten, aktiv sind, die tun, was getan werden muss, um ihre Familie und den Besitz zu beschützen und ihren Beitrag zum Überleben leisten.

Eine gelungene Neuinterpretation des Klassikers, die das Zeug zur Schullektüre hat. Am besten im direkten Vergleich mit dem Original.

Veröffentlicht am 22.02.2022

Im Einklang mit der Natur

Ein Ring aus hellem Wasser
0

Nature Writing, diese literarische Gattung, die fast schon vom Buchmarkt verschwunden war, hat im Zuge des gestiegenen Umweltbewusstseins in den letzten Jahren wieder vermehrt ihre Leser gefunden. Und ...

Nature Writing, diese literarische Gattung, die fast schon vom Buchmarkt verschwunden war, hat im Zuge des gestiegenen Umweltbewusstseins in den letzten Jahren wieder vermehrt ihre Leser gefunden. Und so verwundert es nicht, dass jetzt auch dieser Klassiker aus dem englischsprachigen Raum neu aufgelegt wurde. „Ein Ring aus hellem Wasser“ von Gavin Maxwell (1914 – 1969), erstmals 1960 im Original, 1964 in der Übersetzung erschienen und 1969 unter dem Titel „Mein Freund, der Otter“ verfilmt, ist ein gelungenes Beispiel dafür, vereint es doch mit seiner Innen- und Außensichtung alles, was dieses Genres ausmacht.

Der Autor ist Schotte, stammt aus einer adligen Familie und war für die Scots Guards im Zweiten Weltkrieg als Ausbilder in einer nachrichtendienstlichen Spezialeinheit aktiv. Er ist ein Suchender, schon immer von der Natur und ihren Geschöpfen und den Beziehungen zwischen Mensch und Tier fasziniert, und so verwundert es nicht, dass er bei einer Forschungsreise durch die irakischen Sümpfe seine Liebe zu einem klugen Fischotter entdeckt, den er Mijbil nennt. Er beschließt, ihn mit in seine schottische Heimat zu nehmen, wo er sich seit 1949 in ein abgelegenes Cottage in den Highlands an der schottischen Westküste zurückgezogen hat. Und so wird die Geschichte eines Mannes fortgeschrieben, der im Leben mit und in der Natur und ihren Geschöpfen trotz allen Unwägbarkeiten Ruhe und Erfüllung findet.

Obwohl es natürlich auch wunderbare Landschaftsbeschreibungen gibt, verzichtet Maxwell auf die verkitschten Darstellungen à la Zurück zur Natur mit Sonnenuntergang. Er zeigt vielmehr deren dunkle, unbarmherzige und raue Seite, in der Sentimentalitäten nur wenig Raum eingeräumt wird, in der „Fressen und gefressen werden“ zum Alltag gehört. Und genau das ist es, was diese Aufzeichnungen so lesenswert, so einzigartig und gleichzeitig so anrührend macht.

Veröffentlicht am 21.02.2022

So wird das nix...

Selber backen statt kaufen
0

Smarticular möchte das Thema Nachhaltigkeit fest im Bewusstsein der Gesellschaft verankern. Deshalb gibt es neben dem Ideenportal mittlerweile auch einen Verlag, in dem Publikationen zu den unterschiedlichsten ...

Smarticular möchte das Thema Nachhaltigkeit fest im Bewusstsein der Gesellschaft verankern. Deshalb gibt es neben dem Ideenportal mittlerweile auch einen Verlag, in dem Publikationen zu den unterschiedlichsten Themen erscheinen, darunter auch einige Koch- und Backbücher, die den Nutzern aufzeigen wollen, dass Selbermachen meist die bessere Alternative zu Gekauftem ist.

Nachdem im Zuge der Pandemie die Zahl der Hobbybäckerinnen rasant angestiegen ist, war es natürlich auch nur eine Frage der Zeit, bis das entsprechende Backbuch „Selber backen statt kaufen“ das Angebot ergänzt, das diesen Bereich abdecken soll. So weit, so gut. Oder etwa doch nicht?

Auf etwas über 200 Seiten finden wir meist einfache Rezepte für Brot und Brötchen, Rührkuchen, Kekse und Knabbereien sowie eine Handvoll für Herzhaftes. Diese richten sich in erster Linie an Anfänger, denen damit eine Alternative zu gekauften Produkten geboten werden soll. Allerdings bezweifle ich sehr, dass diese Rechnung aufgeht. Die begleitenden Fotos machen einen eher amateurhaften Eindruck und animieren nicht unbedingt zum Nachbacken. Man schaue sich nur das Bild des Rührkuchens an…

Ich backe schon seit Jahrzehnten, und zwar nicht nur Kuchen sondern auch unser täglich Brot, kann also einschätzen, ob ein Rezept funktioniert oder nicht. Ich befürchte, dass hier vor Veröffentlichung nicht hinreichend getestet wurde, und das betrifft leider einige Rezepte. Da stimmen die Verhältnisse von Flüssigkeit zu Mehlmenge nicht, Triebmittelmengen sind zu niedrig angesetzt, Backtemperaturen und -zeiten hauen nicht hin. Etwas mehr Sorgfalt wäre hier wünschenswert gewesen, denn so ist die Frustration der Neulinge vorprogrammiert.

Aus den genannten Gründen kann ich dieses Backbuch weder Anfänger
innen noch versierten Hobbybäcker*innen empfehlen. Aber glücklicherweise gibt es ja genügend Alternativen.