Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.05.2022

Wenn man nichts zu verlieren hat...

Ocean State
0

Rhode Island, der titelgebende „Ocean State“ in New England, kleinster Bundesstaat der USA. An der Küste die Luxusvillen der Superreichen, in den Kleinstädten Häuser, an denen die Farbe abblättert, die ...

Rhode Island, der titelgebende „Ocean State“ in New England, kleinster Bundesstaat der USA. An der Küste die Luxusvillen der Superreichen, in den Kleinstädten Häuser, an denen die Farbe abblättert, die Blumen verwelkt sind, das Gras hüfthoch in den Vorgärten steht und die ausrangierten Hummerfallen vor sich hin rosten.

Es sind diese Gegensätze, die gesellschaftlichen Verwerfungen, für die Stewart O’Nan ein Auge hat und sie in fast allen seiner Romane zum zugrunde liegenden Thema macht. So auch in seinem neuen Roman, der uns schon mit dem ersten Satz mitten hinein in die Story katapultiert: „Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten.“

2009, Ashaway, ein heruntergekommenes Haus nahe der stillgelegten Mühle. Neuer Wohnort der Olivieras. Carol, die alleinerziehende Mutter, arbeitet als Hilfspflegerin in einem Altenheim und lebt mit ihren Teenagertöchtern Angel und Marie in einem heruntergekommenen Haus draußen bei der alten Fabrik. Was ihre Männerbekanntschaften angeht, ist sie nicht sonderlich wählerisch, jeder einzelne stellt sich als Fehlgriff heraus. Auch wenn sie ihnen kein gutes Vorbild ist, liebt sie doch ihre Mädchen und sorgt für sie, würde ihnen gerne mehr bieten. Marie, die dreizehnjährige Erzählerin, fühlt sich als die Außenseiterin der Familie. Zu pummelig, zu unbeholfen, zu unbeliebt. Ganz anders Angel, ihre große Schwester, die sie vergöttert und die all das ist, was sie gern wäre. Groß, hübsch, beliebt und selbstbewusst. Angel wiederum macht sich keine Illusionen über ihre Zukunft. Zu schlecht sind ihre Startbedingungen, da bleibt nach dem Schulabschluss nur ein schlechtbezahlter Job, Mann und Kind. Kein Platz für Träume, ausgeschlossen ein gemeinsames Leben mit ihrem High School Sweetheart, dem Jungen aus reichem Hause, der das College besuchen, eine passende Frau finden und Angel vergessen wird. Myles, der sie bereits jetzt schon mit Birdy betrügt, die einen ähnlichen familiären Hintergrund wie Angel hat und alles daran setzt, Myles für sich zu gewinnen, womit die Tragödie ihren Lauf nimmt und nicht mehr aufzuhalten ist.

Mit feinem Gespür für die Lebenssituation der vier Frauen erzählt O’Nan eine Geschichte von großen Erwartungen, enttäuschter Hoffnung, falschen Entscheidungen und der Gewissheit, dass auch in Amerika nicht jede Frau ihres Glückes Schmied ist. Einzig Myles bleibt blass, ist nur ein verwöhnter Schnösel.

Es sind die beiden alternierenden Erzählstränge, die das Geschehene so eindringlich wirken lassen. Das Wissen um ein Leben ohne Perspektive, aus dem es kein Entkommen gibt, man nichts zu verlieren hat und deshalb alles riskieren kann. Eine Handlung, die wie der Blick auf einen Zug wirkt, der in hohem Tempo ungebremst auf ein Hindernis zurast, weil eine Weiche falsch gestellt wurde.

Veröffentlicht am 15.05.2022

Unausgegoren

Der Mann aus dem Schatten
0

Lagercrantz hat auf Bitten der Erben Stieg Larssons Millenium Trilogie fortgeschrieben, und das hat er auch ganz ordentlich gemacht. Kein Wunder, waren sowohl die Charaktere als auch die grundlegende Handlungsrichtung ...

Lagercrantz hat auf Bitten der Erben Stieg Larssons Millenium Trilogie fortgeschrieben, und das hat er auch ganz ordentlich gemacht. Kein Wunder, waren sowohl die Charaktere als auch die grundlegende Handlungsrichtung von Larsson bereits weitgehend angelegt. Ein Grundgerüst, an dem er sich entlang hangeln konnte.

Allerdings trugen diese Vorschusslorbeeren nur dazu bei, dass meine Erwartungen enttäuscht wurden. Warum?

In "Der Mann aus dem Schatten" hingegen musste er sich allein auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen, und bei denen hakt es leider an allen Ecken und Enden. Das Personal wirkt hölzern, auch wenn er versucht, es mit einigen Alleinstellungsmerkmalen aufzupeppen, die Story ist unausgegoren, nimmt kaum Fahrt auf und animiert durch unnötiges Füllmaterial in keinster Weise zum zügigen Weiterlesen. Im Gegenteil. Bei mir hat sie viele Male für Augenrollen und die Frage nach dem Was-soll-denn-das gesorgt.

Kein Autor, dessen Werk ich weiterverfolgen werde.

Veröffentlicht am 10.05.2022

Krimi mit Corona

Der gute Samariter
1

„Der gute Samariter“ ist Band 7 der Reihe, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die beiden Autoren diesmal über das Ziel hinausgeschossen sind. Zwar könnte dann die Konzentration auf das ...

„Der gute Samariter“ ist Band 7 der Reihe, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die beiden Autoren diesmal über das Ziel hinausgeschossen sind. Zwar könnte dann die Konzentration auf das Schicksal der Hauptfigur/en dann eine Weile helfen, aber das ist mir in diesem Genre zu dürftig, denn das reicht in der Regel nicht, um mein Interesse aufrecht zu halten. Vor allem dann, wenn keine neuen Impulse gegeben werden.

Drei unterschiedliche Ebenen bestimmen die Story, die jeweils den bekannten Protagonisten zuzuschlagen sind. Ausgangspunkt ist die Entführung von Olivia Rönning (Nr. 1) und die Suche nach ihr. Und hier greift Tom Stilton (Nr. 2) in die Handlung ein, der die selbstgewählte Isolation in Zeiten der Pandemie aufgibt und sich dem Suchteam anschließt. Es gibt zwar einen Hinweis auf den Ort, aber die Suche wird erschwert durch den Brand des Hauses, in dem Olivia gefangen gehalten wurde, denn in den Trümmern findet man eine verkohlte Leiche. Olivia taucht wieder auf, aber wer hat das Feuer gelegt und warum? Mette (Nr. 3), die Ex-Chefin, ist gelangweilt und freut sich, als man ihr eine neue Aufgabe anbietet. Sie soll als Sicherheitskoordinatorin für die Impfstofflieferungen tätig werden. Allerdings hat sie nicht damit gerechnet, dass es jemanden gibt, der ein Interesse an der Sabotierung der Transporte hat.

Man sieht es schon, die Pandemie ist ein wiederkehrendes Thema dieses Krimis und überlagert leider streckenweise die durchaus klug und spannend angelegten und souverän verschränkten Handlungsebenen über Gebühr. Wer die Vorgänger gelesen hat, weiß, dass in dieser Reihe immer wieder zeitgenössische Probleme angesprochen werden. Das habe ich in der Vergangenheit durchaus honoriert. Aber nach den beiden zurückliegenden Corona-Jahren hält sich meine Bereitschaft, davon auch noch in Krimis zu lesen, sehr im Rahmen.

Veröffentlicht am 08.05.2022

Insiderblick ins Milieu

Real Easy
0

Wenn man dem Klappentext Glauben schenkt, hat die Autorin in einem früheren Leben selbst an der Stange getanzt. Das merkt man diesem Thriller deutlich an, denn sie legt wesentlich mehr Wert auf die Schilderungen ...

Wenn man dem Klappentext Glauben schenkt, hat die Autorin in einem früheren Leben selbst an der Stange getanzt. Das merkt man diesem Thriller deutlich an, denn sie legt wesentlich mehr Wert auf die Schilderungen des Berufsalltags der Tänzerinnen als auf den Plot, der die Bezeichnung Thriller verdient hätte. Die multiperspektivische Erzählweise tut das übrige dazu, denn dadurch zerfasert die Handlung. Die Schilderungen des Arbeitsalltags der Frauen wiederholen sich, man muss nicht zum zigsten Mal wissen, wie wichtig die richtigen Schuhe und das passende Make Up sind, damit am Ende des Abends genug Netto vom Brutto übrig bleibt. Dazu hier eine Rivalität, da Gedanken über unangenehme Kunden, ja, so wird es in diesem Milieu wohl zugehen. Die Einzelschicksale sind nur mäßig interessant und gewähren Eindrücke in Lebenssituationen, die auch nicht weiter überraschen. Tja, und die Frage nach dem Täter? Die konnte ich bereits nach knapp 50 Seiten beantworten.

Veröffentlicht am 05.05.2022

So muss Urban Fantasy sein

Die Silberkammer in der Chancery Lane
0

Will man sich detailliert über die Geschichte Londons informieren, gibt es drei Möglichkeiten, die ich allesamt nachdrücklich empfehlen kann. Erstens: Vor Ort bietet sich das informative und sehr gut kuratierte ...

Will man sich detailliert über die Geschichte Londons informieren, gibt es drei Möglichkeiten, die ich allesamt nachdrücklich empfehlen kann. Erstens: Vor Ort bietet sich das informative und sehr gut kuratierte Museum of London an. Zweitens: Peter Ackroyds brillantes Buch „London – Die Biographie. Und dann gibt es noch die dritte Möglichkeit für all diejenigen, die Historisches am liebsten verpackt in einer spannenden Story lesen. Denen empfehle ich die Rivers-of-London Romane von Ben Aaronovitch, in der man gemeinsam mit Peter Grant, Bobby bei der Metropolitan Police, tief in die Geschichte der englischen Metropole eintauchen kann. In „Die Silberkammer in der Chancery Lane“, dem aktuellen Band dieser Urban-Fantasy-Reihe, wird der Radius sogar erweitert, denn Peter muss im Zuge der Ermittlungen nicht nur in den englischen Norden reisen, sondern kommt auch in Kontakt mit Ereignissen, die bis ins Mittelalter und zu Oliver Cromwell zurückreichen.

Die unterirdischen „London Silver Vaults“ beherbergen die größte Silbersammlung der Welt. 1885 ursprünglich als Tresorräume für Privatleute konzipiert, wurden die sicheren Räumlichkeiten im Lauf der Jahre zunehmend von Silberhändlern genutzt und sind mittlerweile quasi eine Shopping Mall für Silberwaren. Als von dort ein versuchter Raubüberfall mit Todesfolge gemeldet wird, der eindeutig übernatürliche Züge zeigt, wird das Team von Thomas Nightingale, Inspektor und letzter Zauberer Englands, sein Protégé Peter Grant, der mittlerweile auch als Ausbilder tätig ist, die Praktikantin Danni Wickford und DS Sahra Guleed zum Tatort gerufen. Nicht nur, dass der Tote ein riesiges Loch in der Brust hat, bei der Autopsie findet Dr. Walid in dessen Körper einen Metallzylinder mit einer Vestigia-Signatur. Mit dieser Art Magie können weder Nightingale noch Grant etwas anfangen. Erst die Befragung der Ex-Frau des Ermordeten weist die Richtung, aber noch ist nicht allen Beteiligten klar, worum es letztlich geht. Vor allem rechnet niemand damit, dass dieser Ring noch weitere Todesopfer fordern wird.

Aaronovitch verbindet in dieser Reihe die Merkmale des klassischen Polizeiromans mit jeder Menge Fantasyelementen, verortet dies an realen Locations, webt interessante Hintergrundinformationen ein und garniert das alles mit einer unterhaltsamen Prise englischen Humors, die an Monty Python erinnert. So muss Urban Fantasy sein: Spannung, Fantasy, Historie und Witz, eine absolut gelungene Mischung, die immer wieder eine höchst vergnügliche Lektüre garantiert. To be continued…ich freue mich darauf.

P.S. Das Gendern in der Übersetzung hätte man sich schenken können.