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Veröffentlicht am 14.08.2021

Auf den Punkt

Sommer
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2020, ein Wendepunkt, ein Jahr, das uns schmerzlich die Auswirkungen unseres gedankenlosen Verhaltens vor Augen führt und gleichzeitig das Versagen der Politik anprangert.

„Sommer“, Abschlussband des ...

2020, ein Wendepunkt, ein Jahr, das uns schmerzlich die Auswirkungen unseres gedankenlosen Verhaltens vor Augen führt und gleichzeitig das Versagen der Politik anprangert.

„Sommer“, Abschlussband des Jahreszeiten-Quartetts, setzt zu Beginn des vergangenen Jahres ein. Die Auswirkungen des Brexit werden im täglichen Leben spürbar. Nachrichtensendungen zeigen Bilder erschreckenden Ausmaßes vom anderen Ende der Welt. Australien brennt, Tiere werden zum Opfer der Flammen, Menschen flüchten aus dem Inferno. Die Welt wird erstmals von einem Virus heimgesucht, dessen Auswirkungen in seiner ganzen Tragweite noch niemandem bewusst sind, aber bereits jetzt schon ahnen lassen, dass unser Leben sich für immer verändern wird. Globale Katastrophen, die Politik hilflos. Unfähig Entscheidungen zu treffen. Die Menschen nehmen es hin, verharren in Apathie. Die junge Generation mit ihrem Willen zur Veränderung als Hoffnungsträger.

Vier Jahre, vier Jahreszeiten, vier Romane, die unsere Gesellschaft abbilden und uns durch die Augen der schottischen Autorin unsere politische Gegenwart sehen lassen. Zu Werken aus Kunst und Literatur in Bezug gesetzt, letztere meist englische Klassiker wie Shakespeare und Dickens, unaufdringlich und gerade deshalb umso eindringlicher in ihrem Nachhall.

„Herbst“, der Brexit-Roman, „Winter“ über Trumpismus, „Frühling“, über Grenzen und die Flüchtlingskrise. „Sommer“ thematisiert die Klimakrise, Covid und dessen Auswirkungen auf unser soziales Leben. Natürlich kann man auch diesen Band einzeln lesen, aber seine besondere Wirkung entfaltet er nur dann, wenn man ihn als Teil der Reihe erlebt, da immer wieder Bezüge zu den Vorgängern hergestellt werden, Kommentare/Anspielungen auf deren Thematik, Personen in Momentaufnahmen in die aktuelle Handlung eingebunden werden, die dort zentrale Rollen hatten.

Ali Smith ist eine der großen britischen Gegenwartsautorinnen, die die politische Gegenwart betrachtet, analysiert und mit dem ihr eigenen Sprachgefühl sichtbar macht und kommentiert, zum Nachdenken anregt. Immer brillant und auf den Punkt.

Veröffentlicht am 13.08.2021

Kein typischer King, und genau deshalb so gut!

Billy Summers
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Seit Jahrzehnten fiebere ich jedem neuen Roman des Autors entgegen. Warum? Weil die Stärke seiner Werke in den detaillierten Beschreibungen liegt, ganz gleich, ob es um die Charaktere oder die Kleinstädte ...

Seit Jahrzehnten fiebere ich jedem neuen Roman des Autors entgegen. Warum? Weil die Stärke seiner Werke in den detaillierten Beschreibungen liegt, ganz gleich, ob es um die Charaktere oder die Kleinstädte geht, in denen er in der Regel seine Geschichten verortet. Er schaut unter die Oberfläche und nimmt den Leser damit ganz nah mit in die Handlung hinein. Man kann gar nicht anders, als Sym- oder Antipathien zu entwickeln.

So auch hier: der titelgebende „Billy Summers“ ist ein Auftragskiller mit Moral, denn er tötet nur böse Menschen. Sein Handwerk hat er beim Militär gelernt, wo er als Scharfschütze ausgebildet wurde. Sein gegenwärtiger Auftrag, obwohl mit 2 Millionen dotiert, erfüllt ihn mit Skepsis. Eigentlich möchte er sich danach zur Ruhe setzen, das Leben genießen, aber da ist so ein ungutes Gefühl. Und wie es sich herausstellen wird, liegt er damit richtig, denn die Hintermänner haben beschlossen, dass er diesen Auftrag nicht überleben soll.

Auftragskiller, Schriftsteller, IT-Fachmann, drei verschiedene Identitäten, mit denen King seinen Protagonisten jonglieren lässt, und die er alle bis ins kleinste Detail ausfüllt. Absolut gelungen. Am intensivsten wird es dann, wenn Billy seine Lebensgeschichte niederschreibt, die alles andere als einfach war/ist. Eigentlich zutiefst einsam, ist es so nicht weiter verwunderlich, dass er sich rührend um die junge Alice kümmert, sie unter seine Fittiche nimmt, ihr die Zuneigung zuteilwerden lässt, die ihm sein gesamtes Leben gefehlt hat. Sie scheint der einzige Mensch zu sein, zu der er Vertrauen hat, der er sich öffnet. Bis zum bitteren Ende.

"Billy Summers" ist kein typischer Stephen King Thriller. Er zeigt uns die andere Seite des Autors, für die ich ihn so schätze. Ruhig, fast bedächtig komponiert, setzt er nicht auf Action und Schockmomente, sondern bietet uns tiefe Einblicke in die Persönlichkeit des Protagonisten. Absolut gelungen, volle Punktzahl!

Veröffentlicht am 10.08.2021

Erneut ein großartiger Wurf des Autors

Harlem Shuffle
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Dreh- und Angelpunkt der Story ist der sympathische Protagonist Ray Carney, ein Gebrauchtwarenhändler, dessen Geschäfte in letzter Zeit eher schleppend laufen. Ein Umstand, der ihm Kopfzerbrechen bereitet, ...

Dreh- und Angelpunkt der Story ist der sympathische Protagonist Ray Carney, ein Gebrauchtwarenhändler, dessen Geschäfte in letzter Zeit eher schleppend laufen. Ein Umstand, der ihm Kopfzerbrechen bereitet, da die Upper Middle Class Familie seiner Frau Elizabeth ihn eh misstrauisch beäugt. Sein Ringen um Akzeptanz, natürlich verknüpft mit materiellem Wohlstand, führt dazu, dass er sich immer wieder auf krumme Geschäfte einlässt und als Mittelsmann für Hehlerware fungiert, die ihm sein Cousin vorbei bringt. Dass das nicht ungefährlich ist, zeigt sich spätestens, als dieser sich für einen großen Coup mit dem richtig bösen Buben der Harlemer Unterwelt einlässt. Natürlich geht die Sache schief, ist aber auch ein Weckruf für Ray, der sich endlich der Machtverhältnisse bewusst wird, sich fragen muss, wie es um seine persönliche Moral bestellt ist, in welchen Abhängigkeiten er sich verfangen hat und wie seine Zukunft aussehen soll…

Colson Whitehead, der zweifache Pulitzerpreisträger (2016 für „Underground Railroad“ und 2020 für „Die Nickelboys“), nimmt uns in seinem neuen Roman „Harlem Shuffle“ mit in das New York der frühen sechziger Jahre. Das Buch schlägt einen zeitlichen Bogen von 1959 bis zu den Harlem Riots von 1964 und ist so vieles: Zuerst natürlich eine Liebeserklärung an diesen Stadtteil in Upper Manhattan, aber auch eine Familiengeschichte und ein Kriminalroman. Und zuletzt natürlich auch ein Roman über Rassismus aus der Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung noch in den Kinderschuhen steckt. Detailreich und liebevoll zeichnet der Autor seine Figuren und deren Leben, wirft uns hinein in das Zentrum der afroamerikanischen Kultur, zeigt ein vielschichtiges und komplexes Bild einer Epoche im Umbruch, die zaghafte Veränderung verheißt. Nicht nur ein großartiger Roman sondern auch ein Zeitzeugnis. Lesen!

Veröffentlicht am 04.08.2021

Ein Refugium ist ein sicherer Zufluchtsort

Der Erlkönig
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Von den vielen positiven Rezensionen habe ich mich dazu verleiten lassen, zu diesem Buch zu greifen. Nun bin ich aber kein Fan von Mystery- und Psychothriller, empfinde kein wohliges Gruseln und bekomme ...

Von den vielen positiven Rezensionen habe ich mich dazu verleiten lassen, zu diesem Buch zu greifen. Nun bin ich aber kein Fan von Mystery- und Psychothriller, empfinde kein wohliges Gruseln und bekomme keine Gänsehaut, wenn sich das Grauen auf leisen Pfoten anschleicht. Okay, bei Stephen King mache ich manchmal eine Ausnahme, aber dessen Stories haben in der Regel auch weitaus mehr Fleisch an den Knochen als diese hier.

So ist es kein Wunder, dass ich mich mit dem „Erlkönig“ schwergetan habe. 150 Seiten lang passiert nichts, werden lediglich Spuren ausgelegt, die dann mehr oder weniger gelungen in dieser extrem konstruiert wirkenden Geschichte verwurstet werden. Nun könnte man einwenden, dass es das Anliegen des Autors war, mit den Erwartungen der Leser:innen zu spielen, um dann am Ende das Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Ja klar, das tut er, aber bis es dazu kommt, muss man nicht nur eine lange sondern auch eine langweilige Durststrecke überwinden. Und vor dem Abbruch hat das Buch nur der Umstand gerettet, dass ich meine Vermutung bestätigt wissen wollte.

Auch wenn Loubry als die Krimihoffnung Frankreichs gilt und 2019 für dieses Buch mit dem Prix Cognac du meilleur roman francophone (einer der renommiertesten Krimipreise Frankreichs) ausgezeichnet wurde, konnte er mich nicht überzeugen. Zu offensichtlich waren die Hinweise, die er im Verlauf der Geschichte ausgelegt hat, zu banal die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, zu vorhersehbar die Auflösung. Ich verstehe auch, dass man in der deutschen Übersetzung den Originaltitel „Les Refuges“ nicht beibehalten hat, denn dann wäre vielleicht noch mehr Leser:innen von Beginn an klar gewesen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird.

Eine Frage zum Schluss. Warum ein toter Vogel auf dem Cover? Wirkt der gefiederte Freund etwa verkaufsfördernder als eine tote Katze?

Veröffentlicht am 04.08.2021

Spannung mit Schwerpunkt auf der Vergangenheit

Dein ist die Lüge
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Beim Lesen der letzten Bände der Reihe machte sich bei mir Ermüdung breit, was vor allem daran lag, dass die Handlung doch sehr vorhersehbar war und zum wiederholten Mal die immer gleichen Sitten und Gebräuche ...

Beim Lesen der letzten Bände der Reihe machte sich bei mir Ermüdung breit, was vor allem daran lag, dass die Handlung doch sehr vorhersehbar war und zum wiederholten Mal die immer gleichen Sitten und Gebräuche der Amisch thematisiert wurden.

„Dein ist die Lüge“ überrascht, denn hier verzichtet Linda Castillo auf einen Todesfall als Ausgangssituation und zeigt uns eine neue Facette von Kate Burkholder, die mit ihrer Vergangenheit in Gestalt einer alten Weggefährtin konfrontiert wird. Gina, ihre ehemalige Freundin und Mitbewohnerin aus der Zeit an der Polizeiakademie, liegt halb erfroren auf dem Grundstück der Lengachers. Adam bringt sie in Sicherheit und alarmiert Kate.

Gina erzählt von einem schief gelaufenen Einsatz mit tödlichem Ausgang, von Korruption auf höchster Ebene, ist auf der Flucht vor ihren Kollegen, die sie aus dem Weg schaffen wollen, fürchtet um ihr Leben. Kate hat ihre Zweifel, weiß sie doch aus ihrer gemeinsamen Zeit, dass diese es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, insbesondere dann, wenn es zu ihrem eigenen Vorteil ist. Ein Katz-und-Maus Spiel beginnt, das seine besondere Dramatik durch den Blizzard erhält, der das Verlassen der Farm unmöglich macht, während Ginas Verfolger immer näher kommen und auch Adam und seine Kinder in Gefahr bringen.

Es sind verschiedene Elemente, die hier Spannung generieren. Zum einen natürlich die Frage nach Ginas Glaubwürdigkeit, zum anderen der Gewissenskonflikt, in dem sich Adam befindet, weil er sich von ihr angezogen fühlt. Wird er die Regeln der Amisch verletzen? Bringt er sich und seine Familie in Gefahr? Und dann sind da noch die Erinnerungen, die nostalgische Solidarität, die Kates Urteilsvermögen trüben könnte. Aber glücklicherweise lässt Tomasetti seine Beziehungen spielen und liefert ihr damit wichtige Hinweise für die Beurteilung der Lage, bevor es zum finalen Showdown kommt.