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Veröffentlicht am 23.03.2021

Jede Menge Zeitkolorit, aber dünne Story

Teufelsberg (Wolf Heller ermittelt 2)
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Berlin, 1969: Kommissar Heller hat’s verbockt. Einen Moment nicht aufgepasst, und schon ist es geschehen. Eigentlich sollte er das Haus eines Richters observieren, dem man mit Mord gedroht hat. Aber herzzerreißendes ...

Berlin, 1969: Kommissar Heller hat’s verbockt. Einen Moment nicht aufgepasst, und schon ist es geschehen. Eigentlich sollte er das Haus eines Richters observieren, dem man mit Mord gedroht hat. Aber herzzerreißendes Babygeschrei sorgt dafür, dass Heller seinen Posten verlässt. Dumm gelaufen, denn während dieser kurzen Zeitspanne wird die Frau des Richters ermordet und in der Nacht von ihrer Nichte Louise, die wir bereits aus dem Vorgänger „Die Tote im Wannsee“ kennen, gefunden.

Der Täter ist schnell ermittelt, kann aber nicht mehr befragt werden, da er als verkohlte Leiche in seinem abgefackelten Fahrzeug entdeckt wird. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung werden Nachrichten gefunden, die vermuten lassen, dass Anschläge auf jüdische Einrichtungen geplant sind. Ein Szenario, das es nicht nur im Hinblick auf die jüngste deutsche Vergangenheit unbedingt zu verhindern gilt. Aber es gibt noch einen zweiten Ermittlungsansatz, denn da ist noch ein Mörder, der sein Unwesen in Berlin treibt und bereits mehrere Frauen ermordet hat. Keine leichte Aufgabe für Heller und das Team der Mordkommission.

Die Handlung dieses Krimis bedient sich eines realen Hintergrundes, nämlich dem des Bombenanschlags am 9. November 1969 auf das Jüdische Gemeindehaus in Charlottenburg, der glücklicherweise in die Hose ging. Zugeschrieben wurde dieser den Westberliner Tupamaros, einer linksradikalen Gruppe um Dieter Kunzelmann. Aber mittlerweile ist bekannt, dass - wieder einmal - auch der Verfassungsschutz beteiligt war und die Bombe geliefert hat.

Kunzelmann, Teufel, Langhans, lauter Namen, die wir auch noch heute kennen. Aber neben dem Blick auf die radikale linke Szene nehmen uns die Autoren auch mit zu den KGB gelenkten Aktivitäten der Geheimdienste. Kein Wunder, sind wir doch mitten in der Zeit des Kalten Krieges mit Berlin im Zentrum. Ein interessanter Blick auf eine Zeit des Umbruchs. Geheimdienstaktivitäten, Antisemitismus, alte Nazis und radikalisierte Jugend, neue Beziehungsformen, die in alten Mustern verharren – ein Ausflug mit jeder Menge Zeitkolorit in die deutsche Vergangenheit. Verglichen mit dem Vorgänger haben es die Autoren aber hier leider übertrieben und dabei im Gegenzug die Story vernachlässigt, die für einen Kriminalroman nur mäßig spannend ist, sich immer wieder in Details verliert und dadurch das Lesevergnügen schmälert.

Veröffentlicht am 22.03.2021

Der beste Band der Reihe

Downfall
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Special Agent Amos Decker, der Memory Man, ist eine interessante Hauptfigur, was natürlich mit seinem besonderen Fähigkeiten, dem fotografischen Gedächtnis und der Synästhesie, zusammenhängt. Allerdings ...

Special Agent Amos Decker, der Memory Man, ist eine interessante Hauptfigur, was natürlich mit seinem besonderen Fähigkeiten, dem fotografischen Gedächtnis und der Synästhesie, zusammenhängt. Allerdings stellt Baldacci dies nicht penetrant in den Vordergrund, sondern arbeitet es stimmig in die jeweilige Handlung ein. „Downfall“ unterscheidet sich positiv von den Vorgängerbänden, denn hier scheinen erstmals sozialkritische Töne durch, die bisher gefehlt haben, und regen hoffentlich auch diejenigen Leser*innen zum Nachdenken an, die lediglich einen spannenden und actionreichen Thriller für den schnellen Lesegenuss erwartet haben. Keine Frage, auch das bietet diese Lektüre in ausreichendem Maß, aber ein guter Thriller sollte auch einen Blick auf die gesellschaftspolitischen Zustände werfen. Und diese Forderung erfüllt „Downfall“, für mich zweifelsfrei der beste Band der Reihe, den Neueinsteiger auch ohne Kenntnis der Vorgänger lesen können.

Die Opioid-Krise scheint ein Thema zu sein, das aktuell vor allem bei populären Autoren aus dem Thrillerbereich auf fruchtbaren Boden fällt. Zuletzt Lee Child, nun also David Baldacci. In „Downfall“ (Bd. 4 der Reihe) nimmt er uns nach Pennsylvania mit, wo sich Amos Decker und seine Partnerin Alex Jamison ein paar freie Tage bei Alex‘ Familie in Baronville gönnen. Wie in so vielen Kleinstädten der ehemals größten Industrieregion im amerikanischen Nordosten, hat die Abwanderung der Schwerindustrie und die damit einhergehende Einstellung des Bergbaus ihre Spuren hinterlassen und so den „Manufacturing Belt“ zum „Rust Belt“ werden lassen. Es gibt keine Arbeit mehr und das Leben derjenigen, die geblieben sind, ist ohne Perspektive. Drogentote gehören zum Alltag, die Kriminalität ist hoch, die Polizei heillos überfordert. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Decker seine Mithilfe anbietet, als im Nachbarhaus zwei Leichen gefunden werden. Ein Wettlauf gegen die Zeit, der ihm alles abverlangt. Denn diese beiden werden nicht die einzigen Toten bleiben...

Veröffentlicht am 21.03.2021

Eine Ode an Detroit

Der gekaufte Tod
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Detroit, Michigan. Einst eine blühende Metropole, durch den Strukturwandel und dem damit einhergehenden Verlust der Autoindustrie seit längerer Zeit eine Stadt im Niedergang, die von Arbeitslosigkeit, ...

Detroit, Michigan. Einst eine blühende Metropole, durch den Strukturwandel und dem damit einhergehenden Verlust der Autoindustrie seit längerer Zeit eine Stadt im Niedergang, die von Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität geprägt ist. Aber es gibt Hoffnung, denn seit einigen Jahren haben sich zahlreiche Investoren gefunden, die in den Wiederaufbau investieren. Das hat auch der Ex-Cop August Snow vor, der nach einem gewonnenen Prozess gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber 12 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen bekommen hat und nach Mexicantown, das Viertel in dem er aufgewachsen ist, zurückkehrt. Er ist jetzt vermögend, hat aber seine Wurzeln nie vergessen, und so steckt er einen Teil des Geldes in den Ankauf und die Renovierung einiger Häuser in der Nachbarschaft. Aber Vergangenes ist nie ganz vergangen. Die Geschäftsführerin der Bank, in der er während seiner Zeit als Polizist Veruntreuungen aufgedeckt hatte, begeht einen Tag später Selbstmord, nachdem sie ihm einen Job angeboten hat. Ein seltsamer Zufall, der Snow keine Ruhe lässt und seine Instinkte weckt. Aber hat nicht damit gerechnet, dass das organisierte Verbrechen nicht nur in Detroits Unterwelt lauert.

Die Stärken dieser Thrillerreihe (im Original liegen bereits zwei Nachfolgebände vor) sind seine Charaktere. Snow, der integere Ex-Polizist und Ex-Marine mit Verantwortungsgefühl und moralischem Kompass. Die Nebenfiguren, stellvertretend hier Skittles, der Hacker, den er noch von früher kennt und der ihm unterstützend zur Seite steht. Und nicht zu vergessen Detroit, für mich die eigentliche Hauptfigur. Die abgeranzte aber dennoch liebenswerte Metropole, die ums Überleben kämpft und deren Lebendigkeit und Vielfältigkeit der Autor so treffend beschreibt.

Veröffentlicht am 20.03.2021

Lecker Kochen mit Köpfchen

Time to eat
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Nadiya Hussains Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem, was in den meisten Kochbüchern, die aktuell erscheinen, propagiert wird. Immer exotischere Zutaten, immer aufwendigere Zubereitungsarten. ...

Nadiya Hussains Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem, was in den meisten Kochbüchern, die aktuell erscheinen, propagiert wird. Immer exotischere Zutaten, immer aufwendigere Zubereitungsarten. Ihr Anliegen ist es, Selbstgekochtes mit überschaubarem Zeitaufwand auf den Tisch zu bringen, damit noch genügend gemeinsame Familienzeit übrig bleibt. In ihrer umfangreichen Einführung weist sie auf die Vorteile von Getrocknetem, Konserviertem und Eingefrorenem hin, plädiert für Vorratshaltung und den Einsatz des Gefrierschranks. Ein weiterer Vorteil ist die Beschaffung der Zutaten. Diese muss man sich für ihre Rezepte nicht aufwendig in den verschiedensten Spezialgeschäften zusammensuchen, sondern erhält sie in jedem gewöhnlichen Supermarkt, falls man sie nicht eh auf Vorrat hat. Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht, natürlich wird mit frischem Gemüse, Früchten, Salat etc. gekocht, aber wenn es einmal schnell gehen muss, darf man durchaus auch auf gefrorenes Obst oder Gemüse zurückgreifen.

Auch die Einteilung der Rezepte unterscheidet sich von den üblichen Menüfolgen, denn diese richten sich nach dem Tagesablauf: Frühstück (Süßes und Herzhaftes, auch zum Mitnehmen geeignet), Mittagessen (eher einfache, dem britischen Lunch entsprechende Gerichte), Abendessen (hier dauern die Vorbereitungen und Garzeiten etwas länger, auch für Gäste geeignet), ergänzt durch Desserts (zur Abrundung, süß und raffiniert) sowie Grundlagen (verschiedene Gewürzmischungen und Grundrezepte). Die Zutaten sind übersichtlich aufgeführt, die Zubereitung wird detailliert beschrieben, ergänzt durch hilfreiche Tipps. Außerdem gibt es bei jedem Gericht einen Vermerk, für welche Aufbewahrungsart es sich eignet, wenn z.B. Reste übrig bleiben oder man die doppelte Menge gekocht hat. Abgerundet werden die Rezepte durch anschauliche Fotos des „Endprodukts“.

Ein empfehlenswertes Kochbuch für alle, die ohne großen Zeitaufwand lecker Selbstgekochtes essen und nicht auf den Lieferservice zurückgreifen wollen.

Veröffentlicht am 18.03.2021

Ein poetisches memoir

Die Kinder hören Pink Floyd
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Wenn ein Autor, der zahlreiche Interviews mit den größten Rockmusikern unserer Zeit geführt hat, sich an seine Kindheit erinnert, entsteht daraus ein Roman, der Erinnerungen weckt. „Die Kinder hören Pink ...

Wenn ein Autor, der zahlreiche Interviews mit den größten Rockmusikern unserer Zeit geführt hat, sich an seine Kindheit erinnert, entsteht daraus ein Roman, der Erinnerungen weckt. „Die Kinder hören Pink Floyd“ im rheinländischen Büderich, zumindest „der Junge“ und seine Schwester, die in ihm die Leidenschaft für diese englische Prog Rock Band geweckt hat, für die beiden der Inbegriff von Rebellion, vom Verlassen der ausgetretenen Pfade der Erwachsenen, bei denen der gruselige Heino läuft. Die Musik ist ein Ventil, um dem miefigen Alltag zu vergessen, lässt hoffen. Auch wenn er die Texte nicht versteht, sich auf die Erklärungen seiner schwerkranken Schwester verlässt, ist da diese Ahnung, dass es da draußen mehr geben muss als den akkurat gepflegten Vorgarten und die neue Einbauküche. Pink Floyd verspricht Veränderung, Freiheit.

Indem er einen Ausschnitt aus seiner eigenen Kindheit beschreibt, nimmt Gorkow aber auch uns mit zurück in die Vergangenheit. Zumindest diejenigen, die damals in einem ähnlichen Alter waren und sich für die Musik begeistert haben, die aus dem englischsprachigen Ausland zu uns kam. Und während ich diese Besprechung geschrieben habe, lief im Hintergrund die "Dark Side of the Moon" LP...

Es ist ein liebevoller Blick zurück, ein poetisches Memoir, als die Welt noch vibrierte, in Ordnung war, die Einteilung in Gut und Böse, Richtig und Falsch noch funktioniert hat, sich aber bereits die ersten Risse gezeigt haben. Das muss zwangsläufig zu dem Epilog führen, in dem zumindest ein Held der Kindheit entzaubert wird. Roger Waters, der mit seinen umstrittenen Äußerungen heute genau den Konservatismus verkörpert, gegen den die Band angesungen hat.