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Veröffentlicht am 10.12.2019

In der Kürze liegt die Würze

Die Kakerlake
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John Lanchester, Ali Smith, John LeCarré und jetzt noch Ian McEwan haben sich nicht nur gegen den Brexit ausgesprochen sondern schreiben auch dagegen an. Letzterer mit seinem vor kurzem erschienenen schmalen ...

John Lanchester, Ali Smith, John LeCarré und jetzt noch Ian McEwan haben sich nicht nur gegen den Brexit ausgesprochen sondern schreiben auch dagegen an. Letzterer mit seinem vor kurzem erschienenen schmalen Büchlein „Die Kakerlake“, einer kafkaesken, bitterbösen Polit-Satire, die unverhohlen die politische Situation auf der britischen Insel kommentiert.

Gestern noch ein verabscheuungswürdiges Ungeziefer, heute Premier, und Jim Sams verliert keine Zeit, hat er doch ein Gefühl dafür, wie es in Downing Street No 10 läuft. Als erstes springt der Privatsekretär über die Klinge, unverzeihlich sein despektierlicher Kommentar über die „Privatschultypen“, die „sich zu allem berechtigt fühlen“. Danach widmet er sich sogleich den Parteigenossen, mittlerweile fast ausschließlich ehemaliges Ungeziefer, die es von seinen Plänen für den „Reversalismus“ zu überzeugen gilt. Dieses bahnbrechende Wirtschaftssystem soll die Geldströme umlenken und so für ungebremsten Aufschwung sorgen, die Reichen noch reicher machen.

Nicht nur die Politiker (mit Ausnahme des Außenministers), auch das Volk klatscht begeistert Beifall, fällt auf seine Lügen, seine Verleumdungen, seine gezielten Falschinformationen herein, stört sich nicht an dem Brechen von Vereinbarungen, läuft dem skrupellosen Rattenfänger kritiklos hinterher und stimmt in einem Referendum dafür. Natürlich gibt es auch außerhalb Großbritanniens große Anhänger dieses Systems, wie den amerikanischen Präsidenten, der diese Idee als seine ureigene auszugeben versucht.

Ein absurdes Szenario, bei dem die Anlehnung an die Realität offensichtlich ist, die Manipulatoren und Trickser Johnson und Trump leicht auszumachen. Offensichtliche Lügengespinste, die dem Volk Souveränität und Wiederauferstehung vorgaukeln. Die das Sehnen nach Einfluss befeuern, den Traum der Kolonialmacht hochhalten. Entlarvend!

In der Kürze liegt die Würze dieser auf das Wesentliche reduzierten Satire. Eine höchst amüsante Lektüre, bei der einem bisweilen das Lachen im Hals steckenbleibt. Nicht nur für politisch Interessierte.

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Veröffentlicht am 09.12.2019

Ein Amerikaner in Hamburg rettet die Welt

Der Ermittler
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In Band 21 „Der Ermittler“ nimmt uns Lee Child auf eine Reise in die Vergangenheit seines Protagonisten mit. 1996 ist Jack Reacher als hochdekorierter Major noch im aktiven Dienst bei der MP und soll ...

In Band 21 „Der Ermittler“ nimmt uns Lee Child auf eine Reise in die Vergangenheit seines Protagonisten mit. 1996 ist Jack Reacher als hochdekorierter Major noch im aktiven Dienst bei der MP und soll im Auftrag von CIA und FBI in Deutschland ermitteln. Ein amerikanischer Landsmann hat offenbar einer islamistischen Schläferzelle in Hamburg ein Angebot gemacht, bei dem 100 Millionen Dollar über den Tisch gehen sollen. Ein terroristischer Anschlag in Planung? Sämtliche Alarmglocken läuten, obwohl niemand weiß, worum es konkret geht. Das bleibt im Dunkeln, ebenso die Identität des Verräters. Ein Fall für Reacher, der sich gemeinsam mit seinen Kollegen Frances Neagley und Manuel Orozco auf den Weg macht, um wieder einmal die Welt zu retten.

Keine Experimente – so könnte man die Reihe der Reacher-Thriller charakterisieren. Und auch in diesem Band erwarten den Leser die altbekannten Zutaten: ein charismatischer Protagonist, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht, ganz böse Schurken, die die Welt in den Abgrund stürzen wollen, und ein (natürlich) gutaussehendes weibliches Wesen, das (natürlich) Reachers Charme-Offensive nicht widerstehen kann.

Den Unterschied macht diesmal allerdings der Handlungsort aus, und das stellt wohl für einige Leser ein Problem dar, wobei sich die Kritik am wesentlichen an der eindimensionale Beschreibung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit stört. Lauter Rechtsradikale, so der Tenor von Reachers Empfinden. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass der Autor für den englischsprachigen Markt schreibt, und dieses Bild wird sowohl in den USA als auch in Großbritannien noch immer gepflegt. Insbesondere nach den diversen Ausschreitungen der letzten Zeit. Von daher ist das zwar ärgerlich, aber schmälert nicht den Unterhaltungswert dieses Thrillers, der wie die Vorgänger mit einer spannenden und zum Ende hin dramatischen Story zu überzeugen weiß.

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Veröffentlicht am 21.11.2019

Viktorianische Schauergeschichte und klassischer Spannungsroman

Die Frau in der Themse
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William Pinkerton, Detektiv in der Tradition seines Vaters, ist zu spät. Die Hoffnung gestorben, an Informationen zum Verbleib des ominösen Tresorknackers Edward Shade zu gelangen, den sein Vater Allan, ...

William Pinkerton, Detektiv in der Tradition seines Vaters, ist zu spät. Die Hoffnung gestorben, an Informationen zum Verbleib des ominösen Tresorknackers Edward Shade zu gelangen, den sein Vater Allan, Gründer der weltberühmten der Pinkerton's National Detective Agency, zeit seines Lebens gesucht hat. Und auch Adam Foole, der geniale Dieb, konnte Charlotte Reckitt nicht retten, die nicht immer gesetzestreue Femme fatale, obwohl er nach ihrem Ruf um Hilfe bei einem großen Coup umgehend nach London gereist ist. Denn seine große Liebe ist tot, ertrunken in der Themse und zerstückelt.

Die beiden Männer begegnen sich im viktorianischen London, in dessen düsteren Gassen, unzureichend von den Gaslaternen ausgeleuchtet, allerhand zwielichtige Gestalten ihr Unwesen treiben. Detektiv und Dieb eint die Suche nach demjenigen, der für den mysteriösen Tod Charlottes verantwortlich zeichnet, nicht wissend, dass Edward Shade der eigentliche Dreh- und Angelpunkt und der Schlüssel zu des Rätsels Lösung ist.

„Die Frau in der Themse“ erinnert an die viktorianischen Schauergeschichten der großen Autoren dieser Zeit, allen voran Wilkie Collins, wobei Steven Price wesentlich ausladender erzählt, dabei aber immer seine Protagonisten im engen Blick behält, obwohl an den verschiedenen Handlungssträngen eine Vielzahl von Personen beteiligt sind. Tiefe Blicke in die Vergangenheit (er)klären Gegenwärtiges, ebenso die verschiedenen Schauplätze auf unterschiedlichen Kontinenten. Jeder hat Geheimnisse, verbirgt etwas, ist unzuverlässig im Erinnern und in dem, was er preisgibt. Die Handlung ist zwar komplex und reich an Details, aber jederzeit räumlich und zeitlich durch die entsprechenden Vermerke in den Kopfzeilen einzuordnen.

Ein faszinierendes Katz-und-Maus Spiel von Jägern und Gejagten, an dem sowohl Fans viktorianischer Schauergeschichten als auch Freunde des klassischen Spannungsromans ihre Freude haben werden.

Veröffentlicht am 19.11.2019

Eine Woche im März '42

Unter Wölfen
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Nürnberg, eine Woche im März 1942. Sämtliche Vorbereitungen für die „Endlösung“ laufen auf Hochtouren. Die jüdischen Mitbürger sind der Willkür der Nationalsozialisten wehrlos ausgeliefert. Enteignet, ...

Nürnberg, eine Woche im März 1942. Sämtliche Vorbereitungen für die „Endlösung“ laufen auf Hochtouren. Die jüdischen Mitbürger sind der Willkür der Nationalsozialisten wehrlos ausgeliefert. Enteignet, in „Judenhäusern“ kaserniert, aller Rechte beraubt, als Zwangsarbeiter ausgebeutet, Demütigungen und Misshandlungen ausgeliefert. Und zu guter Letzt aus der Stadt entfernt, gen Osten abtransportiert.

Auch die Familie Rubinstein – 4 Erwachsene, zwei Kinder - erhält einen „Evakuierungsbescheid“. Aber Isaak Rubinstein glaubt den schönen Worten nicht, ist überzeugt davon, dass der angekündigte Umsiedlungstransport nach Izbica ins Verderben führt. Untertauchen scheint die einzige Möglichkeit, und dabei könnte seine Ex-Freundin Clara helfen, hat sie doch Kontakte zu einer Widerstandsgruppe. Und tatsächlich gelingt es, zumindest seine Familie vorerst in Sicherheit zu bringen. Doch mit Issak hat sie andere Pläne, denn es gilt das Protokoll der Wannsee-Konferenz an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber dafür muss er sich in die Höhle des Löwen begeben. Als Schaf unter Wölfen, ein lebensgefährliches Vorhaben. Zumal die Zeit drängt.

Alex Beer schildert mit eindringlichen Worten das Leben der jüdischen Bevölkerung in einer Gesellschaft, die von der Hasspropaganda und der vulgärantisemitischen Hetze des Schmierblattes „Der Stürmer“ vergiftet ist. Menschlichkeit hat dort keinen Platz, und findet, wenn doch, bestenfalls im Verborgenen statt. Am Beispiel der fiktiven Widerstandsgruppe „Fränkische Freiheit“ ermöglicht die Autorin dem Leser eine Vorstellung von deren Aktionen (wobei die Flugblatt-Geschichte bei der „Weißen Rose“ entliehen ist), die einzig und allein von dem Wunsch getragen werden, das nationalsozialistische Regime zu stürzen.

Sowohl die großartigen August Emmerich-Bücher der Autorin als auch „Unter Wölfen“ sind historische Kriminalromane. Zieht man einen Vergleich fällt auf, dass Beer hier wesentlich stärker auf das Verhalten ihres Protagonisten in dieser Ausnahmesituation fokussiert ist, direkter und zielgerichteter damit umgeht. Hier gibt es weniger Raum für Nebensächlichkeiten, was aber sicher auch mit dem gewählten politischen Rahmen zusammenhängt. Allerdings geht das meiner Meinung nach zu Lasten der Charakterisierungen, sodass die Personen durchweg eher blass bleiben. Aber ich hoffe, dass „Unter Wölfen“ der Auftakt einer Reihe ist, in deren Verlauf die Autorin hier deutlich nachbessern kann und wird.

Veröffentlicht am 17.11.2019

Fast Food aus der Schreibwerkstatt

Missing Boy
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Ein Kind verschwindet aus einem verschlossenen Raum. Spurlos. Ein Albtraum. Treibt ein Pädophiler im nordaustralischen Crimson Lake sein Unwesen? Schnell ist eine Suchmannschaft organisiert, die die örtliche ...

Ein Kind verschwindet aus einem verschlossenen Raum. Spurlos. Ein Albtraum. Treibt ein Pädophiler im nordaustralischen Crimson Lake sein Unwesen? Schnell ist eine Suchmannschaft organisiert, die die örtliche Polizei unterstützt. Parallel dazu beauftragt die Mutter das Ermittlerduo Ted Conkaffey und Amanda Pharrell, sehr zum Verdruss des leitenden Ermittlers. Zum einen kämpft Ted noch immer um seinen Ruf, zum anderen unterstellt man Amanda für den Tod einer Polizistin verantwortlich zu sein. Doch gegen alle Widerstände nehmen die beiden die Suche auf, um Licht ins Dunkel des mysteriösen Falls zu bringen. Und schnell müssen sie feststellen, dass nicht jeder das ist, was er scheint.

Bereits Redemption Point, zweiter Band der Crimson Lake-Reihe, konnte mich nicht überzeugen. Zwar wird die Autorin landauf landab als „neue Stimme“ der australischen Krimiszene gehandelt, aber mir erschließt sich leider nicht, worauf dieser Ruf gründet. Nur weil ein Duo mit problematischer Vergangenheit beschließt, als Privatdetektive mit unkonventionellen Methoden zu arbeiten, ist das jetzt nicht besagter frischer Wind. Das literarische Vorbild für Amanda ist gar zu offensichtlich, Tattos, Motorrad etc., wer denkt da nicht sofort an Lisbeth Salander, wobei letztere Figur wesentlich komplexer angelegt ist. Und Ex-Cops, die mit einem ihnen unterstellten Verbrechen in Schimpf und Schande leben müssen, denen man die Rehabilitation verweigert, gibt es in der Kriminalliteratur zuhauf.

Die Story mittelmäßig mit unspektakulärer Auflösung, die Protagonisten siehe oben, die Landschaftsbeschreibungen ganz nett, die Schreibe simpel – nichts, was man nicht schon oft gelesen hätte. Fast Food aus der Schreibwerkstatt von James Patterson. Schnell gelesen und nichts, was beeindruckt und im Gedächtnis bliebe. Für mich war’s das jetzt endgültig mit Candice Fox.