Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.03.2020

Etwas ist faul im Staate Dänemark

Glasflügel
0

Es ist eine interessante Thematik, die Katrine Engberg im dritten Band ihrer Kopenhagen-Thriller behandelt. Was geschieht mit Jugendlichen, die von ihren Eltern aufgegeben werden? Die Probleme damit haben, ...

Es ist eine interessante Thematik, die Katrine Engberg im dritten Band ihrer Kopenhagen-Thriller behandelt. Was geschieht mit Jugendlichen, die von ihren Eltern aufgegeben werden? Die Probleme damit haben, sich in den normalen gesellschaftlichen Alltag zu integrieren? Die wegen Verhaltensauffälligkeiten in Betreuungseinrichtungen gegeben werden? Sieht man dort in ihnen den Mensch, oder werden sie zum bloßen Studienobjekt degradiert? Und wie wirken sich der Aufenthalt und die Behandlungen auf ihre Psyche aus?

Doch zuerst einmal bekommt es Jeppe Kørner mit einem Mordopfer zu tun, das mitten in Kopenhagen in einem Brunnen entsorgt wurde. Zu Tode gekommen durch feine Schnitte an Handgelenk und Leiste, ausgeblutet und mit einem Lastenfahrrad zu dem Brunnen transportiert. Aber das soll nicht die einzige Leiche bleiben, kurze Zeit später folgt die nächste. Die einzige Gemeinsamkeit, die im Laufe der Ermittlung auftaucht, ist eine Pflegeeinrichtung für auffällige Jugendliche, ehemaliger Arbeitsplatz der Opfer. Opfer? Wirklich? Bei dem geübten Krimileser klingelt es, vielleicht waren sie auch Täter und mussten mit dem Leben bezahlen. Man wird sehen…

„Etwas ist faul im Staate Dänemark“, dieses Zitat aus Shakespeares Hamlet fasst gut zusammen, wie es – nicht nur – um das dänische Gesundheitssystem bestellt ist. Private Institutionen übernehmen staatliche Aufgaben, arbeiten mit schlecht (oder überhaupt nicht) ausgebildeten Mitarbeitern, die schlecht entlohnt werden. All das ausgetragen auf dem Rücken derjenigen, die dringend Hilfe benötigen, aber in ihrer Hilflosigkeit allein gelassen werden.

Es ist ein durchaus heißes Eisen, das Engberg hier anpackt. Die Schilderungen wirken realistisch, und genau daraus bezieht dieser Thriller seine Spannung. Auch wenn es etwas Zeit braucht, bis sich das Thema herauskristallisiert. Allerdings hat die Autorin zum Ende hin dann doch etwas sehr übertrieben, aber spektakuläre Showdowns scheinen momentan im Trend zu sein. Unglaubwürdig und überflüssig.

Abstriche machen muss man hingegen bei der Darstellung ihres Personals. Sowohl Jeppe als auch Anette bleiben trotz der immer wieder eingeschobenen Hinweise zu Privatleben und Beziehungen für mich eher blass, konturlos, ohne Ecken und Kanten. Sie wirken austauschbar, sind keine Persönlichkeiten, sondern einfach nur beliebig und somit uninteressant. Zumindest für mich. Schade!

Veröffentlicht am 11.03.2020

Interessanter Roman über eine angesagte Spirituose

Der Gin des Lebens
1

Eine Beziehung geht in die Brüche, ein Oldtimer versinkt im Rhein. Kein Wunder, dass Bene, der Auto-Schrauber aus Südbaden, Trost im Alkohol sucht und die Flasche Gin köpft, die ihm sein verstorbener Vater ...

Eine Beziehung geht in die Brüche, ein Oldtimer versinkt im Rhein. Kein Wunder, dass Bene, der Auto-Schrauber aus Südbaden, Trost im Alkohol sucht und die Flasche Gin köpft, die ihm sein verstorbener Vater hinterlassen hat. Der Selbstgebrannte schmeckt außergewöhnlich gut, und nach Rücksprache mit Freunden aus der Gastroszene ist Bene überzeugt, dass er auf eine Goldgrube gestoßen ist. Wenn er denn die Anleitung und das Rezept dafür hätte, was natürlich nicht der Fall ist, könnte er in die Produktion gehen und jede Menge Geld damit verdienen. Was liegt also näher, als den Spuren seines Vaters zu folgen, der sich öfter im südenglischen Plymouth, Heimat des Gin, aufhielt. Vielleicht findet er dort Hinweise auf die Rezeptur.

Parallel dazu lernen wir Cathy Callaghan kennen, die junge Betreiberin des Bed & Breakfast, in dem Benes Vater bei seinen Aufenthalten genächtigt hat. In ihrem Garten wird die Leiche eines stadtbekannten Obdachlosen gefunden. Erstochen mit einem Messer, was natürlich die Polizei auf den Plan ruft. Und natürlich kreuzen sich die Wege von Bene und Cathy.

Soweit die Ausgangssituation des neuen Buchs „Der Gin des Lebens“ von Carsten Sebastian Henn. Sympathisches Personal und eine nette Urlaubslektüre, wenn man eine Reise nach Devon plant oder die Gegend bereits kennt, denn zwischendurch hatte ich häufig den Eindruck, eine Broschüre von „Visit Britain“ in der Hand zu halten. Der Autor bedient nämlich sämtliche Klischees, die die Zuschauer von Inspector Barnaby erwarten: kuschelige Häuschen, gemütliche Pubs und skurrile Engländer. Aber leider weit und breit in den ersten Dreivierteln des Buches nichts zu sehen von einem Kriminalroman. Dafür gibt es jede Menge familiäre Verwicklungen der Callaghan-Sippe, in die, oh Wunder, auch Bene und sein verstorbener Vater involviert sind.

Was mich trotzdem bei der Stange hielt, waren die Informationen zur Herstellung des Wacholderschnapses. Man erfährt viel Wissenswertes über die Ursprünge, die Mazeration, unterschiedliche Tonics und die diversen Botanicals, die bei der Gin-Herstellung eingesetzt werden, um den Geschmack zu variieren. Abgerundet wird das Ganze durch ein informatives Glossar und verschiedene Rezepte, von denen ich mit Sicherheit die Queen-Mum-Cookies nachbacken werde.

Alles in allem ein interessanter Roman über eine angesagte Spirituose, aber definitiv kein Krimi. Auch wenn es eine Leiche gibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Geschichte
  • Figuren
Veröffentlicht am 11.03.2020

Gegen das Vergessen

Der Wassertänzer
0

Ta-Nehisi Coates ist einer der scharfsinnigsten Denker Amerikas in der Tradition eines James Baldwin, wenn es darum geht, die rassistischen Strukturen der Vereinigten Staaten zu analysieren. Das hat er ...

Ta-Nehisi Coates ist einer der scharfsinnigsten Denker Amerikas in der Tradition eines James Baldwin, wenn es darum geht, die rassistischen Strukturen der Vereinigten Staaten zu analysieren. Das hat er eindrucksvoll in „Zwischen mir und der Welt“, einem Manifest gegen Rassismus in Form eines 240-seitigen Briefes an seinen Sohn bewiesen. Und auch in seinem ersten Roman „Der Wassertänzer“ bleibt er bei den Themen, die ihn umtreiben.

Virginia, die Südstaaten in der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Die weißen Sklavenhalter führen ihre Plantagen mit harter Hand, auch wenn ihre Tage gezählt scheinen. Allmählich schwindet nicht nur ihr durch Ausbeutung und gnadenloses Schinden erworbenes Vermögen sondern auch ihr Einfluss. Doch noch ist es nicht so weit.

Hiram ist ein Haussklave, lebt auf Lockless und hat besondere Talente. Nicht nur, dass er ein fotografisches Gedächtnis hat, er verfügt auch über die Fähigkeit der Teleportation. Kann nicht nur sich auf magische Weise durch Raum und Zeit bewegen, sondern dabei auch noch Begleiter mitnehmen. Eine Fähigkeit, die für das Netzwerk der Abolitionisten von unschätzbarem Wert ist und dazu führt dass er rekrutiert wird, um sich und seinen Leidensgenossen mit Hilfe der Underground Railroad zu helfen, der Knechtschaft zu entkommen.

Ein Mythos, der in das Reich von Magie und Fantasie gehört, und Coates als Grundlage dient, um über die noch immer schwärende Wunde der Sklaverei zu schreiben, sie ins Gedächtnis zu rufen, um das Vergessen zu verhindern. Die kollektive Erinnerung wachzuhalten. Indem er die Lebensbedingungen der Sklaven auf den Plantagen in den Südstaaten aufzeigt, schlägt er den Bogen zur Gegenwart, in der sich nur dann etwas ändern wird, wenn die Unterdrückten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Veröffentlicht am 09.03.2020

Realistisch, schockierend, spannend

Die Wächter
0

Stell‘ dir vor, du lebst in den USA und bist Afroamerikaner. Wirst eines Verbrechens beschuldigt, das du nicht begangen hast. Stehst vor Gericht, hast einen Pflichtverteidiger, der seinen Job nur halbherzig ...

Stell‘ dir vor, du lebst in den USA und bist Afroamerikaner. Wirst eines Verbrechens beschuldigt, das du nicht begangen hast. Stehst vor Gericht, hast einen Pflichtverteidiger, der seinen Job nur halbherzig erledigt und wirst trotz zweifelhafter Beweise von einer überwiegend weißen Jury schuldig gesprochen. Es erwartet dich eine langjährige Haftstrafe oder das Todesurteil. Wenn du sehr viel Glück hast, reagiert eine der Organisationen, die gegen Justizirrtümer kämpfen, auf deinen Hilfeschrei und nimmt sich deines Falls an. Wenn nicht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du mit dem Leben bezahlst.

In John Grishams „Die Wächter“ kämpfen die „Guardian Ministries“, eine vierköpfige Gruppe engagierter, chronisch unterbezahlter Streiter für Gerechtigkeit, gleich um zwei Leben. Zum einen ist da Duke Russell, beschuldigt der Vergewaltigung und des Mordes an einer weißen Jugendlichen, zum anderen Quincy Miller, der für den Mord an seinem Scheidungsanwalt in der Todeszelle sitzt. Cullen Post, der frühere Priester und jetzige Anwalt der Gruppe, ist von ihrer Unschuld überzeugt. Und er scheut kein Risiko, wenn es darum geht, seine Klienten zu rehabilitieren. Auch wenn er bei seinen Nachforschungen skrupellosen Gegnern auf die Füße tritt und sein eigenes Leben in Gefahr bringt.

Grisham zeigt mit dem Finger auf ein marodes Rechtssystem, in dem sich nicht nur Polizisten und Richter sondern auch Anwälte auf die Aussagen unzuverlässiger Zeugen und zweifelhafter Gutachter verlassen. Nicht zu vergessen die privatisierte, profitorientierte Gefängnisindustrie, die natürlich Vollbelegung erwartet.

Die Mischung aus „Cold case“ Ermittlung einerseits und Justizthriller andererseits generiert einen höchst spannenden, realistischen, aber über weite Strecken auch schockierenden und wütend machenden Roman über Ungerechtigkeit und Korruption in God’s Own Country, in dem die Menschenrechte offenbar nur für die weiße Bevölkerung gelten.

Mit diesem Roman beweist John Grisham einmal mehr, dass er zu Recht zu den ganz Großen des Genres gehört. Lesen!

Veröffentlicht am 07.03.2020

In stürmischen Zeiten

Die brennenden Kammern
0

„Die brennenden Kammern“ ist der Auftakt einer mehrbändigen Reihe, in deren Zentrum die französischen Religionskriege stehen. Ihr Augenmerk richtet sich hierbei auf die Hugenotten, jene protestantische ...

„Die brennenden Kammern“ ist der Auftakt einer mehrbändigen Reihe, in deren Zentrum die französischen Religionskriege stehen. Ihr Augenmerk richtet sich hierbei auf die Hugenotten, jene protestantische Glaubensgemeinschaft, die ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts insbesondere in Frankreichs Süden blutigen Verfolgungen ausgesetzt waren und ihren Höhepunkt in der Bartholomäusnacht fanden. Ein Teil der Anhänger trat danach zwangsweise zum katholischen Glauben über, die anderen praktizierten ihre Religion im Verborgenen. Hotspot waren damals die Cevennen, wo die Camisarden erbittert Widerstand leisteten. Vergebens. Im 17. Jahrhundert folgte daraufhin eine Fluchtwelle sondergleichen, bei der die Hugenotten nicht nur in den Nachbarländern sondern auch auf der britischen Insel Zuflucht fanden. Soweit also die historischen Rahmenbedingungen.

Alles beginnt im Winter 1526 in der okzitanischen Festungsstadt Carcassonne, in der die katholische Minou und der Hugenotte Piet zufällig aufeinandertreffen. Natürlich verlieben sich die beiden, wenn man Mosses Romane kennt, ist das zu erwarten. Aber hat ihre Liebe in diesen stürmischen Zeiten überhaupt eine Zukunft?

Eine dynamische Geschichte voller Geheimnisse, Verschwörungen, Gewalt, Verrat und Liebe inmitten einer turbulenten Zeit nimmt ihren Anfang, immer wieder durch Auszüge aus dem Tagebuch einer Unbekannten unterbrochen, die offenbar von dem Gedanken an Rache beherrscht wird und deren Identität sich erst allmählich offenbart, was zusätzliche Spannung in die Handlung bringt.

Die ersten Kapitel überhäufen den Leser mit unzähligen Charakteren und Informationen, aber keine Angst, das Dunkel lichtet sich relativ schnell. Danach taucht man in einen feinen, gut ausbalancierten historischen Roman ein. Seht anschaulich wechselt die Autorin zwischen persönlicher Alltagsebene und dem komplexen politischen Hintergrund, ohne dabei an Tempo zu verlieren und Längen zu generieren. Dabei vermeidet sie Generalisierungen, ergreift nicht Partei, steht doch über allem der Wunsch nach Toleranz, Würde und Freiheit.

Kriege und Terror im Namen der Religion, die Verfolgung Andersgläubiger und Flucht. Wir kennen das leider auch aus unserer Gegenwart, von daher hat dieser Roman durchaus auch einen aktuellen Bezug.