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Veröffentlicht am 29.01.2025

Die Suche nach Freiheit

Cheap Land Colorado
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Ted Conover ist ein amerikanischer Journalist, der bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht und dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Sozialreportagen sind etwas Besonderes, weil sich ...

Ted Conover ist ein amerikanischer Journalist, der bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht und dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Sozialreportagen sind etwas Besonderes, weil sich sein Blick nicht darauf beschränkt, von außen mit entsprechender auf die Menschen zu schauen, sondern in deren Alltag eintaucht, deren Leben über einen längeren Zeitraum teilt und davon ohne zu werten berichtet. So war er mit Hobos auf den Schienen quer durch Amerika unterwegs, hat als Wärter im Hochsicherheitsgefängnis Sing-Sing gearbeitet und Einwanderer auf ihrem Weg in die USA begleitet.

In „Cheap Land Colorado“, seiner neuesten Veröffentlichung, hat es ihn nach San Luis Valley in den südlichen Rocky Mountains verschlagen, eine Region, die für ihr billiges Land bekannt und deshalb ein bevorzugtes Ziel für Aussteiger ist, in den US als Off-Gridder bezeichnet. Für kleines Geld kann man sich dort eine Parzelle Land kaufen und den amerikanischen Traum von Freiheit leben. Sie kommen aus allen Landesteilen, politisch eher dem Trump-Lager zuzuordnen, sind meist arm. Manche sind mit dem Gesetz in Konflikt geraten, andere können sich das Leben in den Städten nicht mehr leisten oder suchen nach alternativen Formen des Miteinander, wollen raus aus dem Hamsterrad. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die die Abgeschiedenheit der Prärie genießen, weil sie einfach nur ihre Ruhe haben und nach ihren eigenen Regeln leben wollen.

Um einen Fuß in die Tür zu bekommen schließt sich Conover La Puente an, einer Hilfsorganisation, die die Menschen dort mit dem Nötigsten, Essen, Brennholz, medizinischer Versorgung etc. versorgt, später kauft er einen Trailer und teilt immer wieder über größere Zeiträume den oftmals harten Alltag. Er schätzt die Gemeinschaft, lebt mit seinen Nachbarn, findet Freunde, wird einer von ihnen, was sogar so weit geht, dass er dort ein Stück Land kauft und ein Haus baut.

Conovers Reportage bietet einen interessanten Einblick in eine Region und deren Bewohner, die frei und autark ihren amerikanischen Traum leben wollen. Absolut lesenswert, auch wenn wir diese Werte nicht teilen. Er gewährt uns Einblicke, weckt Verständnis, erzählt ihre Geschichten. Einfühlsam, nicht wertend und mit jeder Menge Sympathie und Akzeptanz. Lesen!

Veröffentlicht am 27.01.2025

Prequel zur Mörderisches-Island-Reihe

Verlassen
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Ein Wochenende im November 2017. Ein Leichnam am Fuß einer Felsklippe. Ein abgelegenes Luxushotel auf der westisländischen Halbinsel Snaefellsnes, das durch seine futuristische Ausstattung ein unbehagliches ...

Ein Wochenende im November 2017. Ein Leichnam am Fuß einer Felsklippe. Ein abgelegenes Luxushotel auf der westisländischen Halbinsel Snaefellsnes, das durch seine futuristische Ausstattung ein unbehagliches Gefühl unter den Gästen verbreitet. Eine wohlhabende Großfamilie, die es sich in dem Familienimperium gemütlich gemacht hat und diese Location exklusiv für die Geburtstagsfeier des (bereits verstorbenen) Firmengründers nutzt. Und, wie könnte es bei dieser Konstellation auch anders sein, jede Menge Verborgenes, das nur darauf wartet ans Licht zu kommen.

Eva Björg Ægisdóttirs „Verlassen“ ist das Prequel zu ihrer dreibändigen Mörderisches-Island-Reihe und wird als Nordic Noir vermarktet. Gut, es gibt eine Leiche, aber dennoch kann ich dieser Etikettierung nicht zustimmen, ist dies durch die Konzentration auf die einzelnen Familienmitglieder und deren Geheimnisse doch eher ein isländischer Roman mit Spannungselementen, in dessen Zentrum das Psychogramm einer dysfunktionalen Sippe mit nicht zu verleugnenden Suchtproblemen steht. Den einzelnen Personen sind zahlreiche Themen zugeordnet, von denen die Gefahren, die die naive Nutzung von Social Media Plattformen mit sich bringen kann, als Motiv zwar nicht neu, aber hier noch am interessantesten ist.

Mit der Entwicklung der Story lässt sich die Autorin Zeit. Viel Zeit, bis sie auf den Punkt kommt. Geschuldet ist das in erster Linie dem großen Personentableau, in dem man sich verlaufen könnte, wäre nicht eingangs der entsprechende Stammbaum der Familie abgedruckt, zu dem zumindest ich während des Lesens immer wieder zurückblättern musste, um mir die Beziehungen der einzelnen Personen zu vergegenwärtigen. Das bremst das Tempo, hemmt den Lesefluss und ist auf Dauer ermüdend. Daran ändern leider auch die unterschiedlichen Perspektiven nichts, aus der nicht nur die Geschehnisse des Wochenendes geschildert werden, sondern auch aus verschiedenen Blickwinkeln auf vergangene, auch einigermaßen tragische Ereignisse geblickt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass sämtliche Personen zutiefst unsympathisch sind und ich permanent das Gefühl hatte, angelogen zu werden.

Die Ermittlungen der Polizei nehmen nur einen sehr kleinen Raum ein, auch wenn in Gestalt von Saevar und Hördur zumindest zwei alte Bekannte aus der Mörderisches-Island-Reihe sich bemühen, den Todesfall aufzuklären. Elma hingegen gehört noch nicht zum Team, wird aber bereits als Verstärkung angekündigt.

Wenn man möchte, kann man „Verlassen“ problemlos als Ergänzung zu der Reihe lesen, aber zwingend notwendig ist es nicht.

Veröffentlicht am 26.01.2025

Ida im Alleingang

Alter Zorn
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Am Elbstrand von Övelgönne wird ein totes Kind angeschwemmt, abgemagert bis auf die Knochen, der Körper von unzähligen Verletzungen übersät. Ida Rabe hört die Meldung zufällig mit, schwingt sich auf ihr ...

Am Elbstrand von Övelgönne wird ein totes Kind angeschwemmt, abgemagert bis auf die Knochen, der Körper von unzähligen Verletzungen übersät. Ida Rabe hört die Meldung zufällig mit, schwingt sich auf ihr Fahrrad und radelt zum Fundort. Der Anblick trifft sie bis ins Mark, denn der Junge ähnelt dem Buben, den sie und ihre Kollegin Heide vor einiger Zeit halb verhungert in einem Hauseingang gefunden und im Winterhuder Waisenhaus abgeliefert haben. Ist er’s? Sie sucht nach Antworten, beißt aber innerhalb der David-Wache auf Granit, soll sich fernhalten von den Ermittlungen. Wen kümmert schon ein totes Kind? Offenbar nur Ida Rabe.

Doch seit dem Weggang von Miss Watson, ihrer britischen Vorgesetzten auf Zeit, wird sie an der kurzen Leine gehalten. Trotz erfolgreicher Fortbildung zur Oberbeamtin hockt sie die meiste Zeit im Kellerbüro und muss den Papierkram der Wache erledigen. Keine Beförderung in Sicht. Im Gegenteil, die männlichen Kollegen machen sich über sie lustig, nehmen sie nicht ernst, trauen ihr nichts zu. Pfaffenkamp, neuerdings ihr Vorgesetzter, schikaniert sie, wird verbal ausfällig und wartet nur auf den richtigen Anlass, um ihr Disziplinarmaßnahmen aufs Auge zu drücken. Aber Ida lässt sich nicht daran hindern, auf eigene Faust im Fall des toten Kindes zu ermitteln, was dazu führt, dass sie vom Dienst suspendiert und ihr mit Entlassung gedroht wird. Aber auch davon lässt sie sich nicht aufhalten.

Eine erste Spur führt sie auf die Elbinsel Waltershof, wo ein Wunderheiler mit zahlreichen Frauen in sektenähnlicher Gemeinschaft lebt und tagtäglich die Hilfesuchenden empfängt. Es gelingt Ida, sich unter falschem Namen in seine Gefolgschaft einzuschleichen und das dortige Treiben zu beobachten, nicht ahnend, dass sie sich damit in Lebensgefahr bringt…

Einmal mehr nimmt uns die Autorin mit nach ins Hamburg der Nachkriegszeit. Wir schreiben 1949, das Jahr, in dem mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine neue Zeit nach den Jahren der NS-Diktatur anbrechen sollte. Doch soweit ist es noch lange nicht. Die Seilschaften, die während der zurückliegenden Jahre entstanden, funktionieren noch immer, auch wenn deren Aktivitäten nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Und auch an den Arbeitsbedingungen für die Frauen, die ihr Können in den Berufsfeldern beweisen, die ausschließlich Männern vorbehalten waren, hat sich, wie fast schon erwartet, wenig geändert.

Insofern also alles beim Alten, auch wenn das zugrunde liegende Thema in seiner Brisanz erst durch die Anmerkungen der Autorin im Anhang richtig deutlich wurde. Was den Spannungsfaktor angeht, dieser war im ersten Drittel relativ hoch, in der Mitte flaute er durch die ausführlichen und redundanten Beschreibungen der Lebensumstände (äußerliches Erscheinungsbild, Schweigegebot etc.) innerhalb der Wunderheiler-Sekte deutlich ab und nahm erst im Schlussteil wieder an Fahrt auf. Fast hätte ich es vergessen, am Ende gibt es überraschende Neuigkeiten, die auf eine interessante Fortführung der Reihe hoffen lassen.

Veröffentlicht am 15.01.2025

Warum in die Ferne schweifen?

Mein Schwaben
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Mit Vincent Klink bin ich bereits durch Paris (Ein Bauch spaziert durch Paris), Venedig (Ein Bauch spaziert durch Venedig) und Wien (Ein Bauch lustwandelt durch Wien) flaniert. Habe eigene Reiseeindrücke ...

Mit Vincent Klink bin ich bereits durch Paris (Ein Bauch spaziert durch Paris), Venedig (Ein Bauch spaziert durch Venedig) und Wien (Ein Bauch lustwandelt durch Wien) flaniert. Habe eigene Reiseeindrücke im Nachhinein Revue passieren oder mich von dessen sehr persönlichen Impressionen inspirieren und offenen Auges durch die Städte führen lassen. Mit „Mein Schwaben kehrt der Sternekoch im Ruhestand nun aber den touristischen Hotspots den Rücken und schaut sich stattdessen nicht nur in seiner, sondern seit Studienzeiten auch in meiner Heimat um. Und da gibt es unendlich viel zu entdecken.

Landschaftliche Highlights wie die Wacholderheiden der Schwäbischen Alb oder das Donautal rund um Sigmaringen. Urzeitfunde aus der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen, wie das 3,7 cm kleine Mammut, die älteste Tierdarstellung der Menschheitsgeschichte, mittlerweile in die geschichtsträchtige Uni-Stadt Tübingen umgezogen. Außergewöhnliche Kunstwerke, zu finden in Kirchen, aber auch in der Stuttgarter Staatsgalerie. Kritische Köpfe, die wir kennen, Schiller, Wieland und, nicht zu vergessen, die schwäbischen Tüftler und ihre bahnbrechenden Erfindungen.

Klinks verbindet in diesem lesenswerten Buch seine Ausfahrten ins Umland nicht nur mit allerlei Wissenswertem um die Kulturgeschichte Schwabens, sondern taucht auch tief in die schwäbische Seele ein, die für Außenstehende auf den ersten Blick zwar bruddelnd daherkommen mag, aber herzensgut ist und viel mehr als Kehrwoch‘ und Häusle bauen zu bieten hat.

Daneben ist dieses Buch, für alle, die sich dafür interessieren, eine wahre Fundgrube für Ausflugstipps. Und neben Futter für den Kopf gibt es natürlich auch jede Menge Empfehlungen für den Magen, falls einem unterwegs der Hunger plagt, was durchaus vorkommen mag. Deshalb werden sowohl in den Texten als auch im Anhang empfehlenswerte Gasthäuser genannt. Aber auch wer lieber selbst kocht, wird hier fündig, denn unter dem Titel „Sonntags Brötle und Salätle“ gibt es zum einen einen Überblick darüber, was die schwäbische Küche ausmacht und wo ihr Ursprung zu finden ist, zum anderen stellt Vincent Klink die Klassiker vor und liefert auf 25 Seiten die passenden Rezepte dazu.

Ein rundum gelungenes Buch nicht nur für Schwaben, vollgepackt mit wissenswerten Informationen zu Ländle, Leuten und Historie, präsentiert mit knochentrockenem Humor. Also genau so, wie wir es von ihm kennen und erwartet haben. Bleibt mir nur noch zu sagen: „Danke, Herr Klink, ma hots lesa könna!“

Veröffentlicht am 12.01.2025

Völlig losgelöst...

Umlaufbahnen
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Der erste Satz: „So einsam sind sie in ihrem um die Erde kreisenden Raumschiff und gleichzeitig einander so nah, dass ihre Gedanken, ihre individuellen Mythologien, bisweilen zusammenfinden“.

Eine Raumstation. ...

Der erste Satz: „So einsam sind sie in ihrem um die Erde kreisenden Raumschiff und gleichzeitig einander so nah, dass ihre Gedanken, ihre individuellen Mythologien, bisweilen zusammenfinden“.

Eine Raumstation. An Bord vier Astronauten, zwei Kosmonauten. Ein internationales Team aus Neulingen und alte Hasen auf engstem Raum, jede/r mit einer individuellen Aufgabe betraut. Beobachtungen, Experimente, Forschung in der Petrischale. Schwerelosigkeit und ihre Auswirkungen, lang- und kurzfristig. Jedes Ergebnis dokumentierend.

Vierundzwanzig Stunden, ein Tag und eine Nacht, getaktet in sechzehn Umlaufbahnen, von denen jede neunzig Minuten dauert. Eineinhalb Stunden in Dauerschleife, in denen die Sonne auf- und untergeht. Völlig losgelöst in grenzenloser Unendlichkeit, den Blick gerichtet auf Mutter Erde lassen wir uns treiben.

Samantha Harveys „Umlaufbahnen“, ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2024, setzt sich aus individuellen Reflexionen und Beobachtungen zusammen, die in weiten Teilen völlig unspektakulär daherkommen. Gespeist aus Gegenwärtigem und Vergangenem. Den Aufgaben, die es täglich zu erledigen gilt, den Gefühlen, die bei den Blicken aus den Fenstern geweckt werden, aber auch den persönlichen Erinnerungen, Erfahrungen und Sehnsüchten. Manchmal profan, aber über weite Strecken all jene Punkte thematisierend, die die Existenz des blauen Planeten gefährden und dessen Schutz geradezu unumgänglich einfordern. Sehen Dunkel und Licht, Wetterphänomene und eine Welt ohne Grenzen, spüren Hilflosigkeit, persönliche Betroffenheit aber auch wissenschaftliches Interesse. Tauchen ein in die Köpfe der Besatzung, folgen deren Fluss der Gedanken, teilen und würdigen staunend ihre Beobachtungen.

Ganz großes Kino. Lesen!