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Veröffentlicht am 06.01.2021

Fesselndes Leseabenteuer mit Schloss, Fluch, Schatz, Gefahr, Gänsehaut und viel Witz

Malvina Moorwood (Bd. 1)
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Der 16. Juli, der letzte Tag vor den Sommerferien hätte so ein schöner Tag für die fast elfjährige Malvina Moorwood werden können, aber er entwickelt sich leider stattdessen zum schlimmsten Alptraum ihres ...

Der 16. Juli, der letzte Tag vor den Sommerferien hätte so ein schöner Tag für die fast elfjährige Malvina Moorwood werden können, aber er entwickelt sich leider stattdessen zum schlimmsten Alptraum ihres Lebens. Denn Malvina erfährt, dass ihre Familie das alte Familienschloss Moorwood Castle verkaufen möchte, das immer weiter zu zerfallen droht und dessen Renovierung die finanziellen Verhältnisse der Moorwoods übersteigt. Das Schloss aufgeben, in dem Malvina ihr gesamtes Leben verbracht hat und das sie über alles liebt? Das darf auf gar keinen Fall passieren. Malvina und ihr Freund Tom suchen einen Weg, Moorwood Castle zu retten. Ihre Bemühungen führen sie in ein unglaubliches Abenteuer mit Geistern, einem Familienfluch, einem Schatz und ganz viel Gefahr...

Autor Christian Löffelbein schildert das Geschehen aus der Sicht der Hauptfigur Malvina Moorwood. Er schreibt in Ich-Form gut verständlich, kindgemäß und ziemlich humorvoll. Julia Christians hat die Illustration der Geschichte übernommen, ihre schwarz-weiß Bilder sind sehr charakteristisch und individuell. Die Gefühle der Figuren lassen sich auf den Illustrationen ganz klar erkennen, da mussten wir oft ziemlich schmunzeln über die treffenden Gesichtsausdrücke, die kleinen gezeichneten Totenköpfe hingegen sind wirklich zum Gruseln.
Absolut gelungen ist die gesamte äußere Aufmachung: Das hochwertig gestaltete Buch macht mit der goldenen herausstechenden Schrift auf dem Titel, den Abbildungen von Malvina und ihrem Hund Poldi im Zentrum und dem nebelverhangenem Moorwood Castle, eingerahmt von Totenkopf und Rabe, ganz schön was her. Ein Buch, das sicher alle Leser ab neun Jahren gerne in die Hand nehmen und erstmal ausgiebig bewundern werden. Da der Text recht umfangreich ist, erfordert er von den Lesern schon etwas Übung, Disziplin und Motivation. Zum Vorlesen ist die Geschichte auch schon für jüngere Kinder ab sechs, sieben Jahren mit guten Nerven und Ausdauer beim Zuhören geeignet.

Malvina ist eine wunderbare Hauptfigur. Sie ist mutig, abenteuerlustig, emotional, cleverer als sie denkt, sehr humorvoll, ziemlich willensstark und dickköpfig. Meinen Kindern und mir war das Mädchen auf Anhieb sympathisch. Ihr Freund Tom wirkt etwas „nerdig“, liebt Knobeleien und Computerspiele, besucht freiwillig einen Lateinclub und lehnt sportliche Betätigung grundsätzlich ab. Während Malvina eher spontan und intuitiv an Aufgaben herangeht, denkt Tom ganz genau nach. Insofern ergänzen sich Malvina und Tom ziemlich gut. Dass zwischen den beiden ungleichen Kinder auch mal die Fetzen fliegen ist selbstverständlich und macht die Freundschaft der beiden sehr glaubwürdig. Die anderen Figuren sorgen immer wieder für Komik und skurrile Momente: Malvinas ältere Zwillingsschwestern, die über weite Strecken Elfenkostüme tragen, Toms Polizistenvater mit seiner Vorliebe für Tomatenwitze oder Malvinas Tante Frieda und ihr Hang zum Spiritismus. Insgesamt eine wirklich sehr unterhaltsame Personenauswahl.

Was für eine superspannende Handlung! Alles dreht sich um die Frage, ob es Malvina und Tom gelingen wird, das Schloss im Familienbesitz zu belassen. Aber dass ihre Anstrengungen in einem sehr gefährlichen, hochspannenden Gruselabenteuer enden werden, hätten die beiden vermutlich selbst nicht erwartet. Die Geschichte ist definitiv nichts für schwache Nerven und zart Besaitete, immer wieder enden Kapitel mit einem Cliffhanger, häufig werden die Leser von den neuen Entwicklungen überrascht. Das Ende ist in sich abgeschlossen und stimmig. Die Geschichte hat uns so gut gefallen, dass wir gerne wissen wollen, wie es mit Malvina und Co weitergeht, die sich etwas Ruhe bis zum nächsten Band aber durchaus verdient haben. Unterm Strich: Eine absolut fesselndes, nervenaufreibendes Buch mit viel Grusel und Witz für Jungen und Mädchen, die lange Texte nicht scheuen. Klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 04.01.2021

Atemberaubend spannende, sehr phantasievolle Geschichte mit originellen, magischen Hauptfiguren

Flüsterwald - Das Abenteuer beginnt (Flüsterwald, Staffel I, Bd. 1)
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Weil sein Vater eine Anstellung als Lehrer in der dortigen Schule gefunden hat, zieht Lukas mit seiner Familie in die kleine Stadt Winterstein. Ihr neues Zuhause ist eine alte Villa, die einst einem Professor ...

Weil sein Vater eine Anstellung als Lehrer in der dortigen Schule gefunden hat, zieht Lukas mit seiner Familie in die kleine Stadt Winterstein. Ihr neues Zuhause ist eine alte Villa, die einst einem Professor gehörte, der spurlos verschwand. Ganz seltsame Dinge gehen in dem Haus vor. Lukas entdeckt in seinem Zimmer einen Geheimgang, der zu einem mysteriösen Dachboden führt, außerdem leuchten nachts draußen merkwürdige Lichter. Und als eines Nachts ein zwielichtiges Wesen in Lukas Zimmer steht, verfolgt Lukas es und landet an einem Ort, von dem er sich niemals hätte vorstellen können, dass es ihn wirklich gibt: den Flüsterwald. Ehe er sich versieht, steckt Lukas mitten in einem atemberaubend gefährlichen Abenteuer. Zum Glück findet er im Menok Rani und der Elfe Felicitas zwei verlässliche Gefährten, die ihm zur Seite stehen.

„Flüsterwald- Das Abenteuer beginnt“ liest sich gut verständlich und klar. Der Sprachstil des Autors Andreas Suchanek, der in der dritten Person Singular Lukas Sicht der Dinge schildert, ist altersgerecht. Kinder ab neun Jahre können die Geschichte sicher problemlos selbstständig lesen. Timo Grubings Illustrationen runden den Text stimmig ab. Jedes Kapitel wird mit einem Bild eingeleitet, das Motive zeigt, die im Kapitel eine Rolle spielen. Das motiviert die Leser natürlich und macht neugierig. Man fragt sich im Vorfeld, was es mit dem prägnant gezeichneten Bild wohl auf sich hat.

Lukas werden die Leser sicherlich schnell sympathisch finden. Laut seiner Mutter, die als Psychologin arbeitet, befindet er sich in einer frühpubertären Phase. Eigentlich ist er aber ein ganz normaler Junge mit Eltern und einer kleinen Schwester, die manchmal ziemlich nerven können. Für ihn ist es nicht ganz einfach, in Winterstein neu anzufangen. Er vermisst seinen Freund Micha. Nicht im Traum hätte er daran gedacht, magische neue Freunde zu finden. Tut er aber. Da ist zunächst der Menok Rani, der ziemlich direkt und sehr unsensibel sein kann, Schokolade liebt, aber davon leider ins Koma fällt und Menschen erforschen möchte, um über sie ein Buch zu schreiben. Seine bisherigen Vorstellungen von Menschen haben nicht so viel mit der Realität gemein, sind aber urkomisch. Und dann trifft Lukas noch die Elfe Felicitas, die zwar sehr gerne, aber nicht immer sehr erfolgreich zaubert, was für einiges Durcheinander und viel Chaos sorgt. Felicitas Begleitung Pedora Ulinde Naftet von Chibalka, genannt Punchy, ist eine besondere Katze. Die Dynamik zwischen den Figuren, wie z.B. das permanente Gekappel von Rani und Felicitas hat mir großen Spaß gemacht. Die drolligen magischen Charaktere, Elfe und Menok, habe ich sofort liebgewonnen. Die magischen Wesen sorgen immer wieder für absurde, skurrile Situationen. Da treffen ganz unterschiedliche Kulturen, ja Welten, aufeinander.
Andere Ungeheuer wie der Wark sind einfach nur zum Fürchten und Gruseln. Solche Bösewichte gehören zu einer guten Fantasygeschichte für mich einfach dazu.

Was für ein unglaubliches Abenteuer, das Lukas und seine neuen Freunde bestehen müssen! Sehr aufregend und spannend zu lesen, was sie dabei im Flüsterwald alles erleben. Aber nicht nur fesselnd, sondern auch sehr phantasievoll und ziemlich originell die Handlung. Ob Bücher wirklich von den Emotionen ihrer Leser nachhaltig verändert werden und dann einer intensiven Reinigung bedürfen und wir Menschen nur so wenig feinfühlig sind, dass wir das gar nicht bemerken? Meinen Sohn und mich hat das Szenario überzeugt. Für uns eine packende, magische, turbulente Geschichte voller Phantasie, die wir gerne weiterempfehlen. Wir freuen uns schon jetzt auf Teil zwei. Das Ende ist nämlich offen und kann für uns auf keinen Fall so stehen bleiben.

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Veröffentlicht am 04.01.2021

Angenehm ruhige Geschichte mit schöner Atmosphäre, die behutsam aufs Erwachsenwerden einstimmt

Elchtage
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„Vom Rücken eines Elches schaute man anders auf die Welt und den Wald als aus der normalen Menschenperspektive, und das nicht nur, weil man ein ganzes Stück weiter sehen konnte.“

Nach den Sommerferien ...

„Vom Rücken eines Elches schaute man anders auf die Welt und den Wald als aus der normalen Menschenperspektive, und das nicht nur, weil man ein ganzes Stück weiter sehen konnte.“

Nach den Sommerferien will ihre beste Freundin Sandra plötzlich nichts mehr von Johanna wissen. Sie möchte lieber zu den In-Mädchen gehören und interessiert sich nun vornehmlich für Jungen und Klamotten. Johanna verbringt ihre Zeit daher nun alleine in ihrer Hütte im Wald. Eines Tages erhält sie dort Besuch von einem Elch. Wie es wohl wäre, einen Elch zu zähmen? Gerne würde Johanna das herausfinden und recherchiert zu diesem Thema in der Bücherei. Dort taucht ein fremder Junge auf, der um seine Herkunft ein Geheimnis macht und sofort Johannas Neugier weckt.

Malin Klingenberg schreibt sehr angenehm, locker und flüssig aus Johannas Sicht in der Ich-Perspektive. Johannas feiner, trockener Humor kommt bei ihren Schilderungen immer wieder durch. Aufgrund der leichten Erzählweise werden Leserinnen rasch von der Geschichte und ihrer ganz eigenen nordischen Atmosphäre gefangen. „Elchtage“ würde ich für Mädchen ab zehn Jahren empfehlen.

Johanna geht in die siebte Klasse. Während ihre Altersgenossinnen gerne über Jungs reden, kann sie das alberne Getue der anderen Mädchen überhaupt nicht verstehen. Auch wenn sie traurig ist, dass ihre ehemals beste Freundin Sandra nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte, ist sie auch gerne mit sich alleine in ihrer Waldhütte. Sie wirkt gefestigt und in sich ruhend: „Wenn einem egal ist, was die Leute denken, kann man kaum was verkehrt machen“. Ihre tierischen Besucher in der Waldhütte, die Elche, faszinieren sie sehr. Sie zu beobachten macht Johanna großen Spaß. Seit sie das Bild in eines auf einem Elch reitenden Jungen gesehen hat, träumt sie davon, auch einmal auf dem Rücken des großen Tieres zu sitzen. Johanna steht kurz vor dem Erwachsenenwerden, möchte dies aber nicht groß thematisieren und sich damit näher beschäftigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es vielen Mädchen da ganz ähnlich geht. Daher eignet Johanna sich sicher gut als Identifikationsfigur für die jungen Leserinnen .

„Elchtage“ berührt viele Themen, die für Zwölf-, Dreizehnjährige relevant sind: Verliebtsein, Tiere, Freundschaft, Gruppenbildungen, Außenseiter. Vieles wird angeschnitten, aber nicht vertieft. Elchtage ist kein schweres, problembeladendes, sondern ein leichtes Buch. Obwohl die Handlung recht ruhig verläuft und nicht viel passiert, liest es sich fast wie von selbst. Meine neunjährige Tochter meinte: „Es flutscht beim Lesen so, weil es einfach so schön ist“. Klar wäre es möglich, dass einige Probleme an manchen Stellen etwas intensiver und tiefgründiger behandelt werden. Aber Probleme gibt es durchaus genug in der Pubertät. Warum nicht einfach auch einmal die positiven Aspekte dieser Zeit herausstellen? Johannas erster Schritt in Richtung Erwachsenwerden tut nicht weh. Das ist für Mädchen dieses Alters doch auch schön zu lesen. Sie müssen keine Angst haben, vor dem was kommt, nicht abgeschreckt werden, sondern können auch ruhig unbefangen mit ihrer Situation umgehen. Ich habe Johannas „harmlose“ Geschichte jedenfalls gerne gelesen und die angenehme Atmosphäre, die schöne Stimmung darin sehr genossen. Erwachsenwerden braucht viel Zeit und kann phasenweise durchaus auch in ruhigen Bahnen und ohne Krawall verlaufen, das zeigt „Elchtage“ auf angenehm sanfte Weise.

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Veröffentlicht am 30.12.2020

Locker leichte Kölsche Liebeskomödie

Auch die große Liebe fängt mal klein an
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„Denk nicht immer zwei Mal. Manchmal reicht auch kein Mal.“

Marie steht vor dem finanziellen Ruin. Nachdem eine Geburtstagsfeier in ihrem Restaurant Petite Pauline komplett schief läuft und das Gebäude ...

„Denk nicht immer zwei Mal. Manchmal reicht auch kein Mal.“

Marie steht vor dem finanziellen Ruin. Nachdem eine Geburtstagsfeier in ihrem Restaurant Petite Pauline komplett schief läuft und das Gebäude auch noch umgebaut werden muss, um den Brandschutzauflagen zu genügen, ist die junge Köchin pleite und muss ihr geliebtes Pauline schließen. Um an Geld zu kommen, nimmt sie eine Arbeit in einem Brauhaus an. Nicht genug, dass dort auf andere Art gekocht wird - mit Fertigprodukten und weniger frisch, was Marie in ihrer Köchinnenehre angreift - als neuer Kollege entpuppt sich ausgerechnet noch Maries Exfreund Anton, der damals einfach von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben verschwand. Kann das gutgehen?

„Auch die große Liebe fängt man klein an“ ist angenehm, oft amüsant und sehr flüssig zu lesen. Dank Silvia Deloys unkompliziertem Schreibstil hatte ich keine Mühe, mich in die Perspektive der Hauptfigur Marie hineinzuversetzen.

Oh je, vom Glück geküsst ist Marie gerade nicht. Seit Generationen befindet sich das Petite Pauline im Besitz der Familie, aber nun droht Marie der Verlust des Restaurants. Da nützen alle Anstrengungen der leidenschaftlichen und ehrgeizigen Frau zunächst nichts. Marie hat zwar im Umgang mit Anton Haare auf den Zähnen, muss im Streit mit ihm immer Recht behalten, zeigt sich dann widerborstig und störrisch und interessiert sich wenig für dessen Meinung. Aber trotzdem war mir die chaotische Frau, der Familie über alles geht, und die oft viel zu viel nachdenkt, sehr sympathisch. Von ihrer Familie ist nur noch Opa Erwan übrig, der unter seiner zunehmende Demenz zu leiden hat, in bestimmten Momenten aber auch erstaunlich klar wirkt. An seine Lieblingssendung Shopping Queen erinnert er sich noch immer zuverlässig, was mich ziemlich amüsierte. Für Marie sind auch ihr -Vorsicht Klischee- schwuler bester Freund und Royalexperte Klaus und ihre Mitbewohnern Swantje samt Tochter Alva Familie. Auch wenn Anton etwas farblos bleibt, finde ich Deloys Figuren insgesamt sehr unterhaltsam, auch unbedeutende Nebenfiguren wie Hung sorgen für urkomische Momente.

Ist es möglich, sich zweimal in dieselbe Person zu verlieben? Ich war sehr gespannt während der Lektüre die Antwort zu erfahren. Aber auch sonst wurde mir beim Lesen dieses Wohlfühlromans nicht langweilig. Ich freute mich über Maries leckere Gerichte, irrwitzige Auseinandersetzungen zwischen Marie und Anton wie zum Beispiel den „Wirsingstreit“ oder herrliche Szenen, in denen Marie Pullover und Exfreunde, die keine Freude versprühen, nach dem Prinzip von Marie Kondo aussortiert. Silvia Deloys Humor trifft oft genau den meinen. Ihre Liebe zu Köln ist permanent spürbar und damit macht sie auch Nicht-Köln-Kenner wie mich neugierig. Die romantischen Szenen im Dom habe ich jedenfalls sehr genossen und hätte gut Lust, mir das alles einmal vor Ort anzusehen. Zudem hat mir sehr gefallen, dass mit Peter eine Figur aus Deloys Roman „Das Glück ist zum Greifen da“ ganz kurz auftaucht. Ich mag solche Verbindungen in Büchern, da fühlt man sich ein wenig, wie wenn man alte liebgewonnene Bekannte trifft. Auch wenn, wie zu erwarten war, am Ende alles sehr schnell sehr gut wird, hat mir das Buch ein paar unbeschwerte Lesestunden beschert. Der Roman sorgt garantiert für Stimmungsaufhellung. Wer schnelle gute Laune sucht, liegt mit „Auch die große Liebe fängt mal klein an“ auf jeden Fall richtig.

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Veröffentlicht am 30.12.2020

Eine Expedition ans andere Ende der Welt, zwei ungleiche Frauen und eine einzigartige Freundschaft

Miss Bensons Reise
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„Und was bedeutete das schon, Heimat? Angenommen, Heimat war nicht der Ort, wo man herkam, sondern etwas, das man bei sich trug wie einen Koffer? Margery wusste inzwischen auch, dass man Koffer sogar verlieren ...

„Und was bedeutete das schon, Heimat? Angenommen, Heimat war nicht der Ort, wo man herkam, sondern etwas, das man bei sich trug wie einen Koffer? Margery wusste inzwischen auch, dass man Koffer sogar verlieren konnte. Man konnte das Gepäck eines anderen Menschen öffnen und in seine Kleider schlüpfen, und auch wenn man sich darin anfangs fremd und verloren fühlte, blieb doch etwas in einem gleich und wurde sogar ein bisschen wahrhaftiger, ein bisschen freier.“

Seit dem Tod ihres Vaters hat Margery Benson nur einen Traum: Sie möchte den goldenen Käfer aus dem Naturkundebuch ihres Vaters finden. Dieser lebt in Neukaledonien, weit weg von Margerys Heimat London. Im Jahr 1950 setzt sie ihren Plan von der Käferexkursion in die Tat um, aber nicht allein. Über eine Zeitungsannonce sucht sie eine Expeditionsbegleitung. Die junge, ziemlich überdrehte Enid Pretty meldet sich daraufhin bei ihr. Obwohl Margery sie zunächst für völlig ungeeignet hält, treten die beiden ungleichen Frauen die Dampferreise nach Australien gemeinsam an. Eine Reise, die in ein Abenteuer führt, das alles verändert...

„Miss Bensons Reise“ liest sich angenehm und flüssig. Erfolgsautorin Rachel Joyce bringt mit ihrem klaren Schreibstil die Dinge auf den Punkt und formuliert wunderbare Sätze zum Innehalten und Genießen wie: „Da kann man um die halbe Welt reisen, so viel man will: Was immer an vernichtender Traurigkeit in einem steckte, reist mit.“

Was Rachel Joyces neuer Roman „Miss Bensons Reise“ ausmacht, sind ihre beiden hinreißenden Hauptfiguren. Zwei tragische, sehr ungleiche Gestalten, die das Schicksal zusammengeführt hat. Margery arbeitet in London als Hauswirtschaftslehrerin. Das Wort „solide“ umschreibt sie ziemlich prägnant, so heißt es auch im Nachwort. Miss Benson lebt ein Leben, in dem sie unglücklich ist. Auf Fotos schneidet sie sich beispielsweise immer ihren Kopf ab, sowenig kann sie sich selbst leiden. Mit anderen Menschen kann sie aber auch nichts anfangen: „Käfer, ja, die verstand sie. Es waren die Menschen, die ihr fremd geworden waren“.
Enid verhält sich im Gegensatz zu Margery immer etwas zu schrill, zu laut, zu grell, wirkt mitunter etwas skurril. Hinter der bunten, überdrehten, ständig plappernden Fassade steckt ein unvergleichlicher, ganz und gar einzigartiger, liebenswerter Mensch: „Enid war Enid-artiger als jede andere Person, der Margery jemals begegnet war“.

Wird Margery den goldenen Käfer finden?
Diese Frage zieht sich durch die gesamte Handlung. Aber Rachel Joyces Geschichte ist nicht nur eine Abenteuergeschichte, sondern vor allem eine Geschichte über eine ganz besondere Beziehung, eine außergewöhnliche Freundschaft, und über Träume. Der Figuren - und die Leser auch- lernen einiges über und für das Leben. So lernt Margery durchaus auch von Enid, die so viel jünger und ungebildeter ist: „Enid hatte Recht gehabt, die ganze Zeit. Margerys Abenteuer bestand nicht darin, dass sie der Welt ihren Stempel aufdrückte. Es bestand vielmehr darin, dass die Welt ihr ihren Stempel aufdrückte.“ Enid ermuntert sie: „Merk Dir das, Marge. Du darfst nie wieder aufgeben. (...) „Was uns zugestoßen ist, macht nicht das aus, was wir sind. Wir können sein, was wir sein möchten.“ Das sind Sätze, die die Leser sicher auch gerne glauben möchten. Nach der Lektüre dieses wundervollen Romans fühlte ich mich trotz des nicht ganz harmonischen Endes jedenfalls um einiges reicher.
Eine umwerfende, bemerkenswerte Geschichte, die mich beeindruckt hat, man sollte mehr solcher Romane lesen.

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