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Veröffentlicht am 19.04.2024

- cineastisch aufgebauter Öko- und Edutainment-Thriller -

Blaues Gold
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Uwe Laub - Blaues Gold – Der Kampf ums Wasser beginnt
(Heyne Verlag)

- cineastisch aufgebauter Öko- und Edutainment-Thriller -

Dass sich der 1971 in Timișoara, Rumänien geborene, deutsche Schriftsteller ...

Uwe Laub - Blaues Gold – Der Kampf ums Wasser beginnt
(Heyne Verlag)

- cineastisch aufgebauter Öko- und Edutainment-Thriller -

Dass sich der 1971 in Timișoara, Rumänien geborene, deutsche Schriftsteller Uwe Laub, in seinen spannenden Thrillern gerne mit brandaktuellen Themen aus den Bereichen Klima, Ökologie, Wissenschaft, Umwelt, Ökonomie und Sozialwirtschaft befasst, dürfte jedem kundigen Leser hinlänglich bekannt sein. So verhält es sich auch bei seinem mittlerweile fünften Vollwerk "Blaues Gold – Der Kampf ums Wasser beginnt", das sich mit dem immer knapper werdenden Rohstoff Wasser, der wirtschaftlichen Ausbeutung dieser überlebenswichtigen Ressource und der gerechten Verteilung selbiger beschäftigt. Ein Thema, das uns alle angeht und das Uwe Laub mit subtilen Warnungen unterfüttert hat. Die visionären Erkenntnisse seiner akribischen Recherchen sind oftmals erschreckend nah an künftig eintretenden Ereignissen, sodass man ihm in den sozialen Medien schon orakelhafte Fähigkeiten zugeschrieben hat. Uwe Laub ist ein Garant dafür, seine wissenschaftlich interessierte Leserschaft unmittelbar in seinen Bann zu ziehen und direkt in seinen Plot hineinzusaugen.

August 2026, Europa ächzt unter der Hitze. Die Klimakatastrophe ist in vollem Gange. Dürren, brennende Wälder, brennende Moore, ausgetrocknete Flussbette. Der Grundwasserspiegel sinkt ab und Europa geht das Trinkwasser aus. Da kommt die Eröffnung der weltweit ersten Offshore-Förderplattform für Süßwasser "Greifswald" vor der deutschen Ostseeküste, mit viel Prominenz an Deck, gerade recht. Ein gefundenes, weil exorbitant lohnendes Fressen für den Milliardär, Gründer und CEO der Firma Sharpwater LLC, Ethan Holloway, der die Süßwasservorkommen vor sämtlichen rentablen Küstengebieten der Welt erschließen möchte. Die "Greifswald" macht dabei den Anfang. Sie ist der Prototyp für die künftig von tausenden von Menschen bewohnten Aqua Citys und ein Versprechen, die Menschheit für die nächsten 100 Jahre mit Trinkwasser zu versorgen. Die Behebung sämtlicher Wasserprobleme auf der Welt! Der Run auf die Vermarktung des Trinkwassers und letztlich auch auf das Monopol über die Trinkwasserversorgung hat begonnen. Und damit auch die finanzielle Gängelung der jeweils davon abhängigen Bevölkerung. Doch kurze Zeit, nachdem Sharpwaters Projektleiterin für die Erkundung der Wasserreservoire Leonie Vargas samt ihrer Kollegen in einem Hubschrauber auf der Greifswald abgesetzt werden, besetzt ein Trupp schwer bewaffneter Terroristen die Plattform, eröffnet das Feuer auf einige der Mitarbeiter und nimmt sämtliche Anwesende der "Greifswald" als Geiseln. Alle Kommunikationsmöglichkeiten nach draußen wurden von den Angreifern gekappt und ein Hilferuf oder gar eine Flucht scheint für sämtliche Beteiligte unmöglich. Sie alle sind Geiseln einer terroristischen Vereinigung, die sich als Wohltäter der gesamten Menschheit aufspielt. Ihre Forderung: Das geförderte Trinkwasser soll allen gehören. Eine altruistische Utopie, die sich bald als irreführender Vorwand herausstellen soll.

Der abwechselnd mit seiner Frau in München und Fort Myers, Florida residierende Schriftsteller Uwe Laub, bringt seine empathische Sichtweise geschickt in seinem neuesten Climate-Fiction-Thriller "Blaues Gold" unter. Er findet dabei eine beinahe perfekte Mischung aus Realität und Fiktion, wären da nicht die klischeebehafteten Zufälle und Ungereimtheiten, die sich hin und wieder in seinen Roman eingeschlichen haben. Sieht man allerdings darüber hinweg, kann man sich über einen spannenden und cineastischen Aufbau seines Wissenschaftsthrillers freuen, der für vieles entschuldigt, jedoch gerne etwas mehr Action und dafür weniger Konjunktiv hätte vertragen können. Uwe Laub wirft in seinen verschiedenen Handlungssträngen und Zeitebenen, die immer klar strukturiert sind, unzählige Namen in den Raum, mit denen man jedoch gut klarkommt. Der komplexe Aufbau seines Klima-/Edutainment-Thrillers bietet fiktive, wie auch wissenschaftlich recherchierte Rückblicke in die Anbahnung der Zusammenarbeit zwischen dem, von der Masse als Philanthrop und Idealist wahrgenommen Milliardär Ethan Holloway und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Zentrums für Ozeanforschung GEOMAR, Leonie Vargas. Laubs nüchterne, schnörkellose Sprache, die in der Regel straight auf den Punkt kommt, ist dabei stets zugänglich gehalten und leicht zu verdauen. Lediglich eine etwas ausführlichere und "blumigere" Beschreibung des Lokalkolorits wäre wünschenswert gewesen.

Ein Krisenstab aus Regierungsmitgliedern, Bundespolizei, dem Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum GTAZ und GSG 9, unter der Leitung der 44-jährigen Anne Hagen wird eingerichtet. Operation AURORA hat begonnen. Als die Terroristen die laufende Wasserförderung einstellen, geht großen Teilen Berlins und Brandenburgs, das Wasser aus. Der deutsche Bestsellerautor Uwe Laub wirft hier und da erschreckende Anekdoten zum Nachdenken über unsere fragilen Systeme ein. Er zeigt dabei die Gefahren der Privatisierung der Wasserversorgung durch Großkonzerne auf. Während die Menschen allmählich am Verzweifeln sind, kommt es auf und um die "Greifswald" zu mehreren tödlichen Zwischenfällen. Nicht zuletzt hierdurch erhöht sich der Druck auf das Einsatzteam enorm. Der Pharma-Unternehmer und ehemalige Börsenhändler Uwe Laub gibt immer wieder Einblick in die Kommunikation und Verfahrensweise des Krisenstabs, wodurch "Blaues Gold", in gewisser Weise auch ein wenig Richtung Politthriller schielt. Wer sich für die wirtschaftlichen, technischen, physikalischen und biologischen Aspekte und Hintergründe der Wasserwirtschaft, verpackt in einen rasanten Spannungsroman interessiert, kommt mit dem 480 Seiten starken Klima-Thriller "Blaues Gold" und Uwe Laubs interessantem Nachwort, voll auf seine Kosten.

(Janko)

https://uwelaub.de
https://www.facebook.com/uwelaubautor
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Brutalität/Gewalt: 51/100
Spannung: 71/100
Action: 60/100
Unterhaltung: 79/100
Anspruch: 36/100
Atmosphäre: 57/100
Emotion: 40/100
Humor: 05/100
Sex/Obszönität: 07/100

LACK OF LIES - Wertung: 79/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 15 Jahren (aufgrund der allgemeinen Thematik und der Kausalitäten)

Uwe Laub - Blaues Gold – Der Kampf ums Wasser beginnt
Heyne Verlag
Thriller
ISBN: 978-3-453-42845-4
480 Seiten
Paperback, Klappenbroschur
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 16,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-31073-8
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 12,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

ISBN: Hörbuch Download (Ungekürzte Lesung mit Achim Buch; Laufzeit: 12h): 978-3-8445-5106-8
Erscheinungstermin: 11.03.2024
EUR 25,95 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Blaues Gold – Der Kampf ums Wasser beginnt" beim Heyne Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Blaues-Gold/Uwe-Laub/Heyne/e617318.rhd

Leseprobe: https://www.penguin.de/leseprobe/Blaues-Gold/leseprobe
9783453428454.pdf

Die beiden Trailer zum Buch checkt ihr hier: https://youtu.be/4QjypwyXP2o und hier: https://youtu.be/hmAI0_NyEyo

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Veröffentlicht am 01.04.2024

- unausgegorene, dystopische, system-, gesellschafts- und sozialkritische Zukunftsvision -

Chain-Gang All-Stars
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Nana Kwame Adjei-Brenyah - Chain-Gang All-Stars
(Hoffmann und Campe Verlag)

- unausgegorene, dystopische, system-, gesellschafts- und sozialkritische Zukunftsvision -

Amerika, in nicht allzu ferner Zukunft. ...

Nana Kwame Adjei-Brenyah - Chain-Gang All-Stars
(Hoffmann und Campe Verlag)

- unausgegorene, dystopische, system-, gesellschafts- und sozialkritische Zukunftsvision -

Amerika, in nicht allzu ferner Zukunft. Die farbige Kämpferin Loretta Thurwar ist eine, zu lebenslanger Haft verurteilte Gefängnisinsassin. Als neuer Star der Chain-Gang All-Stars muss sie vor laufender Kamera und einem Live-Publikum um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen. Im Deathmatch. Ihre Waffe: ein Kriegshammer, namens "Hass Omaha". Auch ihre Geliebte Hamara "Hurricane Staxxx" Stacker gehört derselben Untergruppe, der Angola-Hammond-Chain an. Ihr Waffenaggregat: die LoveGuile, eine messerscharfe Sense. Die Chain-Gang All-Stars werden vom Publikum abgefeiert und angefeuert wie die heutigen Wrestling-Stars des World Wrestling Entertainment. Die Massen jubeln ihnen zu, verehren sie regelrecht. Gesponsert von der Familienmarke WholeMarket™, McFoods™ oder Horizon Wireless™, unterstützt durch individuelles Merchandising, in martialische Rüstungen gepackt und von fliegenden Kameras (den HMCs) gefilmt. In einem abgestumpften, skrupellosen Amerika, das jegliche Moral, Ethik und Empathie endgültig ausgeblutet hat und in dem Mord zum normalen Tagesgeschehen geworden ist, sammeln die inhaftierten Schwerverbrecher "Blood Points". Für sie eine Art Zahlungsmittel. Es ist der Ruf des Lebens und der Freiheit, heruntergebrochen auf den puren Überlebenswillen, der die Inhaftierten lenkt und immer weiter vorantreibt. Vorantreibt zum Verstümmeln, zum Zerhacken, zum Töten. Ausgenutzt vom System, den Medien, dem Kapitalismus, den Gefängniswärtern und letzten Endes auch den gierig nach Kampf, Blut, Verstümmelung und Mord lechzenden Zuschauern. Top moderne Gladiatoren-Spiele in der Arena. Entweder man ist live dabei oder checkt die Kämpfe bequem von zu Hause oder unterwegs im All-Stars-Stream. Es ist für jeden Geldbeutel etwas dabei. Doch als Thurwar eine Nachricht von einem weiblichen Fan erhält, ist das ein absoluter Gamechanger, denn die Karten der Chain-Gang All-Stars wurden neu gemischt...

Nach seiner Kurzgeschichtensammlung "Friday Black" aus dem Jahr 2018, ist die, 2023 unter dem Originaltitel "Chain-Gang All-Stars" erschienene dystopische und systemkritische Zukunftsvision, Nana Kwame Adjei-Brenyahs erster vollständiger Roman. Eine 480 Seiten starke Dystopie, welche die Lesegemeinde sicherlich in zwei vollkommen gegensätzliche Lager aufspalten dürfte. Ich, für meinen Teil, habe mich äußerst schwergetan, mit dem höchst sonderbaren lyrischen Stil, den unkonventionellen, scheinbar zusammenhangslos aneinander gestückelten Begebenheiten, der permanenten Fußnoten- und Anmerkungsflut (die sich häufig auf die Gesetzes- und Faktenlage Amerikas bezieht), sowie mit den zukunftsorientierten, eigenwilligen Abkürzungen und Begriffen. Adjei-Brenyahs Plot ist beinahe Comic-mäßig persifliert, obendrein sprunghaft und verwirrend, das jeweilige Umfeld nicht leicht zu fassen und die Charaktere so farblos, wie die Luft, die wir atmen. Der US-amerikanische Schriftsteller ghanaischer Abstammung, der in den New Yorker Bronx geboren wurde und dort auch heute wieder lebt, hält sich viel zu häufig und viel zu lange mit Belanglosigkeiten auf, reitet permanent auf den gleichen Thematiken herum und beraubt sich dadurch selbst des Flows. Er schöpft aus einem irrsinnigen Personalpool und nutzt eine mitunter explizite, gewalttätige und obszöne Rhetorik.

Mit leichtem Sarkasmus in den Zwischentönen, wendet sich Adjei-Brenyah oftmals kritisch gegen das System, das Establishment, die Verrohung der Gesellschaft, den Rassismus, die Todesstrafe, die Haftbedingungen in amerikanischen Gefängnissen, Folter, Ausbeutung, Gewalt, die Beschneidung der Privatsphäre und die ausgeartete Konsumgeilheit eines jeden einzelnen von uns. Im Speziellen bekommt die Konsum-, Medien-, Spiele- und Gameshow-Welt hierbei ordentlich ihr Fett weg. Schwerstkriminelle leisten ihren (zumeist letzten) Dienst an der Gesellschaft, indem sie sich dem CAPE-Programm (Criminal Action Penal Entertainment Program) anschließen. Eine moderne und entartete Rückkehr zur Gladiatur. An sich eine interessante Thematik über die Würde des Individuums, die meinem Empfinden nach jedoch alles andere als ansprechend umgesetzt wurde. Als würde er eine fremde Sprache sprechen, ist "Chain-Gang All-Stars" eine unorthodoxe, zusammenhangslose Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten. Immer wieder habe ich versucht, mich mit dem Buch gütlich zu tun, was mir aufgrund der langweiligen Konstellation regelmäßig misslang. Obendrein empfand ich Nana Kwame Adjei-Brenyahs unkonventionellen, poetisch-metaphorischen Schreibstil äußerst anstrengend, bisweilen gar regelrecht nervtötend. Der Lesefluss und somit auch die Konzentration wurden durch die Gesamtheit der unkonventionellen Stilmittel wiederholt zum Teufel gejagt. Teilweise wusste ich nicht mehr, wer gerade am Erzählen ist oder wo sich das Ganze abspielt. Auch wenn es Nana Kwame Adjei-Brenyah darüber hinaus sicherlich um Gefühle wie Liebe, Zuneigung und Empathie ging, lässt der US-Amerikaner mit "Chain-Gang All-Stars" für mein Empfinden weder Atmosphäre, noch Emotionen, Mitleid oder gar Tränen aufkommen.

(Janko)

https://www.nanakwameadjei-brenyah.com
https://www.facebook.com/nkabrenyah
https://www.instagram.com/king_nk/

Brutalität/Gewalt: 64/100
Spannung: 19/100
Action: 30/100
Unterhaltung: 26/100
Anspruch: 45/100
Atmosphäre: 24/100
Emotion: 21/100
Humor: 01/100
Sex/Obszönität: 16/100

LACK OF LIES - Wertung: 29/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung ab 21 Jahre (aufgrund der expliziten Sprache, der Gewaltdarstellungen, des unkonventionellen, poetisch-metaphorischen Schreibstils, sowie des allgemeinen Verständnisses)

Nana Kwame Adjei-Brenyah - Chain-Gang All-Stars
Hoffmann und Campe Verlag
Dystopische Gegenwartsliteratur
ISBN: 978-3-455-01706-9
480 Seiten
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag
Originaltitel: Chain-Gang All-Stars (2023)
Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Schmidt
Erscheinungstermin: 05.03.2024
EUR 25,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-455-01707-6
Erscheinungstermin: 05.03.2024
EUR 19,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Chain-Gang All-Stars" beim Hoffmann und Campe Verlag: https://hoffmann-und-campe.de/products/65864-chaingang-allstars?variant=44685479248140

Leseprobe: https://erp.guu-portal.de/erp/dokumente/embed/932182?filename=9783455017069.pdf

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Veröffentlicht am 15.03.2024

- komplexes und gewalttätiges Sozial-Drama mit surrealem Beiklang -

Das verlorene Paradies
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James Lee Burke - Das verlorene Paradies
(Heyne Verlag)

- komplexes und gewalttätiges Sozial-Drama mit surrealem Beiklang -

Colorado, in den frühen 60ern, wenige Tage vor der Kubakrise. Als der Saisonarbeiter ...

James Lee Burke - Das verlorene Paradies
(Heyne Verlag)

- komplexes und gewalttätiges Sozial-Drama mit surrealem Beiklang -

Colorado, in den frühen 60ern, wenige Tage vor der Kubakrise. Als der Saisonarbeiter Aaron Holland Broussard, samt seiner beiden Kollegen Spud Caudill und Cotton Williams, vor einem Motel in Trinidad von vier Männern derbe verprügelt wird, landen sie unversehens im Gefängnis. Erst als ihr Chef Mr. Jude Lowry auftaucht, seines Zeichens Besitzer einer Farm mit Milchviehhaltung in Trinidad, werden die drei Saisonkräfte aus der Haft entlassen. Nicht ohne guten Rat von Detective Wade Benbow, die Sache besser auf sich beruhen zu lassen. Nach den brutalen Angreifern hatte man, wie es scheint, ohnehin nicht gefahndet. Aaron erhält lediglich ein gefaltetes Stück Papier von Detective Benbow, mit der Notiz "Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Rufen Sie mich an." und einer Telefonnummer darauf, welches die Kellnerin des Motel-Restaurants Jo Anne McDuffy für ihn hinterlassen hat. Aaron trifft sich mit der Kellnerin und Kunststudentin Jo Anne und verliebt sich in sie. Von ihr erfährt Aaron den Namen eines der beteiligten Schläger. Darrel Vickers und dessen jähzorniger Vater Rueben, Teil einer einflussreichen Familie aus der Ölbranche, besuchen gleich am nächsten Tag die Farm von Mr. Lowry, um erneut mächtig Stunk zu machen. Die Botschaft der beiden: Niemand legt sich mit den Vickers an. Mit Aaron Holland Broussard allerdings auch nicht. Und so schaukeln sich Machtspielchen, Drohungen und Gewalt zu einem hochexplosiven Gemisch hoch.

Der 1936 in Houston, Texas geborene James Lee Burke ist einer dieser Schriftsteller, denen man in der Regel blind vertrauen kann. Deren Schreibstil einem unmittelbar ans Herz wächst und sogleich in die Geschichte hineingleiten lässt, als wäre man ein Teil von ihr. Es sind seine niveauvollen Sozial-Dramen im Thriller- und Krimi-Gewand, die wiederkehrenden Gewaltorgien, die erschreckenden Martyrien, welche den Leser verstören und die den Zeitgeist der jeweiligen Epoche perfekt einfangen. Burke schafft es, nicht zuletzt aufgrund seiner vergleichenden Rhetorik, die landschaftlichen Kulissen innerhalb seiner literarischen Trips mit sprudelndem Leben zu füllen. Er legt viel Wert auf emotionale Bindungen, eine gewisse Cozyness und eine ordentliche Portion knisternder Spannung. So spürt man in seinem komplexen und atmosphärisch dichten Werk "Das verlorene Paradies" die jeweilige Umgebungstemperatur, das hitzige Gemüt der Männer in einem gewalttätigen Landstrich im Süden des Colorado-Plateaus und die lauernde Gefahr, in der Aaron Holland Broussard und seine Freundin Jo Anne permanent schweben.

Aaron ist ein seltsamer, aber liebenswerter Zeitgenosse, doch trotz seiner überwiegend ruhigen Art auch ein kleiner Hitzkopf, der es schnell und gerne mal übertreibt. So handeln sich die schlagfertige und toughe Jo Anne und der Wanderarbeiter immer mehr Ärger mit den Vickers, Jo Annes zwielichtigem Kunstdozenten Henry Devos, samt seiner Clique vergeblich sinnsuchender, drogenverseuchter und esoterischer Beatniks, sowie Detective Wade Benbow ein. Letztgenannter ist gleichzeitig mit einer brutalen Vergewaltigungs- und Mordserie an Frauen in einem weitläufigen Umfeld beschäftigt, in die Broussard wider Willen immer tiefer hineingezogen wird.

Auf knapp 320 Seiten entwirft der, heute mit Ehefrau Pearl auf einer Ranch in Missoula, Montana lebende Schriftsteller James Lee Burke, eine zugegebenermaßen etwas sonderbare, gleichwohl niveau- und stilvolle Geschichte aus Gewalt, Rache, Vergewaltigung und Mord, die in einem übernatürlichen Gewaltexzess mündet. Diese mysteriöse Ader, die sich aufgrund Aaron Holland Broussards Posttraumatische Belastungsstörung, gerade zum Schluss hin in Blackouts und surrealen Visionen äußert, ist definitiv gewöhnungsbedürftig. Einen derart mystischen Hintergrund bin ich, in dieser ausgeprägten Form, von James Lee Burkes "Holland-Universum" bislang nicht gewohnt. Der Rest der Familienbande wird lediglich peripher angerissen. "Das verlorene Paradies", welches phasenweise an Cormac McCarthy erinnert und im amerikanischen Original bereits im Jahre 2021 unter dem Titel "Another Kind of Eden" erschien, bietet ansonsten Kopfkino par excellence. Wer allerdings den letzten Satz des Klappentextes entworfen hat, hat die Geschichte um den Zugvogel und Nachwuchsautor Aaron Holland Broussard offensichtlich gar nicht gelesen.

(Janko)

https://www.jamesleeburke.com/
https://www.facebook.com/JamesLeeBurkeAuthor
https://www.instagram.com/jamesleeburke/

Brutalität/Gewalt: 79/100
Spannung: 82/100
Action: 78/100
Unterhaltung: 87/100
Anspruch: 38/100
Atmosphäre: 79/100
Emotion: 49/100
Humor: 13/100
Sex/Obszönität: 18/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 87/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 16 Jahren (aufgrund der relativ expliziten Gewaltdarstellungen und des allgemeinen Verständnisses)

James Lee Burke - Das verlorene Paradies
Heyne Verlag
Thriller
ISBN: 978-3-453-42846-1
320 Seiten
Paperback , Klappenbroschur
Originaltitel: Another Kind of Eden (2021)
Aus dem amerikanischen Englisch von Daniel Müller
Erscheinungstermin: 14.02.2024
EUR 18,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-28960-7
Erscheinungstermin: 14.02.2024
EUR 12,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Das verlorene Paradies" beim Heyne Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Das-verlorene-Paradies/James-Lee-Burke/Heyne/e617349.rhd

Leseprobe: https://www.penguin.de/leseprobe/Das-verlorene-Paradies/leseprobe_9783453428461.pdf

  • Einzelne Kategorien
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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.03.2024

- interessanter aber unspektakulärer HardSF-Thriller -

Janus
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Phillip P. Peterson - Janus
(FISCHER Tor)

- interessanter aber unspektakulärer HardSF-Thriller -

NASA Hauptquartier, Washington, D.C. Die 29-jährige US-amerikanische Astronautin Jenny Nelson soll zu ...

Phillip P. Peterson - Janus
(FISCHER Tor)

- interessanter aber unspektakulärer HardSF-Thriller -

NASA Hauptquartier, Washington, D.C. Die 29-jährige US-amerikanische Astronautin Jenny Nelson soll zu einer mehrere Monate andauernden Mission auf der Internationalen Raumstation ISS starten. Schon lange träumt sie von einem Flug zum Mond oder noch besser zum Mars, doch mehr Substanz als einer Utopie gesteht sie ihrer Hoffnung dabei nicht zu. Eine Hoffnung, die einer Familienplanung mit ihrem Freund Daniel Perito, seines Zeichens Manager für internationale Kontakte im Hauptquartier der NASA in Washington, diametral konträr entgegensteht. Doch während der letzten Vorbereitungen auf ihren gemeinsamen Raumflug zur ISS, wird Jennys russischer Kollege Mikhail Gidzenko, kurzerhand und völlig unerwartet von seinen Vorgesetzten in Moskau von der Mission abgezogen. Bei einem umbenannten Anflug auf den Mars sei mit einem Mal der Kontakt zur russischen Marssonde abgebrochen. Letztlich wird auch Jennys ISS-Mission gecancelt. Als wenig später bekannt wird, dass die Chinesen die Umlaufbahnneigung ihrer Tiangong-Raumstation neu ausrichten, rätseln die europäischen und amerikanischen Raumfahrtbehörden über die neue Flugbahn der modularen chinesischen Raumstation "Himmelspalast", die sich nun direkt über dem russischen Kosmodrom Vostochny befindet.

Um den neuen und mittlerweile sechsten HardSF-Edutainment-Thriller "Janus", des unter Pseudonym schreibenden, deutschen Schriftstellers Phillip P. Peterson zur Gänze genießen zu können, sollte man eine gewisse Affinität für Technik und Raumfahrt mitbringen. Nüchtern, sachlich und faktenbasiert vorgetragen, nutzt der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter für Luftfahrt-, Raumfahrt und Nukleartechnik viele technische, physikalische und mathematische Begrifflichkeiten, die den Laien schon mal überfordern und zum Googeln zwingen können. Der 1977 in Waldbröl (Nordrhein-Westfalen) geborene Autor jongliert des Weiteren mit einem kaum zu fassenden Wust an Charakteren, bei dem man schon mal den Überblick verlieren kann. Innerhalb seines 384 Seiten umfassenden Standalones lässt er aber auch die wichtige emotionale Seite nicht gänzlich außer Acht. Phillip P. Peterson ist vom Fach und weiß, wovon er schreibt, lässt sich im Falle von "Janus" allerdings enorm viel Zeit mit Spannung und Action. Seine unspektakulären Ausführungen, um die Vorbereitungen zur Marsmission, leiden etwas an Einfallslosigkeit und sind streckenweise nur unwesentlich spannender als das Telekolleg im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. In dieser Phase verliert Petersons vielversprechender Plot deutlich an Fahrt.

Als Daniel Perito und seine Freundin Jenny Nelson interessante Daten vom Marsmond Phobos und eines auf dessen Oberfläche befindlichen Objekts zugespielt bekommen, erkennen sie in dem, bereits in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckten Phobos-Monolithen, ein vermeintlich außerirdisches Artefakt. Und während sich Russen, wie Chinesen für eine Reise zum Marsmond Phobos startklar machen, beraten die Amerikaner, wie sie den beiden Raumfahrtnationen zuvorkommen können. Die Vereinigten Staaten von Amerika wollen ebenfalls eine bemannte Operation auf den Weg schicken, denn wer zuerst in den Besitz der mutmaßlich außerirdischen Technik gelangt, könnte dadurch einen immensen Vorteil erlangen. Das Projekt "Janus" ist geboren und damit auch ein gefährlicher, überhasteter und risikoreicher Wettlauf im All, der sich auf der Erde zu einem echten Politikum mit erhöhtem Kriegspotenzial auszuwachsen droht. Ein Szenario, das sich mit all seinen, teils menschenverachtenden Widrigkeiten und internationalen politischen Maßnahmen, durchaus in der dargestellten Art abspielen könnte. Ein trilaterales Abkommen zwischen Amerikanern, Russen und Chinesen, zur Bergung des Artefakts soll beschlossen werden. Doch eine Nation schießt quer und setzt dadurch das Leben der gesamten Menschheit aufs Spiel.

In der Vergangenheitsform verfasst, lässt sich HardSF-Schriftsteller Phillip P. Peterson viel Zeit mit seiner Einführung. Vitalität und Dynamik sind daher zu Beginn der "Reise" nur sehr schwach ausgeprägt. Das ändert sich im weiteren Verlauf der fiktionalen Erzählung ganz allmählich. Die Zeichnung der Protagonisten ist angemessen, die Emotionalität eher hintergründig und das jeweilige Milieu recht rudimentär dargestellt. "Janus" fokussiert sich beinahe ausschließlich auf die vorbereitenden Handlungen zur Marsmission, die vom ehemaligen Ingenieur für Trägerraketenkonzepte zwar nicht gänzlich uninteressant gestaltet wurden, mir persönlich dann aber doch etwas zu trocken vorgetragen sind. Da bleibt nicht allzu viel Raum für Atmosphäre oder Spannung. Und obschon die Mission zum Schluss hin noch mal deutlich aufdreht, droht Phillip P. Petersons Edutainment- und Unterhaltungsroman "Janus" weder nach oben noch nach unten großartig auszureißen.

(Janko)

http://petersonauthor.com/
http://raumvektor.de/
https://www.facebook.com/PetersonAutor/
https://www.instagram.com/petersonauthor/

Brutalität/Gewalt: 11/100
Spannung: 47/100
Action: 38/100
Unterhaltung: 76/100
Anspruch: 41/100
Atmosphäre: 29/100
Emotion: 27/100
Humor: 01/100
Sex/Obszönität: 02/100

LACK OF LIES - Wertung: 74/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 14 Jahren (aufgrund des technischen Verständnisses)

Phillip P. Peterson - Janus
FISCHER Tor
HardSF
ISBN: 978-3-596-70892-5
384 Seiten
Paperback
Erscheinungstermin: 30.08.2023
EUR 18,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-10-491796-2
Erscheinungstermin: 30.08.2023
EUR 16,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Janus" bei FISCHER Tor: https://www.tor-online.de/buch/phillip-p-peterson-janus-9783596708925

Leseprobe: https://www.book2look.com/book/9783596708925

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2024

- einfallsreicher und anspruchsvoller Polit-Thriller mit hartnäckigen Durchhängern -

Brazilian Psycho
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Es herrscht Gewalt in den Straßen São Paulos. Miss- und Vetternwirtschaft, Kriminalität, Betrug und Korruption stehen an der Tagesordnung. Nicht selten münden diese in völligen Katastrophen für die, zumeist ...

Es herrscht Gewalt in den Straßen São Paulos. Miss- und Vetternwirtschaft, Kriminalität, Betrug und Korruption stehen an der Tagesordnung. Nicht selten münden diese in völligen Katastrophen für die, zumeist verarmte Bevölkerung. Der philosophische Ansatz des Habitus, den der britische Autor Joe Thomas in seinem einfallsreichen und anspruchsvollen Polit-Thriller "Brazilian Psycho" an den Tag legt, ist genauso rau und lebendig, wie die Schauplätze, an denen sie sich zutragen. Politisch unkorrekt, obszön, vulgär, skrupellos und verdammt brutal. Auf Befindlichkeiten nimmt Thomas keine Rücksicht. Das machen die Gangs auf der Straße auch nicht. Also beschönigt er auch nichts. In der größten Stadt Brasiliens hält sich niemand an das Gesetz. Jeder wirtschaftet auf seine Weise. Zumeist in die eigene Tasche. Die Grenzen der organisierten Kriminalität sind nun mal fließend. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist es hingegen nicht. In seinem 640 Seiten umfassenden, weltoffenen und kommunikativen Polit-Thriller geht der Brite ebenso auf den politischen und wirtschaftlichen Lauf der Dinge ein, wie auch auf das unweigerliche Ineinandergreifen vom Verteilen (zumeist) finanzieller Zuwendungen und dem Ermöglichen von Dingen des alltäglichen Lebens. Er stützt sich auf kurze, lässige, gleichwohl prägnante und aussagekräftige Thesen, die darauf hindeuten, dass ihr Repräsentant bereits so einiges im Leben gesehen hat. Joe Thomas, der selbst zehn Jahre in São Paulo gelebt hat, beleuchtet die politischen, wirtschaftlichen und kriminellen Kausalitäten insbesondere in der Zeitspanne von 2003 bis 2019 und zeigt die Gegensätzlichkeit São Paulos als Milieustudie. Die Favelas, mit ihren eng aneinander gebauten Bruchbuden am Hang des Morro da Providência und demgegenüber Bezirke, wie das grüne Jardins-Viertel mit seinen ruhigen Straßen, Nobel-Restaurants, luxuriösen Apartment-Hochhäusern, mondänen Hotels, reichen Paaren, schnellen Autos und exklusiven Klamottenläden mit Tausend-Dollar-Jeans. Neben schicken Bars und "padarias" (Bäckereien), Wop-Kantinen und Pizzerien wimmelt es in São Paulo nur so vor Straßennutten, Stripclubs, Strichern, Dealern, Zuhältern, Künstlern, Aristokraten und den "noias", den paranoiden Süchtigen.

Januar 2003. Detective Mario Leme macht sich gemeinsam mit seinem guten Freund und Partner Ricardo Lisboa auf ins Nobelviertel Jardim Paulistano, um zu klären, wer Paddy Lockwood, den Direktor der British International School, in dessen Villa ermordet hat. Der Fall wird nicht aufgeklärt. Doch jemand muss den Kopf dafür hinhalten. Ein armer Schlucker aus den Favelas, dessen Familie für seinen fünf- oder sechsjährigen Stellvertreter-Knastaufenthalt einen Batzen Geld erhält, ist schnell bestimmt. Der Mord an dem Schulleiter ist Lemes erster Fall, der ihn auch Jahre später nicht zur Ruhe kommen lässt und für ihn zu einer Obsession gerät. Szenenwechsel. Miami Airport. "Big" Ray Marx fliegt nach São Paulo. Aber nicht unvorbereitet. Der ehemalige CIA-Agent, aktuelle Firmenteilhaber und freiberufliche Drahtzieher hat sich zuvor mit Startkapital eingedeckt. Das will er gewinnbringend investieren. Er soll für den Hedgefonds und die private Investmentbank Capital SP den Consultant spielen und die Entwicklung des Finanzmarktes unter der politischen Führung von Luiz Inácio Lula da Silva (35. und indes auch 39. Präsident der Föderativen Republik Brasilien) sondieren. In der Zwischenzeit trifft sich Anwältin Renata Sanchez, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Fernanda von Capital SP ein Rechtsberatungsbüro am Rande der Favela Paraisópolis eröffnen will, mit einem Makler. Sie wollen den Bewohnern der Favela bei den vielen Anträgen helfen, die ein besseres Leben für selbige bedeuten könnten. Beobachtet vom 13-jährigen Schüler Rafa, der sich als Aufpasser ein bisschen Geld verdient. Er notiert, auffällige Personen, die die Favelas betreten oder selbige verlassen.

Aufgrund der vielen Handlungsstränge weiß man nicht so recht, in welche Richtung es eigentlich gehen soll. Doch dann nimmt die gesellschaftspolitische Ode an das wichtigste Wirtschafts-, Finanz- und Kulturzentrum des Landes allmählich Gestalt an und die Geschehnisse beginnen sich zu überschneiden. Der komplexe, teil-fiktionale Polit-Thriller "Brazilian Psycho", der auf einem Fundament aus tatsächlichen Vorkommnissen errichtet wurde, ist schon harter Tobak. Trocken, schwarzhumorig und abgebrüht geht Joe Thomas auf die jeweiligen Charaktere ein, die man in ihrem täglichen Kampf im Sündenpfuhl São Paulos begleitet. Die meisten von ihnen ohne reelle Chance jemals aus diesem abartigen Teufelskreis aus Sex, Drogen und Gewalt auszubrechen. Man riecht den Dreck, den Staub, die Abgase, spürt die permanente Gefahr der willkürlichen Gewalt, die Schwüle, die flirrende Hitze, sieht die Massen an Menschen vor dem eigenen geistigen Auge durcheinander wuseln und bekommt in diesem erbarmungslosen Thriller eine Ahnung vom bitteren Elend auf den Straßen São Paulos. "Brazilian Psycho" ist phasenweise dermaßen fesselnd verfasst, dass man an Joe Thomas' Buchseiten klebt, wie ein Neugeborenes an den Brüsten seiner Mutter. Man sollte allerdings ein gewisses Interesse für Wirtschaft, Politik und kriminelle Machenschaften mitbringen, um mit dem explosiven Zündstoff aus dem Betondschungel klarzukommen. Thomas hechtet nämlich in Highspeedmanier durch die dramatischen Geschehnisse und die politischen Hintergründe Brasiliens, die ich in dieser Form nicht kannte. Durch die vielen verschiedenen Handlungsstränge und das üppige Personal wird man jedoch immer wieder aus dem Kontext gerissen. Zudem die Geschichte, gerade im letzten Drittel unnötigerweise in die Länge gezogen wird. Hier gestaltet es Joe Thomas einfach zu komplex, zu politisch, zu zerfahren und zu kompliziert. Auf Dauer wird der Schluss dermaßen zäh, dass ich das Buch am liebsten abgebrochen hätte. Warum der btb Verlag, im Falle des 1977 in Hackney geborenen Schriftstellers Joe Thomas das Feld von hinten aufgerollt hat, ist mir zusätzlich ein Rätsel. "Brazilian Psycho" ist nämlich der vierte Band des "São Paulo Quartet" (bestehend aus Paradise City, Gringa, Playboy und Brazilian Psycho). Er kann jedoch als Standalone gelesen werden, was diesen Fauxpas wieder etwas in den Hintergrund rückt.

(Janko)

Brutalität/Gewalt: 72/100
Spannung: 39/100
Action: 33/100
Unterhaltung: 72/100
Anspruch: 63/100
Atmosphäre: 69/100
Emotion: 36/100
Humor: 15/100
Sex/Obszönität: 28/100

LACK OF LIES - Wertung: 70/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 21 Jahren (aufgrund der kausalen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, des durchgehend hohen Gewaltpotentials, sowie der weniger expliziten sexuellen Handlungen)

Joe Thomas - Brazilian Psycho
btb Verlag
Polit-Thriller
ISBN: 978-3-442-77386-2
640 Seiten
Paperback, Klappenbroschur
Originaltitel: Brazilian Psycho
Aus dem Englischen von Alexander Wagner
Erscheinungstermin: 14.02.2024
EUR 18,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-29817-3
Erscheinungstermin: 14.02.2024
EUR 12,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Brazilian Psycho" beim btb Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Brazilian-Psycho/Joe-Thomas/btb/e618015.rhd

Leseprobe: https://www.penguin.de/leseprobe/Brazilian-Psycho/leseprobe_9783442773862.pdf

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