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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.01.2025

Kein gewöhnlicher Nesbø

Der König
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Jo Nesbø war lange einer meiner Lieblingsautoren aus Norwegen, aber Der König gefällt mir nicht halb so gut wie die Harry-Hole-Storys. In diesem Buch zieht sich alles sehr lang dahin und die "Selbstgespräche" ...

Jo Nesbø war lange einer meiner Lieblingsautoren aus Norwegen, aber Der König gefällt mir nicht halb so gut wie die Harry-Hole-Storys. In diesem Buch zieht sich alles sehr lang dahin und die "Selbstgespräche" sind eher Selbstbeweihräucherung. Da verliert sich die Spannung im schwülstigen Gerede.
Carl und Roy sind so unterschiedlich, wie zwei Brüder nur sein können. Im kleinen norwegischen Os, das sinnbildlich für Provinz und Merkwürdiges steht, lässt mich bisweilen an den Zauberer von Oz denken. Einer muss der Herrscher sein, auch im dunklen Norwegen.
Wie zwei Brüder versuchen, das Glück zu erzwingen, ohne Rücksicht auf Verluste, das hat mich nicht in seinen Bann gezogen, wie es die Ankündigung verspricht. Mir hat die Geschichte zum Glück auch keine schlaflosen Nächte beschert.
Fazit: wer bis zum Ende liest, wird doch überrascht sein.

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Veröffentlicht am 09.01.2025

Impossible Ideas

Wackelkontakt
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Zuletzt las ich „Eigentum“, seitdem habe ich mich riesig auf dieses neue Buch gefreut und es nun in kürzester Zeit verschlungen. Ein Wolf Haas, wie er im Buche steht, könnte man sagen.
In Anlehnung an ...

Zuletzt las ich „Eigentum“, seitdem habe ich mich riesig auf dieses neue Buch gefreut und es nun in kürzester Zeit verschlungen. Ein Wolf Haas, wie er im Buche steht, könnte man sagen.
In Anlehnung an die Impossible-Constructions-Schaffensperiode des begnadeten Grafikers M. C. Escher habe ich meine Überschrift gewählt. Ja, Wolf Haas hat unmögliche Ideen, was ja an sich schon doppeldeutig ist. Das neue Buch hat eine verwirrende, verwirrte Handlung und auch recht verwirrte Protagonisten, die sich im Unmöglichen suchen und versuchen.
Hauptperson Escher hat nichts mit dem erwähnten berühmten Grafiker zu tun, er trägt nun mal diesen Namen. Er ist professioneller Trauerredner, hat einige Macken und ein unersättliches Hobby: Puzzles, Glück bei den Frauen eher nicht. Der Klappentext verrät dem Leser zwar den Anfang, aber wie sich die Story um Escher, den Elektriker und die Mafia in einem Fort entwickelt, das ist schon echte Kleinkunst. Diese ineinander verschachtelten und verwobenen Szenen ähneln der Katze, die versucht sich in ihren Schwanz zu beißen, auch der Spruch „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ kam mir bei der Lektüre in den Sinn. Ein fulminantes Feuerwerk auf nur 240 Seiten, am Ende dachte ich, das kann immer so weitergehen, es hätten auch achttausendeinhundertneunzig Seiten werden können.
Ich kann die Pointen der Pointen der Pointen … nicht erzählen, es würde die Freude und die Spannung stören, also empfehle ich das Buch jedem, der sich über absurdeste Gedanken vor Lachen ausschütten kann und will. Aber selbst vor ernsthaften Betrachtern wird das Werk Bestand haben, denn jede Satire hat auch einen tieferen Sinn.
Volle 5 Sterne

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Veröffentlicht am 07.01.2025

Liebe, Trauer, Verwicklungen, unerwartete Wendungen - beste Unterhaltung

Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen
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Dora Heldt hat mit ihrem neuen Familienroman ein Panorama gezeichnet, das dem Hörer dieses Hörbuchs lange in Erinnerung bleiben wird. Die geniale Sprecherin Vera Telz gibt in Die Familienangelegenheiten ...

Dora Heldt hat mit ihrem neuen Familienroman ein Panorama gezeichnet, das dem Hörer dieses Hörbuchs lange in Erinnerung bleiben wird. Die geniale Sprecherin Vera Telz gibt in Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen eine Paradeleistung, jede Figur im Familienverbund bekommt nicht nur Stimme, sondern auch Charakter verliehen. Allein die Vorstellung, dass eine KI-Stimme sie ersetzen würde, ist wirklich nicht erfreulich.
Das Hörbuch taucht ein in die Hamburger Reederfamilie Johansen und damit einen wahren Pool an unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Johanne Johansen ist "nur" die Nichte des Besitzers Friedrich, aber sie ist nicht nur titelgebend, sondern tatsächlich auch die Hauptperson. Um sie herum sind die anderen Akteure versammelt, ihre Cousine Luise, deren Ehemann Tilo-Alexander, Tochter Emma, Sohn bzw. Stiefsohn Hagen auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Hausangestellte und Freundin Edda, deren Tochter Paula und Enkeltochter Frieda. Im Zentrum der Machtspiele war einmal Friedrich Johansen, das Oberhaupt von Familie und Reederei, im Buch jedoch ist er bereits alt und krank, sein Schwiegersohn und der Enkel Hagen führen die Reederei, aber leider bergab.
Wie Johanne, die zu Beginn der Handlung gerade hocherhobenen Hauptes in Rente geht, sich dem Niedergang der Reederei entgegenstemmt, wer ihr dabei hilft, wer ihr Steine in den Weg legt, all das liest und hört sich überaus vergnüglich über rund 13 Stunden. Dass sich in diesen Stunden auch ein paar Längen verstecken, habe ich auf Grund der amüsanten Schreib- und Erzählweise gut weggesteckt.
Fazit: Wer einmal so richtig in den Familienangelegenheiten einer noch nicht ganz verarmten Hamburger Familien kramen möchte, ist hier genau richtig. Einfach gute Unterhaltung, mit Herz, Schmerz und sogar mit ein bisschen krimineller Energie.
Gute 4 Sterne

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Veröffentlicht am 05.01.2025

Nach rund 150 Seiten: Boxenstopp

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Das Interessanteste am Buch ist wirklich der Schutzumschlag. Er zieht den Blick an und die Fantasie. Schön wäre es gewesen, hätte mich das ganze Buch so gefesselt. Die Lovestory von so einem ungleichen ...

Das Interessanteste am Buch ist wirklich der Schutzumschlag. Er zieht den Blick an und die Fantasie. Schön wäre es gewesen, hätte mich das ganze Buch so gefesselt. Die Lovestory von so einem ungleichen Paar wie Nina (Ende 40) und David (um die 30) hätte wirklich eine Kaskade an tollen Ideen mit sich bringen können, nicht nur zum Lachen, vielleicht auch zum Weinen, oder eben zum Nachdenken. Aber ich wurde zugeschüttet mit Selbstzweifeln, nicht nur von den beiden, sondern auch von ihrer Schwester Lena. Die zweite Frau von Ninas Ex-Mann ein wahrscheinlich gebotoxtes Wesen, natürlich mit unfassbar süüüßen Kindern, der Ehemann von Lena, Flori, auch kein Highlight. Die Probleme, die man wälzt, sind Me-Too-Geschwätz und Alltagsquark. Selbstbewusstsein hat offenbar nur die Mutter von Nina und Lena, aber das trinkt sie sich wohl auch schöner als es ist. Dazu kommt noch Zeyneb, Kollegin, Freundin, Stilberaterin, Psychotante von Nina.
Zumindest die Gegend kam mir sehr bekannt vor, die Brunnenstraße rauf und runter hat aber nicht viel gebracht. Es wurde und wurde einfach nicht spannend und lustiger auch nicht. Schade. Ob ich noch einmal weiterlese, weiß ich noch nicht.

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Veröffentlicht am 04.01.2025

Eine unvergessliche Liebesgeschichte

Bernie und Luise
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Das Berlin der 1920er Jahre erscheint noch heute manchem als das Goldene Zeitalter einer modernen Stadt, aber hinter dem schimmernden Gold des Ku’damms und den Charlottenburger Prachtbauten bedenkt man ...

Das Berlin der 1920er Jahre erscheint noch heute manchem als das Goldene Zeitalter einer modernen Stadt, aber hinter dem schimmernden Gold des Ku’damms und den Charlottenburger Prachtbauten bedenkt man zu selten die Dunkelheit und Armut und die heraufziehende Gefahr des Nationalsozialismus und des immer aggressiver werdenden Judenhasses.
Mitten in dieses trubelige und anziehende wie abstoßende Stadt zieht es Luise, die gerade volljährig gewordene Frau aus Heidelberg. Sie will Kindergärtnerin werden und hat all ihren Mut und ihr Geld zusammengenommen, um sich diesen Traum zu erfüllen. Sie wohnt bei ihrer Tante, die zwar selbst recht freizügig lebt, aber sehr auf Etikette und Anstand ihrer Nichte wert legt.
Kaum ist Luise in Berlin, lernt sie per Zufall oder besser Unfall Bernhard kennen, der mit dem Kosenamen Bernie auch schon im Titel des Romans in Erscheinung tritt. Luise und Bernie, sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie aus einer katholischen kleinbürgerlichen Familie, er ein jüdischer Schlosser, der mit Mitte zwanzig noch bei seiner verwitweten Mutter und zusammen mit zwei Brüdern im Berliner Scheunenviertel lebt. Luise und Bernie werden ein Paar, Luise entscheidet sich für den schwierigen Weg des Giur, den Übertritt zum Judentum. Dass das wegen ihrer ersten Schwangerschaft etwas schneller gehen muss als normalerweise, ist noch die geringste Hürde.
Bernie ist nicht nur jüdischer Schlosser, er ist auch Gewerkschafter und SPD-Unterstützer. Dass er damit nicht nur die Nazis allgemein, sondern im Besonderen auch einen gewissen Kurt, der ein Auge auf Luise geworfen hatte, herausfordert, zeigt sich bald nicht nur in Form von Schlägen. Luise und Bernie leben immer mehr unter Druck und Angst, was sich nach Hitlers Machtübernahme noch verschlimmert. Bernie aber will sich auch durch Haft und Drangsalierungen nicht einschüchtern lassen.
Luise wird aus ihrer Familie ausgestoßen, die Mutter verweigert ihr jeden Kontakt. Nur ihre Schwester Tilda bleibt ihr erhalten, mit ihr hat sie einen berührenden Briefwechsel, bei dem man tief in ihr Innerstes blicken kann. Die Autorin nutzt diesen Briefwechsel als eine Möglichkeit, die Zerrissenheit von Luise zu offenbaren. Dass sie im Verlauf der Jahre Chana, Bernies Mutter, als Verbündete und Helferin in größter Not findet, ist um so schöner. Denn Chana war zuerst genau wie Luises Mutter furchtbar ungehalten über die nichtjüdische Freundin, wie auch später über die Heiratspläne ihres Sohnes.
Von den vielen Erlebnissen und Schrecken, die den beiden geschehen, möchte ich hier nicht schreiben, nicht nur, weil ich keine zu starken Spoiler mag, ich möchte jedem dieses Buch empfehlen, der sich mit der deutschen Geschichte in ihrer dunkelsten Zeit auseinandersetzen will. Dafür eignet sich auch diese tragische Liebesgeschichte. Und der Spannungsbogen hält bis zur letzten Seite.
Mich hat dieser Roman aus mehreren Gründen fasziniert und auch interessiert: Viele Geschichten der Unterdrückung, Verfolgung und des verlorenen Lebens jüdischer Familien spielen in einem vorrangig bürgerlichen, auch großbürgerlichen Milieu. Bei Rachel Soost habe ich dieses Mal eine jüdische Arbeiterfamilie aus dem ärmlichen Scheuenviertel kennengelernt, aber auch Bernie als jüdischen Gewerkschafter und SPD-Anhänger. Wie hart diese Familie Smedresman um alles kämpfen musste, ist mir sehr nahe gegangen. Andererseits ist die Konversion von Luise, die katholischen Glaubens war, keine Selbstverständlichkeit. Niemand kann sich das wohl heute vorstellen, dass dieser Übertritt zu einem anderen Glauben oftmals den totalen Verlust der Familienbindung darstellte. Aber Luise stellt ihre Liebe zu Bernie über alles andere. Das ist ungeheuer beeindruckend.
Rachel Soost hat in ihrem Roman tatsächliches Geschehen, Geschichte und Fiktion auf sehr eindringliche Weise verknüpft. Sie ging jahrelang auf Spurensuche, hat recherchiert und geschrieben, ich kann mir diese Mühe lebhaft vorstellen. Es ist nicht das Recherchieren allein, das die Buchvorbereitungen so mühsam macht, es ist das Erleben, ja Mitfühlen beim Entdecken jedes neuen Details. Das ist ein sehr schmerzhafter Prozess, den ich selbst mehrmals durchlaufen habe, als ich meine, nicht nur jüdische Familiengeschichte erforscht habe, und deshalb dieses Buch so sehr in mein Herz schließen konnte.
Beim Lesen von Nachwort und Danksagung kam es mir vor, als wären das Sätze, die ich auch hätte schreiben können oder so ähnlich geschrieben habe. Besonders berührte mich, dass der Ehemann der Autorin mit ihr alle Orte besuchte und mit ihr in die Archive ging, jahrelang allem zuhörte, wahrscheinlich auch ihre zeitweilige geistige Abwesenheit ertrug, wenn ihr eine Episode durch den Kopf ging und nicht verschwinden wollte. Ja, das ist meinem Ehemann auch passiert.
Ein einziges kleines Manko sehe ich im fehlenden Literatur- bzw. Quellenverzeichnis. Das hätte mich zusätzlich sehr interessiert, weil ich dort einerseits Parallelen zu Bekanntem, andererseits auch neue Bücher oder Quellen gefunden hätte.
Diese Kritik wird aber auf wunderbare Weise von der Autorin mit ihrem Instagram-Auftritt wieder wettgemacht. Dort hat sie mit vielen Posts und Reels über die Entstehungsgeschichte und ihre Recherchen und Gedanken ein Zeugnis abgelegt, dass jeder Leser als Hintergrundinformation nutzen sollte. Bei Instagram findet man Rachel Soost unter „schwarzgraubunt“, wie sie es auch im Impressum ihres Buches vermerkt hat.
Fazit: Ein wunderbares Buch, das weit über einen Liebesroman und eine Familiengeschichte hinausgeht. Ich würde gern mehr erfahren über das weitere Leben von Luise und Bernie. Auch wenn das angekündigte nächste Buch von Rachel Soost die Geschichte von Bernies Bruders Robin und seiner Ehefrau beschreibt, hoffe ich von den beiden noch etwas zu lesen, das mit dem traurigen Abschluss dieses Buches etwas versöhnt. Aber ich weiß, der Holocaust wird am Ende auch in diese Familie tiefe Wunden schlagen.
Mazel tov, liebe Rachel Soost.

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