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Veröffentlicht am 24.04.2026

Ahnenforschung, Hugenotten und ein bisschen Liebeskummer

Schwesternland
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Schwesternland – der Anfang einer geplanten Romanreihe – hat mir gut gefallen. Warum ich diesen Roman für mich zur Lektüre erkoren habe, das muss ich erklären: Die Verlagsbeschreibung traf nämlich genau ...

Schwesternland – der Anfang einer geplanten Romanreihe – hat mir gut gefallen. Warum ich diesen Roman für mich zur Lektüre erkoren habe, das muss ich erklären: Die Verlagsbeschreibung traf nämlich genau meine Interessen, bei Ahnenforschung, Familienstammbaum, Generationenroman, Hugenotten und Recherche horche ich sofort auf. Genealogie im weitesten Sinne ist eines meiner Hobbys, bis zum Jahr 2000 war ich sogar fest überzeugt, von Hugenotten abzustammen.
Der Roman Schwesternland hat aber noch einiges mehr zu bieten. Wir kommen mitten hinein in eine Familienfeier, Henriette, die Großmutter der Ich-Erzählerin Antonia feiert ihren 100. Geburtstag. Mit ziemlich viel Aufwand und auch mit vielen Gästen, nur einer fehlt, das ist ihr Sohn, Antonias Vater, der ein Jahr zuvor (13 Monate, wird im Roman betont) Suizid beging. Antonias drei Schwestern sind sehr unterschiedlich, die musikalische Chiara kam mit der Mutter Eva in die Ehe, ist also die Älteste, dann sind da noch Elisa, die Altersforscherin, und Lucia, die als kleines Mädchen adoptiert wurde. Antonia ist Geschichtsstudentin und auf dem Weg zu ihrem Master. Die Mutter besitzt eine kleine Manufaktur, in der sie mit Lucia, die gerne und viel an Neuem tüftelt, arbeitet, Stoffe herstellt, webt und verkauft. Später im Roman wird man sich klar, woraus diese Profession entstanden ist.
Schon während der Feier macht sich Differenzen bemerkbar, die nur schwer zu kontrollieren sind. In der Nacht nach der Feier erfährt Antonia von ihrer Verwandten Maximiliane, gern nur Max, bitte englisch ausgesprochen, genannt, dass diese sich mit der Vorfahrengeschichte nicht nur wegen Henriettes Geburtstagsgeschenk beschäftigt hat, sondern einiges mehr an interessanten Details zu Tage brachte. Es soll hugenottische Vorfahren geben, speziell eine Frau namens Jeanne Beauvais, die 1685/1686 aus ihrer Heimatstadt Lyon nach Preußen geflüchtet ist. Antonia ist Feuer und Flamme, diese Erkenntnis korrespondiert sogar mit dem Thema ihrer Masterarbeit, das sie nach einiger Überlegung verändert und speziell auf das Schicksal der vermutlichen Vorfahrin zuschneidet.
Max gibt ihr einen Ansprechpartner in der Schweiz, er trägt den verheißungsvollen Namen Georges Bellamy, und ist ein etwas kauziger Experte der Hugenottengeschichte. Antonia wird ihn besuchen und er schickt sie nach Lyon, weitere Spuren zu finden. Was sie ziemlich schnell findet, ist ein neuer Freund, Jules, der ihr freie Unterkunft bietet und bald auch Liebe. Rückblickend auf ihren Ex-Freund denkt sie aber „Patrick war eigentlich ein Guter gewesen…“, warum sich beide getrennt haben, das konnte ich nicht genau erkennen. Die Recherchen in Lyon gestalten sich schwierig, die Beziehung zu Jules zunehmend unerfreulich. Antonia zieht wieder um, zu Latifa, die ein Café betreibt und bei der sie stundenweise etwas Geld verdienen kann. Obwohl Antonia schon siebenundzwanzig Jahre alt ist, erscheint sie mir doch noch sehr naiv und unerfahren. Vielleicht ist das so, wenn man jeden Monat das Geld für den Lebensunterhalt von der Mutter überwiesen bekommt.
Parallel zu dieser heutigen Familiengeschichte und den Erlebnissen von Antonia entsteht die schicksalhafte Lebensgeschichte der Jeanne Beauvais, beginnend im November 1685 in Lyon. Die wechselnden Orte und Zeiten erfährt man unter den Kapitelnummern nur, wenn sie sich ändern. Geschildert wird die Flucht der Familie Beauvais nach Repressalien gegen die Hugenotten, sie wollen niemals ihren Glauben aufgeben, deshalb geben sie die Heimat auf. Die erste Hälfte des Romans wechselt häufig Ort und Zeit, nimmt Ereignisse nicht unbedingt chronologisch in den Blick. Das Ziel der Beauvais‘ ist Brandenburg- Preußen, aber nicht alle werden es erreichen.
Erst etwa ab der Mitte des Buches fand ich in den Rhythmus des Erzählten hinein, bis dahin waren mir alle Protagonisten doch recht fremd geblieben, trotz der dramatischen Ereignisse. Auch Antonia wuchs mir nicht so recht ans Herz. Das änderte sich, als Jeanne in Cölln (gegenüber von Berlin, auf der linken Spreeseite) ankam. Plötzlich fand ich ihre Geschichte sehr berührend und las das Buch mit Spannung bis zum Ende.
Auch Antonias Geschichte gewann ab der Mitte an Spannung, so dass beide Stränge parallel einen interessanten Einblick gaben. Antonia erfährt auch etwas, das für sie sehr schockierend ist. Als Berliner würde ich sagen, dass ich mir „die Platze geärgert“ hätte, wenn mir das passiert wäre. Aber ich will nicht zu viel verraten!
Noch eine Bemerkung zur Recherchearbeit der Autorin. Katharina Fuchs hat sich aus meiner Sicht schon allein für diese höchste Anerkennung verdient. Für mich war der Roman nicht nur ein Unterhaltungs- und Familienroman, sondern er hat mir auch einiges an zusätzlichem Wissen vermittelt. Gerade wenn es um die Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse in Brandenburg-Preußen im ausgehenden 17. Jahrhundert geht, gebe ich meine Wissenslücken freimütig zu. Die schwierige Integration der französischen Flüchtlinge, die in den kommenden Jahrhunderten tatsächlich zur Blüte z. B. ihrer Handwerkskunst kamen, interessierte mich sehr. Ablehnung Fremder ist kein neuzeitliches Phänomen, es entstand gleichsam mit der Entwicklung der Menschheit mit. Besser verstehen kann man die „Fremden“, wenn man sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzt, die allgemeinen „Volksreden“ von Politikern über Integration sind da kein Hilfsmittel. Mir gefiel in diesem Zusammenhang auch, dass die Recherche auch die Sprache der damaligen Zeit beinhaltete, z. B. „Es frommt nichts.“ ist heute unbekannt, wir würden sagen „Es nützt nichts.“
Dass einiges im Dunkeln bleibt, auch nach der letzten Seite, das ist wahrscheinlich dem geplanten Reihen-Charakter geschuldet. Mir war es manchmal zu viel des Verschweigens in dem Roman, aber Schwesternland wird weiterleben. Genug Entwicklungspotential sehe ich auf jeden Fall. Mir hat das Buch gut gefallen, ein strafferes Lektorat und ein penibleres Korrektorat hätten es noch besser machen können. Das Cover aber macht alles wieder wett, es passt wie ein maßgeschneidertes Seidenkleid!

Fazit: Für alle die Familiengeschichten, Schwesterngeschichten, Ahnenforschung und Spannung mögen ist das genau der richtige Roman für diesen Sommer! Es liest sich einfach gut. 4 ehrliche Sterne.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Ein absolut kurioses Familienleben

Bis die Bären tanzen
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Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Michael Hugentobler legt einen Roman vor, der seinesgleichen sucht. Ich bin absolut fasziniert von dieser Familiengeschichte, die man auch Familientragödie oder ...

Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Michael Hugentobler legt einen Roman vor, der seinesgleichen sucht. Ich bin absolut fasziniert von dieser Familiengeschichte, die man auch Familientragödie oder Familienkomödie nennen könnte. Alles Arten von Unterhaltung, die gesammelt in einem einzigen Buch köstlich zu lesen sind, manchmal erschüttern und oft sprachlos machen. Hugentobler hat schon die ganze Welt bereist, er lässt seine Leser teilhaben an einer Fülle von Eindrücken, jeden beschreibt er, als hätte er ihn persönlich und genauso erlebt. Der Verlag vergleicht Hugentobler in seiner Ankündigung mit Mariana Leky und Nelio Biedermann, Vea Kaiser und John Irving. Dem stimme ich nach der Lektüre vorbehaltlos zu. Wobei ich insbesondere den Vergleich mit John Irving sehr treffend finde, vielleicht liegt es an den Bären oder an den Charakterstudien?
Auf dem Cover sieht man eine Familie, die offenbar in recht wilder Umgebung lebt und nicht besonders reich aussieht. Der Roman stellt sie uns vor, lässt sie zu lebendigen Menschen werden und mir sind sie irgendwie ans Herz gewachsen, so seltsam sie sich auch verhalten.
Worum geht es? Die deutsche Familie Lieber – dem Namen nach jüdischen Ursprungs – wandert Anfang des 20. Jahrhunderts aus, lässt sich in der Schweiz nieder und wartet (vergeblich) auf die Einbürgerung. Die vier Geschwister Belle (Isabelle), Cob (Jacob), Anne (sie heißt wohl so) und Elfie (Elfriede) empfinden die Schweiz als zu eng, zu wenig anheimelnd. Drei wandern aus und versuchen ihr Glück in der Ferne, Mamme Lieber (die Mutter) bleibt mit dem todkranken Vater zurück. Belle findet nach ihrer verlorenen Jugendliebe aus Deutschland, Baron Hirsch (Baron ist sein Vorname, kein Adelstitel) einen seltsamen Mann namens Robert, und geht mit ihm nach Brasilien, dort, wo alles grünt und blüht, wollen sie ihr Glück machen, was nicht gelingt, aber es gelingt ein kleiner Sohn, Max. Cob ist ein Turntalent, er wandert nach Deutschland aus, wird Zirkusartist, und hat später arge Schwierigkeiten, das Land wieder unbeschadet mit seiner großen Liebe Mira zu verlassen. Anne hat sich für Australien entschieden und ihre rebellische Art bringt sie sehr nahe an diverse Abgründe, sie wird einen Jungen adoptieren, Pedro, das Kind von Anarchisten. Elfie, die Einzige, die in der Schweiz bleibt, arbeitet rund um die Uhr, sie ist es auch, die die Familienbande oder besser die Fäden in der Hand behält und die Verbindungen untereinander und alle Geschichten bewahrt.
Elfies Sohn Constantin Kyd wird nach ihrem Tod all die unbekannten Puzzleteile zusammenfügen wollen. Ob ihm das gelingt und was er dabei noch erfährt, das lasse ich jeden selbst lesen. Es sind viele wunderbare kleine Begebenheiten und Erinnerungen, die in diesem Buch ans Licht kommen und von Hugentobler so lesenswert beschrieben werden.
Der Autor zeichnet jeden Protagonisten mit einer leichten Feder, ich konnte mir die vier Geschwister, ihre Liebschaften, ihre Kinder, ihr Glück und besonders ihr Unglück bildhaft vorstellen. Ein Buch, das ein wahres Kopfkino in Gang setzt, nicht nur mit zahlreichen Personen, ihren Gefühlen und Gedanken, sondern auch mit den Farben und Gerüchen der weiten Welt. Sei es der Urwald von Brasilien oder Sydney oder Rorschach, ich fühlte mich mittendrin.

Fazit: absolut lesenswert, wenn einem die Bücher der im ersten Absatz genannten Schriftsteller gut gefallen. Allen anderen gebe ich auch eine Leseempfehlung, vielleicht ist es Neuland, aber das betreten Hugentoblers Protagonisten ja auch.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Störsteine im Paralleluniversum

Pina fällt aus
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Hier wird die Inklusion eines autistischen jungen Mannes im Wolkenkuckucksheim der "Hansastraße 20 in Wuppertal" erzählt. Pina, Mitte 40, ist diejenige, die unerwartet ausfällt, die Mutter des autistischen ...

Hier wird die Inklusion eines autistischen jungen Mannes im Wolkenkuckucksheim der "Hansastraße 20 in Wuppertal" erzählt. Pina, Mitte 40, ist diejenige, die unerwartet ausfällt, die Mutter des autistischen 20jährigen Leo, der von jetzt auf gleich Betreuung braucht. Wenn sich alles so leicht lösen ließe, wäre es ja schön, aber ist es nicht.

Dass sich in diesem Buch die Hausgemeinschaft zusammenschließt und Leo das Weiterleben in der gewohnten Umgebung ermöglichen kann, ist ein schöner Traum. Der Leser weiß schon durch den Text auf der Coverrückseite: Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge haben mit sich selbst schon genug zu tun. Und ich füge dem hinzu, alle habe so ihre Marotten. Dann lernt man im Laufe der Zeit noch den Busfahrer kennen, der Leo morgens in die Behindertenwerkstatt bringen soll, ein muffeliger Typ, dem man kaum Empathie zutraut. Der Hausvermieter, zufällig der Vater von Zola, führt sich auch nicht als Edelmann ein.
Pina liegt als Notfall ins Krankenhaus, die soziale "Hängematte" greift hier überhaupt nicht, ein Wunder dass man irgendwann im Krankenhaus mitbekommt, dass es einen pflegebedürftigen Sohn gibt, und so muss die Hausgemeinschaft ran. Dabei bräuchten die drei Mitbewohner wohl auch alle eine Betreuung der besonderen Art.

Fazit: Das alles wird flott erzählt und war dann als Märchen für Erwachsene auch gute Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Viele lose Enden wollen verbunden werden

Dein ist die Sühne
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Ich bin Neueinsteiger in diese Krimi-Serie von Maria Höfle, ich kann deshalb schlecht beurteilen, ob mir die vorherigen drei Teile fehlen oder nicht. Ich stieg also völlig unbelastet in das Buch ein. Zuerst ...

Ich bin Neueinsteiger in diese Krimi-Serie von Maria Höfle, ich kann deshalb schlecht beurteilen, ob mir die vorherigen drei Teile fehlen oder nicht. Ich stieg also völlig unbelastet in das Buch ein. Zuerst gefiel mir das Buch sehr gut, das Zusammentreffen der Hauptperson Inspektorin Dorothea Keusch mit der Studentin Theresa ließ mich auf einen interessanten Kriminalroman hoffen. Denn gleich zwei Cold Cases hat Dorothea nun vor sich, beide will sie unbedingt aufklären. Zum einen möchte Theresa endlich wissen, wer vor 20 Jahren ihren Vater Viktor Landfeld ermordete, zum anderen ist auch Dorotheas Vater einem Mord zum Opfer gefallen. Doch offiziell sind beide Fälle längst ad acta gelegt. Auch Dorotheas Freund Konstantin Schmitt, der zufällig das Patenkind des Polizeipräsidenten Martin Grazer ist, ist interessiert. Dorothea, die aus nicht erklärlichen Gründen gerade im Archiv in Kufstein versauert, hat nun wirklich Blut geleckt. Und ihre Chefin, Astrid Relsch, deckt zu Beginn Dorotheas private Nachforschungen. Aber die laufen schnell aus dem Ruder, und das so sehr, dass man als Leser bald Schwierigkeiten hat, die vielen losen Enden im Blick zu behalten. Hinzu kommen die Probleme, die Dorothea mit ihrer Mutter hat, die seit dem Tod des Ehemanns die Lebenslust verloren hat, aber damit auch in Ruhe gelassen werden will. Endlich rafft sie sich auf, doch noch einmal etwas zu schreiben, aber ein Termin mit ihrer Tochter in der Universität platzt - und Dorothea ist schuld. Was ihr gehörig auf dem Magen liegt, wie eigentlich alles, was ihr passiert. Sie fühlt sich bedroht, verfolgt, es kommt ein neuer Todesfall hinzu und all ihre Verdächtigungen laufen ins Leere, weil sie die privaten Ermittlungen wohl etwas zu weit treibt, jedenfalls sieht das ihre Vorgesetzte so und Konstantin ist von allem auch nur mäßig begeistert, stört es doch auch seine Karrierepläne. Über das Ende habe ich dann doch gestaunt. Und wahrscheinlich wird es auch einen fünften Band mit Dorothea geben.
Fazit: Mich hat dieser Krimi nicht durchgehend gefesselt, aber er hatte wirklich gute Momente. Vielleicht bin ich zu ungeduldig für so viele lose Enden.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Bitte noch mehr Buchstabensuppe

Eine Seite noch
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Auf der Rückseite des Einbands steht „Ein Buch zum Schmökern und Entdecken, zum Schwelgen und Verschenken!“ Dem stimme ich fast vorbehaltlos zu, aber verschenken kann ich es wohl nicht mehr, so viele Bemerkungen ...

Auf der Rückseite des Einbands steht „Ein Buch zum Schmökern und Entdecken, zum Schwelgen und Verschenken!“ Dem stimme ich fast vorbehaltlos zu, aber verschenken kann ich es wohl nicht mehr, so viele Bemerkungen und Unterstreichungen, wie ich beim Lesen gemacht habe, die möchte wahrscheinlich niemand geschenkt haben.
Obwohl Meike Winnemuth schon seit etlichen Jahren Bücher veröffentlicht und als Journalistin für viele Zeitschriften ihre Beiträge schreibt, habe ich (bewusst) noch nichts von ihr gelesen. Ihr neues Buch „Eine Seite noch“ traf bei mir nun einen Nerv und nachdem ich die Leseprobe gelesen hatte und folgendes Zitat fand „Jedes Buch löst einen Vergleichsreflex aus: Ich auch. Ich nicht. Ich ganz anders, ich so ähnlich.“, war mein Klick zum Kauf nur noch Sekunden entfernt: Ich lese gern und schreibe gern Rezensionen, nicht selten mit jenen vergleichenden Gedanken. Da interessiert mich sehr, wie die Autorin diese Aspekte und noch viel mehr in Einklang mit ihren eigenen Gedanken bringt.
Dieses Buch hat keine besondere Genrebezeichnung, aber den Untertitel „Warum Lesen uns so glücklich macht“. Nach dem Lesen würde ich das Genre vielleicht als sommerliches Lesetagebuch oder als Buchgedankensammler bezeichnen, Meike Winnemuth nimmt ihre Leser mit von Mai bis Oktober, am Ende jedes Monatskapitels gibt es als Erinnerung noch eine Liste der Bücher und Hörbücher aus dem jeweiligen Monat. Muss ich jetzt von mir enttäuscht sein, dass ich insgesamt nur vier Bücher und ein Hörbuch aus diesen Listen selbst gelesen bzw. gehört habe? Ich glaube nicht, ich habe in jenen sechs Monaten mehr als 50 andere Bücher gelesen und gehört, sie rezensiert und in etliche Leseproben hineingelesen, über etliche Bücher in den Feuilletons erfahren, und habe mich mit vielen Titeln mehr als ausführlich beschäftigt. Nur eben mit völlig anderen. Und darin liegt für mich der Reiz von Meike Winnemuths Versuch, ein halbes Jahr Lesen, Denken, Fühlen und Diskutieren über Literatur zu analysieren und ihren Lesern nun damit den Mund wässrig zu machen.
Und es bleibt nicht bei Büchern allein! Eines der schönsten Kapitel im Buch ist der Juni, die Autorin besucht Südengland und hat so unerwartete wie wunderbare Erlebnisse, dass ich direkt hätte neidisch werden können. Besser kann man seinen 65. Geburtstag nicht begehen als mit solchen Eindrücken: „Derek Jarman’s Garden“ und sein Prospect Cottage sind schon allein die Reise wert, dann noch der Dalloway Day, jener Mittwoch Mitte Juni, der alljährlich von den Literaturfans der Virginia Woolf begangen wird und den die Autorin exklusiv bezahlt im Monk’s House verbringen darf. Wie schön ist das denn? Auf meine Bücherwunschliste schreibe ich also als erstes Virginia Woolf. Gefeiert wird dann mit Fish and Chips, wunderbar!
Ich kann nicht auf alles eingehen, was mir gefallen hat, manchmal ist es nur ein Satz, ein kleines Zitat, ein Verweis auf etwas Neues, mir Unbekanntes. Als sehr lehrreich empfand ich die Gedanken von anderen Schriftstellern, Kritikern oder Literaturwissenschaftlern zum Lesen, besser gesagt zum Rezipieren von Büchern. Ein Beispiel: „Fiktion ist wie Leben ohne die langweiligen Stellen.“ (so Kritiker Clive James).
Und ja, das Auge isst immer mit, „…das Buch muss einen hübschen Umschlag haben.“ (laut A. J. Fikry). Ich habe auch mit dem Auge gekauft, der Einband mit dem Bullauge, hinter dem man eine lesende Frau sieht, schon fast im Dunkeln, aber eine Seite noch, der hatte es mir gleich angetan. Deshalb kein E-Book diesmal. Das habe ich dann aber ein wenig bereut, weil die Auszeichnungsschrift für die hervorgehobenen Zitate diese leider nicht hervorhob. So spitz, wie diese Schrift ist, und auch so klein, das muss man bei einer so soliden, gut lesbaren Grundschrift erst mal hinbekommen.
Mehrfach erwähnt wird natürlich der Ulysses von James Joyce. Nach wie vor weiß ich nicht, ob ich dieses Buch lesen möchte, eine richtige Empfehlung gab die Autorin mir nicht auf den Weg. Ist er besser auf Deutsch zu verstehen, oder nehme ich doch ein Original? Ich las kürzlich über die Entstehungsgeschichte bei Uwe Neumahr in „Die Buchhandlung der Exilanten“, das war für mich wahrscheinlich interessanter als der Roman. Aber man weiß es eben nicht, wenn man es nicht gelesen hat.
Im August ist „Krieg und Frieden“ das Thema schlechthin, es hat mich an die 1960er Jahre, die Verfilmung durch Bondartschuk und die Premiere in Ostberlin erinnert. Ich war so hingerissen. (Spoiler: ich bin etwas älter als die Autorin) Und trotzdem habe ich es bis heute nicht gelesen. Dass es Ulrich Noethen ganz wunderbar vorliest, macht das Buch ja nicht kürzer. Und dann noch die Autorin, die über die verschiedenen Übersetzer/Übersetzungen schrieb und mich darauf brachte, dass die älteste vielleicht doch die schönste, literarisch ansprechendste Variante sein könnte. Was nun? Wo finde ich die Werner-Bergengruen-Übersetzung heute noch? Rauf auf die Wunschliste, dann sehe ich weiter.
Was mich, wie heutzutage sehr oft und auch bei anderen Autoren, etwas nervt, sind die ewig Studierenden, Lesenden, Hörenden. Ich bin nur lesend, wenn ich das Buch vor der Nase habe! Und die Studierenden sind auch nur studierend, wenn sie im Seminar sitzen oder mit der Nase im Buch etwas studieren. Ich also bin Leser, Hörer und Literaturfan. Leserin und Hörerin ginge ja noch, aber wenn es dann in der Mehrzahl daherkommt, nervt es mich auch. So freute ich mich höllisch über den letzten Satz im Buch, den ich absolut wörtlich nahm: Und Jane Eyre, wie alle Lesenden, „fürchtete nichts weiter, als gestört zu werden“. Das erweitere ich guten Gewissens auch auf alle Hörenden. Denn beim Lesen wie beim Hören ist jede Störung einfach fürchterlich.
Meike Winnemuth schreibt so, dass ich das Buch nicht nur gern sondern auch recht schnell ausgelesen habe. Am besten gefielen mir die tagebuchähnlichen Kapitel. Die monatlichen Halbmonde oder sind es halbe Sonnen? habe ich mit eigenen Texten aufgepeppt. Durch viele Markierungen, Klebezettel und Unterstreichungen werde ich in ihren Ausführungen über Bücher und Schriftsteller leicht wieder fündig. Da kann ich auch später noch des Öfteren Anregungen herauspicken. Die eingefügten Zitate waren mitunter etwas lang (Popova) und fanden auch nicht immer mein Interesse. Manchmal ist dann weniger doch mehr. Die angefügte Aufzählung von Büchern über das Lesen gefällt mir gut, einer meiner Lieblingsautoren (ja, so etwas habe ich auch) ist Wolf Haas, der „Wackelkontakt“ ist absolut genial, aber nicht jedermanns Sache. Auf meiner Wunschliste landet nun noch neben Helene Hanff auch George Saunders. Danke, liebe Meike Winnemuth, es war mir ein Lesevergnügen. Die Einzelkindnachmittage und das Lesen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke werden uns für immer verbinden, die Liebe zu den Büchern auch.
Fazit: ein letztes Zitat „Diese Buchstabensuppe ist eine Nährlösung, in der mein Gehirn badet.“ Ich empfehle sehr tiefe Teller!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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