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Veröffentlicht am 27.08.2025

Kann man von Leid genesen?

Ciao bis zu den schönen Tagen
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Es ist der zweite Roman von Roberta Recchia, ich weiß nicht, ob man von einer Serie sprechen kann, aber einige Protagonisten aus „Endlich das ganze Leben“ tauchen wieder auf und nehmen einen ganz besonderen ...

Es ist der zweite Roman von Roberta Recchia, ich weiß nicht, ob man von einer Serie sprechen kann, aber einige Protagonisten aus „Endlich das ganze Leben“ tauchen wieder auf und nehmen einen ganz besonderen Platz ein. Heutzutage ist es ja bereits als ungewöhnlich anzusehen, wenn die Hauptperson eines Romans keine unterdrückte oder anderweitig geschädigte Frau ist. Den Leser erwartet trotz des romantischen und traurig klingenden Titels aber auch eine geballte Portion Feminismus, jedoch kein geschlechtergerechtes Gendern oder Doppelpunkte. Schon deshalb gefiel mir der Roman so gut, ich konnte den Text lesen und genießen und mir meine Gedanken machen, ohne mich gegängelt zu fühlen.
An Dramatik fehlt es diesem Buch auch nicht, die Wendungen, die sich urplötzlich ergeben, sind einfach atemberaubend. Und dabei fängt alles ganz still und unspektakulär an, Luca, noch 12, verliebt sich zum ersten Mal, beginnt sich für Mädchen zu interessieren. Besonders Betta, die für ihn noch Unerreichbare, hat es ihm angetan. Lucas kleine Familie lebt ein normales, bescheidenes Leben unter der südlichen Sonne Italiens. Der Verlag schreibt in seinem Werbetext „Der bewegende Roman der italienischen Bestsellerautorin – mit dem Flair eines italienischen Spätsommerabends.“ So habe ich das auch empfunden, Luca wird zuerst langsam erwachsen und dann erlebt er unbeschreibliches Unglück. Seine Angebetete Betta wird tot aufgefunden, für ihn ist es ein Sturz ins Bodenlose. Als zwei Jahre später sein Bruder dafür verantwortlich gemacht wird, zerbricht sein gesamtes Dasein. Von einer Stunde zur anderen muss er fortan bei seinem Onkel Umberto und dessen Familie in Bergamo leben. Die Dramatik der folgenden Jahre wird so lebendig beschrieben, dass ich als Leser mit Luca mitgelitten, mitgehofft und geliebt habe. Weitere Spoiler liefere ich nicht!
Die Autorin beschreibt diesen Bruch in Lucas Leben sehr anschaulich und mit viel Empathie. Im Nachwort klingt das so „Letztlich haben wir (ich und Luca) seine Geschichte gemeinsam erzählt: Ich habe ihn an die Hand genommen und ihm zugehört wie einem Sohn. Deshalb bin ich ihm dankbar, dass er nie lockergelassen hat. …“ Aber sie zeichnet nicht nur Luca, sondern jede Figur mit feinsten Pinselstrichen, wenn man das bei einem Schriftsteller so sagen darf.
Fazit: Ich habe das Buch sehr gern gelesen und empfehle es unbedingt weiter. Es ist ein Buch wie gemacht für diesen Sommer, einfach perfekt!

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Veröffentlicht am 25.08.2025

Krieg ist überall ein Grauen

Buch der Gesichter
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Mir hat dieses Buch nicht gefallen. Warum? Gefühlt auf jeder Seite tauchte das Wort Genosse auf, ich habe es nicht gezählt. Der Roman liest sich daher eher wie ein Parteiprotokoll der Kommunisten, egal ...

Mir hat dieses Buch nicht gefallen. Warum? Gefühlt auf jeder Seite tauchte das Wort Genosse auf, ich habe es nicht gezählt. Der Roman liest sich daher eher wie ein Parteiprotokoll der Kommunisten, egal zu welcher Zeit. Dass sich die Zeiten im Roman überschneiden, abwechseln und neu auftauchen, ist verwirrend, aber nachvollziehbar. Die Protagonisten werden dem Leser nahegebracht, manchmal durch kleine Gesten oder Gedanken oder durch ihre Äußerungen. Das schönste Zitat aus diesem Buch möchte ich hier veröffentlichen "Also ich warte, Gott, wie lange warte ich?" - Geduld ist auch beim Lesen gefragt.
Zum Schluss liest man dann "Im Andenken an de Opfer des Faschismus" - ich füge hinzu, "Im Andenken an die jüdischen Opfer".

Fazit: Die Geschichten, die der Roman erzählt, sind traurig und bedrückend, wie er sie erzählt, ist manchmal verwirrend. Trotzdem: gute drei Sterne.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Mein Mädelchen, am Ende ist der Himmel blau

Biarritz
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Vor dreieinhalb Jahren hörte und las ich „Brunnenstraße“, das autobiografische erste Buch von Andrea Sawatzki – und ich war zwar sehr traurig, aber total begeistert von ihrer coolen Art, mit jenen Kindheitserlebnissen ...

Vor dreieinhalb Jahren hörte und las ich „Brunnenstraße“, das autobiografische erste Buch von Andrea Sawatzki – und ich war zwar sehr traurig, aber total begeistert von ihrer coolen Art, mit jenen Kindheitserlebnissen umzugehen, die andere verstecken, verdrängen und niemals zugeben möchten. „Zerstörte Kindheit“ stand damals über meiner Rezension. Nun ist mit „Biarritz“ ein zweites Buch entstanden, das teilweise direkt an die Brunnenstraße anschließt, das aber nun auch völlig eigenständige Szenen und andere Zeiträume umfasst. Vieles kam mir aus der Brunnenstraße aber doch sehr bekannt vor. Die Autorin liest selbst, einfach fantastisch, echter geht es nicht im Leben.
Das Mädchen im Buch nennt sie Hanna, was offensichtlich ein wenig Abstand zum Erzählten zulässt. Denn die Autorin geht ganz nah ran, wie mit einem Brennglas, das alles in Flammen aufgehen lassen könnte. Die Liebe zu Mutter und Vater ebenso wie den Hass, den sie fühlt, wenn sie an ihre verschwendeten und geschundenen Kinderjahre denkt. Aber sie denkt eben auch an die schönen Tage, die liebevollen Worte der Mutter, den Urlaub mit ihr in Biarritz. Eine Textstelle ist mir in Erinnerung geblieben, wenn die Autorin über ihre Mutter sagen lässt „Das Teufelchen im Nacken, das Engelchen in den Augen.“
Ich bin etwas älter als die Autorin, so erinnerte ich mich automatisch beim Hören an meine eigene Kindheit, meine alleinerziehende Mutter, meine nicht gerade einfache Vaterbeziehung, aber auch an die Zeit, als ich selbst alleinerziehende Mutter einer Tochter war. Gerade die Überforderung einer Mutter in Erziehungsfragen ist sehr realistisch dargestellt. Wenn am Ende die Mutter nicht mehr allein leben kann, wenn sie in ein Heim ziehen muss, auch wenn das Zimmer dort Appartement heißt, ist das ein schrecklicher Einschnitt in das Leben einer bis dahin absolut auf Selbstständigkeit bedachten Frau. Auch das kann ich in jeder Phase der Entwicklung nachvollziehen, es wird nichts beschönigt, nichts verklärt.
Einen schönen Part im Buch hat Marianne, die sogenannte Patentante von Hanna, die plötzlich wieder an der Seite der alten Freundin ist und Hanna viel Mut zuspricht. Die Worte und die Art dieser Frau wären für mich Anlass genug, auch noch einmal das Buch zu lesen, denn mit dem Markieren und Notieren von Zitaten in einem Hörbuch tue ich mich nach wie vor schwer.
Nun, im Heute und Jetzt ist die Mutter ebenso schwer dement, wie es der Vater vor seinem Tode war, aber ein Fünkchen Hoffnung auf etwas Freude in ihrem Leben bleibt bis zum Schluss. Der Himmel ist blau, das Meer ist blau. Die Stunden des Zuhörens vergingen wie im Flug.
Fazit: Ohne „Brunnenstraße“ zu kennen kann man dieses Buch problemlos lesen, viele Versatzstücke sind in „Biarritz“ verbaut. Aber ich sehe das Buch trotzdem als ein ganz eigenes Werk, das dem Hörer/Leser viel Empathie und Verständnis für unorthodoxe Gedanken und Ereignisse abverlangt. Eine gute Hörempfehlung, starke Nerven sind gefragt, auch wenn es kein Thriller ist.

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Veröffentlicht am 22.08.2025

Mythologie und Wahnsinn

Schwüre, die wir brechen
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Das Schriftstellerduo Roman Voosen & Kerstin Signe Danielsson legt mit „Schwüre, die wir brechen“ einen zweiten spektakulären Fall und Kriminalroman vor, der den Leser gehörig durchschüttelt. Der erste ...

Das Schriftstellerduo Roman Voosen & Kerstin Signe Danielsson legt mit „Schwüre, die wir brechen“ einen zweiten spektakulären Fall und Kriminalroman vor, der den Leser gehörig durchschüttelt. Der erste Teil „Tode, die wir sterben“ stellte dem Lesepublikum die strafversetzte Kommissarin Svea Karhuu und den psychisch angeschlagenen Kommissar Jon Nordh als neues Ermittlerteam in Malmö vor. Von diesem Einstieg setzt sich der neue Roman in jeder Hinsicht positiv ab. Ungewöhnliches geht vor sich, Schweden stöhnt unter einem ungekannten Hitzesommer und es taucht im wahrsten Sinne des Wortes eine Leiche auf. Das passiert zuweilen, dass sie aber einen neuen Kopf angenäht bekam, den eine Nilkrokodils und ihr bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen wurde, das verstehe ich unter ungewöhnlich.
Jon Nordh sitzt derweil noch immer den Tod seiner Frau im Nacken und er sucht nach einem möglichen Schuldigen. So macht er sich erpressbar und geht seiner Vorgesetzten prompt auf den Leim. Gegen jede inne Überzeugung übernimmt er als leitender Ermittler den grausigen Fall, an seiner Seite Svea, die für den Fall brennt. Nordhs Inneres und Äußeres sind jedoch derart derangiert, dass man als Außenstehender schon Zweifel an seiner Einsatzfähigkeit haben kann. Das Ermittlerteam und die Spurensicherung haben jede Menge zu tun, aber vom Mörder und dem Motiv keine Spur. Als wäre das nicht genug, findet man erst den Kopf des Toten und dann noch einen zweiten. Die Umstände nicht weniger makaber, aber wesentlich blutiger und brutaler. Das Team kommt an seine Grenzen. Es taucht wieder ein Tierkopf auf der zweiten Leiche auf, diesmal ein Vogelkopf. Hinzu kommen unzähliger Zeichnungen auf seinem Körper, die nach Hieroglyphen aussehen. Von einem Ägyptologen lässt man sich bei der Polizei einiges Grundlegendes beibringen, aber eine Lösung ist längst nicht in Sicht. Das Umfeld der beiden Opfer wird durchleuchtet, noch ohne Erfolg.
Eingeblendet in die Ermittlungsarbeit der Polizei sind Erinnerungen eines ehemaligen Opfers der Colonia Dignidad aus den 1970er Jahren. Peter kann nach Jahren der Qual und Unterdrückung entkommen, aber offensichtlich ist er schwer geschädigt, nicht nur körperlich, auch geistig. Was diese Berichte mit den Morden in Schweden heute verbindet, das werde ich nun auf keinen Fall preisgeben, auch nicht, ob es noch mehrere Opfer gibt oder wie die Aufklärung gelingt. Nur so viel, es bleibt spannend bis zur letzten Zeile. Und dann schließt sich auch der Kreis, der im Prolog seinen Beginn hat.
Das Cover ist genauso, wie ich mir einen Schwedenkrimi vorstelle, auf dem Ladentisch würde ich ihn sofort an mich reißen! Gerne mehr davon. Vom Autorenteam, wie auch vom Ermittlerteam. Bis 2026 muss ich nun leider warten auf „Opfer, die wir bringen“.
Der Schreibstil der beiden Autoren gefällt mir sehr, offensichtlich benötigen Sie auch keinen Übersetzer, da beide u. a. Germanistik studiert haben. Ich habe selten einen so blutigen und grausamen Kriminalroman so gern gelesen. Ich empfehle das Buch uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 22.08.2025

Möbel lassen sich leichter restaurieren als Lebensgeschichten

Die Holunderschwestern
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Es ist erst wenige Monate her, dass ich die Autorin Teresa Simon durch ihr Buch Zypressensommer kennengelernt habe. Als ich nun die Kurzbeschreibung vom neuen Buch las, das ja so neu nicht ist, die erste ...

Es ist erst wenige Monate her, dass ich die Autorin Teresa Simon durch ihr Buch Zypressensommer kennengelernt habe. Als ich nun die Kurzbeschreibung vom neuen Buch las, das ja so neu nicht ist, die erste Auflage erschien 2016, war ich sofort interessiert. Wenn Geschichte und Familiengeschichte zu einem Roman vereint werden, hat das für mich einen ganz besonderen Reiz. Hier im Roman ist es die Zwischenkriegszeit, der Erste Weltkrieg ist zu Ende und die Weimarer Republik steckt in den Kinderschuhen und wird durch Hitlers Machtergreifung sehr bald beendet, die folgenden Jahre sind geprägt von Aufbruchsstimmung und Judenhass, der nur einmal kurz an die Leine genommen wird für die Olympischen Spiele 1936. Meine Großmutter, 1899 geboren, hat all das auch erlebt, schon deshalb entschied ich mich für dieses Buch.
Das Buch beginnt als Prolog mit einem geheimnisvollen, traurigen Brief, geschrieben von F. Wer ist F.? Was haben all die Andeutungen zu bedeuten? Viele Fragen gleich am Anfang. — Mit dem ein ganzes Jahrhundert übergreifenden Trick der 2015 auftauchenden Tagebücher ihrer Ururgroßmutter Fanny kommt Katharina ins Spiel. Sie ist eine junge Restauratorin, die mit Isa, ihrer antikverliebten Freundin eine kleine Firma aufgebaut hat. Dass sich bei ihren Funden in und um München so einiges an verborgenen Werten und Überraschungen zeigt, gibt dem Roman eine besondere Note. Und über Möbelrestaurationen erfährt man en passant auch eine ganze Menge.
Katharina nimmt sich der Tagebücher an und verliebt sich auch gleich noch in den Überbringer, Alex Bluebird, Engländer, kunstsinnig, leider verheiratet. Diese von Fanny geschriebenen zwei Kladden erzählen von ihrem alltäglichen Leben, von ihrer Zwillingsschwester Fritzi, die besitzergreifend und maßlos ist. Fanny flüchtet aus der Enge ihres Elternhauses in Weiden und geht in die große Stadt München. Auch hier hält ihr das Leben kein Rosenbett bereit, schon bald hält sie es auch bei ihrem Bruder nicht mehr aus. Um nicht mit allzu vielen Spoilern die Leselust zu dämpfen, will ich über das Folgende nur noch so viel schreiben: Fanny hat kein einfaches Leben, aber sie findet eine jüdische Freundin, Alina, und diese Freundschaft allein ist es wert, den Roman zu lesen. So war es für mich jedenfalls. Hinzu kommen Erlebnisse mit verschiedenen, noch heute bekannten Künstlern, Paul Klee wird im Roman eine ganz besondere Rolle zukommen.
Teresa Simon verbindet auf besondere Weise gerade die aufkommende Nazizeit und die ersten Jahre der Hitlerdiktatur mit den ganz persönlichen Erfahrungen ihrer Protagonisten. Die Zwillingsschwestern entzweien sich so auch in ihren politischen Anschauungen. Aber erst ganz am Ende des Buches wird Katharina aufklären können, weshalb die Tagebücher 1936 abrupt endeten und wie sie in den Besitz einer englischen Familie gekommen sind. Bis man als Leser dort angekommen ist, ist jedoch auch Geduld gefragt, besonders bei den ausführlichen Schilderungen von Möbelrestaurationen, was mich manchmal vom Hauptthema zu sehr ablenkte.
Die Autorin hat so gut recherchiert und so viele Details auch aus der eigenen Familiengeschichte zusammengetragen, dass es über 500 Seiten geworden sind. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass die Texte der Tagebuchaufzeichnungen in einer größeren Schrift wiedergegeben worden wären. Mir fiel das Lesen dieser Textteile trotz Brille schwer. Hier wäre für mich tatsächlich ein E-Book hilfreich gewesen.
Das Cover macht einen recht romantischen Eindruck, der im Roman nur durchdringt, wenn z. B. über den Holunderstrauch erzählt wird, dessen Blüte hier über allem schwebt. Die Handlung mit ihren so unterschiedlichen, teilweise schon sehr bösen und brutalen Charakteren, mit der bedrückenden Lage der Juden nach 1933 und auch mit der verachtenden Sicht auf Frauen hingegen ist alles andere als romantisch.
Dieses Buch bietet gute Unterhaltung, wobei es keine seichte Liebesgeschichte wurde, sondern ein sehr bewegender Roman. Ich habe das Buch gern gelesen, auch wenn es phasenweise schwer zu verkraften war. Ich empfehle es gern!

Fazit: ein bewegender Familienroman, der mit geschichtlichen Details ebenso besticht, wie mit den beigefügten Rezepten für bayerische Köstlichkeiten.

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