Wer ist Martin Guerre?
Die Frau, die liebteIch habe dieses Buch zufällig in der Bibliothek entdeckt und spontan mitgenommen. Dass der Inhalt von einem realen Strafrechtsfall aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts inspiriert ist, macht die Sache ...
Ich habe dieses Buch zufällig in der Bibliothek entdeckt und spontan mitgenommen. Dass der Inhalt von einem realen Strafrechtsfall aus dem Frankreich des 16. Jahrhunderts inspiriert ist, macht die Sache schon mal interessant, wobei ich natürlich nicht beurteilen kann, wie weit sich die Autorin an die überlieferten Fakten gehalten hat bzw wie viele Fakten überhaupt überliefert wurden. Herausgekommen ist jedenfalls folgende Geschichte:
Bertrande war erst elf, als sie mit dem in etwa gleichaltrigen Martin Guerre verheiratet wurde. Eine arrangierte Ehe im großbäuerlichen Milieu. Mit der Zeit entwickeln die beiden aber doch Gefühle füreinander und führen eine einigermaßen glückliche Beziehung, bis Martin eines Tages seine Familie verlässt. Er wollte nur für ein paar Tage fortbleiben, doch seine Abwesenheit zieht sich immer länger hin.
Bis er nach Jahren plötzlich wieder auftaucht. Jedenfalls sind alle aus Familie und Gesinde überzeugt davon, dass es sich bei dem Mann, der schnell in seine Rolle als Haushaltsvorstand hineinfindet, um Martin handelt. Lediglich Bertrande beschleichen zunehmend stärkere Zweifel.
Obwohl die eigentliche Romanhandlung nur ca 120 Seiten umfasst, werden hier doch einige interessante Themen angesprochen. In erster Linie natürlich die Frage, wie jemand seine Identität beweisen kann bzw wie man umgekehrt beweisen kann, dass jemand trotz aller Ähnlichkeit nicht derjenige ist als der er sich ausgibt. Auch die Familien- und Gesellschaftsstrukturen der damaligen Zeit werden portraitiert. Es ist bezeichnend, dass Bertrande den neuen Martin gerade deshalb verdächtigt ein anderer zu sein, weil er um vieles umgänglicher ist als es ihr Ehemann früher war und nicht die Härte seines Vaters besitzt.
Erzählt wird überwiegend aus Bertrandes Perspektive, zu der ich aber dennoch keine richtige Beziehung aufbauen konnte. Dies ist nicht nur der Kürze des Textes, sondern vor allem dem abstrakten Stil geschuldet. Es gibt zwar sehrwohl einige beeindruckende Szenen und ich fand es auch ganz spannend, was bei dem Prozess wohl rauskommen wird, wirklich packend ist die Handlung allerdings nicht.
Die Einschätzung, dass „dieser Roman mit zum Besten gehört, was die amerikanische Literatur zu bieten hat“ kann ich daher nicht ganz nachvollziehen.
Dennoch ist die Geschichte immerhin ungewöhnlich und regt zum Nachdenken an. Es wundert mich, dass dieses im Original bereits 1941 erschienene Buch erst 2018 ins Deutsche übersetzt wurde.