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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.01.2019

Spannendes Rittermärchen mit anspruchsvollem Schreibstil

Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe
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Die ersten drei Kapitel wurden noch von Michael Ende geschrieben, die folgenden 13 dann von Wieland Freund. Ich finde durchaus, dass sich der Schreibstil ändert, denn Wieland Freund versuchte natürlich ...

Die ersten drei Kapitel wurden noch von Michael Ende geschrieben, die folgenden 13 dann von Wieland Freund. Ich finde durchaus, dass sich der Schreibstil ändert, denn Wieland Freund versuchte natürlich die ausschweifend beschreibende Sprache von Michael Ende zu kopieren, doch schoss damit ein bißchen über das Ziel hinaus. Denn rausgekommen ist zwar eine literarisch sehr wertvolle Geschichte, aber für Kinder in der Zielgruppe 6-8 Jahre ist es sehr anstrengend wenn fast in jedem Satz ein eingeschobener Nebensatz vorkommt (der meist auch nur sehr Nebensächliches beinhaltet). So wurde ein Satz nicht selten auch mal bis zu 8 Zeilen lang. Zudem hat Freund die Angewohnheit, Dinge aus vorangegangenen Sätzen, oder sogar demselben Satz, gleich zu wiederholen. Ein Beispiel (doch es geht auch wesentlich länger und verschachtelter) "Unvorstellbar, dass ein Raubritter sich von Mama Dick in einen Waschzuber stecken lassen würde, wie sich Knirps in einen Waschzuber hatte stecken lassen, bevor er unter die Raubritter gegangen war." Beim Vorlesen habe ich solche Einschubsätze oder Wiederholungen teilweise weggelassen, sofern mir das so spontan möglich war. Ebenso wie ich zahlreiche Wörter, die entweder schon sehr veraltet sind und/oder im normalen Sprachgebrauch von Kindern niemals vorkommen, ausgetauscht oder zumindest für sie übersetzt habe.

Trotz kleinerer Kürzungen brauchten wir für das Vorlesen eines Kapitels 20-25 Minuten, das sollte man einplanen wenn es so wie bei uns die "Gute-Nacht-Geschichte" ist. Wir mussten immer rechtzeitig anfangen, damit wir zumindest 2 Kapitel pro Abend schafften, denn natürlich waren die Jungs immer sehr gespannt wie es weitergeht (auch wenn sich die Geschichte manchmal echt hinzieht, und es z.B. über 3 Seiten beschrieben wird wie sich Rodrigo Raubein versucht seiner Rüstung zu entledigen; oder Sokrates, der Papagei, über den möglichen Verlauf der Geschichte sinniert. Jüngere Kinder sind da eher ungeduldig und wollen lieber wissen wie es denn nun tatsächlich mit Knirps und Flip und Rodrigo Raubein weitergeht.

Meinen Jungs gefielen am besten die Erlebnisse von Knirps, vor allem seit dem Zeitpunkt wo er auf Prinzessin Flip stößt. Doch folgen wir nicht ausschließlich dem kleinen Jungen und seiner neuen Freundin, sondern die Geschichte wechselt hin und her zwischen bis zu 4 Erzählsträngen, die nach und nach zusammen kommen. Denn da gibt es noch die Familie Dick, die verzweifelt ihren Sohn sucht. Den melancholischen König Kilian, der sich um seine verschwundene Thronfolgerin sorgt. Und den fiese Zauberer mit seinem nachtschwarzen Drachen Wak, der selbst die Krone haben will.

Doch trotz der recht anspruchsvollen Erzählweise mit den verschiedenen Plots, ist die Geschichte an sich für Kinder ab 6 Jahren bestens geeignet. Mein jüngerer Sohn sagte, als wir etwa bei Kapitel 10 waren, "Mama, zuerst fand ich die Geschichte ja langweilig, aber jetzt finde ich sie total spannend." Ein größeres Kompliment gibt es fast nicht, wenn ein Buch es schafft, die Meinung seiner Leserschaft noch so 'herumzureißen'.
Den sehr künstlerischen Schreibstil hingegen wissen aber wohl eher ältere Kinder (ab 11 Jahren?) und Erwachsene zu schätzen.
Ich hätte 3,5 Sterne vergeben, die Jungs 4,5. Wir haben uns in der Mitte getroffen.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Mary Poppins für Senioren

Unter uns nur Wolken
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Die Geschichte dieses Buches wird abwechselnd erzählt aus der Sicht von Ani - einer jungen Frau ohne Job, Arbeit, Wohnung oder Geld - und Tom - einem jungen Mann, der händeringend jemanden sucht, der sich ...

Die Geschichte dieses Buches wird abwechselnd erzählt aus der Sicht von Ani - einer jungen Frau ohne Job, Arbeit, Wohnung oder Geld - und Tom - einem jungen Mann, der händeringend jemanden sucht, der sich um seinen demenzkranken Opa Florian kümmert.
Ich finde, dass es diese Erzählform hier gar nicht gebraucht hätte, das hätte genauso wunderbar nur aus einer Sichtweise und gerne auch mittels eines personalen Erzählers geschrieben werden können. Gespannt verfolgt habe ich nur die Kapitel von Ani, für mich war Tom keine gleichwertige Hauptperson in diesem Buch - wenn dann war das eher Florian. Dessen Perspektive hingegen wäre sehr interessant gewesen!

Ich habe Ani sehr bewundert, wie tapfer sie bei diesem Job geblieben ist, der wahrlich kein leichter ist. Gut, sie hatte kaum Alternativen. Aber ständig diesen Boshaftigkeiten von Florian ausgesetzt zu sein hätte ich nicht lange durchgestanden. Denn der alte Mann war ja ziemlich ausdauernd mit seinen Schikanen. Aber Ani hat sich zum Glück nicht den Kräuteraufstrich vom Brot nehmen lassen.

Ich habe lange Zeit gerätselt, wieso das Buch diesen Titel hat. Gegen Ende hin wird es dann klar. Allerdings bin ich mir gar nicht so sicher, ob dieser Titel für die gesamte Geschichte so gut passt. Denn es geht im Buch sehr viel weniger um Florian und seine Greta, wie es uns die Kurzbeschreibung + nun auch Titel glauben machen will.
Die Cover-Illustration, finde ich optisch sehr ansprechend, aber sie hatte eigentlich auch eine ganz andere Erwartung an die Art der Geschichte in mir geweckt. Im Rückblick deute ich Ani nun als eine Art Mary Poppins für Florian.

Doch das sind alles nur Details am Rande und keine wirklichen Kritikpunkte, denn ich habe die Geschichte um Ani und Florian, und auch Tom, wirklich sehr gerne gelesen.

Veröffentlicht am 22.01.2019

Wovon Groupies träumen

Versuchung küsst finnisch
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Die Geschichte hätte gut und gerne in einem 'Bravo Herzklopfen' Roman mit dem Titel "Verliebt in einen Rockstar" veröffentlicht werden können. Vielleicht hätten die zwei dann nicht so oft im Bett, oder ...

Die Geschichte hätte gut und gerne in einem 'Bravo Herzklopfen' Roman mit dem Titel "Verliebt in einen Rockstar" veröffentlicht werden können. Vielleicht hätten die zwei dann nicht so oft im Bett, oder auf der Couch, oder unter der Dusche, wieder auf der Couch, im Bett, Couch, Bett, Bett, Dusche, Couch, Bett…landen können, da ging es ja doch ein bisschen gesitteter zu bei den 'Herzklopfen'. Aber sonst passt es einigermaßen. Emilia verhält sich eher wie ein verliebter Teenager (ok, vielleicht auch Twen) als eine Frau von 33 Jahren (auch wenn es später in der Geschichte so halbwegs eine Erklärung dafür gibt). Und Panu hat grundsätzlich nur das Eine im Kopf wenn er Emilia irgendwo erblickt. Das fand ich schade, denn das reduzierte ihre eigentlich recht süße Lovestory doch sehr auf das Körperliche.

Das Buch erschien vor ein paar Jahren schon einmal, und bekam sehr viele negative Rezensionen, zum Teil auch wegen der vielen Rechtschreibfehler und der "kindlichen" Schreibweise. Das Manuskript wurde nun anscheinend komplett überarbeitet, Rechtschreibfehler wären mir zumindest keine aufgefallen und die Schreibweise ist ok für das Genre.

Ja, es liest sich wie Fanfiction von einem verliebten Teenager (der die Autorin schon lange nicht mehr ist!), der Sunrise Avenue vergöttert und mit Herzen in den Augen ihren größten Traum in ihr Tagebuch schreibt. Da ich die Band und vor allem deren Sänger aber auch ganz gern mag, fand ich es nicht weiter schlimm ihn mir optisch in der Rolle des Panu vorzustellen. Einige Wendungen in der Story sind dann wohl auch eher 'wundersam', aber immer noch grad so an der Grenze des Möglichen.

Ich habe mich jedenfalls mit dieser Schwärmerei für einen finnischen 'Sexgott' ganz gut unterhalten können. Die eingeflochtenen Songs haben vom Text her immer gut gepasst, und jetzt muss ich mir doch glatt mal die beiden vorkommenden Lieder von den echten Sunrise Avenue Jungs anhören.

Veröffentlicht am 21.01.2019

Dr. Sommer für Jungs

For Boys only
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Eigentlich heißt es in der Kurzbeschreibung ja: Mädchen - Finger weg! Ich hab mir das Buch als zweifache Jungsmama trotzdem zu Gemüte geführt, und fand es richtig gut. Denn es gibt nicht nur den Jungen ...

Eigentlich heißt es in der Kurzbeschreibung ja: Mädchen - Finger weg! Ich hab mir das Buch als zweifache Jungsmama trotzdem zu Gemüte geführt, und fand es richtig gut. Denn es gibt nicht nur den Jungen Erklärungen dafür, was mit ihnen während der Pubertät passiert - sondern auch mir als Mutter. Ich hab jetzt hoffentlich Verständnis dafür wenn sich meine zwei später mal so benehmen werden wie sich pubertierende Jungs anscheinend so verhalten.

In kurzen, knappen Abschnitten werden hier zahlreiche Dinge angesprochen und erklärt, die in der Pubertät so passieren, sowohl körperlich als auch in der Gefühlswelt. Ein ganzes Kapitel ist sogar den Mädchen gewidmet, und was mit ihnen in der gleichen Zeit passiert. Das fand ich wirklich löblich, das Wissen darum fördert sicher auch das Verständnis der Jungs.

Auch kleine Flirt-Tipps gibt es, und - ebenfalls sehr löblich - dass ein tiefer Ausschnitt beim Mädchen kein Freifahrtschein für Jungs ist und ein Nein ein Nein ist, sei es noch so leise ausgesprochen!
Nicht enthalten ist das Was, Warum und vor allem Wie wenn die zwei im Bett landen! Hätte man durchaus hinzufügen können, aber vielleicht gibt es genau zu dem Thema eh schon ausreichend Literatur?

Dafür kommen noch andere Dinge zur Sprache, z.B. auch Freundschaften unter Jungs, Mobbing, Verhalten im Internet und zum Abschluss noch ein paar wichtige Regeln aus dem Jugendschutzgesetz.

Alles in allem ein sehr informativer Ratgeber für Jungs ab circa 10-12 Jahren. Vor allem die Art der Aufbereitung der Informationen gefällt mir und findet sicher auch großen Anklang bei der Zielgruppe. So ein kurzer aber prägnanter Info-Block ist schneller gelesen (und später auch wiedergefunden wenn man mal was sucht) als eine mehrseitige Abhandlung dazu.

Veröffentlicht am 17.01.2019

Auf der Suche nach einem Weg aus dem Labyrinth

Jeder von uns ist ein Rätsel
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Alvie ist 17 Jahre alt, allein lebend und mit einem Job im Tierpark. Sie würde gern rechtlich für volljährig erklärt werden, damit sie nie wieder Angst haben müsste zu einer Pflegefamilie zurück zu kehren ...

Alvie ist 17 Jahre alt, allein lebend und mit einem Job im Tierpark. Sie würde gern rechtlich für volljährig erklärt werden, damit sie nie wieder Angst haben müsste zu einer Pflegefamilie zurück zu kehren oder gar in ein Heim. Ihr Sozialarbeiter unterstützt sie in diesem Vorhaben, rät ihr aber auch Freunde zu finden, soziale Kontakte zu knüpfen. Doch erstens weiß Alvie gar nicht wozu das gut sein sollte und zweitens hatte sie noch nie Freunde - wie lernt man die überhaupt kennen? Da fällt ihr ein Junge auf, der im selben Park wie sie rumhängt.

Das Buch erzählt Alvies Geschichte aus der Ich-Perspektive, und der Leser lernt sie ziemlich gut kennen - und in meinem Fall auch lieben. Doch auch über Stanley erfahren wir im Verlauf des Buches immer mehr. Auch sein Leben war bisher kein Zuckerschlecken, auch er lebt allein, auch er hat Narben - in seinem Fall nicht nur im übertragenen Sinne. Jeder von ihnen ist sich selbst und vor allem der Umwelt ein Rätsel, aber zusammen funktionieren sie erstaunlich gut. Meistens jedenfalls.

In der Kurzbeschreibung steht, dass ihr gemeinsamer Weg 'zum Teil sehr komisch' ist. Finde ich überhaupt nicht, da ist so gar nichts Humorvolles in dem Roman, noch nicht mal unfreiwillig lustig wie es beim "Rosie Projekt" oft war. Aber das machte das Buch in meinen Augen nicht weniger gut (auch wenn ich solche kleinen witzigen Momente durchaus schätze). Ich fand es bewegend, erschreckend, berührend, aber vor allem unheimlich spannend zu lesen, wie Alvie ihr Leben meistert.

Das Cover finde ich eher unscheinbar, und ich bin wirklich froh dass ich dennoch neugierig genug war um die Kurzbeschreibung zu lesen - und mich daraufhin dann auch für das Buch entschieden habe. Im Nachhinein kann ich die Illustration auf dem Cover auch verstehen, das Original gefällt mir dennoch etwas besser - auch wenn das sicher ein bißchen andere Erwartungen an den Inhalt weckt.