Profilbild von KathieMarie

KathieMarie

Lesejury-Mitglied
offline

KathieMarie ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit KathieMarie über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2021

Ein Spiel mit dem Feuer

Gläsernes Schwert (Die Farben des Blutes 2)
0

Nur knapp sind Mare und Cal ihrem Tod in der Knochenarena entkommen und nun zur Scharlachroten Garde gestoßen. Ihre Ankunft dort offenbart den beiden viel tiefere Einblicke in den Aufstand der Roten, der ...

Nur knapp sind Mare und Cal ihrem Tod in der Knochenarena entkommen und nun zur Scharlachroten Garde gestoßen. Ihre Ankunft dort offenbart den beiden viel tiefere Einblicke in den Aufstand der Roten, der sich mehr und mehr zu einer Revolution ausweitet. Trotz, dass sie erst knapp dem Tod entgangen ist, kann Mare nicht ruhen: Gemeinsam mit ihrem besten Freund, ihrem wieder auferstandenen Bruder, Farley und Cal macht sie sich auf, um die zu finden, die sind wie sie - Rot und Silbern. Sie muss Maven um jeden Preis zuvorkommen. Aber der neue König will nur eines: Mare.

Die Handlung setzt unmittelbar nach dem Ende von Band 1 und sehr rasant ein. Während sie auf dem Weg zu einem weiteren Stützpunkt der roten Garde sind kann zwar erst einmal durchgeatmet werden, aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Die Fünf hetzen sich bei der Suche, man kann eigentlich schon sagen Jagd, nach Neublütern regelrecht ab, mit der ständig schwelenden Gefahr im Nacken und immer einen Schritt hinterher. Missionen werden immer gefährlicher, riskanter und waghalsiger. Zeit das Geschehene zu verarbeiten ist ein Luxus, den man sich hier kaum leisten kann. Blättert man um hängt man schon wieder im nächsten Schlamassel oder man bekommt eine Offenbarung, wie einen Hammerschlag, vor den Kopf geknallt. Diese Atemlosigkeit spiegelt jedoch den Geist der Revolution wider, in der man handeln muss und nur wenig Zeit bleibt, um nachzudenken und zu fühlen. Aber trotzdem bleibt einem genug Zeit mit zu zittern, mit zu fiebern und sich zu Fragen warum, wenn wieder jemand Verrat übt. Verrat und sorgfältig gesponnene Intrigen dominieren die Hintergründe der Handlung, während Gewalt, Hass und Wut die Handlung vordergründig schüren.
Wenn sie nicht gerade die nächste riskante Mission oder einen waghalsigen Plan in die Tat umsetzen sind die fünf Gefährten mit Eifer dabei sich gegenseitig immer mehr zu verlieren. Die Frage, ob sie es schaffen werden als geeinte, starke Gruppe, als Einheit, dem König die Stirn zu bieten, bleibt.

Wie schon am Ende des ersten Bandes begegnet uns Mare zunächst als eine willensstarke Kämpferin. Aber Vertrauen in andere zu setzen fällt ihr zunehmend schwerer, selbst wenn es sich dabei um ihr eigenes Blut oder eine jahrelange Freundschaft handelt. Damit stößt sie vor allem ihren Bruder Shade und ihren besten Freund Kilorn vor den Kopf. Neben ihren Blitzen besitzt Mare auch die erschreckende Fähigkeit ihr Herz auszuschalten. Die Mare, die dann übrigbleibt, ist zerfressen von Hass gegenüber denen, die sich ihr in den Weg stellen, sie ist rücksichtslos und kennt in diesem Zustand keine Gnade.
Mares größte Angst ist es allein gelassen zu werden, weshalb sie sich verzweifelt an die zwischenmenschlichen Beziehungen klammert, die ihr noch geblieben sind. Doch auch diese tritt sie mit ihrem ständigen, aber nachvollziehbaren, Misstrauen immer wieder mit Füßen. Sie stürzt sich in die Suche nach ihresgleichen, um ihr Gefühl von Andersartigkeit loszuwerden, aber sie bleibt es dennoch: Die Blitzwerferin, etwas Besonderes. Die Suche nach Neublütern wird für sie zu Obsession und vor allem Cal und die Neublüterin Cameron werfen ihr wieder und wieder vor nur an sich selbst zu denken, daran wie es ihresgleichen ergeht, und dass es ihr egal sei welchen Preis sie für noch mehr gerettete Neublüter bezahlen muss, dass es ihr egal sei über wie viele Leichen sie für ihr Ziel noch gehen muss. Und es ist zu einem gewissen Teil wahr, sie stumpft äußerlich immer weiter ab und auch innerlich beschränkt sie den Schmerz, den sie zulässt auf ein Minimum. Wut und Hass brodeln in ihr und sie schafft es auch nicht immer diese zurückzuhalten. Durch die intensive Auseinandersetzung mit ihrem Inneren wir sie für mich greifbarer, als viele andere Charaktere.
Cal hingegen versinkt teilweise in der Rolle des gefallenen Prinzen regelrecht und klammert sich an die einzige Familie, die ihm noch geblieben ist. Er ist schwer einzuschätzen, denn einerseits sind das, was er sagt und das, was er tut zweierlei Paar Stiefel, aber auf der anderen Seite steht für seine Überzeugungen und seine Weltanschauung ein. Obwohl man ihn nun wirklich nicht für den sentimentalen Typ Mensch halten würde, zeigt sich auch diese Seite an ihm, besonders, wenn es um seine Mutter, die er nie kennengelernt hat, geht.
Die Beziehung zwischen ihm und Mare ist schwer zu definieren. Vordergründig baut die Beziehung der beiden auf den Hass, den sie Maven entgegenbringen, und der Wunsch nach Vergeltung an diesem und dessen Mutter Elara, auf. Aber mit der Zeit scheint sich mehr zwischen den beiden zu entwickeln, mehr, als vielleicht gut ist, denn "Jeder kann jeden verraten.".
Als der gefürchtete Gegenspieler muss Maven als überzeugender, gnadenloser und rücksichtsloser König auftreten. Vermutlich mit der Hilfe seiner Mutter Elara spinnt er immer wieder neue Intrigen und stellt neue Fallen. Dabei schreckt er vor absolut nichts und niemandem zurück, was sein Image als skrupelloser und herrschsüchtiger König noch zusätzlich unterstreicht. Um an Mare heran zu kommen nutzt er seine Macht über das Volk von Norta gnadenlos aus und macht sie so zu einer Gejagten.

Wie schon im ersten Teil der Reihe ist der Stil des Geschriebenen einfach gehalten und dementsprechend auch gut verständlich. Victoria Aveyard widmet sich auch hier wieder sehr stark Mares Innenleben, das die reinste Achterbahn ist: Mal kämpft sie ohne jede Rücksicht, mal vergräbt sie sich in ihrer Schuld und ein wieder anderes Mal braucht sie einfach ein Ventil für das, was sich in ihr angestaut hat. Viele der Gefühle sind für mich allerdings nicht so ausdrucksstark, wie ich es mir wünschen würde. Auf dem Weg zu mir verhungern die Gefühle und kommen nicht wirklich bei mir an. Bei der rasanten Handlung bleibt dann leider nicht mehr viel Zeit für die Schilderung der Umgebung. Man bekommt zwar einen Eindruck davon, wie etwas aussieht, aber vieles bleibt auch der Fantasie überlassen.

Gläsernes Schwert ist ein Spiel mit dem Feuer, wie ein Tanz auf Messers Schneide. Ein falscher Schritt kann über das Schicksal eines ganzen Landes entscheiden. Erzählt wird die atemlose Geschichte einer jungen Frau, die ungewollt zum Symbol einer Revolution wurde. Gewalt, Verrat und Intrigen sind allgegenwärtig. Der Roman ist, in meinen Augen, ein würdiger Nachfolger, auch wenn er seine Schwächen hat. Er ist für alle da, die sich dazu entschließen Mare und Cal in ihrer Mission, ihren Racheplänen, ihrem Streben nach Gerechtigkeit beizustehen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.02.2021

Gespalten durch Verrat und Blut

Die rote Königin (Die Farben des Blutes 1)
0

Als "Rote" wächst Mare in der ärmlichen Bevölkerungsschicht auf, die von den "Silbernen"schon seit ewigen Zeiten unterdrückt werden, weil sie minderwertig sind, keine Begabung haben - die "Roten sind schwach. ...

Als "Rote" wächst Mare in der ärmlichen Bevölkerungsschicht auf, die von den "Silbernen"schon seit ewigen Zeiten unterdrückt werden, weil sie minderwertig sind, keine Begabung haben - die "Roten sind schwach. Durch mehr oder weniger glückliche Umstände kommt Mare an den königlichen Hof. Als sie jedoch, zur Überraschung aller, eine Begabung offenbart, beginnt sich ein Netz aus Lügen und Verrat um sie herum aufzubauen, dem sie nicht mehr entkommen kann.

Zu Beginn kommt die Handlung nur schwer in Gang, doch mit Mares Einberufung in den Palast kommt ziemlich schnell Schwung in die Sache. Eine riskante, nervenaufreibende, actionreiche, herzzerreißende oder gefährliche Szene jagt die Nächste. Dabei ist schön zu sehen, wie sich Mare, auch durch den Konflikt, in dem sie sich mit ihrer neuen Identität Mareena, befindet, immer weiter in ein Netz aus Lügen verstrickt und, ohne die Regeln zu kennen, in ein Spiel hineingezogen wird, das sie eigentlich nicht gewinnen kann, weil die, die die Fäden ziehen, weitaus mächtiger sind, als sie zuerst angenommen hat. Schneller als sie es realisiert gibt es nur noch einen Weg: Kämpfen, wofür sie steht. Einstehen, für das, was sie ist. Eine Veränderung, eine Revolution, das Erheben der Roten.
Zu Beginn, als die Autorin uns in die Welt der Roten einführt, werden erst einmal die Grundlagen der Welt, die sie geschaffen hat, erklärt. Durch die Ausführungen zu Politik, Gesellschaftsordnung, usw., auch durch die Einführung in Mares Leben, ihre Familie, ihre Freunde, zieht sich der Roman die ersten Kapitel etwas. Von Vorteil ist jedoch, dass man sich so in dieser Welt zurecht finden kann, bevor die Handlung an Schnelligkeit und Spannung aufnimmt. Denn in der Welt der Silbernen, die auch Mare noch kennen lernen muss, hat man zwar auch noch Zeit zu verarbeiten, was vor sich geht, aber die Ereignisse beginnen sich recht schnell zu überschlagen und man muss als Leser in der Welt, in der dieser Roman spielt, angekommen sein, um nicht abgehängt zu werden.
Die Handlung ist, wenn man bis zu Ende gelesen hat, in sich schlüssig. Da man die ganze Zeit Mares Sichtweise hat, tappt man auch die ganze Zeit über mehr oder weniger im Dunkeln. Durch Andeutungen, die andere Figuren machen, kommt man immer mehr ins grübeln. "Jeder kann jeden verraten.", ist so eine Zeile. Man hat die ganze Zeit über das Gefühl, irgendjemand wird Mare jetzt verraten, aber man kann nie sagen, wer es ist.
Vor allem diese Tatsache hält die Spannung aufrecht und die Tatsache, dass ein ganzes Volk daran hängt, wem Mare vertraut und wem nicht.
Alles in allem ist die Handlung von einigen Dingen geprägt: Gewalt, Verrat, Grenzüberschreitungen, in einer revolutionären Zeit, und einer lange schwelenden Eifersucht.
Die Wendung, die die Handlung am Ende macht, war für mich zu einem gewissen Grad schon offensichtlich, aber im Epilog hat sie mich dann doch noch überrascht und endgültig für den zweiten Teil gewonnen.

Mare ist als Charakter ein sehr menschlich gestalteter Charakter. Sie ist nicht übertrieben freundlich, feindselig, mutig, tugendhaft oder Ähnliches. Sie ist keinesfalls perfekt. Familie und Freunde, ebenso Vertrauen, bedeuten ihr sehr viel, was ihr zum Verhängnis wird. Obwohl sie alle andere Glauben machen will, sie wäre so abgehärtet hadert sie immer wieder mit ihren Entscheidungen, die sie aber nicht mehr rückgängig machen kann. Vom ersten zum letzten Kapitel hin ist aber auch eine Entwicklung in ihr zu sehen, was ich immer sehr schätze. Von der unsichtbaren Taschendiebin zu Beginn ist kaum noch etwas übrig. Die Entdeckung ihrer Begabung, aber auch der Verrat derer, denen sie vertraut hat, macht sie willensstark und entschlossen. Anders als im ersten Kapitel hat sie nun ein Ziel, etwas, wofür sich das Kämpfen lohnt.
Die Prinzen von Norta sind recht unterschiedlich gezeichnet: Während Cal der Soldat, ein Mann der Taten ist, ist sein jüngerer Bruder Maven ein Diplomat, der sich auf das Spiel mit Worten versteht. Was sie bewegt, was sie antreibt bleibt allerdings lange ein Geheimnis. Doch so unterschiedlich sie aus sind, eines haben sie gemeinsam: Sie wollen Mares Vertrauen gewinnen.
Die Vielschichtigkeit und das Facettenreichtum von Aveyards Charakteren wird für mich, neben Mare, auch bei der Figur von Königin Elara deutlich. Diese Figur zeigt, dass man beides sein kann: gütig, liebend und grausam.

Geschrieben ist der Roman insgesamt in einer leicht zu lesenden Sprache, auch wenn ich hin und wieder über Satzkonstruktionen oder einzelne Begriffe gestolpert bin. Victoria Aveyard beschäftigt sich hier sehr viel mit dem Innenleben ihrer Hauptfigur oder lässt sie das Innenleben anderer analysieren, wenn sie nicht die Handlung vorantreibt. Die Beschreibung der Umgebung ist nicht sehr detailreich, aber man kann sich dennoch ein grobes Bild davon beim lesen machen. Mir gefällt diese intensive Auseinandersetzung mit Mares Zwiespalt und ihrem inneren Ringen mit sich selbst - tut sie das Notwendige oder das Richtige?

Insgesamt ist "Die rote Königin" ein gelungener Auftakt einer Revolution, die sich nun "Rot wie die Morgendämmerung" erhebt, und Mare ist mittendrin. Der Roman ist ein recht rundes, für ein Debüt äußerst gut gelungenes, Werk. Alle, die Veränderungen anstreben, die bereit sind alles für diese Veränderungen in Kauf nehmen, die sind hier genau richtig.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.02.2021

Seelenverwandschaft in einer fantastischen Verkleidung

Soul Mates, Band 1: Flüstern des Lichts
0

Rayne weiß nicht, wie ihr geschieht, als sie unfreiwillig Zeugin des erbitterten Kampfes zwischen Licht- und Dunkelseelen wird. Und wider ihres eigenen Willens fühlt sie sich irgendwie mit dem undurchschaubaren ...

Rayne weiß nicht, wie ihr geschieht, als sie unfreiwillig Zeugin des erbitterten Kampfes zwischen Licht- und Dunkelseelen wird. Und wider ihres eigenen Willens fühlt sie sich irgendwie mit dem undurchschaubaren Colt verbunden, der immer wieder ihre Nähe sucht. Denn das Schicksal hat die beiden Seelenpartner zusammengeführt. Aber in der Welt, von der Rayne, mit ihren Fähigkeiten, nun ebenfalls ein Teil ist, droht ein Krieg auszubrechen. Für Colt ist klar, auf welcher Seite er steht, sein Platz ist bei den Lichtseelen. Aber Rayne ist noch immer unentschlossen.

Mit den Licht-, Dunkel- und Nebelseelen hat Bianca Iosivoni eine ganz eigene Art von Übernatürlichem erschaffen. Die Hintergründe dieser Erschaffung sind sehr gut ausgearbeitet und haben eine solide Grundlage. Besonders gelungen finde ich die Stelle, an der Lauren Rayne ihre Auffassung von Gut und Böse erklärt. Hier wird zum ersten Mal der Konflikt deutlich, in dem sich Rayne die ganze Zeit über befindet. Denn so genau kann man Gut und Böse nicht voneinander trennen. Diese Thematik zieht sich immer weiter durch den Roman, wird immer wieder hier und da angeschnitten: Sei es, als Rayne herausfindet, was Colt vor einiger Zeit getan hat, oder sie sich wieder von ihrem früheren Pflegevater bedroht fühlt. Die Grenzen verschwimmen für Rayne immer mehr. Sie weiß nur eines mit Sicherheit: Sie gehört zu Colt. Aber was wäre eine Seelenverwandschaft ohne Haken? Eine Prophezeiung, die niemals erfüllt werden soll, verbietet es Seelenpartnern sich emotional zu nahe zu kommen, sie dürfen einander niemals lieben. Es stellt sich später heraus, dass diese Prophezeiung noch eine wesentlich wichtigere Rolle spielt, dass sie Laurens Antrieb ist, und sie alles tun wird, um diese Prophezeiung zu erfüllen. Desweiteren finde ich es großartig, dass die Autorin es tatsächlich geschafft hat Wahrheiten einzustreuen, mit denen ich beim ersten Mal lesen niemals gerechnet hätte, und sie hat es so geschafft vom stereotypischen Kurs abzuweichen, auch wenn typische Elemente in diesem Buch hin und wieder auftauchen. Aber die unvorhergesehenen Wendungen überwiegen. Die Spannung wird zu Beginn langsam aufgebaut und hält sich mit kleinen und größeren Spannungs- und Actionkicks am Leben. Auf Seiten der Lichtseelen ist erst nicht klar, was eigentlich ihr Ziel ist, außer so viele Dunkelseelen wie möglich aus dem Weg zu räumen. Doch Lauren hingegen verfolgt von Beginn nur zwei Ziele: Die Prophezeiung erfüllen und Colt auf ihre Seite ziehen. Da mit der drastischen Wende am Ende alles so aussieht, als würde sie ihren Zielen immer näher kommen, haben die Lichtseelen im zweiten Band ziemlich sicher nur ein einziges Ziel.

Rayne und Colt, als Hauptfiguren, sind am detailliertesten ausgearbeitet und am engsten mit dem Hauptkonflikt verbunden. Von Rayne lernt man mehrere Seiten kennen: Den Bücherwurm, der am liebsten Tag und Nacht die Nase in ein Buch stecken würde, die große Schwester, die immerzu besorgt um ihre kleine Schwester Emma ist, das verängstigte Mädchen, in das sie sich verwandelt, sobald sie ihrem früheren Pflegevater über den Weg läuft, die mutige Kämpferin, die loyale Freundin, das Mädchen, das seiner Adoptivmutter auf ewig dankbar sein wird, dass sie sie aufgenommen hat und auch die zerrissene Seele, die nicht weiß, was sie nun glauben soll. Rayne ist ein unglaublich facettenreicher Charakter, der auf den ersten Blick schon fast perfekt erscheint, aber ihre Vergangenheit macht da immer einen Strich durch die Rechnung. Sie ist weit davon entfernt perfekt zu sein: Sie handelt impulsiv und die unerschütterliche Liebe zu Nora und ihrer Schwester Emma bringt sie nicht nur einmal in Gefahr. Diese Liebe und die Verbundenheit zu ihrem besten Freund Gray sind die besten Mittel, sie zu erpressen.
Colt ist jemand, der sich nach außen hin schon lange verschlossen hat, abgestumpft zu sein scheint, aber auch er hat seine Geschichte, die mehr als genug Dunkelheit bereit hält. Er glaubt, er müsse die Last der Welt auf seinen Schultern tragen und gibt sich an jedem kleinen Vorfall die Schuld. Gegenüber den Lichtseelen ist er äußerst loyal und würde seine Freunde dort vermutlich nicht einmal für Rayne aufgeben. Und das, obwohl sie die Einzige ist, die auch eine andere Seite als den unnahbaren Krieger, der er immer zu sein scheint, zu sehen bekommt. Seinen persönlichen Konflikt fechtet er mit einer Dunkelseele aus, mit der ihn seine dunkelste Erinnerung verbindet.
Als einzige Gegenspielerin ist Lauren ein äußerst starker, in sich jedoch auch gespaltener, Charakter. Als einstige Lichtseele weiß sie, wie es ist die Seiten zu wechseln, und sie kann Rayne ziemlich gut verstehen, da sie auf einem ähnlichen Weg in diese Welt geraten ist, wie sie. Ihre traurige Vergangenheit lässt mich auf der einen Seite mit ihr fühlen und ihre Taten, bis zu einem gewissen Grad, nachvollziehen, auf der anderen Seite bringen mich ihre Gerissenheit und die Skrupellosigkeit, die sie an den Tag legt dazu ihr eigenhändig den Hals umdrehen zu wollen. Sie weiß immer ganz genau, welche Knöpfe sie bei Rayne drücken muss, dass diese tut, was sie will, was nicht zuletzt auch an ihrer Fähigkeit Erinnerungen lesen zu können liegt.
William, den Anführer der Lichtseelen, kann ich nicht wirklich einschätzen. Er wirkt immer ruhig und verständnisvoll, teilweise etwas zu verständnisvoll. Aber man merkt, dass ihm die Lichtseelen sehr viel bedeuten und ich hatte bei ihm von Anfang an das Gefühl, dass er etwas, oder jemanden verloren hat.
Ich könnte jetzt noch stundenlang schreiben, was ich über die anderen mehr oder weniger wichtigen Figuren denke, aber das würde dann doch etwas zu lang werden. Nur eines sei gesagt: Sie alle erzählen ihre eigene Geschichte und fügen sich unglaublich gut in ihre jeweilige Rolle.

Was mir auch sehr gefällt sind die kleinen Andeutungen und Details, die immer wieder eingestreut werden und immer wieder Raum für Spekulationen lassen, schlussendlich oftmals sogar dazu führen, dass alles in einem ganz anderen Licht erscheint.

Geschrieben ist der Roman, wie immer, in einer hervorragenden Sprache, die einfach zu lesen ist und dennoch viel Gefühl transportiert, das bei mir auch ankommt. In dieser Geschichte steckt Herzblut, das merkt man.

Es lohnt sich auf jeden Fall für alle, die an die Seelenverwandschaft glauben und den Glauben an Magie nie verloren haben, Rayne und Colt in ihrem Kampf um Gut und Böse zu begleiten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2021

Realität die schockiert und einen die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen lehrt

Nein
0

Vivian steht mitten im Leben, einem Leben, das gerne auch so bleiben kann. Aber das bleibt es natürlich nicht. Ihr Leben wird auf die schlimmste Art und Weise verändert, man kann sagen regelrecht zerstört, ...

Vivian steht mitten im Leben, einem Leben, das gerne auch so bleiben kann. Aber das bleibt es natürlich nicht. Ihr Leben wird auf die schlimmste Art und Weise verändert, man kann sagen regelrecht zerstört, als ihr auf einer Wanderung der Albtraum einer jeden Frau widerfährt. Sie wird vergewaltigt. Aber das ist noch nicht mal das Schlimmste von allem. Denn das ist die Zeit und ihr Leben danach.

________

Schonungslos, ohne Beschönigungen erzählt Winnie M Li von dem Leben einer jungen Frau, die die schlimmste Zeit ihres Lebens durchmacht. Ich ziehe schon den Hut davor, dass sie so etwas schreiben kann, doch sie wird noch extremer indem sie nicht nur Vivians Geschichte, sondern auch Johnnys Geschichte, die ihres Vergewaltigers, erzählt.

Zu Beginn, als die Autorin Erinnerungen der beiden Hauptcharaktere an ihre Kindheit mit den Lesern teilt ist der Wechsel zwischen den beiden Sichtweisen noch ziemlich verwirrend, aber das legt sich im Laufe des Romans. Ungeschönt und ohne Rücksicht beschreibt sie das einzige Aufeinandertreffen der Frau, deren Leben danach nie wieder so sein wird wie zuvor, und des Jungen, der offenbar das Wort "Nein" nicht kennt. Für Vivian beginnt nun ein langer Weg des Leidens, während Johnny, auf der Flucht vor dem Gesetz, vor allen zu verheimlichen versucht, was er getan hat.

Zwei Menschen treffen aufeinander und danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Vom ersten Augenblick an hat mich die Art der Autorin zu schreiben gefesselt. Auch auf Grund des Themas ist es nicht immer einfach das Buch zu lesen, man fühlt mit, ist schockiert und beginnt sich zu fragen, wie man mit solch einem sensiblem Thema so offen umgehen kann. Es gehört viel Mut und innere Stärke dazu, seine eigene Geschichte zu erzählen. Winnie M Li versucht hier sogar noch die Tat des Vergewaltigers zu verstehen.

Die Autorin zeichnet von Beginn an ein facettenreiches Bild ihrer Protagonisten. Sie wagt es tief in deren Gefühlsleben und deren Gewissen einzudringen und schockiert damit umso mehr. Im Verhältnis geht sie bedeutend mehr auf die Psyche der Personen ein, als die eigentliche Handlung voranzutreiben. Sie nimmt sich die Zeit mit den Personen mitzufühlen, nimmt sich die Zeit uns mit ihnen mitfühlen zu lassen, was ihr außerordentlich gut gelingt.

Dieser Roman geht durch Mark und Bein und schockiert mit der bitteren Realität, er zeigt eine Hölle auf durch die keiner gehen will, und doch müssen so viele hindurch gehen. Dieses Buch hat meine Sicht auf die Welt radikal verändert, hat mir nur zu deutlich vor die Augen geführt, dass nicht so ist, wie es von außen aussieht, und dass eine Vergewaltigung eigentlich nichts sein sollte, wofür sich ein Opfer schämen sollte und doch verurteilt unsere Gesellschaft nicht nur Täter, sondern auch Opfer.
Winnie M Li ist eine starke Frau, die zu ihrem Leben und ihrer Vergangenheit steht. Daran sollten wir alle uns ein Beispiel nehmen, denn wenn mich dieser Roman eines gelehrt, dann nicht nur, dass der zweite Blick soviel mehr offenbart, als der erste, sondern auch, dass Aufgeben keine Option ist, dass man Leiden darf, dass Leiden sogar natürlich und nichts Verwerfliches ist, dass wir alle unsere Vergangenheit haben, aber wir allein bestimmen wie wir damit umgehen und wer wir sein wollen.

Lest dieses Buch und ihr werdet nicht mehr dieselben sein!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2021

Mythen verstrickt mit der bitteren Realität

The Last Goddess, Band 1: A Fate Darker Than Love
0

Für Blair wir ein Albtraum wahr, als ihre Mutter und ihre große Schwester bei einem Autounfall ums Leben kommen, mit ihnen hat sie nun alles verloren. Dabei sollten Valkyren, wie ihre Mutter, doch eigentlich ...

Für Blair wir ein Albtraum wahr, als ihre Mutter und ihre große Schwester bei einem Autounfall ums Leben kommen, mit ihnen hat sie nun alles verloren. Dabei sollten Valkyren, wie ihre Mutter, doch eigentlich unsterblich sein! Und obwohl alles danach aussieht, weiß Blair, dass es kein Unfall war, der ihre Familie getötet hat. Also macht sie sich auf den Weg, um Antworten zu finden. Dabei stößt sie jedoch auf Wahrheiten, die sie vielleicht lieber doch nicht gekannt hätte.

Der erste Band der zweiteiligen Romantasy-Reihe ist sehr kurzweilig und leicht zu lesen. Die Autorin hat einen flüssigen Schreibstil, der das lesen sehr angenehm macht. Die Einführung in die Welt der Valkyren war für mich nicht sofort zu durchschauen und dennoch wird man nicht mit nordischer Mythologie überschüttet, obwohl es mehr als genug Material dafür gäbe. Dennoch sind die Valkyren eine Truppe von unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die den Inhalt des Romans ein wenig aufblühen lassen.
In beinahe jeder Figur steckt etwas, das zu einer drastischen Wendung des Geschehens führt, da vermisst man fast schon die ganz einfache Figur der besten Freundin, die keine Ahnung von der Welt der Valkyren, dem Chaos und Ragnarök hat. Doch diese drastischen Wendungen hat der Roman auch nötig, denn ohne sie, könnte die Spannung nur schwerlich aufrecht erhalten werden. Es gibt immer wieder diese einzelnen Spannungsmomente, zwischen denen die Spannung etwas nachlässt, jedoch zu keiner Zeit die Bindung zum Leser. Alles arbeitet auf eine Szene der hohen Eskalationsstufe hin. Geheimnisse werden enthüllt und die Seiten werden gewechselt.

Neben dem offensichtlichen Problem, das sich Weltuntergang nennt, hat Blair aber auch mit ihren eigenen Gefühlen zu kämpfen, die sie ihrem besten Freund entgegen bringt, was hier wesentlich dramatischer ist, als die übliche "Ich-liebe-meinen-besten-Freund"-Problematik. Blair, mit Mythen und Legenden aufgewachsen, liebt die Nordlichter, aber vor allem bedeutet ihr ihre Familie und ihr bester Freund alles. Ihre Reaktionen sind sind nachvollziehbar, manchmal etwas überzogen. Sie hat eine impulsive Persönlichkeit und versucht immer allen, die sie liebt treu zu bleiben, was sich als enormer Kraftakt herausstellt. Ich für meinen Teil konnte nicht so ganz warm werden mit ihr, denn, trotz der nicht ganz so stabilen Spannung, bekommt man viel Input, der auch erstmal verarbeitet sein will. Außerdem ist es auch schwer bei 350 Seiten bei viel Handlung noch mehr in die Tiefe der Charaktere vorzudringen.

Alles in allem ist "The last goddess - A fate darker than love" ein gelungener Auftakt der Dilogie, der Lust auf mehr macht. Mehr Mythen, mehr Action und mehr unerwartete Wendungen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere